Lade Inhalt...

Musik und Computer. Eine sinnvolle Kombination in der Schule

Examensarbeit 2008 91 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Musik und Computer - unzertrennliche Geschwister
2.1 Gemeinsame Geschichte
2.1.1 Die Anfänge 1942-1982
2.1.2 MIDI, Personal Computer und Homerecording 1983-1998
2.1.3 Web 2.0 und rasante Entwicklung 1999-2008
2.2 Jugendliche in einer digitalisierten Welt

3 Musik und Computer in der Schule
3.1 Rolle des Computers im Unterricht
3.1.1 Der Computer im Lehrplan
3.1.2 Pädagogischer Nutzen des Computers .
3.1.3 Ziele des Musikunterrichts und Potenzial des Computers
3.1.4 Ein Blick in die Praxis
3.2 Kritik am Computereinsatz
3.2.1 Pädagogische Grenzen
3.2.2 Künstlerische Grenzen
3.2.3 Soziale Grenzen
3.2.4 Grenzen in der Praxis

4 Der Computer im Musikunterricht
4.1 Musikalisches Lernen
4.2 Informations- und Materialquelle
4.3 Akustik und Klangsynthese
4.4 Musikalische Analyse
4.5 Musizieren
4.6 Musik produzieren, bearbeiten und veröffentlichen
4.6.1 Sequenzer: Hintergründe
4.6.2 Sequenzer: Pädagogischer Wert
4.6.3 Sequenzer in der Schule - Worauf kommt es an?
4.6.4 Jüngste Entwicklungen: Loopbasierte Sequenzer
4.6.5 Programmübersicht: Loopbasierte Sequenzer

5 Unterrichtspraxis: Der Blues im Netz
5.1 Phase 1: Einführung in den Sequenzer
5.2 Phase 2: Improvisieren
5.3 Phase 3: Finalisieren und Veröffentlichen

6 Fazit

Sigel

Literatur

A Anhang

A.1 Übersicht: Internetadressen

A.2 Übersicht: Software

Abbildungsverzeichnis

2.1 MIDI Composer für den C64

5.1 Bildschirmfoto: Bluesschema, vertauschte Reihenfolge

5.2 Bildschirmfoto: Bluesschema, richtige Reihenfolge

5.3 Bildschirmfoto: Aufnahme mit Loopfunktion

5.4 Bildschirmfoto: Veröffentlichen von Musik

1 Einleitung

MP3, MySpace, MIDI, Sequenzer, Synthesizers und YouTube. Playlisten, Webradio, Online-Workshops, iPod und Homerecording. Virtuelle Instrumente,Software-Sampler, E-Learning und Onlineshopping von Musik. Eine Bandbreite an Schlagwörtern, die den Facettenreichtum von der Kombination ‚Musikund Computer‘ erahnen lässt. Doch welche Rolle spielt die Schule in der komplexen, digitalisierten Computerwelt? Und welche Rolle spielt die Computerwelt in der Schule?

Vor zwanzig Jahren begannen Pädagogen1 ) über Sinn und Unsinn des Einsatzes von Computern im Musikunterricht zu diskutieren. Die Einen warender Meinung, dass es fragwürdig sei, „ob man [. . .] durch Computerprogramme etwas über Töne und Klänge, Rhythmen und Formungen erfahren kann“(Gruhn 1988, S. 215). Die Anderen beklagten sich schon damals darüber, dass„Ausbildungsinstitute [. . .] mit ihrem Bildungsangebot weit hinter dem aktuellen Stand technischer Kenntnisse und Anwendungen herhinken“ (Enders undJerrentrup 1988, S. 235). Die Diskussion um den Computer im Unterrichtist jedenfalls nach wie vor intensiv im Gange, das zeigt die Menge an Fachliteratur sowie zahlreiche Publikationen in Fachzeitschriften. Bei diesem Themaherrscht große Diskrepanz zwischen dem was technisch möglich wäre und dem,was in der Schule tatsächlich umgesetzt wird. Doch obwohl sich schon zahlreiche Pädagogen und Musiker mit neuen Medien2 ) im Musikunterricht auseinandergesetzt haben, scheint es keinen Grund zu geben, das Thema als erledigtund gelöst abzustempeln. Laut Zukunftsprognosen wird Computermusik und

Musik im Computer stetig an Bedeutung gewinnen: „Unsere Gesellschaft und mit ihr die Musikindustrie werden in zehn Jahren nahezu vollständig nach der Logik des Internets funktionieren“ (Jánszky 2008, S. 33). Dass dies einen radikalen Wandel der Musikrezeption und -produktion, insbesondere bei Jugendlichen, zur Folge hat, liegt auf der Hand.

