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Metafiktionalität und Metalepsen in Daniel Kehlmanns "Ruhm"

Eine vergleichende Analyse der Erzählungen "In Gefahr" [I] und [II]

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der literaturtheoretische Hintergrund: Metafiktionalität und Metalepsen

3. Textanalyse der Geschichte „In Gefahr“ [I] (S. 25-50)
3.1 Allgemeine Analyse
3.2 Metafiktionalität in „In Gefahr“ [I]

4. Analyse von „In Gefahr“ [II] (S. 191-203)#
4.1 Allgemeine Analyse
4.2 Metafiktionalität in „In Gefahr“ [II]

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? DieKomposition, die Verbindungen, der Bogen, aberkein Protagonist, kein durchgehender Held.“1

Was bei der Autorfigur Leo Richter noch eine Idee ist, hat Daniel Kehlmann 2009 in die Realität umgesetzt. Seinem neusten Werk „Ruhm“ gibt er den Untertitel „Ein Roman in neunGeschichten.“ Kehlmann spielt mit verschiedenen Erzählebenen, lässt die Grenzen von Wirklichkeit und Fiktion überschreiten, Handlungen ins Leere laufen, Figuren verschwinden undwieder auftauchen. „Ruhm“ ist mehr als eine Sammlung von Erzählungen und trägt zu Rechtden Zusatz „Roman“.2

Zwar ist Leo Richter nicht der „durchgehende Held“ der Kehlmann-Prosa. Zweifelsohne handelt es sich bei ihm aber um eine Schlüsselfigur für die Interpretation des Romans, der immerwieder explizit und implizit Literatur als Thema hat. Dazu nutzt Kehlmann verschiedeneSpielformen metafiktionalen und metaleptischen Erzählens. Alexander J. Bareis sieht im Roman gar ein „[…]veritables Feuerwerk des metafiktionalen und metaleptischen Erzählens.“3

Eine herausgehobene Stellung innerhalb des Werks haben die Erzählungen „In Gefahr“ [I] als zweite Episode des Gesamttextes und „In Gefahr“ [II] als letzte Episode, die eine Klammer um die restlichen Geschichten bilden, sich in der Erzählanlage und der Erzählstruktur unterscheiden und sich so hervorragend für eine vergleichende Analyse eignen.

Deshalb lautet die erkenntnisleitende Fragestellung dieser Hausarbeit: Inwiefern unterscheiden sich die beiden Episoden „In Gefahr“ [I] und [II] hinsichtlich metaleptischen und metafiktionalen Erzählsituationen? Dazu stelle ich folgende Hypothesen auf, mit denen ich mich in der Analyse auseinandersetze:

1. Während „In Gefahr“ [I] in weiten Teilen den Anschein von Fiktionalität wahrt, lässt sich „In Gefahr“ [II] als metafiktionale Erzählung analysieren.
2. Leo Richter ist in der Geschichte „In Gefahr“ [II] sowohl Autor als auch Figur.
3. Man kann beide Erzählungen als einen Machtkampf zwischen Leo Richter und Elisabethum den erzählerischen Einfluss lesen. Die metafiktionale Erzählanlage der zweiten Erzählungermöglicht Leo Richter einen größeren erzählerischen Einfluss, der jedoch nicht absolut ist.
4. Inhaltlich thematisieren beide Episoden die Selbstbezogenheit des deutschsprachigen Literaturbetriebs.

Kehlmanns Werk ist im Januar 2009 erschienen. Die Forschungsliteratur ist aus diesemGrund noch nicht besonders vielfältig. Neben den Rezensionen des Feuilletons gibt es zweiliteraturwissenschaftliche Aufsätze, die ich problemorientiert in meine Analyse einfließenlassen werde.

2. Der literaturtheoretische Hintergrund: Metafiktionalität und Metalepsen

Unter dem Begriff „Metafiktionalität“ versteht man Aussagen und Teile einer Erzählung, in denen sich die Erzählung selbst zum Gegenstand des Textes macht. Metafiktionale Elemente einer Erzählung durchbrechen das traditionelle Fiktionalitätskonstrukt. Eine einflussreiche Definition des Begriffs stammt aus Patricia Waughs Monografie „Metafiction“:

„Metafiction is a term given to fictional writing which self-consciously and systematically draws attention to its status as an artifact in order to pose questions about the relationship between fiction and reality. In providing a critique of their own methods ofconstruction, such writings not only examine the fundamental structures of narrative fiction, they also explore the possible fictionality of the world outside the literary fictionaltext.”4

Metafiktion hat nach Waughs Vorstellung auch das Ziel, uns zu zeigen, dass unser Alltag wie eine Geschichte konstruiert sein kann.5

