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Einstieg in den Konsum illegaler Drogen im biografischen Kontext

Bachelorarbeit 2011 53 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung und relevante Fakten
2.1 Missbrauch und Abhängigkeit
2.2 Drogen
2.2.1 Psychoaktive Substanzen
2.2.2 Illegale und legale Drogen
2.2.2.1 Sedativa
2.2.2.2 Stimulanzien
2.2.2.3 Halluzinogene
2.2.3 Stoffungebundene Störungen
2.3 Auswirkungen des Drogenkonsums
2.3.1 Psychische Folgen
2.3.2 Physische Folgen
2.3.3 Soziale Folgen
2.4 Forschungsstand

3 Erklärungsmodelle für die Entwicklung substanzbezogener Störungen
3.1 Entwicklungsaufgaben
3.1.1 Kleinkindalter
3.1.2 Primarstufe und Schulwechsel
3.1.3 Pubertät und Jugendalter
3.2 Kritische Lebensereignisse
3.2.1 Beispiel für eine Messung: Social Readjustment Rating Scale
3.3 Peergruppen
3.4 Personale Faktoren
3.5 Gatewaytheorien
3.5.1 Präkonsum anderer Substanzen
3.5.2 Umweltbedingungen
3.6 Zusammenfassung und Fragestellung

4 Methoden
4.1 Durchführung
4.2 Auswahl der Probanden
4.2.1 Proband 1
4.2.2 Proband 2
4.3 Transkription

5 Auswertung
5.1 Entwicklungsaufgaben
5.2 Kritische Lebensereignisse
5.3 Personale Faktoren
5.4 Peergruppen
5.5 Gatewaytheorien
5.6 Eigene Einschätzung durch die Probanden
5.7 Kritische Betrachtung der Methodik

6 Diskussion
6.1 Allgemeines Modell zur Entwicklung des Drogenkonsums
6.1.1 Ergebnisse aus dem Modell
6.2 Bedeutung für Forschung, Prävention und Behandlung

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums

Abb. 2: Regelmäßiger Cannabiskonsum

Abb. 3: Substanzprävalenz in Bezug auf den Konsumanteil in der Peergruppe

Abb. 4: Häufigkeit des Konsums illegaler Drogen in Abhängigkeit vom Konsum legaler Drogen

Abb. 5: Lebenszeitfrequenz des Cannabiskonsums und Lebenszeitprävalenz des Konsums irgendeiner illegalen Droge

Abb. 6: Vergleich der Cannabisprävalenz BRD/NL

Abb. 7: Individuelles Modell zur Entstehung des Drogenkonsums für Proband 1

Abb. 8: Individuelles Modell zur Entstehung des Drogenkonsums für Proband 2

Abb. 9 Allgemeines Modell zur Entstehung des Drogenkonsums im biografischen Kontext

1 Einleitung

Die Suchtproblematik ist heutzutage ein verbreitetes Phänomen, da sie – je nach Suchtmittel – in allen Altersstufen, besonders ab dem Jugendalter zu finden ist. Dabei spielen Faktoren wie Geschlecht, sozialer Status oder auch Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle in Bezug auf die Häufigkeit, Art, Dauer und Intensität des Konsums. Zahlreiche Untersuchungen ergaben unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen die höchste Verbreitung des Konsums von illegalen Drogen, insbesondere Cannabis, was unter anderem durch die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zu erklären ist (Silbereisen, 1997). Zwar stellt der Drogenkonsum in der Mortalitätsstatistik nicht die höchsten Werte, jedoch ist die Sucht- bzw. Abhängigkeitsgefahr besonders bei den sogenannten harten Drogen sehr hoch. Schon bei kurzer Konsumdauer können die kurz- und langfristigen Nebenwirkungen sehr stark sein (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006). Zudem sind die sozialen Kosten für die Behandlung einer Abhängigkeitserkrankung und deren psychischen und physischen Folgen sehr hoch (Bühringer & Metz, 2009). Aus diesen Gründen ergibt sich der Ansatz, die Hintergründe des Konsumeinstiegs genauer zu erfragen und zu betrachten.