Gegenstand dieser Arbeit ist daher die Frage, wie eine sinnvolle Integration desComputers im Musikunterricht aussehen kann und wie die Schule3 ) auf gegenwärtige und zukünftige musikbezogene Phänomene der digitalen Revolution4 )reagieren kann und soll.5 ) Nach einem geschichtlichen Teil, über die technischenund gesellschaftlichen Zusammenhänge von Musik und Computern, betrachteich die Rolle des Computers im Schulkontext. Darauf folgt eine Zusammenstellung konkreter Einsatzmöglichkeiten im Musikunterricht. Aufgrund der enormen Fülle an Musiksoftware beleuchte ich in diesem Teil nur eine Auswahlan Programmen, die m. E. besonders für den Einsatz in der Schule geeignetsind. Abschließend lege ich ein Unterrichtsentwurf unter Berücksichtigung dererarbeiteten Ergebnisse dar.

2 Musik und Computer - unzertrennliche Geschwister

Musik lebt. Ist sie nicht eine dynamische, ausdrucksstarke, immaterielle undemotionsgeladene Kunst? Computer sind tot. Sind es nicht technische, vorpgrogrammierte, materielle und emotionslose Geräte? Einerseits fällt der Gedanke, diese beiden gegensätzlichen Welten zusammenzubringen, sehr schwer.Andererseits fällt er leicht, denn die Fusion zwischen Computern und Musikist heutzutage selbstverständlich. Wenn es um die Frage nach automatisierteroder programmierter Musik geht, lässt sich jedoch feststellen, dass diese Ideenschon weitaus länger bestehen als der Computer: „Die ältesten noch erhaltenen mechanischen Musikinstrumente sind die Glockenspiele in den Monumentaluhren des späten Mittelalters“ (Tenten 2005). In der Renaissance erfanden Kunsthandwerker dann „Musikautomaten und selbstspielende Spinette, dieüber Stiftwalzen gesteuert wurden“, später folgten Spieldosen, selbstspielendeKlaviere und schließlich Drehorgeln (vgl. ebd.). Es scheint, als seien die beidenWelten doch nicht so weit von einander entfernt. Schließlich trägt die Musik auch etwas Logisches, Mathematisches und Repetitives in sich. Rhythmusund Metrum lassen sich mathematisch darstellen und erklären. Viele musikalische Genres und Gattungen halten sich an feste Formen und Schemata. Liegtdemnach eine Verbindung von Computern und Musik sogar auf der Hand?Tatsache ist jedenfalls, dass die Verschmelzung des Einen mit dem Anderenmittlerweile sehr tiefgreifend ist, das äußert sich alleine schon darin, dass knappzwei Drittel aller deutschen Jugendlichen (12-19 Jahre) täglich oder mehrmalspro Woche mit ihrem Computer Musik rezipieren (vgl. JIM 2008, S. 19). Umso faszinierender ist es, dass diese Verbindung größtenteils innerhalb von fünfJahrzehnten entstanden ist. Es folgt ein kurzer Abriss über das Phänomen,wie der technische Fortschritt Musik und Computer zu ‚unzertrennlichen Geschwistern‘ machte.

