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Dramentheoretische Aspekte in Wolfgang Borchert: "Draußen vor der Tür"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte

3. Dramentheoretische Analyse
3.1. Struktur und Inhalt
3.2. Dramenform
3.3. Figurenrede, Sprache und Stil

4. Die Entwicklung Beckmanns

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wolfang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“ ist 1947 innerhalb von acht Tagen entstanden und wurde noch im selben Jahr als Theaterstück in Hamburg uraufgeführt. Es ist eines der ersten und berühmtesten Dramen der deutschen Nachkriegszeit.

„Draußen vor der Tür“ handelt von dem Kriegsheimkehrer Beckmann, der nach Jahren des Kriegs und anschließender Gefangenschaft nach Deutschland zurückkehrt und es nicht schafft, sich in die bestehende Gesellschaft zu integrieren.

Seine Frau hat während seiner Abwesenheit einen anderen Mann geheiratet, sein Kind ist gestorben. Ein Suizidversuch gelingt nicht, sein früherer Vorgesetzter hält ihn für verrückt, eine Arbeitsstelle bleibt ihm verwehrt und seine Eltern haben sich während des Kriegs umgebracht. Seine Fragen bleiben unbeantwortet, sein Klagen ungehört - Beckmann kehrt heim, bleibt hier jedoch „draußen vor der Tür“.

Wie viele andere zeitgenössische Dramen ist auch Borcherts Werk nicht als klassisches Drama anzusehen. Dies hängt zum einen mit den vorherrschenden historischen Ereignissen nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland und der damit verbundenden ‚Stunde Null‘ zusammen. Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 erfolgte für fast alle Menschen und alle Bereiche des Lebens ein Neuanfang - auch in der Literatur. Franz Norbert Mennemeier spricht wie Peter Szondi und viele andere Literaturwissenschaftler von einer Krise des Dramas nach dem zweiten Weltkrieg und begründet dies folgendermaßen: „Die dramatische Produktion musste unter diesen Verhältnissen am stärksten leiden. Denn sie ist in besonderer Weise auf Tradition, auf handwerkliches Wissen und praktische Kenntnisse, auf die Institutionen und den kontinuierlichen Verkehr mit ihnen angelegt. 1945 herrscht also tabula rasa.“[1]

Borcherts Stück ist daher aus formalen und inhaltlichen Gründen kein klassisches Drama. Borchert thematisiert in seinem Drama das Schweigen bzw. ein Nicht-sprechen-wollen einer ganzen Generation. Aus diesem Grund entsteht kein wirklicher Dialog, und daraus ergibt sich eine gewisse Handlungslosigkeit. Dies sind Charakteristiken, die ein Drama eigentlich unmöglich machen.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Werkes dargestellt. In einem weiteren Schritt soll das Drama „Draußen vor der Tür“ aus dramentheoretischer Sichtweise betrachtet und analysiert werden. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf der strukturell-inhaltlichen Ebene, auf der sich daraus ergebenden Dramenform und auf der verwendeten Sprache bzw. dem Stil. Damit soll versucht werden, anhand dramentheoretischer Paramater - wie beispielsweise der ‚Episierung‘ und der ‚Lyrisierung‘ des Dramas - festzustellen, inwiefern sich Borcherts Stück vom klassischen Dramenmodell abwendet, es Szondis Theorie des modernen Dramas entspricht und warum Borchert diese Abwandlung vorgenommen haben könnte. Abschließend soll in einem interpretatorischen Ansatz die Frage diskutiert werden, ob und inwiefern sich die Hauptfigur Beckmann im Verlauf des Dramas entwickelt bzw. einem inneren Wandel unterliegt, da dieser Prozess von den bereits angesprochenen dramentheoretischen Parametern entscheidend determiniert wird.

2. Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte

Der 24-jährige Wolfgang Borchert, selbst Soldat an der Ostfront von 1941–1943, findet nach seiner Flucht aus französischer Kriegsgefangenschaft und seiner Rückkehr nach Hamburg im Jahr 1945 seine Heimat als Trümmerhaufen vor. Hamburg gleicht zu dieser Zeit vom Krieg gezeichnet einer Ruine.

Am 3. Mai 1945 wird Hamburg an die britischen Truppen übergeben, fünf Tage später wird die offizielle Urkunde über die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht unterzeichnet. Der Zweite Weltkrieg ist damit beendet und Deutschland wird von den alliierten Siegermächten regiert.

