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Eine Neuorientierung der Prioritäten der Interpretation in Roland Barthes: "Der Tod des Autors"?

Seminararbeit 2013 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

„Was ist ein Autor?“ - Versuch einer Definition

Autorschaft und Textgenese

Gedankenprozesse

Wer spricht? - Wen kümmert's, wer spricht?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung:

In seinem Essay 'Der Tod des Autors' plädiert Roland Barthes für die vollständige „Verabschiedung des Autors aus der Interpretation literarischer Texte“[1]. Im Folgenden soll diese These durch das hinzuziehen von verschiedenen anderen Quellen und Theorien von weiteren Literaturwissenschaftlern geprüft und in Kontrast zu eben diesen gestellt werden. Zuerst sollte eine Definition, oder zumindest die Annäherung an eine Definition des Autorbegriffs gefunden werden. Dies wird sich, wie im Folgenden klar werden sollte, als ein schwieriges Unterfangen herausstellen, da die Untersuchung des Begriffs des Autors in der Literaturwissenschaft ein weites Feld für Spekulationen, Mutmaßungen und verschiedenste Interpretationen eröffnet hat. Beim finden einer angemessenen Lösung zu diesem Problem wird - neben anderen Quellen - vor allem Michel Foucaults Vortrag 'Was ist ein Autor?' eine entscheidende Rolle spielen.

Daraufhin wird dieser Aufsatz das Verhältnis zwischen Autor und Textgenese untersuchen und hierbei die Konzepte des Genies und des rationalen Schreibers gegenüberstellen. Hierzu werden einige Auszüge aus Anne Bohnenkamps Theorien zur Textgenese zur näheren Erläuterung herangezogen werden. In Barthes' Argumentation sind außerdem auch starke Parallelen zu den Erläuterungen von Platon zum Gedankenprozess zu finden. Diese sollen verglichen und auf ihre Aktualität für die heutige Forschung untersucht werden. Außerdem wird dieser Text Barthes' Vorschlag einer Fokussierung des Interpretationsansatzes weg vom Autor und hin zum Rezipienten vorstellen. Zur Unterstützung dieser Argumente wird wiederum der Vortrag von Michel Foucault herangezogen werden. Hierbei wird sich auch eine (zumindest teilweise) Bestätigung der These vom 'Tod des Autors' finden lassen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es eine neue und unkonventionelle Perspektive zur Interpretation literarischer Texte zu erörtern, die sich von der „naive(n) Identifikation von Werkbedeutung und Autorbiographie“[2] verabschiedet. Hierbei sollen der Interpretation neue Impulse gegeben werden. Letztendlich wird sich zeigen, dass eine totale Einschränkung der Interpretation eines Textes auf den Autor zwar ihre Berechtigung hat, sie jedoch im Sinne des aktuellen Forschungsstandes unzweckmäßig ist.

1. „Was ist ein Autor?“ - Versuch einer Definition

Um die Frage nach dem möglichen Tod des Autors zu beantworten bedarf es einer einheitlichen Festlegung dessen, worüber schlussendlich verhandelt werden soll. Es ist kein einfaches Unterfangen, zu versuchen, den Begriff des Autors in eine Definition zu zwängen, die von allen Strömungen der Forschung als gültig angesehen werden soll. Für diese Arbeit soll es fürs Erste ausreichen, den Autorbegriff so zu definieren, dass er dem Zweck der folgenden Ausführungen dienlich ist. Michel Foucault bezeichnet in seinem Vortrag 'Was ist ein Autor?' den Begriff des Autors als „Angelpunkt für die Individualisierung in der Geistes-, Ideen- und Literaturgeschichte, auch in der in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte“[3]. Jedoch beschränkt sich Foucault in seinem Vortrag lediglich auf die reine Beziehung des Texts zum Autor und lässt kulturelle und historische Entwicklungen vorerst beiseite. Deshalb wird diese Arbeit den Begriff des Autors auf „die Art“ hin untersuchen, „in der der Text auf jene Figur verweist, die ihm, wenigstens dem Anschein nach, äußerlich ist un ihm vorausgeht“ (WieA S. 202). Darüber hinaus sollte man den Begriff des Autorsjedoch nicht untersuchen, ohne auf seine Etymologie einzugehen. So schreibt der Verleger Michael Klett in seiner Ausführung 'Autor und Autorschaft, verlagsseitig gesehen' über den Autor folgendes:

Man kann über den Autor nicht reden, ohne über die Wortwurzel zu sprechen. Auctor - das Wort enthält viel, vielleicht alles zum Verständnis. Es heißt unter anderem Mehrer, Förderer, Stifter, Gründer, Führer und natürlich auch unser Urherber. Und auctoritas hat über das gewohnte Verständnis hinaus eine schöne abgelegte Bedeutung aus dem Mittelalter, nämlich die eines Satzes, der hohe Beispielhaftigkeit enthält, der es wert ist, wieder und wieder gelesen zu werden.[4]

Außerdem verweist Klett auf einen weiteren Aspekt des Autorbegriffes - die vom Autor getragene Verantwortung für sein Werk, indem er sagt:

Für gewöhnlich rechnet man dem Autor Verantwortung zu, man erwartet, wenn man ihm zuhört oder ihn liest, dass er einem etwas Rechtes sagt und nichts Böses im Schilde führt [...]. Leider ist das nicht immer so [...]. Auch ein totalitärer Propagandist ist ein Autor, auch wenn er mehr der Ghostwriter eines tyrannischen Willens ist. Sein Werk ist Lüge, dass die Menschen in Unheilvolles lenken soll. Vielleicht wird der Aspekt geistiger Täterschaft des Autors hier am deutlichsten.[5]