2.1 Gemeinsame Geschichte

2.1.1 Die Anfänge 1942-1982

Die Vorgeschichte des Computers ist lang. Sie lässt sich, wie Walter Greulich es treffend formuliert, bis zum „Urvater“ des Rechenschiebers ins 17.Jahrhundert zurückverfolgen (2003, S. 185). Etwas später bereiteten „währendder [darauf] folgenden Jahrhunderte [. . .] zahlreiche Mathematiker, Wissenschaftler und Ingenierure den Weg für die Entwicklung moderner Computer“(ebd.). Zu Beginn der 1940er Jahre gab es dann einen entscheidenden Entwicklungssprung in Richtung der Computer, wie wir sie heute kennen. 1942 wurdeder erste „elektronische digitale Computer“ fertiggestellt und diente zur Lösungvon mathematischen Gleichungen. Vor allem die USA leisteten im Verlauf der1940er und 1950er Jahre erhebliche Entwicklungsarbeit, bis dann 1953 die Firma IBM erstmals universell einsetzbare Computer in Serie fertigte. (vgl. ebd.)Damals war das Militär, neben staatlichen Einrichtungen, Forschungsinstituten und einigen Privatunternehmen, Hauptabnehmer und -anwender dieserraumfüllenden Rechenmaschinen (vgl. Rode und Hansen 1992, S. 100-105).Doch auch Innovatoren mit musikalischem Interesse kam das wirtschaftlicheNachkriegs-Kilma zugute: „The rapid advances in technology as a result ofthe war, an upsurge of interest from many quarters in new sound techniques,and a generally expansionist economic climate provided sufficient incentivesfor institutions to provide support“1 ) (Manning 2004, S. 19). Als weiterer bedeutender Entwicklungsschritt stellte sich im Jahr 1957 die Fertigstellung derersten Transistorrechner heraus. Zunächst waren sie ebenfalls für militärischeAnforderungen ausgelegt, doch IBM verkaufte bald auch im zivilen Bereichmehrere drei Millionen Dollar teure Anlagen. Die Miniaturisierung der Bauteile setzte sich fort, bis hin zur Erfindung des Mikroprozessors im Jahr 1971.(vgl. ebd., S. 219)

Musikalisch gesehen tauchten in den 1960er Jahre die Vorläufer des Samplings2 ) sowie die ersten Synthesizer3 ) auf. Das „Mellotron [kann] als Urahn (1963) dermodernen Sampler“ bezeichnet werden (Haewß 2004, S. 17). Die Grundideedieses Instruments war, dass „Instrumente [. . .] Note für Note auf Tonbändern aufgenommen [wurden] (pro Instrument und Note ein Band) und [. . .]auf Tastendruck wieder abgespielt werden [konnten]“ (ebd.). Was die Synthesizer betrifft, ermöglichte die Transistortechnik es schließlich den IngenieurenRobert Moog und Donald Buchla - jeweils unabhängig voneinander - im Jahr1966 die ersten kommerziellen Synthesizer auf den Markt zu bringen. Diesewurden in experimenteller Weise sowohl von privaten als auch institutionellenStudios eingesetzt, häufig mehr aus Faszination an der neuen Technik als ausmusikalischem Interesse. (vgl. Manning 2004, S. 102)

Mitte der 1970er Jahre versuchten dann erste Pioniere die mikroprozessorgesteuerten „home computer“ mit den analogen4 ) Synthesizern zusammen zubringen. Die Computer wurden zunächst nur als Steuerelemente eingesetzt,doch wenige Zeit später wurden sie selbst zu mikroprozessorgesteuerten Erzeugern synthetischer Klänge. Das Zeitalter der Digitalisierung war angebrochen 1976 wurden die ersten komplett digitalen Synthesizer vermarktet, sowie 1979der erste digitale Sampler (sechsstellige Kosten). (vgl. Manning 2004, S. 220 u. 223; vgl. Haewß 2004, S. 18)

Nach den Selbstbausystemen und einzelnen Platinen kamen weitere Meilensteine des technischen Fortschritts auf den Markt: „Der vielleicht erste ‚Personal Computer‘ “ - der APPLE II - wurde 1977 entwickelt, zeitgleich mit demCommodore PET5 ). Es waren erste Computer mit intergrierter Tastatur undLaufwerk, die der „Ausbreitung der Computertechnik in alle Lebensbereiche“den Weg ebneten (Rode und Hansen 1992, S. 141). IBM brachte etwas später, im Jahr 1981, in Zusammenarbeit mit Intel und Microsoft seinen erstenPersonal Computer mit dem Betriebssystem MS-DOS heraus. Trotz wachsendem Einfluss des IBM PCs setzte sich im Spiele- und Unterhaltungssektor derCommodore 64 (C64) durch und erreichte eine Breite Käuferschicht. (vgl. Rode und Hansen 1992, S. 132; vgl. Manning 2004, S. 222)

Mit zunehmender Verbreitung der Personal Computer, stieg auch das Interessean spezieller Musiksoftware zwecks Steuerung, Aufführung und schließlich auchKomposition und Visualisierung von Musik. Anfang der 1980er gab es bereitserste Programme, die Notation von Musikwerken auf Computerbildschirmendarstellen und bearbeiten konnte. Durch einfache Lautsprecher in den PCswar es bereits möglich elementare Musiklernprogramme (Gehörbildung undHarmonielehre) für den Bildungssektor zu entwerfen. (vgl. Manning 2004, S. 234-239)

