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Grimm, Disney und die Wandlung der Geschlechterrollen

Eine Gender-Studie zwischen Märchenbuch und Zeichentrickfilm

Bachelorarbeit 2013 52 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Weibliche Emanzipation im Disney-Märchenfilm? - eine Einleitung

2. Helden und Heldinnen in den Grimmschen Märchen
2.1 Von schönen Prinzessinnen - die Darstellung der Protagonistinnen
2.1.1 Aussehen und Rezeption durch andere Figuren
2.1.2 Handeln und behandelt werden
2.1.3 Übereinstimmung mit dem weiblichen Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts
2.2 Der Prinz als Weg zum Glück? - die Darstellung der Protagonisten
2.2.1 Das Motiv des Retters und Beschützers
2.2.2 Übereinstimmungen mit dem männlichen Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts

3. Die Entwicklung vom konservativen Grimm-Märchen zum emanzipatorisch geprägten Disney- Film
3.1 Ausgangssituation, Handlungsverlauf und Ende der Geschichten im Überblick
3.2 Aussehen der Protagonistinnen und Rezeption durch andere Figuren
3.3 Handlungen und Aussagen der Märchenfiguren
3.4 Lebensziele der Protagonistinnen und Protagonisten
3.5 Vom Protagonisten zur Nebenfigur und vice versa - der verschobene Fokus in ausgewählten Disney-Filmen

4. Veränderte Weltanschauungen und mögliche Gefahren - ein Ausblick

5. Fazit

6. Bibliographie
6.1 Literatur
6.2 Filme
6.3 Internetquellen

1. Weibliche Emanzipation im Disney-Märchenfilm? - eine Einleitung

Ob nun die Kinofilme Snow White and the Huntsman, Rapunzel - Neu verföhnt und Hänsel und Gretel oder die amerikanischen TV-Serien Grimm und Once Upon a Time, gerade zum 200sten Jubiläum der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sind Filmadaptionen der Grimmschen Märchen so beliebt wie nie zuvor. Einer der Ersten, der sich die Märchen vornahm und zu einem Film umschrieb, war der amerikanische Visionär Walt Disney. 1939 kam seine erste Märchenadaption in die Kinos - der Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge. Seitdem steht der Name Disney für spannende Familienunterhaltung, spricht damit sowohl Kinder als auch Erwachsene an und erzählt die Geschichten von Helden und Heldinnen in ganz verschiedenen Lebensumständen. Fünf der über 50 Zeichentrickfilme Disneys sind Adaptionen Grimmscher Märchen, deren Protagonistinnen und Protagonisten meistens eine Prinzessin oder ein Prinz sind und ein glückliches Ende beinhalten. Auffallend ist dabei die Wandlung der Charaktere. Ist es in vielen bekannten Märchen wie z.B. Dornröschen doch meist der Prinz, der als mutiger Held auftritt und die Prinzessin rettet, so fällt in den neuesten Disney-Filmen auf, dass die Protagonistinnen nun immer öfter selbst für sich einstehen oder sogar ihrerseits den Protagonisten retten. Sicher hat diese Entwicklung etwas mit dem Geist unserer Zeit zu tun, einer Zeit, die besonders durch den Aufschwung der Frauenbewegung in den 1970er Jahren geprägt ist und in der das Thema „weibliche Emanzipation“ immer noch Diskussionen hervorruft. Auch in Hollywood, dem Geburtsort der Disney-Adaptionen und vieler anderer großer Kinofilme, wird vermehrt für ein starkes Frauenbild in Filmen plädiert.1 Immer öfter kann man in Filmen entdecken, dass das an die Märchen angelehnte Bild der schwachen, wartenden Prinzessin abgelehnt wird und dass Frauen stattdessen für sich selbst einstehen, anstatt auf den heldenhaften „Märchenprinzen“ zu warten. Diese Neigung hin zum emanzipierten Frauenbild reicht von TV-Serien über Fernseh- zu Kinofilmen und betrifft alle möglichen Genres für alle Altersgruppen.2 Obwohl manche Szenen, die solch ein Frauenbild präsentieren, komödiantisch gehalten sind, zeigen sie doch etwas davon, was in dieser Bachelorthesis erforscht werden soll: die Wandlung des Helden und der Heldin über die Jahrhunderte. Da Disney der Pionier der Zeichentrickfilme ist und um ein überschaubares Textkorpus zu haben, beschränkt sich die Analyse in dieser Thesis auf die fünf Grimmschen Märchenadaptionen Disneys und auf die originalen Märchentexte der Brüder Grimm.

Ziel dieser Bachelorthesis ist, zu erforschen, inwieweit den Märchen ein traditionell konservatives Rollenverständnis zu Grunde liegt, und inwiefern sich dieses Rollenverständnis im Zuge der weiblichen Emanzipation geändert hat. Was genau bedeutet Emanzipation und wie äußert sie sich in den Disney-Adaptionen? Wann kann man das erste Mal Einflüsse dieser Bewegung in Disney-Filmen entdecken? Ist das Vorherrschen von emanzipatorischen Gedanken total oder nur partiell? Um diese Fragen zu beantworten, ist zuerst einmal notwendig, die Darstellung der Protagonistinnen und Protagonisten in den Märchen zu erforschen, die die Basis der Untersuchung bilden.

1812 erschien der erste Teil der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen (KHM), der alle fünf Märchen enthielt, die in dieser Thesis besprochen werden sollen. Ab 1812 haben die Brüder Grimm viele ihrer Texte immer wieder bearbeitet, umgeschrieben oder ergänzt. Schon in der zweiten Auflage von 1819 gab es somit eine Sentimentalisierung, Entsexualisierung und Verchristlichung; Lüthi und Brackert sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Ethisierung, zuweilen im Sinne des bürgerlichen Anstands“3 und einer „[moralischen] Aufbereitung im Sinne einer stärkeren Hervorhebung der in den Märchen angeblich enthaltenen erzieherischen Wertmaßstäbe und Grundsätze“.4 Im Folgenden wird hauptsächlich aus der zweiten Auflage von 1819 zitiert, da diese als die wichtigste gilt. Sofern sich in anderen Auflagen jedoch Textvariationen finden, die für die Argumentation der Thesis wichtig sind, wird auch aus den Auflagen von 1812, 1837 oder 1857 zitiert.

Was die Schreibweise betrifft, ist anzumerken, dass in der vorliegenden Arbeit die Wörter „Prinz“ und „Prinzessin“ synonym für „Königstochter“ und „Königssohn“ benutzt werden, da das Wort „Königssohn“ laut den Brüdern Grimm „nur in dichterischer oder edler Sprache (oft in Märchen)“ genutzt wird, „denn sonst heisst es ja prinz“.5 „Eben dieses gilt von dem Worte Königstochter“,6 gibt das Grammatisch-kritische Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart nach Johann Adelung ergänzend an.

Anhand der Märchentexte soll analysiert werden, was über das Aussehen der Protagonistinnen gesagt wird und wie andere Figuren im Märchen auf sie reagieren. Ein ebenfalls interessanter Aspekt wird sein, wie die Protagonistinnen handeln und von ihrer Umwelt behandelt werden. Spiegeln die Protagonistinnen das weibliche Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts wider oder setzen sie sich darüber hinweg? Ähnliche Fragen sollen geklärt werden, was die Figur des Protagonisten betrifft. Inwiefern sind die Protagonisten in den ausgewählten Grimmschen Märchen tatsächlich Helden in dem Sinne, dass sie das Motiv eines Retters und Beschützers erfüllen? Sind sie absolut notwendig zum Glück der Protagonistin? Auch hier soll wieder geprüft werden, inwieweit die Beschreibung der Protagonisten mit dem männlichen Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts übereinstimmt.

Auf dieser Basis kann dann die Analyse der Disney-Filmadaptionen beginnen.