Verfolgt man die Geschichte des Substanzkonsums, wird deutlich, dass der Konsum von psychoaktiven[1] Substanzen schon seit Jahrhunderten zu kultischen Ritualen und medizinischen Zwecken in vielen Völkern gebräuchlich war und zum Teil auch noch ist. Bis in das 19. Jahrhundert wurden in Europa die Folgeerkrankungen exzessiven Konsums als eine Strafe gesehen und diese Kranken ebenso versorgt wie andere Kranke. Mit Beginn der Industrialisierung entwickelte sich ein moralischer Aspekt, wonach Trinker als schwache Menschen galten und die Abstinenz hoch angesehen war (Bühringer, 2006). Der Ansatz, psychologische, soziale und biologische Faktoren im Sinne eines biopsychosozialen Modells in die Erklärung von Krankheit einzubeziehen, entstand erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (Faltermaier, 2009). Auf dieser Basis soll der Einstieg in den Drogenkonsum analysiert werden. Dabei ist zwischen forschungsbasiert professionellen und individuell subjektiven Theorien zu unterscheiden. Daher bezieht sich der theoretische Teil dieser Arbeit auf professionelle und der methodische Teil auf subjektive Theorien, was die vergleichende Betrachtung beider Sichtweisen ermöglicht.

2 Begriffsklärung und relevante Fakten

Beschäftigt man sich mit dem Bereich der Sucht, tauchen zentrale Begriffe wie Substanzstörung, Abhängigkeit u. Ä. auf. Ebenso sind die Wirkungen von Substanzen auf psychischer, physischer und sozialer Ebene, sowie aktuelle Prävalenzen[2] von Bedeutung. Sie sollen nachfolgend kurz erklärt und zusammengefasst werden.

2.1 Missbrauch und Abhängigkeit

Die Begriffe Missbrauch und Abhängigkeit sollten in ihrer Verwendung klar unterschieden werden, da ein reiner Missbrauch noch keinen Konsumzwang bedeutet, dieser aber einen Missbrauch voraussetzt. Der Missbrauch bezeichnet lediglich einen übermäßigen Gebrauch einer Substanz, der zu psychischen, physischen und sozialen Schädigungen führt (Dilling et al., 2006).

Eine Abhängigkeit dagegen setzt bestimmte Symptome voraus, die auf psychischer und physischer Ebene entstehen. Im ICD-10[3] sind folgende Kriterien für eine Abhängigkeit aufgelistet, von denen mindestens 3 über einen Monat oder wiederholt in einem Jahr bestehen müssen:

1. „Starkes Verlangen, die Substanz zu konsumieren;
2. Verminderte Kontrolle über Beginn, Beendigung und Menge des Konsums;
3. Körperliche Entzugssymptome bei Reduktion oder Beendigung des Konsums;
4. Toleranzentwicklung, d. h. es müssen größere Mengen der Substanz konsumiert werden, um den intendierten Effekt zu erreichen;
5. Einschränkung des täglichen Lebens auf den Substanzkonsum und
6. Anhaltender Konsum trotz eindeutig schädlicher Folgen, dessen sich der Betreffende bewusst ist oder bewusst sein könnte.“ (Roth & Petermann 2006, S. 158)

Klassische Merkmale der Abhängigkeit sind Entzugssymptome und Craving[4].

2.2 Drogen

Da der Begriff „Droge“ eine Vielzahl von Substanzen beinhaltet wie z. B. Heilkräuter oder Gewürze (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006), die zwar eine gewisse psychoaktive Wirkung aufweisen, sich jedoch in ihrer geringen bis fehlenden Suchtwirkung stark von den heutigen als Drogen bezeichneten Substanzen unterscheiden, soll im Folgenden der Begriff „psychoaktive Substanzen“ erklärt werden. Da jedoch im allgemeinen Sprachgebrauch die Bezeichnung Droge geläufig ist, wird sie hier weiterhin als Synonym für psychoaktive Substanzen eingesetzt.