2.1.2 MIDI, Personal Computer und Homerecording 1983-1998

Der Multimediakünstler Richard Aicher stellt fest: „1983 war generell das bisher wichtigste Jahr in der Geschichte der Computer-Musik, denn die MIDISchnittstelle wurde eingeführt“ (1998, S. 71). In der Tat war die Erfindung des MIDI-Standards ein entscheidender Wendepunkt in der gemeinsamen Geschichte von Musik und Computer. Zunächst ein kurze technische Erläuterung zum Thema MIDI: Es handelt sich hierbei um die

Abkürzung für Musical Instruments Digital Interface, was so viel bedeutet wie digitale Schnittstelle für musikalische Instrumente. Es ist außerdem ein Standard, der genau festlegt, wie Instrumente miteinanderkommunizieren sollen. Geräte, die sich an dieses Protokoll halten, können untereinander vernetzt werden. (Haewß 2004, S. 175)

Mit dieser neuen Entwicklung war es erstmals möglich standardisierte Musiksoftware für Computer zu programmieren. Der MIDI Composer (1984) fürden Commodore 64 war „das erste MIDI-Aufzeichnungsprogramm überhaupt“(Aicher 1998, S. 72). Entscheidend (und neuartig) war, dass bei der Kombination von MIDI-Keyboards mit Computern „nicht Töne, Klänge oder Geräusche selbst [. . .] mittels MIDI-Schnittstelle übertragen [wurden], sondernlediglich die Steuerungsparameter für Tonhöhe, Klangfarbe, Tondauer, Lautstärke“ (Ahlers 2000, S. 3). Aus Musikersicht waren die Apple Computer, vorallem aufgrund ihrer fortschrittlichen, grafischen Benutzeroberfläche und derleistungsstarken Audiohardware, die beliebtesten und führenden Geräte (vgl.Aicher 1998, S. 72; vgl. Manning 2004, S. 316-317). Dies galt allerdingsin erster Linie für den US-Amerikanischen Markt, während in Europa eher kostengünstigere Alternativen, wie die Atari ST -Serie, bei Musikern Anklangfanden (vgl. Manning 2004, S. 320). Mitte der 1980er wurden erste SoftwareSequenzer6 ) und Notendruckprogramme (ein Ausdruck dauerte damals nochmehrere Stunden) entwickelt (vgl. Aicher 1998, S. 72). Mit der Einführungdes MIDI-Standards gingen auch neue Möglichkeiten der Dateneingabe einher,so konnten beispielsweise mittels eines Keyboards Notations- und Sequenzerprogramme angesteuert werden (vgl. Manning 2004, S. 322). Allerdings reiften erst Ende der 1980er / Anfang 1990er die grafischen Benutzeroberflächenso aus, dass sie eine attraktivere und leistungsstarke Alternative zu textbasierten Betriebssystemen wie MS-DOS wurden. Das eröffnete schließlich auchneue Möglichkeiten für musikorientierte Programme. (vgl. ebd., S. 315)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: MIDI Composer für den C64 (Quelle: Kracht 2005).

Der Trend ging um 1990 hin zu umfangreicheren Programmen (Sequenzern), die viele Funktionen und Aufgaben vereinten. Musiknotation, Einspielen von Musik per Keyboard (auf bis zu 64 Spuren), Bearbeiten von MIDI-Daten, rhythmische Anpassungen, verschiedene visuelle Darstellungsformen von Musik und Steuerung externer Synthesizer waren die gängisten Fähigkeiten eines Sequenzerprogramms (vgl. ebd., S. 325).

Nachdem die technischen Entwicklungen sowohl im Hardware- als auch imSoftwarebereich in den 1990ern in rasanter Geschwindigkeit fortschritten, zeichnete es sich immer deutlicher ab: Der Computer hatte das Potenzial, weitausmehr als ein Hilfsmittel zu sein, vielmehr wurde er zu einem ernstzunehmendenKonkurrenten für „Hardware MIDI Synthesizer und Sampler“ - der Computerwurde immer mehr selbst zum musikalischen Instrument (ebd., S. 328). Ei- ne weitere wichtige Entwicklung in diese Richtung war die Kombination vonAudio- und MIDI-Daten. Peter Manning beschreibt diesen Prozess, der erstdurch zunehmende Speicher- und Leistungskapazitäten möglich wurde, wiefolgt:

During the second half of the 1990s, the market for MIDI software started to change in nature, largely as a result of a growing interest in theuse of audio software, both for synthesis and also recording and editing.[. . .] This development led to a fruitful integration of audio and MIDIapplications, allowing both processes to operate side by side within aunified working environment.7 ) (Manning 2004, S. 327)

