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Die USA im Spannungsfeld zwischen internationaler Wertegemeinschaft und Verletzung der Menschenrechte?

Wie nationale Interessen die internationalen Werte und Normen überlagern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 39 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhalt

1 Die USA als Alleingänger? Guantanamo stets im Blickfeld der Menschenrechtler

2 Der Konstruktivismus als Deutungsangebot? Eine Zusammenfassung
2.1 Die Anarchie als soziales Konstrukt? Der Staatskonstruktivismus nach Alexander Wendt
2.2 Die praktische Anwendbarkeit des Konstruktivismus? Mess- und Erhebungsverfahren

3 Nationale Sicherheit über Menschenrechtsnormen? Das Rollenverständnis der USA nach dem 11. September und das Gefangenlager Guantanamo Bay
3.1 Die USA im Zwiespalt zwischen sozialer und kollektiver Identität? Ein ewiger Widerspruch (auch im Bereich der Menschenrechte)
3.2 Das Gefangenlager Guantanamo im Rahmen des Völkerrechts

4 Grenzt sich die Identitätsbildung der USA von westlicher Identität ab? Der konstruktivistische Blick auf dieses Spannungsfeld

5 Die USA im abschließenden Licht des Konstruktivismus

Literatur

1 Die USA als Alleingänger? Guantanamo stets im Blickfeld der Menschenrechtler

Selbst im vergangenen Jahr (2012) befand sich das Gefangenlager Guantánamo, welches zehn Jahre zuvor (2002) in Form eines Internierungslagers errichtet wurde, im Blickfeld medialer Berichterstattung. Die Existenz dieser Anlage der Freiheitsberaubung für feindlich gesinnte Personen mit (terroristischem) Bedrohungspotential contra der USA läuft dem damaligen Versprechen des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama entgegen, dass Lager bis zum Jahre 2010 zu schließen. Fortwährend wird der Umgang der USA mit Menschenrechten von der Menschenrechtsschutzorganisation „Amnesty International“ scharf kritisiert. Menschen, welche in Guantanamo unter dem Verdacht terroristischer Aktivitäten festgehalten werden, besäßen keine Chance durch einen gesetzeskonformen Gerichtsprozess begleitet zu werden. Seitdem der erste Gefangene seines Fuß in das Gefangenlager gesetzt hat, unterstellt die NGO ein Missachten der Genfer Konvention, sowie gleichzeitiges Versagen der USA beim Umgang mit den Menschenrechten im Kontext des 11. Septembers.1 2012 befanden sich immer noch 171 Häftlinge auf dem Boden dieses Gefängnisses und Amnesty International sprach nicht nur von einer Verletzung der Rechte der Gefangenen, sondern von einer Schädigung der Menschenrechte auf der ganzen Welt.2 Weiterhin sorgten das Abu-Ghuraib- Gefängnis und dass militärische Gefängnis in Bagram für weltweiten Aufruhr in der Nachfolgezeit des 9/11.

Dies scheinen wunderliche Tatsachen zu sein, wenn sich vor Augen geführt wird, dass die USA durch das Vorhandensein eines Staatsvolkes, -gebiets und einem Souverän ein Rechtssubjekt des Völkerrechts3 ist und durch etliche andere internationaler Abkommen und Mitgliedschaft in internationale Organisationen (bspw. Nato, UNO, GATT, Weltwährungsfonds)4 einer westlichen Wertegemeinschaft angehört.

Im Kontext ihres Weltbildes eifern die USA der moralischen Verpflichtung nach, ihre (liberal- demokratischen) Wertvorstellungen, denen sie eine Universalität nahelegen, in die Außenwelt zu tragen. Das besondere Rollenverständnis der Vereinigten Staaten, welches auf einer tief verwurzelten nationalen Identität fußt, gilt es ebenfalls im Rahmen dieser Arbeit zu erfassen. Um ihren präventiv strategischen Bemühungen im Kampf gegen den Terrorismus gerecht zu werden und ihre nationalen Interessen zu wahren, waren die USA auch bereit einen unilateralen Weg einzuschlagen.5