Borcherts Gesundheitszustand nach seiner Rückkehr ist schlecht, er leidet an Fieberanfällen und Gelbsucht. Ähnlich wie Borchert ergeht es vielen anderen Soldaten, die nach und nach in ihre Heimat zurückkehren. Die Lebensmittelversorgung ist mangelhaft, so dass viele Menschen an Hunger oder Durst sterben. Es sind vor allem die sogenannten „Trümmerfrauen“, die buchstäblich Stein für Stein den Wiederaufbau der in vielen Gebieten überwiegend zerstörten Infrastruktur durchführen.

Heinrich Böll berichtet über „Draußen vor der Tür“: „Es entstand natürlich in dieser krassen Not, wo es ja wirklich um ein paar Scheiben Brot ging […].“[2] Weiter kommentiert er die Lebenseinstellung der in Borcherts Stück auftretenden Figuren: „Das hängt auch alles mit dem Krieg zusammen. Wenn sie so eine Katastrophe hinter sich gebracht und überlebt haben […], dann entsteht natürlich auch eine fast nihilistische Gleichgültigkeit gegenüber so im festen Vertrauen gebauten Dingen wie Häusern oder Gesellschaftsordnungen, […].“[3]

Das Drama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert wurde am 21. November 1947 -einen Tag nach Borcherts Tod- unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Bereits am 13. Februar 1947 hatte der Nordwestdeutsche Rundfunk das Drama als Hörspiel im Abendprogramm gesendet. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen, wobei einerseits glühende Zustimmung und andererseits krasse Ablehnung festzustellen war. Während die einen Borcherts Stück als Befreiung und Erleichterung ansahen und sich mit Beckmanns Schicksal identifizieren konnten, empfanden viele Hörer Borchert als frechen Ruhestörer. Auch einige ehemalige Militäroffiziere meldeten sich zu Wort, da sie sich in der Figur des Obersts böswillig karikiert und angegriffen fühlten. Groß war ebenfalls die Zahl der Kritiker, die Borchert Blasphemie vorwarfen. Der alte, müde, jammernde Gott in Borcherts Stück stimmte nicht mit ihrer christlichen Sichtweise überein.[4] Nichtsdestotrotz zählt das Stück bis heute zu den wichtigsten westdeutschen Bühnenwerken der Nachkriegsjahre.

Doch nicht nur Hörer, Zuschauer und Leser des Stückes von Wolfgang Borchert hatten geteilte Meinungen, auch in der Forschungsliteratur wurde das Drama auf sehr unterschiedliche Weisen aufgefasst: Bernhard Meyer-Marwitz beschrieb Borcherts Werk folgendermaßen: „Dieses Stück ist in der Glut einer irdischen Vorhölle gebrannt worden, es ist mehr als eine literarische Angelegenheit, in ihm verdichten sich die Stimmen von Millionen, von Toten und Lebenden, von vorgestern, gestern, heute und morgen, zur Anklage und Mahnung. Das Leid dieser Millionen wird Schrei. Das ist Borcherts Stück: Schrei!“[5] Die häufigsten mit Borcherts Stück in Beziehung gesetzten Schlagwörter sind wohl ‚Appell‘, ‚Mahnruf‘, ‚Klage‘ und ‚Aufschrei‘.

Theo Elm dagegen sieht das Stück in der gängigen Tradition der Mitleidspoetik Lessings und Büchners, wobei vor allem das Mitgefühl der Leser und der Zuschauer mit den Figuren im Werk anstelle von neuartigen Ideen und nüchternen Gedanken im Mittelpunkt steht.[6]

In einem Punkt ist sich die Forschungsliteratur jedoch einig: Borcherts Werk ist die Anklage und Dokumentation der vorherrschenden chaotischen Zustände im Nachkriegsdeutschland des Protagonisten Beckmanns, dessen Schicksal stellvertretend für das von Millionen von Kriegsheimkehrern, Flüchtlingen und Heimatvertriebenen steht. Wie die Literatur selbst, steht eine ganze Generation vor der Stunde null, wobei es sich dabei für einige um einen Neuanfang und für andere um ein Ende handelt.

In den Jahrzehnten nach der Erscheinung des Stücks wurden von einigen Kritikern vermehrt inhaltliche und formale Schwächen bemängelt. H.E. Holthusen beispielsweise bezeichnete bereits 1951 Borcherts Stück als „falsche und künstliche Motivballung und theatralisches Geschrei“[7].

Eines der Hauptaugenmerke dieser Arbeit soll es sein, diese Elemente, die als ‚formale Schwächen‘ angesehen wurden, aufzudecken und zu überprüfen, ob es nicht eher lediglich Merkmale der Abweichung vom klassischen Drama sind.

3. Dramentheoretische Analyse

Im folgenden Abschnitt soll Wolfang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ unter dramentheoretischen Gesichtspunkten analysiert werden. Vor allem die Betrachtung der Struktur, der Sprache, der Figurenrede und der Einteilung in eine bestimmte Dramenform ermöglicht Aufschlüsse über das Verhältnis des Stücks zu dem klassischen Dramenmodell nach Aristoteles bzw. der Theorie des modernen Dramas nach Szondi.

