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Beobachtungen im Hinblick auf die alttestamentliche Vorlage in Joseph Roth: "Hiob. Roman eines einfachen Mannes"

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Hiob des Alten Testaments

3. Der literarische Hiob und das moderne Judentum

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hiob, der gottesfürchtige Dulder und Rebell, ist wie kaum eine andere alttestamentarische Gestalt in unserem Alltag präsent, wenn auch nur als metaphorischer Empfänger von schlechten Nachrichten. Seit jeher griffen christliche und jüdische Dichter den Hiob-Mythos in ihren Werken auf, wenn auch nicht gleichgesinnt. Vor allem die Rezeption jüdischer Autoren wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte. Ihn im Frühjudentum als gottergebenen Dulder, im jüdischen Mittelalter jedoch als Gotteslästerer bezeichnend, sahen ihn gläubige Juden in der Moderne als Symbol für das Schicksal des Judentums im 20. Jahrhundert an.[1] Heinz Flügel beispielsweise macht „Hiob zum Inbegriff jüdischer Existenz“[2]. Joseph Roth verarbeitete in seinem 1930 erschienenen Roman „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“ die Thematik des biblischen Lehrbuchs. Roth selbst war ein in Österreich geborener, deutschsprachiger, jüdischer Schriftsteller[3], die Hauptfigur seines Romans Mendel Singer ist ebenfalls Jude[4]. Reicht dies aus, um den Roman der deutsch-jüdischen Literatur zuzuordnen? Diese Frage lässt sich sicherlich nicht pauschal beantworten, da seit der Erfindung des Begriffs ein reger Diskurs über die „richtige“ Definition herrscht. Andreas Kilcher versuchte folgendermaßen die „deutsch-jüdische Literatur“ zu definieren: „Umfasst diese nicht einfach, so könnte man argumentieren, die Literatur deutschsprachiger Schriftsteller jüdischer Herkunft?“[5] Nimmt man diesen Definitionsansatz als Grundlage, so lässt sich Joseph Roths Roman der deutsch-jüdischen Literatur problemlos zuordnen.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist, die Funktion und Wirkung des biblischen Hiob für die in Joseph Roths Text behandelte Problematik des Judentums aufzuzeigen.

2. Der Hiob des Alten Testaments

Hiob war der erste Mann im Morgenlande, der weithin über die Menschen herrschte, den Menschen gegenüber ganz Hoheit, Gott gegenüber ganz Demut. Er war fromm, gerecht, weise, mit himmlischen und irdischen Gütern gesegnet, von allen verehrt und geliebt.[6]

Mit diesen Worten beschreibt Margarete Susmann Ijob, den Protagonisten des gleichnamigen Buches des Alten Testaments, der seit Martin Luthers Übersetzung als „Hiob“ bekannt ist.

Von einem Tag auf den anderen wird jedoch das Leben Hiobs ins Gegenteil verkehrt: Seine Söhne werden erschlagen, seine Tierherden werden geraubt und innerhalb weniger Stunden wird ihm sein gesamtes Hab und Gut genommen.[7] Nachdem Hiob von alldem unterrichtet wird, reagiert er gottgetreu und ohne ein böses Wort über Gott zu sprechen:

Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: ‚Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt‘.[8]

Hiob übersteht diese erste Übeltat Satans, in seiner selbstverständlichen Gottesgewissheit, welche ihn auch in seinem späteren Leiden nie verlassen wird, auch wenn sie aus der Selbstverständlichkeit heraustritt. Eine Besonderheit in diesem Moment stellt Michael Zimmer fest: „Er redet noch von Gott, nicht mit Gott.“[9]

Die Qualen, die Hiob zu erdulden hat, gehen jedoch weiter, indem er von einer schmerzhaften Krankheit, die ihn von der menschlichen Gesellschaft aussondert, entstellt wird und „von den Geringsten verachtet und verhöhnt, nackt, bespien in der Asche sitzt; […].“[10] Seine Frau versucht zudem, ihn gegen den grausamen und ungerechten Gott aufzureizen: „Sage Gott ab und stirb!“[11] Erst jetzt beginnt Hiob sich gegen Gott aufzulehnen, da er den göttlichen Willen und die göttliche Gerechtigkeit nicht mehr versteht. Seine Gottesgewissheit ist jedoch nach wie vor nicht gewichen, gerade durch die Leiden die ihn Gott erfahren lässt, wird Hiob sich der Existenz und der Macht des Herrn bewusst. Dies erklärt sein Hadern und sein Rechten gegen Gott: „Nur um das einmal wahrhaftig Besessene wird so gerungen; nur der Liebende kann so rechten; nur um den Geliebten wird so gelitten.“[12]

Hiob sucht nun, ohne sie zu finden, nach der Gerechtigkeit Gottes. Durch diese Vergeblichkeit ist er gezwungen, nach seiner eigenen Schuld zu suchen, wodurch die Vergeblichkeit gesteigert wird, da er bei sich selbst keine Schuld findet.