Diesen Doppelfundus zwischen westlicher Werteverbreitung (-angehörigkeit) und die Verletzung internationaler Normen (Menschenrechte) soll im Folgenden aus konstruktivistischem Blickwinkel näher erörtert und erklärt werden. Mehrere Fragen eröffnen sich in Anbetracht dieser scheinbaren Diskrepanz. Befindet sich die USA in einem Spannungsverhältnis zwischen ihrem „universalen“ Werteideal und der Missachtung der Menschenrechte? Überlagern in diesem Falle nationale Motiviertheit und Interessen die internationalen Menschenrechtsnormen? Welchen Stellenwert haben solche übernationale Normen für die USA? Angelehnt dieser Fragen ergibt sich die zu untersuchende These:

Je größer die außenpolitisch motivierten Interessen und Bedrohung der eigenen Identität, desto weniger halten die USA an internationalen Menschenrechtsnormen fest und verfolgen stattdessen unilaterale Werte und Normen.

Im Sinne der konstruktivistischen Sichtweise, welche eher ein Deutungsangebot darstellt und keine Prognosefunktion einnimmt, muss die These retrospektiv angelegt werden, da mit ihr keine zukünftige Gesetzmäßigkeit dargeboten werden kann. Zur Ergründung der Fragen und These, soll zunächst der Staatskonstruktivismus nach Wendt, eingebettet in einen Überblick des Konstruktivismus, dargestellt werden. Anschließend wird das Rollenverständnis der USA nach dem 9/11, sowie deren Identität und Menschenrechtsverletzungen angeführt. Durch die anschließende Anwendung Wendts auf den empirischen Fundus soll die USA als internationaler Akteur im Rahmen international geltender Normen (Menschenrechte) erfasst werden.

2 Der Konstruktivismus als Deutungsangebot? Eine Zusammenfassung

Der Konstruktivismus ist darum bemüht die sozialen Konstruktionen, sowie deren Entstehung, unserer Welt zu beschreiben und zu erläutern.6 Für dieses Unterfangen nimmt er eine klare Gegenposition zu traditionelleren Theorien der „Internationalen Beziehungen“ ein, welche ihren Schwerpunkt zur Darlegung internationaler Politik in rationalistischen und materialistischen Ansätzen haben und formuliert in diesem Kontext zwei zentrale Grundannahmen zur Erfassung der politischen Welt. (An dieser Stelle sei darauf hinzuweisen, dass der Ausdruck der „Grundannahme“ ein tendenziell eher befremdliches Wort im Konstruktivismus darstellt, da es sich um die Möglichkeit eines Deutungsstandpunktes der Welt handelt.) Die erste Grundannahme befasst sich mit den Strukturen des internationalen Systems. Entgegen dem Realismus, Institutionalismus oder Transnationalismus, welche ihren Fokus mithin auf materielle Ressourcenverteilung richten, sind es im Konstruktivismus intersubjektive Strukturen, die sich auf die Ziele und das Verhalten von Akteuren auswirken. Es sind nicht-materielle Indikatoren, wie beispielsweise Normen, Rollen oder Werte, die diese intersubjektive Beschaffenheit sozial formen.7 Konstruktivistische Analysen haben die Aufgabe, sich dieser ideellen Faktoren (Identitäten, Weltbilder, etc.) anzunehmen, um deren Einfluss auf die Außenpolitik und das internationale Agieren auszuarbeiten. Diese immateriellen Einflussgrößen stellen ebenfalls Konstruktionen dar, verstanden als „Sinn- und Bedeutungszusammenhänge, die in (welt-) gesellschaftlichen Kommunikations- und Interaktionsprozessen entstehen“8 Die zweite Grundannahme des konstruktivistischen Blickwinkels befasst sich mit den Dispositionen der Akteure. Hier ist es nicht der zweckrationale und nutzenmaximierende Akteur aus dem Modell des homo oeconomicus (Bestandteil realistischer, liberaler und institutioneller Theorien), sondern ein homo sociologicus, welcher dem Akteurscharakter zu Grunde liegt. Eingebettet in kulturellen und institutionellen Gefügen handelt der Akteur angemessen und richtet somit die Entscheidung für Ziele oder Handlungsalternativen nach Normen, Werten oder Rollen.9 Die Logik der Angemessenheit, welche Risse auch als „normgeleitetes Handeln“ betitelt, postuliert, dass (internationale) Akteure bestrebt sind, sich in Situationen sozial angemessen zu verhalten und somit keine strategischen Absichten zu verfolgen. Infolgedessen wirken Normen nicht nur „kausal-regulativ“, sondern besitzen auch einen elementaren Einfluss auf die Identität der Akteure.10 Letztlich handelt der Akteur nicht aufgrund der Konsequenzen seiner Tat, sondern wegen der „sozialen Konformität“ eines bestimmten Verhaltens. Es sind somit normative Regeln, Prinzipien und Verpflichtungen, die den Rahmen des Handelns bilden.11 Soziale Normen, welche nun im Konstruktivismus unabhängige Variable bilden, werden zur Erfassung außenpolitischen Agierens herangezogen. Zentral hierbei ist zu erörtern, wie der Akteur aus der Vielfalt von Verhaltenserwartungen relevante von irrelevanten Normen unterscheiden kann, wobei sich der Konstruktivismus gegen eine Beliebigkeit der Normenwahl wehrt. Das Stärkemaß einer Norm kann durch zwei Faktoren bestimmt werden. Kommunalität bezeichnet die „Menge der Akteure eines sozialen Systems, die eine wertegestützte Verhaltenserwartung teilen …“ und Spezifität steht synonym für die „… Genauigkeit, mit der eine Norm angemessenes von unangemessenem Verhalten unterscheidet.“12 (näheres in Kapitel 2.3)