Die Reihenfolge der einzelnen Untersuchungen zu den fünf ausgewählten Märchen entspricht in der Regel der Reihenfolge, in der die Disney-Filmadaptionen veröffentlicht wurden: 1937 erschien Schneewittchen und die sieben Zwerge, 1950 wurde das Märchen Aschenputtel unter dem englischen Namen Cinderella7 veröffentlicht. 1959 zeigte man Dornröschen das erste Mal in den Kinos. 50 Jahre lang gab es dann keine Adaption der Grimmschen Märchen mehr. Erst 2009 wurde mit Küss den Frosch wieder ein Film herausgegeben, der von dem Grimmschen Märchen Der Froschkönig inspiriert ist. Diesem folgte 2010 Rapunzel - Neu verföhnt, die bisher letzte Disney-Märchen- adaption. Die Analyse der Filmadaptionen soll vor dem Hintergrund der Märchenoriginale geschehen. In einem Überblick werden die Ausgangssituation, der Handlungsverlauf und das Ende der Märchentexte und der Filme verglichen. Ähnlich wie zuvor bei den Märchen soll dann untersucht werden, wie die Protagonistinnen im Film äußerlich wahrgenommen werden, wie die wichtigsten Märchenfiguren jeweils handeln, was sie sprachlich zum Ausdruck bringen und was die Lebensziele der Protagonistinnen sind - jeweils immer im Vergleich zum Märchentext und unter dem Aspekt, in welchem Maße die verschiedenen Gesichtspunkte ein emanzipiertes Bild der Märchenfiguren wiedergeben. Neben dem Vergleich von Märchentext und Filmadaption wird dabei auch immer ein Vergleich zwischen den Filmen an sich angestellt werden. Es soll überprüft werden, ob eine Tendenz absehbar ist, inwiefern sich die Darstellung der filmischen Märchenfiguren hinsichtlich der weiblichen Emanzipation von 1939 bis 2010 verändert hat. Dabei soll insbesondere der Wandel der Lebensziele der Protagonistinnen im Laufe der Zeit aufgezeigt werden.

Ob diese Entwicklung zu einem emanzipierten Rollenbild positiv und progressiv ist und welche Gefahren dadurch möglicherweise auch aufkommen könnten, wird im Anschluss an die Analyse erörtert werden.

Abschließend soll in einem Fazit noch einmal kurz gezeigt werden, was in der Analyse herausgefunden wurde und inwiefern diese Ergebnisse die These der vorliegenden Bachelorthesis bestätigen.

2. Helden und Heldinnen in den Grimmschen Märchen

2.1 Von schönen Prinzessinnen - die Darstellung der Protagonistinnen

2.1.1 Aussehen und Rezeption durch andere Figuren

Laut Solms kann man die Heldinnen der Märchen meistens in zwei Kategorien unterteilen: Einerseits gebe es die, „die eine bestimmte Tugend verkörpern“, diese seien „in der Regel niederer Herkunft“. Andererseits gebe es die, „die sich durch Schönheit auszeichnen“, diese seien „fast immer Königstöchter“.8 Untersucht man das für alle Märchen der Brüder Grimm, mag das vielleicht zutreffen. Für die fünf ausgewählten jedoch bestätigt sich diese Theorie nur teilweise. So lassen sich Tugend und Schönheit nicht immer genau differenzieren; in manchen Fällen überschneiden sie sich sogar. Schneewittchen, Dornröschen und die Protagonistin aus Der Froschkönig sind zum Beispiel alle sehr schöne Königstöchter, doch kann man bei Schneewittchen und Dornröschen auch Tugendhaftigkeit finden. Aschenputtel und Rapunzel dagegen sind keine Königstöchter,9 werden aber neben ihrer Tugendhaftigkeit auch als schöne Frauen beschrieben.

Als Kind von der Mutter „so weiß wie Schnee, so roth wie Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz“10 gewünscht, wird Schneewittchen tatsächlich mit diesen äußeren Merkmalen geboren. Sie wächst heran und wird mit jedem Jahr „immer schöner“, sodass sie im Alter von sieben Jahren mit dem Vergleich „so schön wie der klare Tag“ beschrieben wird; im Vergleich zu Schneewittchens Stiefmutter, der Königin, die ebenfalls „eine schöne Frau“ genannt wird, ist sie sogar noch „schöner als die Königin selbst“.11 Ihre Umwelt reagiert auf diese Schönheit. Der Jäger, der Schneewittchen eigentlich töten soll, bekommt Mitleid, weil Schneewittchen „so schön“12 ist, und lässt sie fliehen. Auch die Zwerge bewundern Schneewittchen, als sie sie schlafend in ihrem Bett finden. Obwohl sie eigentlich unrechtmäßig in das Haus der Zwerge eingedrungen ist, lassen sie sie weiterschlafen, weil sie sich so sehr an ihrer Schönheit erfreuen.13 Zum Ende hin rettet Schneewittchens Schönheit ihr sogar indirekt das Leben. Da sie nach dem Biss in den vergifteten Apfel zwar tot erscheint, aber noch „wie ein lebender Mensch“ mit „schönen rothen Backen“ aussieht,14 wird sie nur in einem gläsernen Sarg aufgebahrt statt begraben zu werden. Das gibt dem Königssohn, der zufällig am Haus der sieben Zwerge vorbeikommt, die Gelegenheit, das tote Schneewittchen zu sehen. Ihre Schönheit ist immer noch so stark, dass der Königssohn sich „nicht satt an seiner Schönheit“15 sehen kann und sich augenblicklich in Schneewittchen verliebt. Er handelt mit den Zwergen um den Sarg und ist bereit, jeden Preis zu zahlen, nur um Schneewittchen immerzu „ehren und hochhalten“16 zu können, was letztlich zum missglückten Transport des Sargs und somit zu Schneewittchens „Auferstehung“ führt.

Auch Dornröschen ist die Schönheit buchstäblich in die Wiege gelegt. Als echtes Wunschkind geboren, ist Dornröschen schon als Baby „ein so schönes Mädchen, daß der König vor Freuden sich nicht lassen wußte und ein großes Fest anstellte“.17 Während dieses Festes bekommt Dornröschen von den geladenen weisen Frauen unter anderem auch für die Zukunft „Schönheit“ und - entgegen der Theorie Solms - „Tugend“ geschenkt.18 Diese Geschenke bewirken, dass Dornröschen überall als „so schön, sittsam, freundlich und verständig“ bekannt ist, dass „es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte“.19 Obgleich Donröschen so also auch für ihre Tugend bekannt ist, besteht ihr Vermächtnis doch in ihrer Schönheit, denn nachdem sie in den tiefen 100-jährigen Schlaf fällt, spricht man nur noch von „dem schönen, schlafenden Dornröschen“.20 Das allein reicht aus, dass über die Jahrzehnte immer wieder Prinzen zur Rettung eilen wollen und dabei ihr Leben riskieren und verlieren. Zu den faszinierten Prinzen gehört auch jener Königssohn, der schließlich zu Dornröschen durchdringt. In seinen Augen ist sie „so schön“, dass er „die Augen nicht abwenden“ kann.21 Die „schlafende Schöne“ ist das „Urbild weiblichen Liebreizes“22 und der Prinz kann nicht anders als ihr einen Kuss zu geben, von dem sie aufwacht. So rettet ihr ihre Schönheit wie schon bei Schneewittchen indirekt das Leben.

Die dritte schöne Protagonistin in dieser Auswahl ist die Königstochter aus Der Froschkönig. Von ihr wird ab der Fassung von 1837 gesagt, dass sie „so schön“ war, dass sogar „die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien“.23 Ist Schneewittchen unter den Königstöchtern also die Schönste im ganzen Land, so ist die Königstochter aus Der Froschkönig die Schönste des Universums. Doch hier endet auch schon die Beschreibung. Im Gegensatz zu den anderen ausgewählten Märchen wird nicht weiter auf das Aussehen der Königstochter eingegangen und es dient auch keinem besonderen Zweck. Selbst für den zu einem Frosch verwandelten Königssohn ist ihre Schönheit nicht wichtig, er profitiert alleine von der Tatsache, dass sie eine Königstochter ist - und zwar die, die ihn „allein“ vom Zauber der Hexe erlösen kann.24

Im Gegensatz zu den ersten drei Beispielen gehören Aschenputtel und Rapunzel nicht zu den Königstöchtern.25 Doch wie die Schneewittchen, Dornröschen und die namenlose Königstochter aus Der Froschkönig sind auch diese beiden anscheinend Schönheiten. Bei Aschenputtel wird dies zwar nicht so explizit und wiederholt erwähnt wie in den anderen Märchen, doch trotzdem ist diese Information an manchen Stellen zu finden. Da Aschenputtel gezwungen wird, sich zum Schlafen „neben den Heerd in der Asche“ hinzulegen, sieht sie „immer staubig und schmutzig“ aus, was ihr ihren herabwürdigenden Spitznamen einbringt.26 Als Aschenputtel jedoch gepflegt und in prächtigen Kleidern beim Ball erscheint, erstrahlt sie in ihrer Schönheit, sodass selbst ihre eigene Stiefmutter und ihre Stiefschwestern denken, sie „müßt ein fremdes Königsfräulein seyn“.27 Auch die übrige Ballgesellschaft ist über ihre „Schönheit“ erstaunt und verstummt bei ihrem Anblick „vor Verwunderung“.28 Mazenauer und Perrig behaupten sogar, dass Aschenputtel genauso wie Dornröschen unter anderem mit ihrer „Schönheit“ und „Anmut“ „für ideale Frauengestalten“29 steht.