2.2.1 Psychoaktive Substanzen

Nach Bühringer sind psychoaktive Substanzen „natürliche, chemisch aufbereitete oder synthetische Stoffe, die zentralnervös auf den Organismus einwirken und Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen“ (Bühringer 2006, S. 604). Eine Klassifizierung nach legalen und illegalen Substanzen erfolgt kulturabhängig, aber auch durch das Suchtpotenzial der Substanz: eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich über einen meist mehrere Jahre dauernden Zeitraum, wohingegen sich eine Abhängigkeit bei Opiaten innerhalb weniger Wochen manifestiert.

Die hauptsächlichen Wirkungsorte psychoaktiver Substanzen sind das limbische System, der präfrontale Kortex und der Hippocampus[5], zusätzlich beeinflussen sie noch die Steuerung von Hormonen wie Dopamin, Endorphine, Serotonin, Adrenalin oder auch Noradrenalin. Sie werden entsprechend ihrer Wirkung in Sedativa, Halluzinogene und Stimulanzien eingeteilt (Weichold & Silbereisen, 2009), welche sowohl kurz- als auch längerfristige Auswirkungen auf der psychischen, physischen und sozialen Ebene zeigen.

2.2.2 Illegale und legale Drogen

Da es eine inzwischen fast unübersehbare Anzahl an illegalen Drogen in Deutschland gibt, werden hier die wichtigsten Substanzen in Gruppen eingeteilt vorgestellt. Hierbei wird nicht zwischen illegalen und legalen Drogen unterschieden, da die jeweiligen Wirkungsweisen von beispielsweise medizinischen Opiaten und Heroin relativ identisch sind. Die Wirkungsweisen und –orte sind unter anderem auch im Hinblick auf das Belohnungssystem (Küfner, 2000 in Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006) relevant, welches durch positive Verstärkung erfolgt. Im Folgenden werden die psychischen und physischen Wirkungen beschrieben.

2.2.2.1 Sedativa

Zu der Gruppe der Sedativa gehören beispielsweise Opiate wie Morphium, Heroin, Kodein und Methadon. Sie wirken im limbischen System, rufen wahrscheinlich Schädigungen am präfrontalen Kortex hervor und haben Effekte auf die Opiatrezeptoren, körpereigene Endorphine und Dopamin. Konsumenten fühlen sich nach der Einnahme euphorisch und selbstbewusst, sind in einem träumerischen, benommenen Zustand und können bei Überdosierung Atemdepressionen bekommen. Weitere körperliche Wirkungen sind Schläfrigkeit, Ataxie[6], Schwindel, Übelkeit und Erbrechen sowie Analgesie[7]. Opioide entwickeln eine schnelle Abhängigkeit mit starkem Craving. Die starken körperlichen Entzugssymptome wie Niesen, Schwitzen, Tränenfluss, Muskelschmerzen und Diarrhoe verstärken die ohnehin gegebene Unfähigkeit zur Abstinenz (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006).

2.2.2.2 Stimulanzien

Stimulanzien wie Kokain, Crack, Amphetamine oder Ecstasy wirken im limbischen System und im präfrontalen Kortex. Sie haben Effekte auf die anregenden Hormone wie Endorphine, Dopamin und Serotonin und steigern dadurch Aufmerksamkeit, Leistungsfähigkeit und Wahrnehmungsfähigkeit. Ebenso werden Selbstvertrauen, sexuelles Verlangen, aber auch Aggressivität gestärkt, Schlafbedürfnis und Appetit dagegen reduziert. Physisch ist ein Anstieg des Körperkreislaufs zu merken, welcher von Schwindel, Brechreiz und verwaschener Sprache begleitet werden kann. Stimulanzien haben eine starke Toleranzentwicklung und die psychische Abhängigkeit ist durch extremes Craving und das Risiko einer Psychoseentwicklung gekennzeichnet (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006).