Weiterhin wird, und dies bezeichnet Krell als Idealismus, den Ideen eine zentrale Stellung im Konstruktivismus eingeräumt, welche wie bereits angedeutet, rationalistische Faktoren überlagern. Die materielle Wirklichkeit existiert, jedoch wird der ideellen Realität eine konstruktivere Wirkung zugesprochen. Die Wahrnehmung und Deutung der Welt läuft kohärent mit den Ideen und Interpretationsmuster der Akteure. Diese Ideen, welche ein Wissen (in Form von Daten, Normen, ästhetischen Urteilen, etc.) über die Wirklichkeit abbilden, definieren die Interessen und das Selbst, wodurch Handlungsspielräume legitimiert werden. Abschließend soll erwähnt sein, dass der Konstruktivismus kein Anhänger des „anything goes“ ist. Es besteht ein Doppelcharakter zwischen sozial konstruierten Strukturen und „objektiver Faktizität“. Es wäre irrtümlich anzunehmen, ein sozial geschaffenes Gefüge sei einfach allzeit ad hoc umzustrukturieren, denn die soziale Struktur (auch wenn sie nicht naturgegeben ist) kann beharrlich bestehen. Letztendlich sind tragende Faktoren anderer Theorien wie beispielsweise die Macht nicht trivial als nebensächlich abzutun, denn die Einstellungen der Akteure legen deren Bedeutung fest.13 Im Zuge der Variabilität von Vorstellungen und Eigenschaften hielt Wendt fest: „Die Natur sagt uns eben nicht, ob die Menschen gut oder böse sind, aggressiv oder friedfertig, nach Macht streben oder anderen Macht zuschreiben, ob sie selbstsüchtig oder altruistisch sind.“14 Daraus ergibt sich gleichermaßen eine Vielfalt differierender Wirklichkeitskonstruktionen.15

Eine Vielzahl an Autoren ist sich darüber einig, dass der Konstruktivismus im Kern keine substanzielle Theorie ist, welche Postulate über konkrete Phänomene der internationalen Politik verkündet. Darüber hinaus offeriert er „unterschiedliche Möglichkeiten, den Untersuchungsgegenstand zu fassen und zu Aussagen über seine Beschaffenheit zu gelangen.“16 Mehrheitlich werden im Konstruktivismus Gegenstände analysiert, die in ihrer „Bedeutung umstritten“ sind. Dem Forscher obliegt es nun, sich den verschiedenen Deutungen eines Untersuchungsgegenstandes in der Debatte der Weltgesellschaft anzunehmen und einen dominanten Blickwinkel zu annektieren, wodurch der Charakter eines Deutungsangebotes deutlich wird.17

