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Die Poetik des Aristoteles

Eine Einführung in die Thematik

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Poetik des Aristoteles - Eine umfassende Gattungspoetik

2. Die Entstehungszeit der aristotelischen Poetik

3. Ein Problem jagt das Nächste - Die Form der Poetik

4. Das „Problem“ der Tragödiendefinition - Was verbirgt sich hinter dem Begriffspaar „eleow“ und „fobow“, sowie hinter dem Begriff der „kauarsiw“?

5. Überlieferung und Wirkungsgeschichte der Poetik - Ein Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Die Poetik des Aristoteles - Eine umfassende Gattungspoetik

Bereits seit der Vorsokratik beschäftigten sich die griechischen Philosophen mit der Dichtung sowohl als ästhetisches als auch soziales Phänomen und mit der Rolle der Dichter als Schöpfer von Kunstwerken und Träger einer Art gesellschaftlichen Erziehung.1

Doch gewiss nimmt die Poetik des Aristoteles in zweifacher Hinsicht eine Sonderstellung innerhalb der antiken Literatur ein: Zum einen ist die Poetik die einzige grundlegende Vertreterin ihrer Spezies; denn außer ihr kennen wir keine andere antike Schrift, die sich als umfassende Gattungspoetik beschreiben lässt.2 Es ist sehr ungewiss, ob es vor Aristoteles überhaupt eine regelrechte und umfassende Poetik gegeben hat. Überliefert ist davon nichts. Wohl aber gab es von den frühesten Zeiten an literaturimmanente Äußerungen poetologischer Art.3

„ Aristototle ´ s Poetics ist one of the deepest and most influential philosophical works on art, or rather on a specific art. ( … ) “ 4 Unglücklicherweise ist aber jene Gattungspoetik aufgrund einer zufälligen Überlieferung auf die Behandlung der Tragödie und des Epos beschränkt.5 Zudem handelt es sich wohl bei der Poetik um einen einmaligen Fall nicht nur in der griechischen Literatur. Ursprünglich war die kleine aristotelische Spezialschrift nicht für eine Publikation bestimmt. Umso erstaunlicher, dass jene Schrift so eine ungeheuere Wirkung ausübte. Und damit ist nicht nur die unübersehbare Flut von Fachliteratur gemeint, sondern auch der grundlegende Einfluss auf die Entwickelung des europäischen Dramas. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Poetik in der Antike kaum eine direkte Wirkung hatte. Denn in den 300 Jahren nach dem Tode des Aristoteles war sie, wie die Mehrzahl der Lehrschriften, nicht allgemein zugänglich, und auch nach ihrer förmlichen Edition in der Ausgabe des Andronikos von Rhodos können wir kaum ein nennenswertes Echo feststellen.6

So beginnt vermutlich mit der italienischen Renaissance, die den Anfang einer intensiven Interpretationstätigkeit markiert, die Wirkungsgeschichte der Poetik.7 Doch auch wenn die Poetik kaum Parallelen aufweist, ist sie keineswegs voraussetzungslos. Aristoteles konnte auf eine lange und vielfältige Tradition zurückblicken, als er in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre des 4. Jahrhunderts v. Chr. über die Dichtung zu reflektieren begann.8 Denn im Grunde ist das Nachdenken über Dichtung ebenso alt wie die Dichtung selbst.9 Alle diese genannten Punkte sind wichtig für eine vollständige Interpretation der aristotelischen Poetik können aber aufgrund ihrer ungeheuren Fülle in der vorliegenden Arbeit im besten Fall nur angesprochen werden. Deshalb versucht diese Arbeit die Poetik in ihren Grundzügen so gut wie möglich aufzuschlüsseln und auf ihre wesentlichen Bestandteile zu beschränken. Welche wesentlichen Bestandteile die vorliegende Arbeit behandelt, ist dem Inhaltsverzeichnis zu entnehmen. Aristoteles behandelte mit seinen Werken viele philosophische Gebiete und legte für die meisten auch Grundlagen, die bis heute nie ganz aus der Mode gekommen sind, obwohl er in manchen Epochen in höherem Ansehen stand als in anderen. Vor allem die Interessen der zeitgenössischen Philosophen stehen denen des Aristoteles außergewöhnlich nahe. Viele der von uns am eifrigsten diskutieren Probleme sind solche, die er erfunden oder wirksam ausgewertet hat.10 So verhält es sich auch mit seiner fragmentarischen Schrift der Poetik.

2. Die Entstehungszeit der aristotelischen Poetik

Soviel Scharfsinn man auch immer wieder angewendet hat, die Entstehungszeit der Poetik ist und bleibt unbestimmt.11 Auch nicht mit Hilfe der Lehren von Platon und dem geschichtlichen Hintergrund der Schrift lässt sich eine konkrete Datierung bewerkstelligen. Natürlich werden in der Poetik einige Dichternamen und Werktitel erwähnt, die auf jeden Fall dem 4. Jahrhundert v. Chr. zuzuordnen sind, jedoch darüber hinaus nicht mehr als eine bloße Information des Jahrhunderts liefern. Keiner dieser Hinweise gestattet auch nur das Jahrzehnt der Entstehung zu bestimmen. So bleibt allein die Möglichkeit, die Poetik mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsschlüssen in das Leben und die Werke des Verfassers einzuordnen.