2.2.2.3 Halluzinogene

Halluzinogene Substanzen wie Cannabioide, Meskalin oder Phencyclin wirken im limbischen System, präfrontalen Kortex sowie im Hippocampus. Sie haben eine antagonistische[8] Wirkung auf die jeweiligen Rezeptoren, setzen dadurch vermehrt Dopamin frei und haben zusätzlich Effekte auf Endorphine. Je nach Substanz wirken sie entspannend, stimmungsaufhellend und steigern die Kontaktfreudigkeit (Cannabioide), rufen aber auch schnelle Stimmungswechsel und Wahrnehmungsverzerrung hervor (z. B. Meskalin). Unerwünschte psychische Nebenwirkungen können starke Halluzinationen, kognitive und psychomotorische Beeinträchtigungen oder Gedächtnisstörungen sein. Körperlich zeigt sich der Konsum durch einen Anstieg des Körperkreislaufs mit Benommenheit, Übelkeit, Schwindelgefühl, Rötung und Jucken der Augen sowie Schmerzfreiheit. Sogar bei chronischem Konsum treten keine körperlichen Entzugssymptome auf, jedoch ist eine Toleranzentwicklung möglich und Flashbacks können auftreten (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006; Sauer & Weilemann, 2001).

2.2.3 Stoffungebundene Störungen

In den letzten Jahrzehnten entwickelten sich zunehmend stoffungebundene Störungen, die wie die klassische Spielsucht ein zwanghaftes Verhalten zeigen. Im Jugendalter sind dies z. B. Onlinespiele oder auch Essstörungen. Sie sind auf Grund ihrer unterschiedlichen Ätiologien[9] klar von den auf eine Substanz fixierten, also stoffgebundenen Störungen zu differenzieren (Bühringer, 2006). Besonders wichtig ist diese Trennung bei einer Kombination aus stoffungebundener und stoffgebundener Störung, da die jeweiligen therapeutischen Ansätze sehr verschieden sind.

2.3 Auswirkungen des Drogenkonsums

Allein schon die in der Klassifizierung des ICD-10 genannten Punkte für Missbrauch und Abhängigkeit (siehe Kapitel 2.1.1) zeigen, dass der Drogenkonsum meist schwerwiegende und langfristige Folgen hat. Diese zeigen sich im psychischen, physischen und sozialen Zusammenhang und beeinflussen neben dem unmittelbaren Konsum gravierend den Lebenslauf eines Konsumenten. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt jedoch auf Grund der weitaus folgenreicheren Konsequenzen auf den illegalen Substanzen.

2.3.1 Psychische Folgen

Zu unterscheiden ist bei psychischen Störungen, die neben einer substanzgebundenen Störung auftreten, ob diese schon vorher bestanden oder sich erst durch den Substanzkonsum entwickelt haben. Eine schon bestehende Störung kann als Mitursache für den Einstieg in den Konsum gesehen werden und wird daher in Kapitel 3.4 behandelt. Desweiteren wird zwischen durch Substanzen ausgelösten psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen unterschieden, die auch über eine lange Zeit nach Beendigung des Konsums anhalten können und den substanzinduzierten Störungen, welche direkt im Zusammenhang mit einer Intoxikation oder dem Entzug stehen (Bühringer, 2006).

Neben den verschiedenen kurzfristigen Effekten psychoaktiver Substanzen werden bei fast allen Stoffen auch längerfristige Wirkungen erzielt, die meist als unerwünschte Nebenwirkungen gelten. Besonders häufig treten diese bei Halluzinogenen auf, indem beispielsweise die kurzfristigen Effekte verstärkt als sogenannte Flashbacks[10], depressive Stimmungen, Depersonifizierungen, paranoide Wahnvorstellungen oder auch suizidale Psychosen auftreten. Selbst wenn der Konsum schon längere Zeit zurückliegt, kann bei den meisten Substanzen durch einen Trigger[11] noch die psychogene Wirkung einsetzen oder sich in paranoiden, schizophrenen oder auch manischen Störungen manifestieren (Sauer & Weilemann, 2001). Die Behandlung solcher psychischen Störungen ist nicht unkompliziert, da viele Medikamente durch ihre Wirkstoffe die Gefahr bergen, die evtl. schon über längere Zeit bezwungene Sucht wieder zu aktivieren.

„Langfristig gesehen ist auf der psychologischen Ebene eine defizitäre Entwicklung von sozialen Kompetenzen und Problemlösefähigkeiten unabhängig vom Drogeneinfluss die Folge.“ (Hüfner, Metzger & Bühringer 2006, S. 623).