2.1 Die Anarchie als soziales Konstrukt? Der Staatskonstruktivismus nach Alexander Wendt

Der Konstruktivist Alexander Wendt ist einer der bekanntesten Vertreter seines Theoriekomplexes. Er entwickelte einen Blickwinkel konstruktivistischer Analysen, welcher als Staatskonstruktivismus zu titulieren ist. Die Staaten im Mittelpunkt internationalen Geschehens stellen die fundamentalen Konstrukteure der internationalen Welt dar. Wendt analysiert folglich auf einer systemischen Ebene, wodurch es uninteressant ist, wie Staaten durch innere gesellschaftliche Prozesse konstituiert werden. Das Augenmerk liegt demnach auf der „Gesellschaft zwischen Staaten“. Es wird eine Vermenschlichung des Staates unternommen, wodurch der Staat gleich einem menschlichen Organismus handelt. Die Anarchie ist ein ontologischer Bestandteil von Wendts Konstruktivismus. Allerdings drängt die Anarchie Staaten nicht zwingend durch ein Gefühl der Unsicherheit in eine Art Selbsthilfesystem, sondern im Sinne des internationalen Systems als soziale Struktur, können Staaten diese Struktur verändern und verschiedene Rollenverständnisse generieren.18 Kenneth Waltz, Begründer des Neorealismus, folgerte aus der Anarchie und dem Fehlen einer übergeordneten Sanktionsinstanz des internationalen Systems, dass Staaten grundlegend an ihrem Überleben und ihrer Sicherheit interessiert sind, und Macht daher ein Mittel zum Zweck sei, welcher sich der misstrauische, egoistische homo oeconomicus bereichern möchte. Dahingegen argumentiert Wendt, dass wenn sich Staaten einer gewissen Affinität mit den Sicherheitsinteressen anderer Staaten sicher sind, sie diesen Ländern eine weniger potentiell militärisch feindliche Gesinnung zuweisen. Die Anarchie kann nicht mehr als „überzeitlich“ und „unausweichlich“ begriffen werden.19 Das berühmte Zitat von Wendt bringt diesen Grundgedanken auf den Punkt, indem er schrieb: „Anarchy is, what states make of it“.20

Die Anliegen der staatlichen Akteure sind demnach der Ausgangspunkt dafür, welche Effekte die Anarchie und die Verteilung von Machtgütern erzielen. Ein „revisionistisch- expansionistischer“ Staat kämpft in der Anarchie um Existenz und Dahinscheiden. Länder, denen der „status quo“ ein Begehren ist, können in ein Sicherheitsdilemma mit einem Wettrüsten geraten, dieses Dilemmata jedoch durch Verständigung und die Artikulation interdependenter Defensivinteressen abwenden. Sogenannte „collective states“ ringen aufgrund „gemeinsamer Ordnungsvorstellungen“ zwar um die Verteilung der Lasten, wobei aber Gewalt keine lösende Handlungsoption darstellt. Durch eine Vielzahl unterschiedlichster Länderinteressen kann die Anarchie zu verschiedenen Sicherheitssystemen gewandelt werden. In der mentalen Auseinandersetzung mit dem Naturzustand des Realismus gestaltet Wendt Staaten im engeren Sinne (Regierungsapparat und ein Überlebensbedürfnis) durch ein Nichtwissen über das Vorhandensein anderer Staaten. Durch einen nun stattfindenden ersten zwischenstaatlichen Kontakt werden erste Signale ausgetauscht und Interpretationsschemata angewandt. Das Zusammenstoßen kann nun sowohl in einen Sog von Angst und Misstrauen, als auch in ein Wechselspiel von Neugier und Vertrauen übergehen. Der im Realismus vertretene „worst-case“- Gedanke wird durch die Kalkulation wahrscheinlichen Verhaltens, welche aus der Interaktion hervortritt, und einer Selbstreflexion (siehe Beispiel Gorbatschow) ersetzt.21 Diese fiktive Vorstellung hilft dabei zu verstehen, wie sich kollektive Identitäten konstruieren und wandeln können. Für Wendt ereignen sich die Vorgänge der Identitätsbildung immer per Interaktion zwischen Akteuren. An dieser Stelle ist wieder der systemische Charakter von Wendts Konstruktivismus hervorzuheben, denn Staaten werden „erst in der Auseinandersetzung mit anderen Akteuren sozial konstruiert […] und dies nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern […] durch zwischenstaatliche Interaktion auf der internationalen Ebene.“22 Wendt hält bei aller Bescheidenheit fest, dass er „not predict whether two states will be friends or will recognize each other's sovereignty, will have dynastic ties, will be revisionist or status quo powers, and so on”23, aber die fundamentalen intersubjektiven Faktoren beeinflussen (auf welche Art und Weise auch immer) die Sicherheitsinteressen der Staaten und deren Interaktionscharakter in der Anarchie.