Rapunzel ist ähnlich wie die Königstochter aus Der Froschkönig „das schönste Kind unter der Sonne“.30 Ein Merkmal ihres Aussehens bildet sogar einen zentralen Aspekt des Märchens: ihre „[prächtigen langen] Haare, fein wie gesponnen Gold“,31 die über 20 Ellen lang aus dem Turm herunterragen, sind ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, von der sie durch die Zauberin in ihrem Turm ansonsten komplett abgeschottet ist. Ihre Schönheit in Kombination mit ihrer „süßen Stimme“ bringt den „jungen Königssohn“ dazu, sich in sie zu verlieben. Das setzt die Ereignisse in Gang, die nach einigen dramatischen Wendungen letztlich dazu führen, dass Rapunzel und der Königssohn zusammen mit ihren zwei Kindern in Reich des Königssohn „noch lange glücklich und vergnügt“ leben können.32

2.1.2 Handeln und behandelt werden

Schneewittchens positives Erscheinungsbild beruht nicht nur auf ihrer Schönheit, sondern auch auf ihrer Tugendhaftigkeit. So bedient sie sich zwar beispielsweise vor lauter Hunger an der Mahlzeit der sieben Zwerge, bleibt dabei aber immer noch gerecht. Sie isst nicht einen einzelnen Teller leer, sondern achtet darauf, dass sie „von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs und Brot“ nimmt und von „jedem Becherlein einen Tropfen Wein“ trinkt.33 Auch ist Schneewittchen ein frommes Mädchen. Nachdem sie ein Bett gefunden hat, das groß genug für sie ist, schläft sie nicht sofort ein, sondern spricht zuerst noch ein Abendgebet, worin sie sich Gott anbefiehlt.34 Nachdem sie am nächsten Morgen merkt, dass die Zwerge ihr wohlgesonnen sind, lässt sie sich auf einen Handel mit ihnen ein, um das eigene Überleben zu sichern. Schneewittchen verspricht, alle Tätigkeiten im Haushalt zu übernehmen. Sie will „kochen, betten, waschen, nähen und stricken“,35 um im Gegenzug freie Kost und Logis zu erhalten. Schneewittchens Tagesablauf sieht so aus, dass sie tagsüber, wenn die Zwerge ihrer Arbeit nachgehen, den Haushalt führt. Die Zwerge erwarten von ihr, dass abends das Essen bereitsteht, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.36 Man findet im Märchentext keine Information darüber, dass Schneewittchen sich diesen Anforderungen widersetzt oder sich Gedanken darüber macht, wie sie dieser Situation entkommen kann. Sie scheint zufrieden zu sein; der Leser erfährt nicht, ob sie Pläne für die Zukunft hat. Die drohende Gefahr in Gestalt der bösen Stiefmutter schwebt über dieser scheinbaren Idylle. Das Tugendhafte, das Schneewittchen bereits zuvor gekennzeichnet hat, ist auch jetzt wieder zu sehen, diesmal führt es jedoch zu Schneewittchens Unglück. Obwohl sie von den Zwergen mehrmals eindringlich gewarnt worden ist, niemand hereinzulassen,37 unterliegt Schneewittchen der List der bösen Königin, da sie nie etwas Böses bei den Angeboten der verkleideten Stiefmutter vermutet. Schneewittchen scheint immer nur das Gute im Menschen zu sehen. Ob das reine Tugend oder einfach Arglosigkeit ist, ist fraglich. So führt ihr Verhalten dazu, dass sie immer wieder durch die Zwerge gerettet werden muss. Auch sind es die Zwerge, die ihr erklären müssen, dass die „alte Krämerfrau [...] niemand als die Königin“ war,38 und die sie warnen „noch einmal auf [der] Hut zu seyn und niemand die Thüre zu öffnen“.39 Es scheint, als ob Schneewittchen dies alleine nicht kombinieren kann, was auch wieder auf eine gewisse Arglosigkeit schließen lässt. Aus heutigem Blickwinkel könnte man sogar „kindliche Arglosigkeit“ sagen, denn da Schneewittchen im Märchen erst sieben Jahre alt ist, ist sie nach heutigen Maßstäben nichts anderes als ein Kind. So ist es auch nur verständlich, dass sie beim dritten Besuch der verkleideten Stiefmutter den angebotenen rotbackigen Apfel mit kindlichem Verlangen „anlustert“40 und erneut auf den Trick der bösen Königin hereinfällt. Auch für die vorherigen Gegenstände interessiert sich Schneewittchen nicht etwa, „weil sie eitel wäre, sondern weil sie arglos ist“.41 Man findet im Text keine Hinweise darauf, dass Schneewittchen über einen Plan zur Beseitigung der gefährlichen Stiefmutter nachdenkt. Deutlich ist also festzustellen: Schneewittchen ist keine aktive Heldin, die für sich selbst einsteht. Sie schafft es zwar, den Prinzen für sich zu gewinnen, der sie dann rettet, doch diese Rettung geschieht nicht durch „List und Mut“, sondern nur durch ihre „unschuldige Schönheit“ und „schöne Unschuld“.42 Schneewittchens letzte Handlung ist ihre Zustimmung zur Hochzeit mit dem Königssohn. Obwohl sie ihn vor ihrem Erwachen offensichtlich noch nie gesehen hat, ist sie einverstanden, seine Gemahlin zu werden.43 Der Leser erfährt dabei nur, dass Schneewittchen dem Königssohn „gut“ ist.44 Er weiß jedoch nicht, ob dies eine spontane, unüberlegte Handlung aus Liebe ist, was ein Märchenende wahrscheinlich in den meisten Fällen suggerieren möchte, oder ob Schneewittchen mit der Heirat eine Aufstiegschance sieht, dem eintönigen hausfraulichen Leben bei den Zwergen zu entkommen und stattdessen eine Königin zu werden, die nun sogar miterleben kann, wie ihre böse Stiefmutter für ihre Taten büßen muss.45

Wie Schneewittchen ist auch Aschenputtel tugendhaft. Sie wird als „fromm und gut“46 beschrieben und bleibt es auch, als sie von ihren Stiefschwestern gedemütigt und zu harter Arbeit gezwungen wird. Ihre Aufgaben entsprechen denen einer „Küchenmagd“: Sie muss „Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen“.47 Es fällt auf, dass diese „schwere Arbeit“48 eigentlich keine andere als die ist, die auch Schneewittchen erledigt. Der Unterschied liegt jedoch vielleicht darin, dass Schneewittchen durch einen freiwilligen Handel mit männlichen Charakteren dazu kommt und daher die Rolle der Frau im Haushalt einnimmt; Aschenputtel hingegen bekommt sie von Vertretern ihres eigenen Geschlechts aufgezwungen. Doch unabhängig davon, wie schlecht Aschenputtel auch behandelt wird, bleibt sie immer freundlich und bescheiden. Während ihre Stiefschwestern „[schöne] Kleider“, „Perlen und Edelsteine“ von Aschenputtels Vater fordern, wünscht sich Aschenputtel zum Beispiel nur ein „Reis“ aus der Natur. Auch der christliche Aspekt fehlt nicht: Aschenputtel bleibt fromm, wie sie ihrer Mutter am Sterbebett versprochen hat, und betet drei Mal täglich an ihrem Grab.49 Obwohl sie stets demütig und zurückhalten handelt, erreicht sie letztlich doch noch ihr Ziel, heimlich zum Ball des Königssohns zu gehen. Das macht sich bezahlt, denn der Königssohn hat den ganzen Abend nur Augen für sie.50 Trotz des Erfolgs gibt sie sich aber nicht sofort zu erkennen. Insgesamt drei Mal läuft sie ihm davon und versteckt sich. Solms interpretiert diese Handlung so, dass Aschenputtel den Blick des Königssohns von ihrem Aussehen auf ihre „inneren Werte“51 lenken will. „Der Königssohn, der bisher nur von ihrer äußeren Schönheit angezogen ist“, soll sie nun „auch in ihrer Erscheinung als schmutzige Dienstmagd“ erkennen.52 Deshalb gibt sie auch jeden Abend nach dem Ball ihre prächtigen Kleider an ihre magischen Helfer zurück und kleidet sich wieder in ihr „grau Kittelchen“.53 Ob sie nun im Haushalt arbeitet, auf dem Ball tanzt oder auf die Anweisungen ihrer Stieffamilie reagiert, sie führt ihre Handlungen stets tugendhaft aus. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Passage aus der Grimmschen Ausgabe von 1812 getilgt wurde, die dieses Bild stören könnte. Ursprünglich ist im Märchen eine Situation beschrieben, die am zweiten Abend nach dem Ball stattfindet und in der Aschenputtel vorgibt, die „Prinzessin“ im „prächtigen Wagen mit den sechs Rappen“ gesehen zu haben,54 die sie ja eigentlich selber ist. Aschenputtel behauptet dies, um ihre Stiefschwestern eifersüchtig zu machen. „Mit unverhohlener Schadenfreude lügt sie und neckt die Schwestern noch dazu.“55 Durch die Tilgung dieser Passage bleibt Aschenputtel in den späteren Ausgaben tugendhaft ehrlich und erträgt stillschweigend die Schikanen ihrer Stiefschwestern. Auch am Ende des Märchens findet man keinen Hinweis, dass Aschenputtel an Rache interessiert ist. Zwar empfangen die Stiefschwestern eine Strafe, doch geschieht das durch die Natur selbst, in Form zweier Tauben, die ihnen die Augen auspicken. Dass Aschenputtel den Tauben wie zuvor im Falle der Linsen eine Anweisung zum Picken gegeben hat, wird nicht beschrieben. Ob Aschenputtel nun eine „sich selbst verwirklichende, emanzipatorische Märchenheldin“ oder das konservativ gehaltene „Heimchen am Herd“ ist,56 darüber ist man sich in der Märchenforschung noch nicht einig. Die bisherigen Beobachtungen bestätigen diesen Zwiespalt. Aschenputtel lässt sich nicht total in eine Kategorie einordnen, da sie sehr wohl selber aktiv handelt, um ihrem Glück näher zu kommen, es aber letztlich doch der Prinz und die Kraft der Magie sind, durch deren Hilfe sie an ihr Ziel gelangt.