Diese Argumentation ist etwas problematisch, da ihr eine utopisch angehauchte Traumvorstellung vom Guten im Menschen und dessen Wert zugrunde liegt. Sie impliziert die Vorstellung, dass der Autor als Person durch sein Schreiben bewusst Einfluss auf den Rezipienten ausüben möchte. Dies stehtjedoch im Kontrast zu der von Barthes aufgestellten These, dass sich die Stimme des Autors in jenem Moment verliert, in dem er einen Satz zu Papier bringt, „weil die Schrift [écriture] jede Stimme, jeden Ursprung zerstört“ (TdA S. 185). Michel Foucault bezeichnet dieses Phänomen als die „Verwandtschaft des Schreibens mit dem Tod“ (WieA S. 203). Kann von einer Verantwortung oder sogar einer Täterschaft also überhaupt die Rede sein?

Fassen wir also zusammen: Der Autor ist einerseits eine Art ungreifbare Figur, die dem Text - anscheinend - vorausgeht, aus jener der Text erst entsteht. Andererseits ist der Autor eine leibhaftige Person, die Interessen hegt, Absichten gegenüber dem Rezipienten hat, Urheber und somit scheinbar auch für ihr Erzeugnis und dessen Wirkung verantwortlich ist. Jedoch ist klar zu sehen, dass im Bezug Autor-Text mit dem Voranschreiten der Forschung sowie dem einfließen neuer Ideen und neuer Ansätze zur Interpretation literarischer Texte der Autor immer mehr an Bedeutung verliert und seiner statt der Rezipient in den Fokus gerät (TdA S. 187). Barthes selbst definiert den Begriff des Autors folgendermaßen:

Der Autor ist eine moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im französischen Rationalismus und im persönlichen Glauben den Wert des Individuums entdeckte - oder, wie man würdevoller sagt, der 'menschlichen Person'. (TdA S. 186)

2. Autorschaft und Textgenese

Weitere Belege für das Verschwinden bzw. den sprichwörtlichen Tod des Autors finden wir in der aktuelleren Forschung zur Textgenese. Die Literaturwissenschaftlerin Anne Bohnenkamp schreibt:

Während die Varianten der traditionellen Editionsphilologie durchweg Überlieferungs- oder Fremdvarianten sind, die die Geschichte eines Textes ab einem vom Editor unterstellten Moment seiner ursprünglichen Vollendung dokumentieren (dem sich wieder anzunähern das Ziel der Texterstellung durch den Herausgeber ist), gelten als Zeugen der 'Textgenese' eben die Entsehungs- oder eben Autorvarianten, deren weit verbreitete Gleichsetzung die Auffassung dokumentiert, daß ein Text nur so lange 'entsteht', als sein Autor an ihm arbeitet, jedoch 'verdirbt', sobald ein Anderer (Setzer, Schwestern, Zensoren usw.) Hand an ihn legt - es sei denn, es sei denn solche Eingriffe erfolgten mit ausdrücklicher Billigung des Autors, wären also 'autorisiert'.[6]

Ein Text entsteht also nur solange der Autor ihn tatsächlich bearbeitet. Diese Aussage lässt sich auch in Roland Barthes Werk wieder finden. Er führt nämlich an, dass der Autor „linguistisch gesehen [...] immer nur derjenige (ist), der schreibt [...]. Die Sprache kennt ein 'Subjekt', aber keine 'Person'.“ (TdA S.188) Begründet wird diese Aussage von ihm mit der Argumentation, dass „jeder Text immer hier und jetzt geschrieben“ (TdA S.189) ist. Dies folgt laut Barthes aus der Tatsache, dass Schreiben nicht mehr länger eine Tätigkeit des Registrierens, des Konstatierens, des Repräsentierens, des 'Malens' (wie die Klassiker sagten) bezeichnen kann, sondern vielmehr das, was die Linguisten im Anschluss an die Oxford-Philosophie ein Performativ nennen, eine seltene Verbalform, die auf die erste Person und das Präsens beschränkt ist und in der die Äußerung keinen anderen Inhalt (keinen anderen Äußerungsgehalt) hat als eben den Akt, durch den sie sich hervorbringt - etwa das Ich erkläre von Königen oder das Ich singe von sehr alten Dichtern. (TdAS. 189)

[...]


[1] Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Textezur Theorie der Autorschaft. S. 181. Hrsg. von Fotis Jannidis,

[2] Gerhard Lauer, Matias Martinez und Simone Winko. Reclam, Stuttgart 2000. Im Folgenden wird dieser Text mit der Abkürzung TdA im Haupttext in Klammern nachgewiesen.

[3] Michel Foucault: Was ist ein Autor?. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. S. 202. Hrsg. von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez und Simone Winko. Reclam, Stuttgart 2000. Im Folgenden wird dieser Text mit der Abkürzung WieA im Haupttext in Klammern nachgewiesen.

[4] Michael Klett: Autor und Autorschaft, verlagsseitiggesehen. In: Autorschaft - Zeit. S.28. Hrsg. von Günter Figal und Gerog Knapp. Attempo-Verl. Tübingen 2010

[5] Ebd. S. 29

[6] Anne Bohnenkamp: Autorschaft und Textgenese. In: Autorschaft - Positionen und Revisionen. S.65. Hrsg. von Heinrich Detering. Metzler. Stuttgart; Weimar 2002

Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656601494
ISBN (Buch)
9783656601487
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269120
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Autorschaft Theoretischer Text Literaturwissenschaft Metatext Autor Textgenese Textherstellung Autorenschaft Was ist ein Autor? Der Tod des Autors Roland Barthes Barthes Theorie

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