Anhand dieser Auffassung kann von einer korporativen (individuellen) und kollektiven Identität die Rede sein. Gemeinsame Attribute von Staaten gestalten die Vorrausetzung der individuellen Identität, gekennzeichnet durch materielle Merkmale (politisches System, Gewaltenmonopol, etc.) und die Anreize des Handelns (Autonomie, Wohlfahrt, Überleben, etc.). Wie bereits angesprochen, fasst Wendt Staaten nun als einheitlich agierende Akteure auf, welche im Rahmen der „Prozesse kultureller Selektion“ eine kollektive oder soziale Identität herausbilden. Eine solche Auslese verfährt nach den Regeln der Imitation oder des sozialen Lernens, in deren Mittelpunkt die soziale Interaktion weilt. In diesem zwischenstaatlichen Austausch, und man halte sich wieder den fiktiven Ausgangszustand vor Augen, werden neue Informationen ausgetauscht und gegenseitige Rollenzuweisungen unternommen, und aus eben diese Reaktionen entsteht die Identität. Da die Identität die Interessen des Akteurs formuliert, wandeln sich parallel zur Identitätsänderung auch die Deutungsmuster von Situationen, eine „Redefinition von Interessen“ findet statt und die Struktur kann sich gegebenenfalls umorganisieren.24 Der Staatskonstruktivismus von Wendt kann durch ein Konzept der „role identity“ mit umschrieben werden, nach welchem die Akteure in der intersubjektiven sozialen Struktur (= System) entsprechend ihrer Rollenkonzeption außenpolitische Interessen erzeugen. Aufgrund seines systemischen Blickwinkels wird ein staatliches Kollektiv postuliert.25

Gekoppelt an die Vorgänge sozialer Interaktion ist also die Endogenität der Interessenentstehung (Interessen werden im Prozess festgelegt und nicht exogen vorgegeben) und eben diese Formung von Identität und Interessen bildet den Boden zur Erfassung der Veränderungen in den IB. Das Handeln erfolgt im Rahmen von Sinnhorizonten, welche zu anderen Akteuren in Bezug gesetzt werden. Mehrheitlich geteilte(s) Hintergrundwissen/ Bedeutungsgehalte dient der Stabilisierung des Rollenverständnis. Um in diesem Zusammenhang eine Brücken zwischen realistisch-liberaler und rationalistisch-reflexiver Debatte zu schlagen formuliert Wendt ein konstruktivistisches Gedankengut, welches er der symbolisch interaktionistischen Soziologie entnimmt. Zu diesem Zwecke bedient er sich der liberalen Behauptung, dass internationale Institutionen die Interesse und Identitäten von Staaten formen können.26

Wendt hielt interessanterweise in seinem Werk „Social theory of international politics” fest, dass es keine zwingende Beziehung zwischen dem Ausmaß geteilter Ideen (= Kultur) und dem Ausmaß an Kooperation gebe, die Kultur aber Kooperation oder Konflikt konstituieren kann. Somit kann die Konvergenz von Werten zur Ermöglichung einer Kooperation führen und sich durch ein (retrospektiv) häufigeres Beobachten zu einem korrelativen Verhältnis entwickeln. Allerdings verneint Wendt, wie auch der Konstruktivismus gesamt, die Existenz einer kausalen Beziehung, demnach erscheint die Wert-Kooperations-Beziehung als denkbarer Deutungsblickwinkel, nicht als Grundannahme. Im selben Zug räumt er der „role“ eine zentrale Gewichtung als „key concept“ ein, quasi als eine Eigenschaft von Strukturen. „The culture of an international system is based on a structure of roles”.27