Im Vergleich zu Schneewittchen und Aschenputtel nimmt Dornröschens Handeln nicht viel Raum im Märchen ein, da die weibliche Hauptfigur die meiste Zeit schläft und somit handlungsunfähig ist. Lediglich für die Zeit vor dem 100-jährigen Schlaf könnte man annehmen, dass eine gewisse Neugierde festzustellen ist, wie es auch die erste Ausgabe von 1812 formuliert.57 Dornröschen nutzt die Abwesenheit ihrer Eltern, um das Schloss zu erforschen. Sie geht „aller Orten herum“ und betritt verschiedene „Stuben und Kammern“.58 Ihre Neugierde wird ihr letztlich zum Verhängnis, da sie in einer Kammer die verhängnisvolle Spindel findet, durch die sie in tiefen Schlaf fällt.59 Im weiteren Verlauf ist interessant, dass sie ähnlich wie Schneewittchen ebenfalls nicht erschreckt ist, als sie erwacht und den Prinzen erblickt, der genau genommen eigentlich ein Fremder ist und ihr ohne ihr Einverständnis einen Kuss gegeben hat. Ganz der Märchentradition folgend ist sie eher erfreut und stimmt sofort einer prächtigen Hochzeit zu, nach der Dornröschen und ihr Prinz „vergnügt bis an ihr Ende“60 leben.

Im Gegensatz zu den bisher betrachteten Protagonistinnen ist die Königstochter in Der Froschkönig eine Ausnahme, was ihr Handeln betrifft. Konnte man sehen, dass das Aussehen der Königstochter im Gegensatz zu Schneewittchen und Dornröschen keinen besonderen Zweck erfüllt, so ist ihr Handeln umso bedeutungsvoller. Die Königstochter ist nicht die typische tugendhafte, liebenswürdige Prinzessin, die in vielen Märchen vorgestellt wird. Schon bei der ersten Begegnung mit dem Frosch nennt sie ihn „[garstig]“ und fällt in ihren Gedanken das Urteil, dass er „[einfältig]“ ist und niemals eines „Menschen Gesell“ sein kann.61 Damit zeigt sie sie indirekt eine rassistische Haltung, denn sie akzeptiert ihn nicht, weil er einem anderen sozialen Hintergrund entstammt. Zusätzlich gibt sie ihm ein Versprechen, das sie von Anfang an nicht zu halten gedenkt.62 Als Königstochter untersteht sie aber ganz klar der patriarchalischen Gewalt des Königs und muss somit seinen Anweisungen nachkommen. Doch auch dabei zeigt sie kein tugendhaftes Verhalten. Sie beginnt „gar bitterlich“ zu weinen - eine Taktik, die Frauen oft zugesprochen wird, um Männer umzustimmen -,63 und als das nichts hilft, ist sie „in ihrem Herzen bitterböse“.64 Zwar beugt sie sich zuerst dem Willen ihres Vaters, doch nur, solange er sie im Blick hat. Kaum ist sie nämlich mit dem Frosch alleine in ihrem Gemach, wo „der König keine unmittelbare Verfügungsgewalt über sie hat“,65 widersetzt sie sich der Anweisung, ihn ins Bett zu heben, und wirft ihn „aus allen Kräften an die Wand“.66 Die zuvor erwähnte, leicht rassistische Haltung lässt sich auch zum Ende der Geschichte hin feststellen. Wollte sie den „kalten Frosch“ zuvor nicht „in ihrem schönen, reinen Bettlein schlafen“ lassen, so ändert sie ihre Meinung, sobald aus dem Frosch „ein lebendiger, junger Königssohn“ wird, der nicht nur dank seiner „schönen und freundlichen Augen“ attraktiv für sie ist, sondern auch aufgrund seines königlichen Standes zu ihr passt.67 Da er jetzt keine Froschgestalt mehr hat, stimmt sie zu, dass er durch eine spontane Trauung „ihr lieber Geselle und Gemahl“68 wird. Die Figur dieser Königstochter ist oftmals in der feministischen Märchenforschung besprochen worden, da es ungewöhnlich ist, dass eine Protagonistin „dreimal versucht, ihr Wort zu brechen“, damit „dreimal gegen das Gebot der Treue“ verstößt und „trotzdem ihr Glück [macht]“.69

Ähnlich wie bei Dornröschen sind auch Rapunzels Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt, da sie von der Zauberin dazu bestimmt wird, ein Leben alleine in einem hohen Turm zu führen. Von Frau Gothel bereits als Neugeborenes mitgenommen und mit zwölf Jahren in den Turm eingeschlossen, verbringt sie ihr Leben in Einsamkeit.70 Der erste Eindruck, den man von ihr bekommt, zeigt tugendhaften Gehorsam gegenüber der Zauberin. Stets folgt Rapunzel ihrem Befehl, wenn diese ruft: „Rapunzel, Rapunzel! laß mir dein Haar herunter.“71 Es scheint so, als ob Rapunzel nie rebelliert oder etwas gegen den Willen der Zauberin tut. Das ändert sich zu dem Zeitpunkt, als sie das erste Mal das andere Geschlecht entdeckt. Zu Beginn noch erschrocken über den fremden Gast, der an ihren Haaren in den Turm steigt, verliert sie sehr schnell ihre Scheu, da „ihr der junge König so gut“ 72 gefällt. Sie verabredet sich täglich mit ihm und hält diese Besuche vor der Zauberin geheim. Ähnlich wie in Aschenputtel wurde auch der Rapunzel-Text an einer Stelle von den Brüdern Grimm umgeschrieben, um das tugendhafte Erscheinungsbild Rapunzels zu bewahren. Im Text von 1812 leben Rapunzel und der Königssohn einige Zeit „lustig und in Freuden“, was in Kombination mit Rapunzels Ausspruch: „[Meine] Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen“,73 darauf schließen lässt, dass Rapunzel während der Besuche des Königssohn außerehelich schwanger geworden ist. Diese „unmoralische Handlung“ wurde in den folgenden Ausgaben durch eine Heirat legitimiert. Der Königssohn fragt Rapunzel, „ob sie ihn zum Manne nehmen“ will, und sie stimmt zu und legt „ihre Hand in seine Hand“74, was einer Eheschließung gleichkommt. Außerdem wurde „Frau Gothel“,75 die in der ersten Fassung von 1812 noch als „Fee“76 auftritt, zu einer Zauberin umgeschrieben.77 Das verstärkt den Eindruck, dass Rapunzel mit ihren Handlungsweisen im Recht ist, und suggeriert dem Leser weiterhin ein tugendhaftes Bild von Rapunzel. Es ist somit gut nachvollziehbar, dass Rapunzel den Königssohn gerne heiratet, da „er schön und jung“ ist und sie ihn ihrer Meinung nach „lieber haben [wird] als die alte Frau Gothel“.78 So erscheint auch die folgende Behandlung durch die Zauberin - das Abschneiden der Haare und die Verbannung in die Wüste - nicht mehr als Strafe für ein unmoralisches Handeln, sondern als pure Grausamkeit, unter der Rapunzel zu leiden hat. In den ersten Fassungen von 1812 und 1819 bleibt Rapunzel passiv. Sie wehrt sich nicht gegen die Zauberin und versucht weder einen Ausweg aus dem Turm noch aus der „Wüstenei“ zu finden, in der sie später „kümmerlich“ mit ihren Kindern lebt.79 Erst ab der Ausgabe von 1837 wird Rapunzel aktiver und hat einen Plan zur Flucht aus dem Turm.80 Doch auch dabei braucht sie immer noch den Königssohn als Retter, vor allem, als der Plan durch ihre eigene Unbedachtheit fehlschlägt. Anstatt erneut selbst einen Ausweg zu suchen, verharrt sie in der Wüstenei bis der nunmehr erblindete Königssohn sie durch Zufall findet. Selbst dessen Heilung beeinflusst sie nicht wissentlich, da es allein durch einen magischen Zufall dazu kommt, dass er durch ihre Tränen wieder sehend wird und sie somit in sein Reich führen kann.