Auch seine von ihm zur Hilfe gerufenen Freunde stehen dem Schicksal Hiobs macht- und ratlos gegenüber. Aus seinem Leid heraus ruft Hiob zu seinem Gott: „Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.“[13] Hier schließt sich nun für Michael Zimmer der Kreis, eine Lösung ist gefunden:

Indem sich Hiob in eine letzte Einsamkeit mit Gott begibt, in die kein Menschentrost, kein Menschenwort mehr eindringt, gerade da beginnt er mit Gott zu reden und kann so die tiefe Wahrheit ergründen.[14]

Die göttliche Prüfung überstanden, erhält Hiob alles Verlorene zweifach zurück und damit auch die Gerechtigkeit Gottes.[15]

Nach dieser groben Ausführung über den Inhalt des biblischen Buches und darüber, wie sich der Protagonist darin auszeichnet, wird nun die Wirkungsgeschichte Hiobs dargelegt:

Garbielle Oberhänsli-Widmer stellt folgende Überlegung zur Hiob-Thematik an:

Das Buch Hiob ist wohl einer der philosophischsten Texte der Hebräischen Bibel in dem Sinn, als dieses Buch […] das Problem der Theodizee gedanklich zu durchdringen sucht: Inwiefern ist Gott für das Böse in der Welt verantwortlich? Wieso leidet der Gerechte?[16]

Durch Hiob selbst, seine Freunde, Gott und auch durch das Narrative des Gesamttextes werden verschiedenste Antworten auf diese Frage gegeben. Aus dieser Fülle von widersprüchlichen Lösungsansätzen und durch die ambivalente Haltung Hiobs als Dulder und Rebell ergibt sich das enorme Spannungspotenzial des biblischen Buches.[17] Eine endgültige Antwort auf Hiobs Frage wird jedoch nicht gegeben, „sie schwebt vielmehr über dem Zusammenspiel der Ansätze und regt die spätere Wirkungsgeschichte Ijobs zum Weiterdenken an.“[18]

Die Diskussion über die Wirkung Hiobs beginnt in der jüdischen Antike um die Zeitwende, also im Frühjudentum. Das „Testament Ijobs“ ist ein hellenistisch-jüdisches Werk eines unbekannten jüdischen Autors und greift zum ersten Mal den Hiob-Stoff auf. Es handelt sich hierbei im gesamten Text um einen Monolog eines zum Judentum konvertierten Hiobs, in dem er kurz vor seinem Tod seinen jüdischen Söhnen und Töchtern seine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt.[19] In dieser frühjüdischen Rezeption des alttestamentlichen Buches wird Hiob als ein jüdischer König, der über Ägypten herrscht, dargestellt. Dabei zeichnet er sich durch seine vorbildliche Armenfürsorge und durch die Unterstützung von Bedürftigen aus:

So weiß das Testament Hiobs von 42 Tischen, die als stete Einrichtung im Palaste Hiobs die Fremden und Witwen verköstigten, von Milchschwemme und wahren Butterbergen für die Untertanen, von Darlehen, die den armen Schuldnern erlassen wurden, von 7000 Schafen, deren Wolle Hiob für Waisen und Mittellose zur Verfügung stellte.[20]

Ein auffälliger Unterschied des frühjüdischen Hiob zu dem des Alten Testaments lässt sich im Umgang mit der Auferstehungs-Thematik erkennen: Während das alttestamentarische Buch den Gedanken einer Entlöhnung von zu Unrecht erlittenem Leid in einer kommenden Welt meidet, erweist sich das „Testament Ijobs“ als frühjüdisches Sondergut, indem es der Auferstehungslehre eine wichtige Rolle zuweist.[21] Die alttestamentliche doppelte Wiedergutmachung der Qualen wird soweit gesteigert, dass Hiob im „Testament Ijobs“ zusätzlich eine Entlöhnung in dieser und in der kommenden Welt erhält.[22]