Je nach Ausprägungsgrad des Rollenverständnisses von Gewalt werden andere Staaten als „enemy“, „rival“ oder „friend“ betrachtet. Das internationale System lässt sich somit sozial zu drei verschiedenen Kulturen von Anarchie strukturieren. Das Strukturergebnis hängt zum einen vom Grad der Internalisierung einer Norm (Zwang, Interesse, Legitimität (= konstruktivistisches Normenverständnis)) und zum anderen von der Kooperationsbereitschaft (Höhe des Anteils gemeinschaftlicher vertretener Ideen) ab. Es lässt sich eine „Hobbesian culture“, eine „Lockean culture“ oder eine „Kantian culture“ herauskristallisieren (Vgl. Abb. 1). Feinde nehmen die Haltung von Gegnern ein, welche im Gebrauch von Gewalt kein Limit kennen. Rivalen perzipieren sich als Konkurrenten, wodurch Gewalt als Mittel zur Interessenverbesserung angewendet werden kann, aber die Tötung des anderen keine Option darstellt. Freunde akzeptieren sich als Verbündete, infolgedessen Gewalt überhaupt keine Handlungsalternative zur Disputbewältigung ist und Sicherheitsbedrohungen im Team angegangen werden. Die Unterscheidung von Normen als gut oder schlecht kann dazu anleiten Krieg als herrlich oder schrecklich aufzufassen. Eine konflikthafte Anarchie ist durch „no shared ideas“ und kooperative Systeme per mehr „shared ideas“ charakterisiert. Jedoch warnt Wendt vor dem Fehler, die Kultur (shared knowledge) der Gesellschaft gleichzusetzen.28 Letztendlich eröffnet der konstruktivistische Gedanke die Möglichkeit, dass bspw. der in seiner Identität egoistische Rivale sich zu einem Freund mit kollektiver Identität transformieren kann. Kooperative Erfahrungen wandeln die Verhältnisse zwischen Akteuren und fremde Interessen werden in die „eigene Interessendefinition“ überführt. Die intersubjektiven Strukturen bilden die Form der Anarchie, sowie sie deren Effekte beeinflusst.29

Abb. 1: „The multiple realization of international culture“30

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ergo grenzt sich Wendt von Waltz insbesondere durch die Heranziehung immaterieller Faktoren zur Erfassung internationaler Politik ab. Im Zuge seiner Analysen widmet er sich einer strukturalistischen Herangehensweise, nach welcher die Struktur des Systems die Basis des Akteurshandelns bildet. Zur Beantwortung der Fragen, wie die Struktur als Erklärungsfaktor konzeptualisiert werden muss und worauf staatliches Handeln nun fußt, wenn die Anarchie nicht das essentielle Fundament darstellt, kam Wendt zur Erörterung des Akteur-Struktur-Problems. Die Debatte um das Problem gründet auf dem Umstand, dass das Agieren von Akteuren stets in Strukturen eingebettet ist.31 Ein ontologischer Strukturalismus setzt die Struktur voraus, mit Hilfe derer er die Identität und Interessen der Akteure nachweist, wohingegen ein ontologischer Individualismus die Akteure als Grundeinheiten begreift, und daraus die Beschaffenheit der Struktur ableitet.32 Für Wendt haben diese starren Anschauungsweisen einen zu geringen Grad an Komplexität internationaler Beziehungen inne, da weder Akteur noch Struktur als vorgegeben hingenommen werden können. Dieses Dilemma bezwingt er durch das Axiom einer gegenseitigen Konstituiertheit von Akteur und Struktur. Dahingehend wirken Strukturen wesentlich für die Aufstellung von Spielregeln (zur Eröffnung von Handlungsalternativen und Vorrausetzung sozialer Interaktion), Interessen, der Identität oder Rolle des Akteurs, während der Akteur durch seine alltägliche Praxis und sein Handeln die Struktur reproduziert, stabilisiert, aber auch verändern kann.33

Kritik äußert Ulbert, eine Vertreterin des Sozialkonstruktivismus, an Wendts Fokus auf die Ontologie. Er wende sich dadurch dem Mittelpunkt konstruktivistischer Forschung ab, nämlich den Weg zu ergründen, welcher zu Erkenntnis führt. Aus den Lagern nicht- konstruktivistischer Theorien erklingt der Vorwurf bzw.

[...]