Die Verschmelzung von Musik und Computer ist offenkundig in den letztenzwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts maßgeblich fortgeschritten, AlexanderSchwan fasst einen wesentlichen Effekt dieser Zeit treffend zusammen:

Die Entwicklung der Computersoftware im Bereich der Musik- und Bildproduktion verläuft in den letzten 15 Jahren nach einem bestimmtenSchema: In bekannten Hits werden bestimmte Verarbeitungstechnikenangewandt, die zunächst nur teuren und aufwändigen Computersystemen vorbehalten sind. Nach kurzer Zeit werden jedoch Programme fürConsumer-Plattformen entwickelt, die diese Möglichkeiten zu einem bezahlbaren Preis für viele Anwender ermöglichen. (2002, S. 328)

Das Hauptmerkmal des besprochenen Zeitraums war demnach die Verlagerung der (Großraum-)Computertechnik von Industrie, Militär, Regierungs- und Bildungsinstituitonen hin zum Schreibtisch-Computer im Privathaushalt. Insbesondere die Möglichkeit der Musikproduktion per Computer gelang somit erstmals in die Reichweite von (technisch versierten) Laienmusikern.

2.1.3 Web 2.0 und rasante Entwicklung 1999-2008

MP3 ist mehr als eine Technologie. Es ist eine sensationelle Entwicklung,die Musiker mit Musikliebhabern verbindet, Sprecher ihren Hörern näherbringt und Künstlern ihr Publikum zurückerobert. (Fraunhofer IIS2008, S. 3)

Betrachtet man das Themenfeld ‚Musik und Computer‘, so drängt sich unweigerlich MP3 als das Schlüsselwort des letzten Jahrzehnts auf. Das Zitat desErfinderinstituts des MP3-Dateiformats lässt erahnen, dass es sich bei dessenErfolgsgeschichte mehr um ein soziologisches Phänomen als um ein technischeshandelt (vgl. Dunaway 2002, S. 145). Dennoch haben insbesondere die technischen Errungenschaften des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen(Fraunhofer IIS) dafür gesorgt, dass heutzutage Musik aus aller Welt, rund umdie Uhr, nahezu überall verfügbar ist. Bereits Ende 1991 haben Wissenschaftler verschiedene patentierte Algorithmen zu dem komprimierten AudioformatMP3 zusammengefasst (vgl. Fraunhofer IIS 2008, S. 2). Das neue Format ermöglicht Audio-Daten auf ca. ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe zukomprimieren, ohne dabei gravierende, hörbare Einbußen an Klangqualität zuhaben (vgl. Dunaway 2002, S. 140). Doch zunächst einmal hatte die neue Errungenschaft wenig Einfluss auf das musikalische Leben der Gesellschaft. Erstmit dem Beginn der Erfolgsgeschichte der Peer-to-Peer-(P2P-)Dateiaustauschprogramme8 ) entpuppte sich das MP3-Format als eine Erfindung mit globalenAuswirkungen (vgl. Katz 2004, S. 161). Der Klassiker und Pionier unter denP2P-Netzwerken war das 1999 von zwei Studenten entwickelte Napster. „Nur

16 Monate nach seinem Start zählte das Portal über 30 Millionen Nutzer, diekostenlos Musik darüber tauschten“ (Palfrey und Gasser 2008, S. 163).Doch der Erfolg von Napster und anderen musikorientierten Internetangeboten wäre nie denkbar gewesen ohne die rasante technische Weiterentwicklungund flächendeckende Verbreitung des Internets. „Während 1998 nur etwa jederzwölfte Haushalt (8 %) in Deutschland einen Internetzugang hatte, waren esim Januar 2003 bereits 46 %“ und heutzutage 65 % der deutschen Haushalte(Deckl und Krebs 2004, S. 213; vgl. Statistisches Bundesamt 2008, S. 112).Von den Haushalten, in denen Jugendliche leben, sind sogar 96 % mit einemInternetzugang ausgestattet (vgl. JIM 2008, S. 8). Besonders starke Auswirkungen auf die Verbreitung von Musik und Videos über das Internet habendie Breitbandanschlüsse9 ), die mittlerweile in zwei Dritteln aller Haushalte zurVerfügung stehen, während im Jahr 2002 nur 3,2 % der Bevölkerung zu Hauseeinen solchen Internetzugang hatte (vgl. Statista.org 2008; vgl. Lumio 2005, S. 5). Diese rapide Verbreitung des Hochgeschwindigkeits-Internets hat schließlich auch die letzte Hürde für einen grenzenlosen und schnellen Datenaustausch beseitigt. Mit kaum noch nennenswerten Wartezeiten können jegliche audiovisuelle Daten über das Internet ausgetauscht, kopiert, bearbeitet, aber auch geraubt oder verfälscht werden.