2.3.2 Physische Folgen

Längerfristige körperliche Folgen treten weniger bei Halluzinogenen oder Cannabisprodukten auf, sondern bei den stimulierenden und sedierenden Substanzen. Sobald der Konsum in irgendeiner Weise die Haut oder Schleimhäute verletzt, wie bei intravenöser Injektion oder dem „Sniefen“[12], ist die Ansteckungsgefahr für chronische infektiöse Krankheiten wie Hepatitis oder HIV stark erhöht. Weitere Folgen können Herzerkrankungen, die Zerstörung von Muskelgewebe oder auch Leberschädigungen sein, in schweren Fällen kommt es zum sogenannten Multiorganversagen (Sauer & Weilemann, 2001). Bei intravenösem Konsum sind besonders die Blutgefäße gefährdet, denn durch unsauberes Besteck können lokale Infektionen entstehen, die Thrombosebildung wird begünstigt und durch die häufigen Einstiche vernarben die Venen, was ebenfalls den Blutdurchfluss beeinträchtigt. Nicht zu vergessen sind unfallbedingte Verletzungen bis hin zum Tod, die durch die wahrnehmungsverändernde Wirkung vieler Substanzen Fehleinschätzungen besonders im Straßenverkehr hervorrufen.

Der Tod durch eine unbeabsichtigte Überdosis kommt besonders bei den harten Drogen wie Heroin und Kokain/Crack vor (Sauer & Weilemann, 2001) Das Bundeskriminalamt verzeichnet mit seinen Rauschgiftjahresberichten (1999 und 2009) einen deutlichen Rückgang der Drogentoten von 1674 im Jahr 1993 auf 1449 im Jahr 2008 und einen noch stärkeren Rückgang auf 1331 im Jahr 2009.

2.3.3 Soziale Folgen

Sowohl die psychischen als auch die körperlichen Folgen haben starke Auswirkungen auf das Sozialleben der Betroffenen, da allein durch den Besitz oder die Folgen des Konsums strafrechtliche Tatbestände erfüllt sein können (Sauer & Weilemann, 2001). Einen großen Anteil machen dabei die Rauschgiftdelikte wie allgemeine Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Handel und Schmuggel sowie die Einfuhr verbotener Substanzen aus. Aber auch Beschaffungskriminalität wie Raub, Diebstähle etc. sowie Prostitution zur Finanzierung der Sucht spielen eine große Rolle (Urban, 2002). Zwar sind die Zahlen der Beschaffungskriminalität in den letzen Jahren leicht gesunken (Bundeskriminalamt 2009), mit 2479 Fällen der Beschaffungskriminalität und 194.075 Rauschgiftdelikten aber immer noch sehr hoch. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein, wobei sich Handel und Schmuggel mit 44.430 Delikten deutlich hinter der Beschaffungskriminalität absetzt. Besonders bei Frauen spielt die Prostitution in der Geldbeschaffung eine große Rolle. Auch hier ist die Gefahr der Ansteckung an Hepatitis oder HIV groß, denn Safer Sex wird in diesem Milieu relativ selten praktiziert.

Abgesehen von der Kriminalität spielt besonders bei Opioid-Abhängigen die soziale Vereinsamung eine große Rolle (Geschwinde, 2003, Rommelspacher, 1999 & Julien, 1997 in Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006). Während nach außen eine Gemeinschaft innerhalb der Konsumenten zu existieren scheint, brechen sämtliche sonstigen Kontakte im Laufe der Zeit meist ab, da der Konsument ausschließlich auf die Beschaffung und den Konsum seiner Droge fixiert ist und alles weitere an Bedeutung verliert. Beim Konsum von Cannabioiden dagegen berichten die Patienten von guten sozialen Kontakten – auch ist hier meist der Rückhalt aus der Familie und von Freunden noch gegeben. Dies liegt unter anderem an der geselligen Konsumart und Wirkung des THC[13] und an dem gesellschaftlich nicht so tief verachteten Stellenwert des Cannabis, bzw. dessen Konsum. Der Konsum von Metamphetamin z. B. bewirkt andererseits die Abgrenzung und „psychosoziale Vernachlässigung der eigenen Person“ (Sauer & Weilemann, 2001 S. 31). Dies zeigt, wie vielseitig allein die sozialen Auswirkungen, abhängig von der Substanz, sein können.