3.1. Struktur und Inhalt

Schon Titel und Untertitel des Dramas „Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“[8] sind in zweierlei Hinsicht aufschlussreich. Einerseits verweist die besondere Bezeichnung auf die doppelte Kommunikationsstruktur des Dramas an sich. Dem fiktionalen Geschehen des inneren Kommunikationssystems auf der Bühne steht ein äußerer, realer Zuschauerraum gegenüber. Andererseits wird bereits durch den Titel eine eindeutige Medienreferenz verdeutlicht: Borcherts Stück ist als Hörspiel konzipiert worden und eben nicht als Drama, das zur theatralischen Aufführung gedacht war.[9]

Nikolaus Gatter interpretiert das ‚Stück‘ als Subjekt und ‚Theater‘ und ‚Publikum‘ als Objekte des Satzes. Das Stück als textuelle Einheit erlangt damit Autonomie in der Dynamik des äußeren Kommunikationssystems. In diesem Fall würde die gewohnte wirkungsästhetische, theatralische Vermittlung sabotiert werden und stattdessen die Wirklichkeit des Geschehenen in den Mittelpunkt gerückt werden.[10]

Des Weiteren lässt sich dieses konzeptionelle Verhältnis des ‚Drinnen‘ gegenüber dem ‚Draußen‘ auch auf der inhaltlichen Ebene des Dramas noch einige Male feststellen.

Im Personenregister finden sich Charakterisierungen der dramatis personae.[11] Hier werden auch eindeutig nicht sichtbare, psychische Dispositionen der Protagonisten erläutert und damit Grundlagen für das weitere Verständnis der Handlung geschaffen. Diese Personenbeschreibungen sind jedoch untypisch und sprengen den Rahmen des klassischen Dramas, da sie weder als gängige explizite noch implizite Figurencharakterisierung aufgefasst werden können. Es handelt sich dabei eindeutig um eine Episierung des Dramas.

Borcherts Drama folgt nicht dem klassischen 5-Akt-Schema, sondern ist in fünf Szenen unterteilt. Diesen Szenen sind eine Vorbemerkung, ein Vorspiel und ein Traum vorangestellt.

[...]


[1] Franz Norbert Mennemeier: Modernes Deutsches Drama II. Kritiken und Charakteristiken. München: Fink 1975, S. 140.

[2] Heinrich Böll: Drei Tage im März. Gespräch mit Christian Lindner vom 11.–13. 3. 1975. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll. Interviews I (1961-1978). Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 395.

[3] Ebd., S. 395.

[4] Vgl. Bernd Kraske: Draußen vor der Tür. Anmerkungen zur Hörspiel-Rezeption. In: Rudolf Wolff (Hrsg.): Wolfgang Borchert. Werk und Wirkung. Bonn: Bouvier 1984, S. 47-52.

[5] Bernhard Meyer-Marwitz: Wolfgang Borchert. Biografisches Nachwort. In: Ders. (Hrsg.): Wolfgang Borchert. Das Gesamtwerk. Hamburg: Rowohlt 1949, S. 342.

[6] Vgl. Theo Elm: Draußen vor der Tür. Geschichtlichkeit und Aktualität Wolfgang Borcherts. In: Gordon Burgess u. Hans-Gerd Winter (Hrsg.): Pack das Leben bei den Haaren. Wolfgang Borchert in neuer Sicht. Hamburg: Dölling und Gallitz 1988, S. 276.

[7] Hans Egon Holthusen: Der unbehauste Mensch. Motive und Probleme der modernen Literatur. München: Piper 1951, S. 167.

[8] Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will. In: Johannes Diekhans (Hrsg.): EinFach Deutsch. Wolfgang Borchert. Draußen vor der Tür. Paderborn: Schöningh 2001, S. 7.

[9] Vgl. Fritz Martini: Das Drama der Gegenwart. In: Wolfgang Kayser (Hrsg.): Deutsche Literatur in unserer Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1959, S. 84.

[10] Vgl. Nikolaus Gatter: Beckmann (wacht auf): Sechzig Jahre Draußen vor der Tür. In: Heidi Beutin/Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann u. Holger Malterer (Hrsg.): Dann gibt es nur eins! Von der Notwendigkeit, den Frieden zu gestalten. Frankfurt am Main: Peter Lang 2009, S. 75.

[11] Vgl. Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür, S. 7.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656602194
ISBN (Buch)
9783656602149
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269198
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
3,0
Schlagworte
dramentheoretische aspekte wolfgang borchert draußen

Autor

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