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Hiob im Frühjudentum durchaus positiv angesehen wurde. Gabrielle Oberhänsli-Widmer erklärt sich sein Ansehen folgendermaßen: „Der Grund für die Ausgestaltung des frühjüdischen Hiob und seine Popularität liegt wohl darin, dass er ganz spezifische Anliegen seiner Epoche portiert hat: […].“[23]

Eines dieser Anliegen war beispielsweise das Begehren einer Exilgemeinschaft nach sozialer Fürsorge, welchem das außerhalb Israels geschriebene „Testament Ijobs“ mit seiner „Hiobs-Funktion“ entspricht.

Außerdem stellt die Auferstehung der Toten in einer von jüdischem Märtyrertum geprägten Zeit ein Hoffnungstopos dar. Man wünschte sich Wiedergutmachung in einer kommenden Welt für die frommen Juden, die –wie Hiob- unschuldig ihr Leben für das Festhalten an ihrem Glauben eingesetzt hatten.[24]

Im Laufe der Zeit setzt jedoch ein reger Diskurs über die jüdische Identität Hiobs ein. Seine in der Bibel beschriebene Herkunft ist keine jüdische, denn sowohl seine Heimatstadt „Uz“ als auch alle anderen benannten Orte liegen jenseits der israelitischen Grenzen:

Die talmudischen Weisen streiten sich nun […] über Ijobs Volkszugehörigkeit, schließen sich teilweise dem frühjüdischen ‚Testament Ijobs‘ an und erklären Ijob zum Juden, zum Teil jedoch sprechen sie ihm jede jüdische Provenienz ab.[25]

[...]


[1] Vgl. Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Ijob. Streiflichter einer jüdischen Lektüre. In: Religionsunterricht an höheren Schulen 50 (2007), S.291-299, hier S.293-294.

[2] Heinz Flügel: Hiob in der Gegenwartsliteratur. In: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.): Sie werden lachen- die Bibel. Stuttgart: Kreuz Verlag 1975, S.203-215, hier S.204.

[3] Vgl. Esther Steinmann: Von der Würde des Unscheinbaren. Sinnerfahrung bei Joseph Roth. Tübingen: Max Niemeyer 1984, S.23.

[4] Vgl. Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Köln: Anaconda 2010, S.7.

[5] Andreas B. Kilcher: Was ist <<deutsch-jüdische Literatur>>? In: Weimarer Beiträge 45 (1999) H.4, S.485-517, hier S.485.

[6] Margarete Susmann: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes. Frankfurt a.M.: Jüdischer Verlag 1996, S.36.

[7] Vgl. Die Bibel. Oder die ganze HEILIGE SCHRIFT des Alten und Neuen Testaments. Stuttgart: Württembergische Bibelanstalt 1969, S.576.

[8] Ebd., S.576.

[9] Michael Zimmer: Joseph Roth. Hiob. Interpretationen und Materialien. 2.Auflage. Hollfeld: Beyer 2008, S.68.

[10] Margarete Susmann: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes, S.37.

[11] Die Bibel, S.576.

[12] Margarete Susmann: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes, S.38.

[13] Die Bibel, S.588.

[14] Michael Zimmer: Joseph Roth, S.70.

[15] Vgl. Die Bibel, S.605.

[16] Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Ijob, S.292.

[17] Vgl. ebd., S.292.

[18] Ebd., S.293.

[19] Vgl. Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Hiob in jüdischer Antike und Moderne. Die Wirkungsgeschichte Hiobs in der jüdischen Literatur. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2003, S.168.

[20] Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Hiobtraditionen im Judentum. In: Thomas Krüger (Hrsg.): Das Buch Hiob und seine Interpretationen. Beiträge zum Hiob-Symposium auf dem Monte Verità vom 14.-19.August 2005. Zürich: Theologischer Verlag Zürich 2007, S.315-328, hier S.322.

[21] Vgl. ebd., S.321-322.

[22] Vgl. Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Hiob in jüdischer Antike und Moderne, S.169.

[23] Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Hiobtraditionen im Judentum, S.324.

[24] Vgl. ebd., S.324.

[25] Gabrielle Oberhänsli-Widmer: Ijob, S.293.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656602125
ISBN (Buch)
9783656602095
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269190
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
beobachtungen hinblick vorlage joseph roth hiob roman mannes

Autor

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