Unglücklicherweise lassen sich auch mit Hilfe des Leben und Werk des Verfassers keine brauchbaren Informationen bestimmen.

Vielleicht aber, dass Aristoteles im Jahre 336 v. Chr., nachdem Alexander der Große den Thron bestiegen hatte, nach Athen zurückkehrte, um dort seine eigene Schule, den Peripatos zu gründen. Man geht davon aus, dass in den darauffolgenden dreizehn Jahren vermutlich die fruchtbarste Schaffenszeit von Aristoteles war. Da zum einen das Drama, der Hauptgegenstand der Poetik, im wesentlichen eine Schöpfung Athens war und dort Tragödien und Komödien einen festen institutionellen Rahmen feierten und sich zeitgleich über die griechische Welt verbreiteten, machte Athen zum unangefochtenem Zentrum der dramatischen Kunst.

Man man kann sich daher kaum vorstellen, dass Aristoteles die Poetik außerhalb Athens verfasste. Denn nur dort stand ihm das umfängliche Textmaterial zur Verfügung, auf dem seine theoretische Abhandlung beruht und dort konnte er auf eine für diesen Gegenstand aufgeschlossene Hörerschaft zählen. In der Forschung konzentrieren sich die Bemühungen um die Datierung auf zwei verschiedene Perioden. Entweder geht man davon aus, dass die Poetik vor dem Tode Platons und sozusagen unter seiner Aufsicht entstanden ist oder erst während der Meisterzeit, in den Jahren ab 336 v. Chr.. Müsste man sich aber für eine der beiden Datierungen entscheiden, scheinen gewichtigere Gründe für die „Peripatoszeit“ zu sprechen.

Aristoteles hatte die Kritik an der Philosophie Platons12 bereits im wesentlichen abgeschlossen und die Hauptpfeiler seiner eigenen Lehre bereits errichtet, als er seine dichtungstheoretischen Einsichten zu Papier brachte. Denn die Poetik stellt innerhalb der aristotelischen Philosophie kein grundlegendes Werk dar. Vielmehr setzt die Poetik ihrerseits grundlegende Werke - auf ontologischem, ethischem und staatstheoretischem Gebiet - voraus.13

3. Ein Problem jagt das Nächste - Die Form der Poetik

Die Form in der uns die aristotelische Poetik überliefert ist, stellt uns vor eine Reihe grundsätzlicher Probleme, mit denen man sich zwangsläufig auseinandersetzen muss. Da uns Aristoteles mit seiner Poetik eine systematische und theoretische Erfassung der Dichtkunst hinterlassen hat, könnte man meinen, dass der Text der Poetik als eine in sich geschlossene Einheit im Sinne einer texnh, eines systematischen Lehrbuchs aufzufassen ist, in dem alle Theorie leicht zu verstehen ist und sich darüber hinaus in harmonischer Weise zu einem sinnvollem Ganzen zusammenfügt.

Doch die Poetik des Aristoteles ist ebenso wie die Rhetorik als ein technisches Regelwerk zu verstehen. Zwar richtet sie sich als Fachschrift zunächst an den Dichter, so wie sich die Rhetorik an den Redner wendet. Und so heißt es auch gleich zu Beginn, Aristoteles wolle nicht nur darlegen, was Dichtkunst ist, sondern auch wie man die Mythen zusammenfügen muss, wenn die Dichtung gut sein soll. „ Peri poihtikhw aythw te kai tvn eidvn aythw, hn tina dynamin ekaston exei, kai pvw dei synistasuai toyw myuoyw, () “ 14 Aristoteles behandelt verschiedene Arten von poihsiw und poihma und versucht zu klären, worin die Kunst besteht, richtig zu dichten, ey poiein.15

Aber eigentlich wendet sich Aristoteles in seiner Poetik nur in Kapitel 17 an den angehenden Dichter mit Anweisungen zur Ausarbeitung einer Handlung in der Dichtung. „ Dei de toyw myuoyw synistanai kai th lejei synapergazesuai oti malista pro ommatvn tiuemenon (...) “ 16 Der Hauptteil der Poetik hingegen stellt eine Analyse und Bewertung von vorhandener Dichtung mit sporadischen Forderungen dar, wie man es machen soll. Die Haltung also, die Poetik als ein sich geschlossenes Werk zu betrachten, erweist sich als Trugschluss. Die Poetik ist vielleicht sogar das Gegenteil des harmonischem Ganzen, in dem sich das eine aus dem anderen mit logischer Konsequenz entwickelt, wie es in der Poetik von Aristoteles selbst für die Dichtung gefordert wird.17 Vielmehr zeigt die Entwicklung des Gedankenganges einen unorganischen, keineswegs immer systematischen, bisweilen sogar oberflächlichen Charakter, den man stets als unbefriedigend empfunden hat.18 Die aristotelische Poetik ist eine dornige Lektüre mit vielen Schwierigkeiten. Oftmals wird nur das Nötigste angesprochen und Stichworte skizziert. Manches bleibt unverständlich und kaum interpretierbar. Gedanklich trifft man auf eine sonderbare Mischung von Diszipliniertheit und Willkür. Auf Partien von großer Stringenz folgen merkwürdige Brüche und Sprünge, überraschende Exkurse und unvorhergesehen Rückgriffe, und manches wirkt, „ ( … ) als habe der Autor Notizen eines Zettelkastens aneinandergereiht. “ 19