Eine genauere Formbestimmung der Metafiktion liefert Werner Wolf.6 Zunächst unterscheidet er hinsichtlich der Vermittlungsform zwischen der „expliziten“, im Modus des „telling“gebrauchten Metafiktion und der „impliziten“, im Modus des „showing“ verwendeten, Metafiktion. Bezüglich der Häufigkeit des Vorkommens differenziert er zwischen punktuellenoder extensiven Metafiktionen, des Weiteren lässt sich nach der Bestimmung Wolfs eine Differenzierung zwischen direkten (auf den eigenen Text bezogenen) und indirekten (auf andere

Erzähltexte) Metafiktionen treffen. Eine weitere Differenzierung liegt in der Frage, inwieweit die Metafiktion Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Aussage/des Textteils/des Textes nimmt.7

Metafiktionen können dazu eingesetzt werden, die Fiktionalitätsillusion zu durchbrechen und distanzierend bloßzulegen, aber auch als Erweiterung und Spiel mit Erzählsituationen sowie als „poetologischer Reflexionsraum“ eingesetzt werden.8

Der Begriff der „narrativen Metalepse“ dagegen bezeichnet das Überschreiten „[…]eine[r] bewegliche[n], aber heilige[n] Grenze zwischen zwei Welten: zwischen der, in der man erzählt, und der von der erzählt wird.“9

Metalepsen sind also Verletzungen der Ebenenhierarchie, die die Konsistenz fiktionaler Welten infrage stellen. Darunter kann sowohl das Eindringen eines extradiegetischen Erzählersoder eines Lesers in die Welt der Erzählung („Diegesis“), eines intradiegetischen Erzählers indie metadiegetische Ebene oder auch umgekehrt der Übergang von metadiegetischen Figurenauf die intradiegetische Ebene (usw.) verstanden werden. Es stellt sich die Frage, ob die Weltdes Erzählers nicht auch wiederum Teil einer größeren Welt ist. Die Metalepse hat je nachVerwendung eine phantastische, absurde, komische oder illusionsstörende Wirkung10 undkann so dazu auffordern, Literatur als Kommunikationsmedium infrage zu stellen oder dieerzählerischen Möglichkeiten spielerisch zu erweitern. Man kann die Metalepse als Gegenteilder Herausgeberfiktion verstehen, „[...]die einen fiktionalen Text als nicht fiktional erscheinenlässt.“11

Erwähnung finden soll schließlich noch das Konzept des „unzuverlässigen Erzählens“ vonWayne C. Booth. Ein Erzähler ist „unzuverlässig“, wenn es Gründe gibt, seine Darstellungvon Fakten oder seine Bewertung der Geschehnisse anzuzweifeln.12 Unzuverlässiges Erzählenlässt sich subkategorisieren in die Teilbereiche „mimetische Unzuverlässigkeit“ (Handlungsverlauf widersprüchlich), „theoretische Unzuverlässigkeit“ (Aussagen über Sachverhalte widersprüchlich oder nicht zutreffend) und „evaluative Unzuverlässigkeit“ (zweifelhafte Bewertungen des Erzählers).13

[...]


1 Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Reinbek bei Hamburg 2009, S. 25.

2 Lothar Müllers Rezension in der SZ spricht ihm diesen Status dagegen ab. vgl. Lothar Müller: Sudoku ist kein Roman. In: Süddeutsche Zeitung, 16.01.2009. Online verfügbar unter: http://www.sueddeutsche.de/kultur/daniel-kehlmanns-neues-buch-ruhm-sudoku-ist-kein-roman-1.478263.Zuletzt geprüft: 28.07.2011.

3 Alexander J. Bareis: ›Beschädigte Prosa‹ und ›autobiographischer Narzißmus‹ - metafiktionales und metaleptisches Erzählen in Daniel Kehlmanns „Ruhm“. In: Metafiktion. Analysen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Hg. von J. Alexander Bareis und Thomas Grub. Berlin 2010, S. 243.

4 Patricia Waugh: Metafiction. Theory and practice of self-conscious fiction. London und New York 2003, S. 2.

5 vgl. Waugh 2003, S. 18.

6 Werner Wolf: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst. Theorie und Geschichte mit Schwerpunkt auf englischem illusionsstörenden Erzählen. Tübingen 1993.

7 Ansgar Nünning (Hrsg.): Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbegriffe. Stuttgart 2004, S. 488.

8 vgl. ebd.

9 Gérard Genette: Die Erzählung. Paderborn 2010, S. 153.

10 Nünning 2004, S. 490.

11 Silke Lahn; Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart 2008, S. 90.

12 vgl. Lahn/Meister 2008, S. 183.

13 vgl. ebd.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656602798
ISBN (Buch)
9783656602781
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269202
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
metafiktionalität metalepsen daniel kehlmanns ruhm eine analyse erzählungen gefahr

Autor

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