2.1.3 Übereinstimmung mit dem weiblichen Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts

Ausschlaggebend für die Erschaffung von Charakteren sind immer die Autoren der Geschichten. Durch sie bekommen die Figuren ihre Charaktermerkmale und Handlungsweisen einverleibt, die oftmals mit dem Rollenverständnis der jeweiligen Erzähler zusammenhängen. Im Falle der Grimmschen Märchen sind die Autoren nicht immer klar zu fassen. Natürlich sind die Brüder Grimm als Schreiber und Publizisten der Märchen bekannt, doch die eigentlichen Erzähler bleiben den Lesern der Märchen oftmals unbekannt. Dabei ist es gerade bei der Frage nach dem Rollenverständnis wichtig zu wissen, dass viele der Personen, die den Brüdern Grimm die Märchen erzählten, weiblich waren. So wird berichtet, dass unter den Erzählern und Erzählerinnen zum Beispiel Gretchen Wild - die Schwägerin Jacob Grimms - zu finden war. Andere Erzählinstanzen fanden die Brüder Grimm in den unverheirateten „Märchenbeiträgerinnen der ersten Stunde“,81 Marie Hassenpflug und Friederike Mannel. Rölleke stellt fest, dass die Erzähler - abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen wie der etwa 60-jährigen Dorothea Viehmann - meistens „relativ junge, unverheiratete Damen und die Aufzeichner erster Hand ebenso junge und sozusagen notorisch unverheiratete junge Männer waren.“82 So kann es durchaus sein, dass diese überwiegend „[jungen, gebildeten] Damen des Kasseler Stadtbürgertums“83 die Protagonistinnen der Märchen passend zum weiblichen Rollenverständnisses des 19. Jahrhunderts erschufen. Rölleke führt an, dass die Brüder Grimm diese „Idealvorstellung ihrer Zeit von der Rolle der bürgerlichen Frauen und Töchtern“ übernahmen und sie sogar noch etwas ausbauten. Auch „bei Beginn ihrer Märchensammlung“ war dies schon der Fall gewesen, als ihr „Bild [...] der Frau [...], die Idealvorstellung“ in erster Linie durch das Vorbild ihrer „Mutter, Tante und Schwester“ bestimmt wurde.84 Doch was genau war diese Idealvorstellung? Ende des 18. Jahrhunderts kam das Rollenmodell des „natürlichen Geschlechtscharakters“ auf, dass auch noch im 19. Jahrhundert die Gesellschaft eingehend prägte. Laut Vahsen hatten Frauen demnach keinen Subjekt-Status, waren keine mündigen, autonomen Menschen, sondern benötigten eine Geschlechtsvormundschaft, ausgeübt durch den Vater, den Bruder oder den Ehemann. Aufgrund der ihnen zugewiesenen ,natürlichen Geschlechtseigenschaften‘ wie Tugend, Sittsamkeit und Fleiß war die ihnen nun zugedachte Rolle die der Ehefrau und Mutter. Dieses neue Rollenkonzept sorgte für eine Trennung der gesellschaftlichen Räume: Der Ort von Frauen war das Haus, der Ort von Männern war die Öffentlichkeit.85

Vergleicht man die damals vorherrschenden Klassen - den Adel, das Bürgertum und die Arbeiterschicht -, fällt auf, dass „die Ideologie des ,natürlichen Geschlechtscharakters‘ sich vor allem auf die Frauen des Bürgertums richtete.“86 Wie zuvor erwähnt entstammten die Erzählerinnen der Märchen zumeist dieser Schicht, was darauf schließen lässt, dass die jeweiligen Märchenfiguren dieser Ideologie entsprechend erschaffen wurden. „Das arme Mädchen, das das Glück in Gestalt des Königssohns gewinnt, ist eine Identifikationsfigur für das weibliche Publikum“,87 erklärt Solms. So ist es verständlich, dass Schneewittchen sich zum Beispiel ohne weiteres auf den Handel mit den Zwergen einlässt und häusliche Tätigkeiten übernimmt. Dieses „Berufs- (oder besser: Nichtberufs-)bild“ spiegelt laut Rölleke den „Geist der Zeit des Grimmschen Sammelns und Redigierens“ wider und ist alles andere als ein „[emanzipatorisches] Berufsbild“.88 Im Handwörterbuch des deutschen Märchens ist außerdem aufgezeichnet, dass solche Tätigkeiten wie „[Waschen]“, „Kochen“, „Spinnen, Stricken und Weben“ oder „[Nähen], [Stopfen], [Sticken]“ nicht nur Aufgaben des weiblichen Geschlechts waren, sondern einem bestimmten Typ Frau vorbehalten war: der Magd.89 „Märchenheldinnen, die sich selbst erniedrigen, verrichten daher oft diese Arbeiten in ihrer Stellung als Magd.“90 Dieses Verhalten wurde zuvor schon als Tugendhaftigkeit vorgestellt. Das Handwörterbuch zeigt noch eine andere Seite: Das Erledigen der „häuslichen Arbeiten“ gehört „zur Eheprobe“.91 Auch Tatar erklärt, dass zahlreiche „Märchen der Grimmschen Sammlung [.] die Tugenden der hauswirtschaftlichen Talente“ feiern, und dass „Heldinnen Prüfungen im Hinblick auf ihre Fähigkeiten im Haushalt unterworfen“ werden.92 „Durch die Kombination von Arbeit und Schönheit bekommt die Heldin ihren Mann. Der gesellschaftliche Aufstieg hängt vor allem vom Beweis der häuslichen Fähigkeiten ab.“93 Deshalb ist es auch kein Wunder, dass „die Aktivitäten der meisten Märchenheldinnen auf den häuslichen Bereich beschränkt bleiben“.94 In den vorgestellten Märchen Schneewittchen und Aschenputtel ist das besonders gut zu erkennen; die Heldinnen erledigen teils freiwillig, teils gezwungenermaßen, jedoch immer ohne großes Murren ihre häuslichen Pflichten.

Wie bereits oben unter dem Stichwort „Geschlechtsvormundschaft“ erwähnt, war neben dem Aufgabenbereich der Frau die familiäre Ordnung ein weiteres großes Thema des 19. Jahrhundert. Es war üblich, dass eine Tochter unter der patriarchalischen Gewalt des Vaters heranwuchs. Wenn sie heiratete, ging diese Gewalt auf den Ehemann über, dem sie fortan unterstand. Diese Ordnung spiegelt sich auch in den Märchen wieder - Lüthi formuliert es ganz direkt: „[Die] Prinzessin geht aus dem Besitz des Vaters in den Besitz des Gemahls über.“95 Die Abhängigkeit von einem Mann - sei es nun Vater oder Gemahl - ist in beinahe jedem Märchen zu finden. Selbst in Aschenputtel, in dem Tochter und Vater eine harmonische Beziehung zueinander haben und man nicht unbedingt von patriarchalischer Unterdrückung reden kann, ist zu beobachten, dass das entscheidende Hilfsmittel für Aschenputtels sozialen Aufstieg vom Vater stammt: Das Reis, das sie auf das Grab ihrer Mutter pflanzt und das ihr als ausgewachsener Baum ihre Ball-Garderobe stellt, ist ein Geschenk ihres Vaters.