Durch Konzentrationsschwierigkeiten und Fehlzeiten entstehen Probleme am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder Schule; ebenso fehlen vielen schon seit der Jugend Konsumierenden Lebenskompetenzen außerhalb der Drogenumwelt und sie zeigen teilweise daher rührend mangelndes Selbstwertgefühl und geringe Selbstwirksamkeitserwartung. Diese stellen ein großes Hindernis dar, wenn es um eine soziale und persönliche Rehabilitation geht (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006).

2.4 Forschungsstand

Da der Konsum illegaler Substanzen gesellschaftlich verpönt ist und die Prävalenzraten, abgesehen von Cannabisprodukten, im Vergleich zu denen des Alkohol- oder Zigarettenkonsums gering sind, ist die epidemiologische Forschung in diesem Kontext sehr kosten- und zeitaufwendig. Um eine aussagekräftige Studie vorweisen zu können, müssten von den 60 Millionen Erwachsenen etwa 30.000 in einer Stichprobe befragt werden, um eine Anzahl von 100 Opiatabhängige zu erreichen (Hüfner, Metzger & Bühringer, 2006).

Der etwa alle drei Jahre durchgeführte Suchtsurvey untersucht in Form einer Querschnittsbefragung die Altersgruppe von 18-64 Jahren. Er ergab im Jahr 2009 eine Lebenszeitprävalenz von 26,7% für den Konsum irgendeiner oder mehrerer illegaler Drogen und 25,6% allein von Cannabis. Die 12-Monats- und die 30-Tagesprävalenz zeigen, dass die Altersgruppen von 18-24 Jahren die höchsten Konsumquoten aufweisen, welche mit zunehmendem Alter von 16,8% der 18-20-jährigen auf 0,3% der 60-64-jährigen in der 12-Montagsprävalenz langsam fallen. Der Vergleich mit früheren Studien zeigt einen enormen Anstieg der Prävalenz von 14,6% (1990) auf 37,6% (2009) der 18-39-Jährigen (Kraus, Pabst, Piontek, & Müller, 2010).

Für den Einstieg in den Substanzkonsum gilt das Jugendalter als entscheidende Phase. Mit der umfangreichen und regelmäßig wiederholten Studie der BZgA[14] zur Drogenaffinität gibt es speziell für diesen Lebensabschnitt umfassende Daten für die Bundesrepublik Deutschland. Sie ist als Repräsentativstudie angelegt und untersucht den Tabak-, Alkohol- und Drogenkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12-25 Jahren. Sie zeigt, dass die Lebenszeitprävalenz des Konsums von Cannabis in den Jahren 1979 bis 2004 von 14,1% auf 31,1% deutlich zugenommen hat, aber zum Jahr 2008 wieder auf 28,3% gesunken ist. Ähnlich verhält es sich mit dem regelmäßigen Cannabiskonsum: waren es 1993 noch 4,4% der 12-25-Jährigen, sank auch diese Zahl im Jahr 2008 auf immerhin nur noch 2,3%. Die jeweiligen Werte für die Altersgruppe der 12-17-Jährigen liegen bei der Lebensprävalenz mit 4,9% im Jahr 1979 und 9,6% im Jahr 2008 und beim regelmäßigen Konsum mit 1,7% im Jahr 1993 und 1,1% im Jahr 2008 deutlich unter denen der Gesamtgruppe (Abb. 1; 2) (BZgA, 2010).