Darüber hinaus ist ein wesentlicher Effekt, der aus diesen technischen Entwicklungen resultiert, dass der Durchschnitts-Internetbenutzer nicht nur jeglicheMusik konsumieren kann, sondern dass er der Welt auch eigene Musik präsentieren kann (z. B. über das Portal MySpace10 )). Die Möglichkeit eigene Inhalteim WWW zur Verfügung zu stellen ist einer der Hauptaspekte, der sich hinter dem Begriff Web 2.0 verbirgt. „Mit dieser Bezeichnung [Web 2.0] wird derWandel des Internetnutzers vom reinen Konsumenten von Inhalten hin zumaktiven Mitgestalter beschrieben“ (JIM 2007, S. 42). Durch die stark gestiegene Popularität von Social Networks11 ) hat jeder Web 2.0-Gestalter zum einendie Möglichkeit Kommentare abzugeben und sein persönliches Profil zu pflegen und zum anderen kann er seine eigenen schöpferischen und künstlerischenDarbietungen (Musik, Grafik, Texte, Videos) einem breitem Publikum zu präsentieren (vgl. Palfrey und Gasser 2008, S. 150). „Diese nutzergeneriertenInhalte in Verbindung mit den Social Networks sind es, um die es bei dem ganzen Hype um das Web 2.0 eigentlich geht“ (ebd., S. 141). Für Jugendliche isteine aktive Nutzung dieser Web 2.0-Angebote mittlerweile selbstverständlich(84 %) und ein Viertel aller 12-19-Jährigen produzieren selber mehrmals proWoche oder sogar täglich eigene Inhalte im Internet (vgl. JIM 2008, S. 50; vgl.JIM 2007, S. 42).

Auch die technischen (für Laien finanzierbaren) Möglichkeiten, in den eigenenvier Wänden Musik aufzunehmen, haben sich im letzten Jahrzehnt gravierendverbessert: „The creation of music is no longer seen as reserved for musicalgeniuses, but rather as an activity in which everyone can participate“12 ) (Folkestad 1998, S. 83). Das Sampling hat einen enormen Qualitätsschub erfah- ren, dessen Vorteile sich jede aktuelle Sequenzer-Software zu Nutze macht.Dadurch dass „Samples während der performance direkt von der Computerfestplatte“ geladen werden können, kann eine nahezu unbegrenzte Menge anKlangmaterial zur Verfügung gestellt werden (Haewß 2004, S. 19). Das wiederum bedeutet, dass herkömmliche akustische Instrumente in außergewöhnlich guter Qualität als virtuelle (oder Software-)Instrumente eingesetzt werdenkönnen: z. B. „der akustische Flügel als Software-Plugin (z. B. Steinbergs TheGrand), die Mehrspurtonbandmaschine und das Mischpult als Softwarepaketim Computer (z. B. Steinbergs virtuelles Tonstudio Cubase SX)“ (Knolle2008, S. 9). Hier wird wieder die Tendenz deutlich, dass sich der Computer,über die Funktion als Arbeitsinstrument hinaus, zunehmend auch als Musikinstrument etabliert. Unterstützt wird diese Ansicht auch dadurch, dass beiLive-Konzerten immer öfter Laptops auf der Bühne zu sehen sind und nichtnur als Aufnahmewerkzeug oder als Quelle für Effekte dienen, sondern auchals Live-Instrument. Noch stärker zeigt sich diese Entwicklung in so genannten ‚Laptoporchestern‘, die seit 2005 über den Globus verteilt entstanden sind.Das Berliner Laptoporchester besteht beispielsweise aus acht Musikern, die aufder Bühne jeweils hinter einem Laptop stehen und - koordiniert durch den Dirigenten - ein multimediales Konzert aufführen (vgl. Liedtke 2008, S. 52).Auch physikalische Grenzen der Tastatur-Maus-gesteuerten Computer werdenzunehmend durch eine vielfältige Bandbreite an Steuerungskonsolen ausgeweitet (vgl. Manning 2004, S. 358).