Zusätzlich zu diesen praktischen und sozialen Aspekten, gibt es auch vereinzelt einen geistesgeschichtlichen Ansatz, wenn man sich zum Beispiel das Märchen Dornröschen anschaut: Da etwa ein Jahrhundert zuvor die Phase der Aufklärung begonnen hatte, kamen die Grimmschen Märchen sicher auch mit Kants Forderung nach Überwindung der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“96 in Berührung. Man darf vielleicht in einem Interpretationsversuch so weit gehen, Dornröschens Neugierde und Erforschungsdrang mit dem Wunsch nach Überwindung der eigenen Unmündigkeit gleichzusetzen. Dornröschen scheitert, ihre Neugierde bringt ihr Unglück, denn sie sticht sich an der Spindel, die sie in den 100-jährigen Schlaf fallen lässt. Man könnte also vor dem Hintergrund des konservativ gehaltenen Märchens sagen, dass jegliche Versuche von Frauen zur eigenen Mündigkeit zu gelangen, zum Scheitern verurteilt waren und ins Unglück führten. Passend dazu ist der Gedanke, dass die wahrhaft emanzipierten Frauen - also diejenigen, die für sich selbst einstehen und ohne die Hilfe ihrer Ehemänner oder sonstiger männlicher Autoritäten ihre Ziele verfolgen - immer die Antagonistinnen im Märchen sind, wie zum Beispiel die böse Stiefmutter in Schneewittchen und Dornröschen oder die böse Zauberin in Rapunzel. In moralischer Hinsicht sind böse Taten natürlich immer zu verurteilen, doch allgemein gesehen wird die Triebfeder dahinter - der Wunsch unabhängig zu handeln - im Fall der Märchen im gleichen Zug mitverurteilt.

Die verschiedenen Aspekte haben deutlich gemacht, dass die Märchenheldinnen viele Übereinstimmungen mit dem weiblichen Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts zeigen, insbesondere was die Stellung der Frau in der Gesellschaft in dieser Zeit betrifft.

2.2 Der Prinz als Weg zum Glück? - die Darstellung der Protagonisten

2.2.1 Das Motiv des Retters und Beschützers

Über die Prinzen in den ausgewählten Märchen erfährt man längst nicht so viel wie über die Protagonistinnen. Dennoch sind sie aus den Geschichten nicht wegzudenken. Mallet führt sogar an, dass diese „Märchenhelden“ wichtig sind, um sich „ein Bild über Männer“ machen zu können. Oft hat man als Leser die Erwartungshaltung, dass der Prinz die Prinzessin am Ende retten muss. Der Prinz soll nicht eine langweilige Nebenfigur, sondern der bekannte „Märchenprinz“ sein, eine Figur, die ein „archetypisches Bild des Mannes“97 repräsentiert; er ist ein „(als Partner erwünschter) idealer Mann“,98 weil er eben im Märchen immer die Prinzessin zum Glück führt. So ist die weit verbreitete Meinung, die in Liedern, Schlagern, Bildern und Zeichnungen weltweit zum Ausdruck kommt.99 Doch ist dem wirklich so? Ist der Prinz für die Prinzessin tatsächlich der einzige Weg zum Glück? Ist er der Einzige, der sie retten und beschützen kann?

Der Königssohn in Schneewittchen hat seinen ersten Auftritt erst zum Ende der Geschichte hin. Er ist auf der Durchreise und sieht nur durch Zufall den Sarg mit Schneewittchen darin. Er hat sie noch nie kennengelernt, doch beim Anblick ihrer Schönheit ist er so von ihr bezaubert, dass er fortan nicht mehr ohne sie leben möchte und die Zwerge um den Sarg bittet.100 In der ersten Fassung von 1812 wirkt er sogar regelrecht besessen von dem Gedanken, Schneewittchen immer in seiner Nähe haben zu wollen.101 Schneewittchens „Auferstehung“, die Rettung aus dem Tod, ist jedoch nur indirekt seinem Handeln zu verdanken. Der Prinz zeigt sich nicht als Schwert schwingender Held, der eine drohende Gefahr besiegen will. Selbst den Sarg trägt nicht er selbst, sondern er überlässt diese Aufgabe ganz standesgemäß seinen Dienern. Der unbeabsichtigte Sturz, bei dem Schneewittchen „der giftige Apfelgrütz [.] aus dem Hals“ fährt - bzw. der bösartige Schlag auf den Rücken in der ersten Fassung -,102 führt nur zufällig zur Rettung. Erst sein Heiratsantrag und die anschließende „mit großer Pracht und Herrlichkeit“103 gefeierte Hochzeit machen den Königssohn zum „Märchenprinzen“. Indem die Stiefmutter ihrer gerechten Strafe zugeführt wird, was sicher durch ihn angeordnet wurde, kann er dann auch wieder die Rolle des Beschützers übernehmen und Schneewittchen für immer vor der Stiefmutter schützen.

Der Königssohn, der Aschenputtels Märchenprinz wird, erfüllt sein Rolle als Retter und Beschützer in vollem Maße. Anders als Schneewittchens Prinz kommt ihm nicht der Zufall zu Hilfe, sondern er findet seine zukünftige Braut durch Raffinesse und Beharrlichkeit. Sofort beim ersten Blick auf Aschenputtel nimmt er sie „bei der Hand“ und tanzt mit ihr den ganzen Abend lang. Er entwickelt einen regelrechten Besitzanspruch auf sie und macht jedem anderen potenziellen Tanzpartner Aschenputtels deutlich, dass sie allein „[seine] Tänzerin“104 ist. Direkt am Ende des ersten Abends möchte er sie nach Hause begleiten und ihre Familie kennenlernen. Sogar als Aschenputtel ihm fortläuft, bleibt er beharrlich und wartet auf ihren Vater, um sie wiederzufinden. Nachdem seine Beharrlichkeit jedoch zweimal zu nichts führte, lässt er sich etwas Neues einfallen, um Aschenputtels wahre Identität herauszufinden. Seine Idee, die Treppe mit „Pech“ bestreichen zu lassen, auf dem Aschenputtels Schuh kleben bleibt, zeigt Erfolg. Seinem Ziel einen Schritt näher gekommen, überlässt er auch die restliche Suche nicht nur seinen Dienern, wie man es bei einem Königssohn vermuten könnte, sondern übernimmt es persönlich, die jungen Frauen im Hause von Aschenputtels Vater den Schuh anprobieren zu lassen. Zwar unterliegt er zunächst der Täuschung, doch als er seinen Fehler bemerkt, zeigt er wiederum Beharrlichkeit, bis er schließlich „die rechte Braut“,105 Aschenputtel, findet und zur Hochzeit heimführt. Somit rettet er sie aus vor einem fortwährenden grausamen Leben im Hause der Stiefmutter und bietet ihr in seinem Schloss stattdessen Schutz und ein Leben in Pracht und Glück106.

Dornröschens Prinz muss ähnlich wie der Königssohns in Schneewittchen nicht sonderlich heldenhaft für die Befreiung der Prinzessin kämpfen. Dennoch hat er letztlich die Gesinnung eines Helden, denn er ist dazu bereit, die Dornenhecke zu überwinden, die das Schloss umgibt, obwohl bekannt ist, dass bereits viele Königssöhne bei diesem Versuch gestorben sind. Trotz mehrmaliger Warnungen lässt er sich nicht „abschrecken“.107 Mallet kritisiert, dass er „handelt, ohne zu denken, wagt ohne zu wägen“, „blind für Realitäten und taub für gute Ratschläge“ ist und „[für] nichts als ein vages Gerücht [...] sein Leben“ riskiert.108 Dass gerade zu diesem Zeitpunkt der Fluch der 100 Jahre endet und sich die Dornenhecke in „lauter große, schöne Blumen“ verwandelt, kann er nämlich nicht wissen. Laut Mazenauer handelt er nach dem „[Belohnungsprinzip]“.109 Er riskiert sein Leben, ohne zu wissen, ob sich sein Wagemut auch lohnt. Schließlich hat er nichts weiter als ein „Gerücht“ gehört, das über die schlafende Schönheit hinter der Dornenhecke berichtet - sie „hätte häßlich wie die Nacht“110 sein können. Doch das Risiko geht er ein und wird belohnt. Die Botschaft, die diese Passage übermittelt, wendet sich an Männer und Frauen gleichermaßen. Wer etwas riskiert - wer also in bestimmten Situationen handelt, ohne alles genau durchgeplant zu haben -, wird belohnt werden. Letztlich sind es also vielleicht diese Unüberlegtheit und leidenschaftliche Spontanität, die ihn zu dem Helden werden lassen, als der er weltweit bekannt geworden ist: „der Märchenprinz par excellence“,111 der Retter Dornröschens, der sie wachküsst, heiratet und ihr damit ihrem Stand entsprechend ein Leben in Pracht und Freude bietet.112

[...]


