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Wahrer Altruismus oder versteckter Selbstvorteil?

Existiert wahrer Altruismus oder helfen Menschen ausschließlich wenn es ihnen einen Vorteil bringt?

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien der Motivation prosozialen Verhaltens
2.1 Motive hinter prosozialem Verhalten
2.2 Empathie als notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für Altruismus

3. Die Negative-State-Relief-Hypothese
3.1 Hypothesen und Methode
3.3 Ergebnisse

4. Die Empathie-Altruismus-Hypothese
4.1 Hypothesen und Methode
4.2 Ergebnisse

5. Diskussion

Literatur

1. Einleitung

Altruismus ist in der Psychologie die Motivation, die hinter einem Hilfeverhalten steht,das dem Helfenden selber keinen Vorteil oder gar einen Nachteil bringt. Dieerwartete Bilanz der Kosten des jeweiligen Verhaltens und des daraus entstehendenNutzens für den Helfenden muss also negativ sein, damit Altruismus gegeben ist.Davon abzugrenzen ist der Begriff des prosozialen Verhaltens, der sich allein auf dashelfende Verhalten bezieht, die Motivation hinter diesem also nicht miteinschließt(Aronson, Wilson & Akert, 2008).

Prosoziales Verhalten begegnet uns jeden Tag: die Autofahrerin, die anhält, um jemanden über die Straße gehen zu lassen, der Kommilitone, der hilft, heruntergefallene Bücher wieder aufzusammeln oder die Gastfamilie, die einen Austauschschüler unentgeltlich in ihren Kreis aufnimmt.

Handlungen dieser und anderer hilfreicher Art werden oft als Altruismus bezeichnet,doch wird bei dieser alltäglichen Nutzung des Begriffs außer Acht gelassen, wasMenschen überhaupt dazu bringt dieses Verhalten zu zeigen. Es stellt sich alsäußerst schwierig heraus, diese Frage zu klären, denn das einzige was wirbeobachten können, ist das gezeigte Verhalten, die Motivation dahinter lässt sichjedoch nur schwer ableiten. Im Beispiel des Kommilitonen, wäre es z.B. eineMöglichkeit, dass er die Bücher tatsächlich allein aus dem Grund aufsammelt, umdem Geschädigten zu helfen, genauso gut ist es aber auch möglich, dass er eineGegenleistung erwartet oder einer Norm entsprechen möchte, um Anerkennung inseiner sozialen Umwelt zu erlangen.

Abgesehen von der unklaren Motivation in Einzelfällen stellt sich aber eine nochgrundlegendere Frage: Existiert Altruismus überhaupt? Dies ist eine berechtigteFrage, denn fast alle angesehenen Motivationstheorien gehen von dem Endziel desEigennutzes von Handlungen aus, selbst wenn dies nicht immer bewusst erlebtwerden muss. Daraus muss gefolgert werden, dass Altruismus mit den meistenMotivationstheorien nicht in Einklang zu bringen ist (Batson, Duncan, Ackerman,Buckley & Birch, 1981). Besteht die Menschheit also pointiert gesagt nur ausegoistischen Individuen, denen nichts als ihr eigener Vorteil am Herzen liegt?

Diese Hausarbeit soll einen Beitrag dazu leisten diese Frage zu klären und dazu inPunkt 2 einige Theorien der Motivation prosozialen Verhaltens erläutern. Weiterhin werden zwei Hypothesen besonders herausgestellt, die sich in der Frage der Existenz von Altruismus entgegenstehen. In Punkt 3 und 4 wird dann auf zwei Studien näher eingegangen werden, die versuchen Evidenz für diese Hypothesen zu finden, um die Altruismusdebatte dann in der Diskussion anhand der zuvor dargestellten Theorien und Befunde zu erörtern.

2. Theorien der Motivation prosozialen Verhaltens

Altruismus ist ein motivationales Konzept, laut dem Menschen anderen Menschenhelfen, ohne dabei einen Vorteil für sich selbst zu erwarten bzw. mit einem Nachteilrechnen, es sich also um das reine Motiv zu Helfen handelt (Aronson, Wilson &Akert, 2008). Das bedeutet, dass die Frage nach der Existenz von Altruismusletztendlich die Frage nach der wahren Motivation hinter prosozialem Verhalten ist.Praktisch stellt sich dies aber als Problem dar, da nur Verhalten, die Motivation hinterdiesem jedoch, wenn überhaupt, nur indirekt beobachtet werden kann. Die ameinfachsten nachzuweisende Bedingung für Altruismus ist demnach das prosozialeVerhalten an sich. Dieses wird als Handlung mit dem Ziel, anderen MenschenVorteile zu verschaffen beschrieben. Wichtig ist, dass diese Definition aber auch dieHandlungen miteinschließt, die dem Helfenden selber Vorteile bringen, die Motivationkann also sowohl egoistisch als auch altruistisch sein und hat für die Klassifizierungals prosoziales Verhalten keinerlei Bedeutung (Aronson, Wilson & Akert, 2008).