Auch wenn die Haupteinteilung der Poetik sofort ins Auge fällt, muss man folgende Divergenzen festhalten. Zum einen folgt die Behandlung der Dichtung nicht konsequent dem in Kapitel 1 aufgestellten Programm. Zweitens werden einzelne Punkte unterschiedlich intensiv behandelt.20

[...]


1 Moraitou, D.: Aristoteles über Dichter und Dichtung, Stuttgart 1994, S. 1.

2 Wenn man von antiker Dichtungstheorie spricht, sind aber auch immer gleich die beiden anderen zentralen Texte der Antike zu nennen: die sogenannte Ars poetica des Horaz (Epistula ad Pisones) und die anonym überlieferte Schrift Über das Erhabene (Peri ycoyw). Hier sind erwartungsgemäß thematische Überschneidungen mit der Aristotelischen Poetik zu finden. Denn alle drei Schriften reflektieren über Ursachen, Erscheinungsform und Wirkung der Dichtung. Aber vom Ansatz her sind doch erhebliche Unterschiede zwischen den beiden genannten Schriften und der Poetik festzustellen.

3 Flashar, H.: Aristoteles - Lehrer des Abendlandes, München 2013, S. 155.

4 Schiaparelli, A., Crivelli, P.: Aristotle on Poetry, in: The Oxford Handbook of Aristotle, edited by Christopher Shields, New York 2012, S. 612.

5 Es ist sehr wahrscheinlich, dass über die Komödie (und eventuell auch über den Iambos) im verlorenen zweiten Buch der Poetik geschrieben wurde. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit finden sich weitere Anmerkungen zu diesem wahrscheinlichen Sachverhalt.

6 Vgl. Düring, I.: Aristoteles. Darstellung und Interpretation seines Denkens (Bibliothek der Klassischen Altertumswissenschaften. N.F.,1. Reihe. 2), Heidelberg 1966, S. 32-43.

7 Die Rezeptionsgeschichte durch die Araber wird an dieser Stelle vernachlässigt.

8 Söffing, W.: Deskriptive und normative Bestimmungen in der Poetik des Aristoteles, Amsterdam 1981, S. 7-15.

9 Bereits in den ältesten literarischen Zeugnissen, den Epen Homers und Hesiods lassen sich ansatzweise Überlegungen finden, die von da an zum festen Bestandteil jeder poetologischen Reflexionen werden sollten. Und auch mit der Sophistik und dem Aufkommen der Einzelwissenschaften tritt das Nachdenken über das Dichten in ein neues Stadium.

10 Ackrill, J.L.: Aristoteles - Eine Einführung in sein Philosophieren, Berlin 1985, S. 16.

11 Halliwell, St.: Aristotle´s Poetics, London 1998. S. 324 ff.

12 Aristoteles versuchte in seiner Poetik die platonische Verurteilung der Kunst zu widerlegen und konnte diesen Versuch nur wagen, weil er sich im Besitz einer anderen - wie er glaubte: richtigeren - Ontologie und Ethik wusste.

13 Fuhrmann, M.: Die Dichtungstheorie der Antike - Aristoteles - Horaz - Longin - Eine Einführung, 2003, Düsseldorf, S. 13-15.

14 Aristoteles: Poetik, I 1, 1447, a 9).

15 Düring, I.: Aristoteles - Darstellung und Interpretation seines Denkens, S. 125.

16 Ebd., 1455, a 24.

17 Man denke an die Forderungen nach Ganzheit und Abgeschlossenheit der Tragödienhandlung in Kapitel 7 und das Postulat der logischen Kohärenz in Kapitel 8.

18 Söffing, W.: Deskriptive und normative Bestimmungen in der Poetik des Aristoteles, S. 16.

19 Fuhrmann, M.: Nachwort - Form, Erhaltungszustand und Aufbau der Poetik, in: Aristoteles: Poetik - Griechisch / Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, S. 144.

20 So wird beispielsweise der in Kapitel 6 eingeführte „myuow“ Begriff über mehrere Kapitel hinweg behandelt. Das huow dagegen nur in einem Kapitel (Kapitel 15). Es finden sich noch weitere zahlreiche andere Beispiele.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656603054
ISBN (Buch)
9783656603047
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269254
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
Schlagworte
Aristoteles Poetik Alt-Griechisch Theorie Tragödie

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Titel: Die Poetik des Aristoteles