1 Mittlerweile gibt es sogar das „Geena Davis Institute on Gender in Media“, das von der Hollywood-Schauspielerin Geena Davis gegründet worden ist, um weiblichen Charakteren in Filmen, die für Kinder freigegeben werden, die gleiche Bedeutung wie männlichen Charakteren zukommen zu lassen. Das soll Kindern helfen, stereotypische Rollenbilder abzulegen und sich somit als Erwachsene auch abseits der traditionellen Rollenverteilungen bewegen zu können (vgl. N.N.: „Life Imitates Art: Geena Davis on how gender inequality on TV and in movies has a powerful impact on kids (The Wall Street Journal, 10. April 2011)“. http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704013604576247133240163732.html# (01.10.2013).).

2 So zeigt die amerikanische Actionserie Burn Notice zum Beispiel erwachsenen Zuschauern eine toughe weibliche Hauptfigur, die während einer Entführung ihrer Mitgefangenen erklärt, man könne nicht immer auf den märchenhaften Helden auf seinem weißen Pferd warten, „sometimes you have to be your own white knight“. (Burn Notice: Where There’s Smoke. R.: Kevin Bray. Drehbuch: Matt Nix, Lisa Joy. USA: Fox Television Studios 2010. Fassung: Internet. http://vodlocker.com/66p0z1758adj (01.10.2013). 42 Min., hier: 17:24-17:26. Auch für junge Zuschauer gibt es diesen Gedanken zum Beispiel in dem Animationsfilm Shrek III, in dem bekannte Prinzessinnen wie Schneewittchen, Dornröschen und Cinderella während einer // Fortsetzung auf S. 2 Gefangennahme zuerst in ihre an die Märchen angelehnten alten Rollen verfallen wollen - Dornröschen schläft ein, Schneewittchen legt sich auf eine Bahre und Cinderella setzt sich mit überschlagenen Beinen auf einen Stuhl. Auf Nachfrage, welchem Zweck dieses Verhalten diene, antwortet Dornröschen: „Ich will gerettet werden.“ (Shrek der Dritte. [Shrek the Third]. R.: Chris Miller, Raman Hui. Drehbuch: David P. Smith, Aaron Warner et al. USA: DreamWorks Animation 2007. Fassung: DVD. DreamWorks Animation Home Entertainment 2007. 89 Min., hier: 1:02:07 - 1:02:08) Daraufhin gibt es einen emanzipatorischen Appell, sodass die nächsten Szenen zeigen, wie die Prinzessinnen sich selber befreien, sich zum Kampf rüsten und dabei - angelehnt an die Frauenrechtsbewegung - einen BH verbrennen. (vgl. Katja Iken: „100 Jahre BH-Revolution: Er hebe hoch!“. http://einestages.spiegel.de/extemal/ShowTopicAlbumBackgroundXXL/a25135/l13/l0/Ehtml (01.10.2013).)

3 Max Lüthi: Märchen. 10. Auflage. Stuttgart 2004. S. 55.

4 Helmut Brackert: „Hänsel und Gretel oder Möglichkeiten und Grenzen literaturwissenschaftlicher MärchenInterpretation“. In: Ders. (Hg.): Und wenn sie nicht gestorben sindPerspektiven auf das Märchen. Frankfurt a. M. 1980. S. 9-38, hier: S.12.

5 Deutsches Wörterbuch. Hg. v. Jacob Grimm u. Wilhelm Grimm. 33 Bde. Leipzig 1873. Bd. 5.

6 Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart: „Der Königssohn“. http://lexika.digitale- sammlungen.de/adelung/lemma/bsb00009132611879 (01.10.2013).

7 Das Grimmsche Aschenputtel bekommt seinen Namen von der bösen Stiefmutter und deren Töchtern, da es immer in der Asche am Herd schlafen muss. Obwohl dieser Aspekt im Disney-Film herausgelassen wurde, findet sich auch im englischen Namen - cinder (engl. Asche) - noch ein Hinweis darauf.

8 Wilhelm Solms: Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt 1999. S. 56.

9 Aschenputtel ist als Tochter eines reichen Mannes wahrscheinlich ,nur‘ eine Bürgerliche (vgl. Brüder Grimm: „Aschenputtel“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 2. Aufl. (1819). 2 Bde. Textkritisch revid. u.m.e. Nachw. hg. v. Heinz Rölleke. Köln 1982. Bd.1. S. 85-91, hier: S. 85.). Rapunzels Hintergrund erfährt man nicht, man kann aber auf eine gewisse Armut schließen, da ihr Vater die Rapunzeln stehlen muss (vgl. Brüder Grimm: „Rapunzel“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 2. Aufl. (1819). 2 Bde. Textkritisch revid. u.m.e. Nachw. hg. v. Heinz Rölleke. Köln 1982. Bd.1. S. 52-55, hier: S. 53.).

10 Brüder Grimm: „Sneewittchen“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 2. Aufl. (1819). 2 Bde. Textkritisch revid. u.m.e. Nachw. hg. v. Heinz Rölleke. Köln 1982. Bd.1. S. 185-193, hier: S. 185f.

11 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 186.

12 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 187.

13 Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 188.

14 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 192.

15 Brüder Grimm: „Sneewittchen“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vergrößerter Nachd. d. zweibändigen Erstausg. von 1812 u. 1815 . 2 Bde. Göttingen 1986. Bd.1. S. 238 - 250, hier: S. 248.

16 Ebd.

17 Brüder Grimm: „Dornröschen“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 2. Aufl. (1819). 2 Bde. Textkritisch revid. u.m.e. Nachw. hg. v. Heinz Rölleke. Köln 1982. Bd.1. S. 176-179, hier: S. 176.

18 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 177.

19 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 177.

20 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 178.

21 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 179.

22 Carl-Heinz Mallet: ... und rissen der schönen Jungfrau die Kleider vom Leib. Männlichkeitsmodelle im Märchen. Düsseldorf 1995. S. 70.

23 Brüder Grimm: „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 3. Aufl. (1837). 2 Bde. Hg. v. Heinz Rölleke. Frankfurt a. M./Leipzig 2004. Bd. 1. S. 23-26, hier: S. 23.

24 Brüder Grimm: „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der Großen Ausgabe (1857). 2 Bde. Textkritisch revid. und hg. v. Hans-Jörg Uther. München 1996. Bd. 1. S. 7-11, hier: S. 10.

25 Vgl. Fußnote 9.

26 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 85.

27 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 88.

28 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 88f.

29 Beat Mazenauer / Severin Perrig: Wie Dornröschen seine Unschuld gewann: Archäologie der Märchen. Leipzig 1995. S. 231.

30 Brüder Grimm: „Rapunzel“. (1819), S. 53.

31 ebd.

32 Brüder Grimm: „Rapunzel“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 3. Aufl. (1837). 2 Bde. Hg. v. Heinz Rölleke. Frankfurt a. M./Leipzig 2004. Bd. 1. S. 75-78, hier: S. 78.

33 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 187.

34 Vgl. ebd.

35 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 188.

36 Vgl. ebd.

37 ebd.

38 Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 189.

39 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 190.

40 Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 191.

41 Annegret Hofius: „Sneewittchen oder die Schöne und das Böse“. In: Wilhelm Solms (Hg.): Das selbstverständliche Wunder. Beiträge germanistischer Märchenforschung. Marburg 1986. S. 63-81, hier: 65.

42 Solms: Moral. S. 56.

43 Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 193.

44 ebd.

45 Vgl. ebd.

46 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 85.

47 ebd.

48 ebd.

49 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 86.

50 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 88.

51 Solms: Moral. S. 12.

52 Solms: Moral. S. 16.

53 Brüder Grimm: „Aschenputtel“ (1819), S. 89.

54 Brüder Grimm: „Aschenputtel“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vergrößerter Nachd. d. zweibändigen Erstausg. von 1812 u. 1815 . 2 Bde. Göttingen 1986. Bd.1. S. 88-101, hier: S. 95.