Die andere Bedingung für Altruismus ist, wie schon erwähnt, die Motivation hinter dem Verhalten, da sich diese aber nicht direkt beobachten lässt, haben sich einige Theorien dazu entwickelt, auf die im folgenden Punkt eingegangen wird.

2.1 Motive hinter prosozialem Verhalten

Die Frage nach den Motiven hinter prosozialem Verhalten wird aus verschiedenen Theorierichtungen sehr unterschiedlich beantwortet.

Dabei teilen Batson, Van Lange, Ahmad und Lishner (2003, zit. nach Piontkowski, 2011) die Grundmotivationen, also die letztlichen Endziele prosozialen Verhaltens in vier Gebiete ein: den Eigennutz („egoism“), den Nutzen der Gruppe („collectivism“), die Aufrechterhaltung eines moralischen Prinzips („principlism“) und den Nutzen eines anderen („altruism“). Von diesen Endzielen soll es in dieser Arbeit vor allem um das Auftreten des letzten Ziels gehen, den Altruismus.

Beschäftigen wir uns zunächst mit der evolutionspsychologischen Sichtweise,basierend auf den Schilderungen von Aronson, Wilson und Akert (2008). Diesebasiert auf der Evolutionstheorie Charles Darwins (1859, zit. nach Aronson, Wilson &Akert, 2008), laut derer sich diejenigen Gene wahrscheinlicher fortpflanzen, die dasLeben des jeweiligen Individuums wahrscheinlicher erhalten. Dementsprechendmuss Hilfeverhalten dem Individuum oder spezifischer den Genen diesesIndividuums einen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteil bringen. Auf den erstenBlick scheint dies zwar nicht der Fall zu sein, doch haben sich im Laufe der Zeiteinige Erklärungsversuche herausgebildet, die prosoziales Verhalten als Vorteil beider Genselektion einordnen. Einer davon ist die Theorie der Verwandtenselektion,die besagt, dass auch die Förderung genetisch Verwandter die Weitergabe seinereigenen Gene fördert, da man mit diesen einen Teil der Gene gemein hat undtatsächlich hat sich in einer Studie von Sime (1983, zit. nach Aronson, Wilson &Akert, 2008) gezeigt, dass Menschen die den Brand in einer Ferienhausanlagemiterlebten eher nach Familienmitgliedern als nach Freunden suchten, was daraufhinweist, dass die Motivation hinter Hilfeverhalten, zumindest in einigen Fällen,tatsächlich die Erhaltung und Weitergabe des eigenen Genpools ist.

Für einen weiteren Erklärungsversuch wird die Reziprozitätsnorm herangezogen, lautderer bei einer Hilfeleistung erwartet wird, dass diese einem in Zukunft quasizurückgezahlt wird. Einem Menschen, der anderen hilft, wird also wahrscheinlicherauch von anderen geholfen. Diese Norm hätte sich leicht durchsetzen können, da dieÜberlebenschancen z.B. beim Kampf gegen wilde Tiere in einer Gruppe höherwären, als wenn sich jemand diesem alleine stellt und die Gene so wahrscheinlicherweitergegeben werden. Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe sind laut denevolutionspsychologischen Theorien also in unseren Genen kodiert, da sie unsereÜberlebens- und Fortpflanzungschancen erhöhen und spricht somit gegen dieAnnahme eines wahren Altruismus und eher für ein am Eigennutz und in gewisserWeise auch dem Nutzen der Gruppe orientiert motiviertem Hilfeverhalten.

Eine andere Theorie zu den Motiven hinter prosozialem Verhalten basiert auf dem Behaviorismus. Prosoziales Verhalten wird hier als Teil von Verhaltensmusterngesehen, die durch generelle Lernmechanismen erworben werden. DasHilfeverhalten wird also auf die soziale Umwelt die zurückgeführt, die demIndividuum durch Verstärkung erwünschten Verhaltens Normen und ethischeRichtlinien beibringt. Diese erlernten Verhaltensmuster wären dann an sich für dasIndividuum wertvoll und alleinige Auslöser der prosozialen Handlungen. DieAbwesenheit einer Kosten-Nutzen-Rechnung und somit die Abwesenheit derErwartung eines direkten Vorteils könnte schnell zu dem Schluss führen, dassinnerhalb dieses Theoriebereichs altruistisches Verhalten möglich ist, jedoch mussdabei bedacht werden, dass die Verhaltensmuster immer durch externeVerstärkungen gelernt und aufrecht erhalten werden, es sich also sozusagen um einSystem von Belohnung und Bestrafung handelt. Auch diese Theorie ist demnach mitdem Konstrukt eines wahren Altruismus nicht in Einklang zu bringen und erklärt amehesten ein an der Aufrechterhaltung eines moralischen Prinzips orientiertmotiviertes Verhalten (Piontkowski, 2011).