Zusammenfassend können die meisten dieser Entwicklungen der letzten Jahreunter das Schlüsselwort Digitalisierung kategorisiert werden. Da die Auswirkungen dieser technischen Revolution nicht nur auf eine kleine Expertengruppen beschränkt bleiben, sondern einen nahezu globalen Wandel in der Kreation, Produktion, Reproduktion und Rezeption von Musik bewirkt haben, lohntsich eine genauere Betrachtung der Folgen für den Lebensalltag von Jugendlichen.

2.2 Jugendliche in einer digitalisierten Welt

Auf den nächsten Seiten folgt die Betrachtung einer Auswahl13 ) von Auswirkungen der neuen Medien auf das alltägliche Leben von Jugendlichen. EinSchwerpunkt wird dabei der Umgang mit Musik und ihre Rezeption sein, unter Berücksichtigung aktueller empirischer Befunde. Eine entscheidende Veränderung der letzten 30 Jahre im musikalischen Bereich ist die nahezu endloseVerfügbarkeit jeglicher Musik: „Das Internet ist auf dem Weg [. . .] sich zumLeitmedium der massenhaften Verbreitung von musikbezogenen Waren zu entwickeln“ (Knolle 2008, S. 12). Das was gegen Ende des 19. Jahrhunderts mitdem Grammophon begonnen hat (vgl. Möller 2002) und mit den ersten Tonbandgeräten in privater Hand Ende der 1950er Jahre weitergegangen ist (vgl.Knolle 2008, S. 11), hat durch das Internet und den MP3-Player (das inzwischen beliebteste tragbare Abspielgerät14 )) seinen Höhepunkt erreicht: Musikist kein einmaliges Konzerterlebnis mehr, gebunden an einen festen Ort und eine feste Zeit, sondern Musik kann beliebig oft reproduziert und sowohl zeit- alsauch ortsunabhängig rezipiert werden. Welche Auswirkungen diese neue ArtMusik zu hören hat, untersuchte der Australier Andrew Williams in seinerStudie über Musik auf transportablen Spielern. Er fand heraus, dass sich dieHörer nur noch selten explizit auf die Musik (im MP3-Player) konzentrieren.Meistens dient Musik als Untermalung für andere Aktivitäten (z. B. Sport,Einkauf). Hierbei kann die Musik unterschiedliche Funktionen erfüllen, wie z. B. das Ausblenden von Umgebungsgeräuschen oder das Verschönern einer bestimmten Aktivität (vgl. 2007, S. 108). Es kann zusammengefasst werden, dass eine Individualisierungprozess der Musikrezeption begonnen hat. Dies äußert sich auch dadurch, dass das Album als Gesamtkunstwerk an Bedeutung verliert, während stattdessen häufig einzelne Musiktitel zu individuellen Wiedergabelisten kombiniert werden.

Um den MP3-Player mit Musik zu befüllen stehen verschiedenste legale undillegale Möglichkeiten im Internet zur Verfügung. Allen voran tragen die P2PAnwendungen zur Streuung von MP3s bei. Trotz mehrerer juristischer Ge- genmaßnahmen haben sich verschiedene P2P-Angebote halten können15 ) (vgl.Knolle 2008, S. 11). Weiterhin gibt es die Möglichkeit mit Internetwerkzeugen wie www.filsh.net nahezu jeden Musiktitel als MP3-Datei vom Web 2.0Angebot YouTube herunterzuladen. Die vielfältigen Möglichkeiten belegen es definitiv: „Musik ist jederzeit abrufbar“ (Gerhardt 2002, S. 111) und entsprechende Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche von diesem Privileg starken Gebrauch machen (vgl. JIM 2008, S. 19).

Die Schattenseite dieser vielfältigen Möglichkeiten an Musik heranzukommen, ist eben gerade die Unbegrenztheit, welche sowohl eine Reizüberflutung als auch Qualitätsminderung zur Folge haben kann. Alexander Schwan erfasste die Problematik bereits vor einigen Jahren:

Die Vielfalt und das Riesenangebot der Medien schafft ein Hör-Überangebot. Dem Ohr wird alles nur Erdenkliche geboten, frei Haus, online, per Software-Player auf dem Computer, gespeist über das Netz der Netze. Das steht unter Dauerbeschuss. (2002, S. 340)