55 Bernd Dolle: „Märchen und Erziehung. Versuch einer historischen Skizze zur didaktischen Verwendung Grimmscher Märchen (am Beispiel ,Aschenputtel‘)“. In: Helmut Brackert: (Hg.): Und wenn sie nicht gestorben sind Perspektiven auf das Märchen. Frankfurt a. M. 1980. S. 165-192, hier: S. 170.

56 Solms: Moral. S. 12.

57 Vgl Brüder Grimm: „Dornröschen“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vergrößerter Nachd. d. zweibändigen Erstausg. von 1812 u. 1815 . 2 Bde. Göttingen 1986. Bd.1. S. 225-229, hier: S. 226.

58 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 177.

59 Vgl. ebd.

60 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 179.

61 Brüder Grimm: „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der 2. Aufl. (1819). 2 Bde. Textkritisch revid. u.m.e. Nachw. hg. v. Heinz Rölleke. Köln 1982. Bd.1. S. 9-12, hier: S. 9.

62 Vgl. Brüder Grimm: „Der Froschkönig“ (1819), S. 9f.

63 Tatsächlich findet man in den untersuchten Märchen immer wieder, dass die Protagonistinnen anfangen zu weinen, und dass dieses Weinen und die zugehörigen Tränen einen positiven Fortgang der Geschichte sichern. Schneewittchen erweicht mit ihrem Weinen das Herz des Jägers, Aschenputtels Tränen begießen das Grab ihrer Mutter, was den Reis zu einem Wunderbaum heranwachsen lässt, und Rapunzels Tränen geben dem Königssohn sein Augenlicht wieder. Auch scheint es, als sei das Weinen den Frauen vorbehalten - man findet keinen einzigen weinenden Mann in den ausgewählten Märchen - und als diene es der Frau indirekt als Waffe gegen böse Umstände.

64 Brüder Grimm: „Der Froschkönig“ (1819), S. 11.

65 Solms: Moral. S. 198.

66 Brüder Grimm: „Der Froschkönig“ (1819), S. 11.

67 ebd.

68 ebd.

69 Solms: Moral. S. 199.

70 Rapunzel beginnt vor lauter Einsamkeit zu singen. Vgl. Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1837), S. 69.

71 Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1819), S. 53.

72 Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1819), S. 54.

73 Brüder Grimm: „Rapunzel“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vergrößerter Nachd. d. zweibändigen Erstausg. von 1812 u. 1815 . 2 Bde. Göttingen 1986. Bd.1. S. 38-43, hier: S. 39.

74 Brüder Grimm: „Rapunzel“. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen ges. durch die Brüder Grimm. Vollst. Ausg. auf der Grundlage der Großen Ausgabe (1857). 2 Bde. Textkritisch revid. und hg. v. Hans-Jörg Uther. München 1996. Bd. 1. S. 67-72, hier: S. 70.

75 Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1819), S. 54.

76 Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1812), S. 38.

77 Feen sind „den Menschen meist wohlwollend gegenüberstehendes weibliches Märchenwesen“ (Dudenredaktion: „Fee“. http://www.duden.de/rechtschreibung/Fee (01.10.2013).), wogegen eine Zauberin oftmals als „Schwarzkünstlerin“ (Dudenredaktion: „Zauberin“. http://www.duden.de/rechtschreibung/Zauberin (01.10.2013).) für böse dunkle Magie steht. So wurde aus dem guten bzw. neutralen Charakter Gothel eine böse Gegenspielerin.

78 Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1857), S. 70.

79 Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1819), S. 54.

80 Vgl. Brüder Grimm: „Rapunzel“ (1857), S. 70f.

81 Heinz Rölleke: Wo das Wünschen noch geholfen hat. Gesammelte Aufsätze zu den ,Kinder- und Hausmärchen‘ der Brüder Grimm. Bonn 1984. S. 224.

82 Heinz Rölleke: „Die Frau in den Märchen der Brüder Grimm“. In: Ders.: Die Märchen der Brüder Grimm: Quellen und Studien. Gesammelte Aufsätze. Trier 2000. S. 196-210, hier: S. 199. Wilhelm Grimm heiratete erst, als er fast 40 war, und Jakob Grimm blieb ein Leben lang ledig. (Vgl. Rölleke: „Die Frau in den Märchen“, S. 197.)

83 Rölleke: „Die Frau in den Märchen“, S. 199.

84 Rölleke: „Die Frau in den Märchen“, S. 197.

85 Mechthilde Vahsen: „Wie alles begann. Frauen um 1800“ http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35252/wie-alles-begann-frauen-um-1800?p=all (01.10.2013).

86 ebd.

87 Solms: Moral. S. 56.

88 Heinz Rölleke: „Der Homo oeconomicus im Märchen“. In: Ders.: Die Märchen der Brüder Grimm: Quellen und Studien. Gesammelte Aufsätze. Trier 2000. S. 211-227, hier: S. 222.

89 Handwörterbuch des deutschen Märchens. Hg. v. Johannes Bolte et al. 2 Bde. Berlin/Leipzig 1930/1933. 1. Bd., hier: S. 108f

90 Handwörterbuch des deutschen Märchens. 1. Bd. S. 108

91 ebd.

92 Maria Tatar: Von Blaubärten und Rotkäppchen. Grimms grimmige Märchen. Salzburg/Wien 1990. S. 168.

93 Tatar: Von Blaubärten und Rotkäppchen, S. 171.

94 Tatar: Von Blaubärten und Rotkäppchen, S. 169.

95 Lüthi: Märchen, S. 110.

96 In einem Aufsatz der Berlinischen Monatszeitschrift, dem führenden Organ der deutschen Aufklärung, beantwortet Immanuel Kant 1784 die Frage "Was ist Aufklärung?" (Immanuel Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“. In: Berlinische Monatsschrift (1784, H. 12). S. 481-494.)

97 Mallet: Männlichkeitsmodelle, S. 9.

98 Dudenredaktion: „Märchenprinz“. http://www.duden.de/rechtschreibung/Maerchenprinz (01.10.2013).

99 Vgl. Mallet: Männlichkeitsmodelle, S. 9.

100 Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 192.

101 Möglicherweise ist diese Erzählweise sogar getilgt worden, weil ein Königssohn, der von einem weiblichen Leichnam besessen ist, nicht in das Bild eines Märchenprinzen passt - und nichts anderes liegt hier vor, wenn man liest, dass der Königssohn „den ganzen Tag“ beim Sarg saß, „keinen Bissen essen [konnte], // Fortsetzung auf S. 17 wenn der Sarg nicht neben ihm stand“, und dass „die Diener [.] beständig den Sarg herumtragen mußten“. (Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1812), S. 248.)

102 Vgl. Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1812), S. 249.

103 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 193.

104 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 88.

105 Brüder Grimm: „Sneewittchen“ (1819), S. 91.

106 Im Duden ist unter dem Eintrag „Held“ eine ähnliche Definition wie bereits im Wörterbuch der Brüder Grimm zu finden. Demnach ist ein Held in der Mythologie ein „durch große und kühne Taten besonders// Fortsetzung auf S. 18 Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt“. (Dudenredaktion: „Held“. http://www.duden.de/rechtschreibung/Held (07.10.2013).) Das Reallexikon der germanischen Altertumskunde berichtet, dass „der Begriff ,Held‘ […] für ein Bündel an Merkmalen“ steht, dass in der Geschichte immer von dem jeweiligen kulturellen und zeitlichen Hintergrund geprägt worden ist. Als Beispiel werden Helden wie Siegfried oder Tristan angeführt. Wenn in dieser Thesis von Held gesprochen wird, ist die Definition gemeint, die ab dem Hoch-Mittelalter vorgestellt wurde: ein Mann mit „ritterlichen Tugenden und Fertigkeiten“, der „stark, tapfer und fast unverwundbar“ und zusätzlich noch „schön“ ist und wie Siegfried für die Befreiung der geliebten Frau kämpft. (Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Hg. v. Heinrich Beck, Dieter Geuenich und Heiko Steuer. 35 Bde. 2. Aufl. Berlin 1995. Bd. 14.)

107 Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 178.

108 Mallet: Männlichkeitsmodelle, S. 71.

109 Mazenauer / Perrig: Wie Dornröschen, S. 78.

110 Mallet: Männlichkeitsmodelle, S. 70.

111 Mallet: Männlichkeitsmodelle, S. 71.

112 Vgl. Brüder Grimm: „Dornröschen“ (1819), S. 179.

Details

Seiten
52
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656618720
ISBN (Buch)
9783656618737
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269276
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Disney Brüder Grimm Mann Frau Rollenzuweisung Emanzipation

Autor

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Titel: Grimm, Disney und die Wandlung der Geschlechterrollen