Nicht zu vergessen ist bei den alarmierenden Daten, dass ein Großteil des Substanzkonsums Cannabisprodukte betrifft. Da Cannabis unter den illegalen Drogen auf Grund geringerer Suchtwirkungen als weicher eingestuft wird, sind diese Gesamtergebnisse differenziert zu betrachten. Wie dem Suchtsurvey zu entnehmen ist, beträgt der Anteil von Cannabisprodukten ca. 95% der insgesamt konsumierten Menge. Die inzwischen weltweit umstrittene Einstufung von Cannabis als Einstiegsdroge wird von Cohen und Sas (1997) widerlegt und man kann davon ausgehen, dass das Konsumverhalten bei vielen Konsumenten nicht über einen Probierkonsum hinausgeht. Da dieser jedoch in die Statistik als normaler Konsum einfließt, sind hierbei Studien hilfreich, die zwischen ein- oder mehrmaligem, allgemeinem oder dauerhaften Konsum unterscheiden wie die Drogenaffinitätsstudie der BZgA.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1:Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums (BzgA 2008, S. 11)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Regelmäßiger Cannabiskonsum (BzgA,2008 S. 12)

3 Erklärungsmodelle für die Entwicklung substanzbezogener Störungen

Für die Erklärung der Sucht- oder Abhängigkeitsentwicklung existieren viele Theorien, die teilweise aufeinander aufbauen, sich ergänzen oder auch komplett konträr oder parallel gesehen werden können. Um einen umfassenden, aber dennoch überschaubaren Überblick zu erhalten, ist die Einbeziehung von Faktoren unterschiedlicher Bereiche aus dem Lebensumfeld sinnvoll. Da die einzelnen Faktoren sehr vielzählig und weitgreifend sind, werden die wichtigsten in Oberbegriffe zusammengefasst und dargestellt. Bedeutende Ansatzpunkte sind Entwicklungsaufgaben, kritische Lebensereignisse und Persönlichkeitsmerkmale. Sie haben einen direkten Bezug auf den Lebenslauf und die personale und körperliche Entwicklung. Weitere wichtige Ansätze sind die Peergruppen[15] und Gatewaytheorien. Die Gatewaytheorien besagen, dass bestimmte Gegebenheiten im Umfeld wie Familie, Schule oder Freunde den Einstieg in den Konsum begünstigen. Die genannten Faktoren umfassen den Lebensraum eines Menschen und entwickeln sich aus und durch diesen, stehen also in einer engen Wechselbeziehung miteinander. Viele Erklärungsansätze oder –modelle beschreiben aber auch eine Form der Resistenz, welche die Angriffsfläche der einzelnen Faktoren minimiert oder gar beseitigt. Universell gesehen sind dies beispielsweise personale Ressourcen wie ein hohes Selbstwertgefühl und eine effektive Bewältigungskompetenz (Filipp, 2002), aber auch soziale Ressourcen, wie Unterstützung durch Freunde und Familie.

[...]


[1] Auch Psychotrop: die Psyche und das Bewusstsein beeinflussend.

[2] Anzahl der zum Untersuchungszeitpunkt Betroffenen

[3] Internationale Klassifikation der Krankheiten (10. Auflage)

[4] Starkes Verlangen

[5] Funktionseinheiten des Gehirns, die z. B. für die Verarbeitung von Emotionen, die Entwicklung von Triebverhalten, die Verarbeitung sensorischer Signale sowie die Generierung neuer Erinnerungen. Die einzelnen Einheiten sind miteinander verknüpft und funktionieren im Verbund.

[6] Unsicherer Gang

[7] Ausschalten der Schmerzempfindung

[8] gegensätzlich

[9] Ursache von Krankheiten

[10] Plötzlich und oft durch einen Reiz ausgelöstes intensives Wiedererleben eines früheren Erlebnisses oder Gefühlszustands.

[11] Als Auslöser fungierender Reiz.

[12] Konsumart, bei der pulverisierte Substanzen durch die Nase eingesogen und eingeatmet werden und durch die Nasenschleimhaut in den Blutkreislauf gelangen.

[13] Tetrahydrocannabiol, Wirkstoff von Cannabisprodukten

[14] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

[15] Gleichaltrigen- und/oder Interessengruppen

Details

Seiten
53
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656640851
ISBN (Buch)
9783656640820
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269225
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Gesundheitspsychologie
Note
1,3
Schlagworte
einstieg konsum drogen kontext

Autor

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