Die letzte Theorie, auf die in diesem Punkt eingegangen wird, ist die des sozialenAustauschs. Diese geht im Gegensatz zur behavioristischen Theorie von einerKosten-Nutzen-Rechnung aus, die Motivation für prosoziales Verhalten würdedemnach also immer dem Wunsch entspringen, unseren eigenen Nutzen zumaximieren und die Kosten dabei möglichst gering zu halten. Die angenommenenBelohnungen für prosoziales Verhalten sind dabei vielfältig und nicht von der Theorieeingegrenzt, so kann z.B. ausgehend von der, im Gegensatz zur evolutionspsychologischen Perspektive nicht genetisch determinierten, Reziprozitätsnorm eine Rückleistung der helfenden Handlung in der Zukunft erwartetwerden. Weiteren Nutzen könnte auch gesellschaftliche Achtung oder eineSteigerung des eigenen Selbstwertgefühls darstellen. Auch diese Theoriewiderspricht der Idee des Altruismus also, denn sie stellt den Nutzen vonHilfeleistung in den Vordergrund, welcher bei einer altruistischen Motivationüberhaupt keine Rolle spielen darf. Bezogen auf die vier Endziele muss man dieseTheorie eindeutig dem Endziel des Eigennutzes zuordnen (Aronson, Wilson & Akert,2008).

Im Endeffekt beinhaltet keine der vorgestellten Theorien die Möglichkeit der Existenzvon Altruismus, denn alle Theorien gehen von einem gewissen Nutzen für das helfende Individuum bzw. für die Gruppe oder von der Motivation moralische Prinzipien aufrechtzuerhalten aus. Doch altruistisches prosoziales Verhalten müsste allein durch den Wunsch motiviert sein, das Leid einer anderen Person zu mindern. Das bedeutet, das die erste Voraussetzung das Erkennen und in gewisser Weise mitfühlen des Leids eines anderen Menschen ist - mit anderen Worten: Empathie. Im nächsten Punkt wird deshalb der Zusammenhang zwischen Empathie und prosozialem Verhalten näher beleuchtet.

2.2 Empathie als notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für Altruismus

Wenn Altruismus als das reine Motiv das Leid anderer Menschen zu mindern gesehen wird, also der Definition des wahren Altruismus nach Aronson, Wilson und Akert (2008) gefolgt wird, ist Empathie eine nötige Voraussetzung für dessen Auftreten, denn ohne dieses Leid selber nachzuvollziehen ist es logisch auch nicht möglich den Wunsch zu verspüren, dieses Leid zu mindern.

Sollte es also keine Verbindung zwischen Empathie und prosozialem Verhaltengeben, das heißt, sollte empfundene Empathie zu einer Person nicht dieWahrscheinlichkeit erhöhen, dieser zu helfen, wäre Altruismus unmöglich. Allerdingszeigt sich laut Van Lange (2008, zit. nach Piontkowski, 2011) tatsächlich ein positiverZusammenhang zwischen Empathie und prosozialem Verhalten. Es zeigte sich, dassin Notsituationen in denen Empathie ausgelöst wurde, prosoziales Verhaltenwahrscheinlicher ist, als wenn dies nicht geschah. Daraus kann gefolgert werden,dass der Grad an Empathie ein Prädiktor für prosoziales Verhalten ist.

Dieser Befund zeigt also, dass Empathie eine Rolle bei der Entscheidung spielt, obwir helfen oder nicht, allerdings bleibt die Rolle an sich noch unklar, es zeigt lediglich,dass ein Nacherleben des Leids von anderen uns tatsächlich dazu motivieren kannzu helfen. Doch was löst die Handlung dann letztendlich aus und in welcher Art undWeise stehen Empathie und prosoziales Verhalten in Zusammenhang?Eine Theorie hierzu wurde von Cialdini, Darby und Vincent (1973) aufgestellt undnenn sich Negative-State-Relief-Hypothese. Laut dieser wird Empathie alsMechanismus verstanden, der uns bei Beobachtung des Leids von anderenMenschen potentiell selbst in eine schlechte Stimmung bringt. ProsozialeHandlungen wären dann eine Möglichkeit diesen Affekt wieder aufzuwerten.

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Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656601739
ISBN (Buch)
9783656601708
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269128
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
wahrer altruismus selbstvorteil existiert menschen vorteil

Autor

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