1 Vgl. Axel Springer Verlag (Welt Online): „Guantánamo, eine Schande für die Menschenrechte“ (11.01.2012), http://www.welt.de/politik/article13808641/Guantanamo-eine-Schande-fuer-die-Menschenrechte.html (aufgerufen am 18.01.2013)

2 Vgl. Amnesty International (Sektion der Bundesrepublik Deutschland e. V.): Guantánamo: Zehn Jahre Missachtung der Menschenrechte (10.01.2012), http://www.amnesty.de/presse/2012/1/10/guantanamo-zehn- jahre-missachtung-der-menschenrechte-0 (aufgerufen am 18.01.2013)

3 Vgl. Schweisfurth, Theodor: Völkerrecht, Tübingen 2006, S. 16

4 Vgl. List, Martin: Internationale Politik studieren. Eine Einführung, Wiesbaden 2006, S.107 1

5 Vgl. Wilzewski, Jürgen: A Preset Crusade: Die Bush-Administration und der Präventivkrieg gegen den Irak, in: Hils, Jochen/Wilzweski, Jürgen: Defekte Demokratie - crusader state?, Trier 2006, S. 435-436

6 Vgl. Ulbert, Cornelia: Sozialkonstruktivismus, in Schieder, Siegfried/Spindler, Manuela (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 410

7 Vgl. Schimmelfennig, Frank: Internationale Politik (3. Aufl.), Paderborn 2008, S. 160-161

8 Weller, Christoph: Perspektiven eines reflexiven Konstruktivimus für die Internationalen Beziehungen, in: Ulbert, Cornelia/Weller, Christoph (Hrsg.): Konstruktivistische Analysen der Internationalen Politik, Wiesbaden 2005, S. 35

9 Vgl. Schimmelfennig, Internationale Politik, S. 161

10 Vgl. Risse, Thomas: Konstruktivismus, Rationalismus und Theorien Internationaler Beziehungen - warum empirisch nichts so heiß gegessen wird, wie es theoretisch gekocht wurde, in: Hellmann, Gunther: Die neuen internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven in Deutschland, Baden-Baden 2003, S. 107-108

11 Vgl. Schimmelfennig, Internationale Politik, S. 163

12 Boekle, Henning/Rittberger, Volker/Wagner, Wolfgang: Normen und Außenpolitik: Konstruktivistische Außenpolitiktheorie, in Tübinger Arbeitspapiere zur internationalen Politik und Friedensforschung, Nr. 34 (Juli 2000), S. 6

13 Vgl. Krell, Gert: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen (3. Aufl.), Baden-Baden 2004, S. 348-349/357

14 Krell, Weltbilder und Weltordnung, S. 349

15 Vgl. Weller, Christoph: Internationale Politik und Konstruktivismus. Ein Beipackzettel, in: WeltTrends Nr. 41, Winter 2003/2004, S. 109

16 Ulbert, Sozialkonstruktivismus, S. 410

17 Vgl. Weller, Perspektiven eines reflexiven Konstruktivimus für die Internationalen Beziehungen, S. 37

18 Vgl. Weller, Internationale Politik und Konstruktivismus, S. 111

19 Vgl. Krell, Weltbilder und Weltordnung, S. 357-358

20 Weller, Internationale Politik und Konstruktivismus, S. 111

21 Vgl. Krell, Weltbilder und Weltordnung, S. 358-359

22 Ulbert, Sozialkonstruktivismus, S. 424

23 Wendt, Alexander: Anarchy is what states make of it: the social construction of powers politics, in: International Organization Foundation, 46:2 (Herbst 1992), S. 396

24 Vgl. Ulbert, Sozialkonstriktivismus, S. 424-425

25 Vgl. Fehl, Caroline: Europäische Identitäsbildung in Abgrenzung von den USA? Eine Untersuchung des deutschen und britischen Mediendiskurses über das transatlantische Verhältnis, Münster 2005, S. 18-19

26 Vgl. Wendt, Anarchy is what states make of it, S. 394-395

27 Wendt, Alexander: Social theory of international politics, Campridge 2001, S. 251

28 Vgl. ebd., S. 253/257-258

29 Vgl. Schimmelfennig, Internationale Politik, S. 167/180-181 8

30 Wendt, Social theory of international politics, S. 254

31 Vgl. Ulbert, Sozialkonstruktivismus, S. 414-415

32 Vgl. Risse, Konstruktivismus, Rationalismus und Theorien Internationaler Beziehungen, S. 106

33 Vgl. Ulbert, Sozialkonstruktivismus, S. 417

Details

Seiten
39
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656604501
ISBN (Buch)
9783656604464
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269305
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,7
Schlagworte
USA Konstruktivismus Guantanamo Menschenrechte internationale Normen

Autor

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