Die Gefahr bei einem zu großen Angebot liegt in einer Verflachung des Wissens - es mag zwar immer breiter gefächert werden, aber dafür kann es an Tiefgangverlieren. Die bloße Aneignung von Informationen ist nicht gleichzusetzen mitdem „Erkennen-was-eine-Sache-ist“ (Hentig 2003, S. 42). Christoph Hempelmacht in diesem Zusammenhang zurecht auf eine Schutzfunktion des ‚NichtWissens‘ aufmerksam: „Es gibt [. . .] keinen Überblick über die Menge der auffindbaren Informationen und ihre Qualität. Vor dem Internet-Zeitalter bestandein gewisser Schutz gegen die Überflutung mit Wissen darin, daß man das meiste einfach nicht kannte“ (Hempel 1998, S. 7). Aufgrund der enorm großenSpeichermöglichkeiten und komfortabler Software-Musikbibliotheken hat derComputer bei Jugendlichen bereits das CD-Regal übertrumpft. In einer Leipziger Studie wurde ermittelt, dass „97 % der befragten Jugendlichen [im Altervon 12-19 Jahren] [. . .] offline mit dem PC MP3-Dateien [hören]“ (Schorb u. a. 2008, S. 9). Die Gefahr, die dabei laut dem Kommunikations- und MusikTheoretiker Christoph Jacke entsteht, ist, dass es „zu dem Effekt kommen [kann], dass Rezipienten immer mehr Songs oder Tracks ansammeln, ohne dass sie diese anhören, geschweige denn, dass sie sich mit ihnen reflektiert auseinandersetzen“ (2008, S. 16).

Mit dem quantitativen Überangebot kommt gleichzeitig die Gefahr des Qua- litätsverlusts beziehungsweise des verminderten Qualitätsanspruchs auf. DerTonmeister Andreas Neubronner kritisiert die entstandene Zufriedenheit miteiner geringen Klangqualität: „Die Menschen speichern lieber 2000 Songs aufihren iPods und spielen diese mit der niedrigsten Datenrate ab, weil sie verlernthaben, differenziert zu hören - anstatt nur 24 oder 36 Titel zu speichern unddiese dafür in hochauflösender Stereoqualität“ (2008, S. 23). Die Befürchtungder Verkümmerung des Gehörs besteht auch in anderer Hinsicht, nämlich der,dass durch die Vorherrschaft der digitalen Tonträger der Sinn für Musikästhetikund eine Wertschätzung der Einmaligkeit von akustischen Musikinstrumentenverloren gehen könnte (vgl. Schwan 2002, S. 340). Das betrifft jedoch nichtnur die Aufnahmequalität und Abspielmedien sondern auch die Instrumenteselbst. So befürchtet Niels Knolle, Professor für Musikpädagogik an der Universität Magdeburg, dass junge Menschen immer weniger von den Vorzügenakustischer Instrumente überzeugt werden:

[Akustische Klänge der herkömmlichen Instrumente] verlieren zumindestin den Ohren vieler [. . .] Jugendlicher, in der Konkurrenz durch softwaregenerierte Synthesizer und Soundsampler immer mehr ihre [. . .] Authentizität - zugunsten einer nahezu beliebigen Verfügbarkeit als SoundPreset für jeden musikalischen Zweck und in der Hand von jedermann“(2008, S. 10).

Es drängt sich von daher die Frage auf, was überhaupt noch als künstlerische Leistung anerkannt werden sollte und was nicht. Schließlich kann mit Hilfe digitaler Medien jeder Amateur Musik machen und möglicherweise sogar erfolgreich publizieren. Ein Stichprobenhören in die aktuellen Charts bestätigt: um erfolgreich Musik zu machen, ist die Beherrschung eines akustischen Musikinstruments nicht mehr zwingend notwendig (vgl. ebd.).16 )

Ein anderer - weitaus positiverer - Effekt des Übermaßes an Möglichkeitenist, dass neue Räume für Kreativität geschaffen wurden. „Das Internet hateine wahre Explosion in Sachen Kreativität ausgelöst und ganz neue Formenschöpferischen Tuns hervorgebracht“, wie beispielsweise das Resynchronisierenvon Filmausschnitten, Aufnehmen eigener Musik, Sampling von bestehendemmusikalischen Material, Gestalten von ganzen Internetseiten oder Profilen auf Social Communities oder das Veröffentlichen eigener Podcasts (Palfrey undGasser 2008, S. 138). Keine Frage, durch die neuen Medien und günstigenAnschaffungskosten von der benötigten Hardware, eröffnen sich neue Möglichkeiten für Laien ihre schöpferischen Veranlagungen auszuleben. Mit einfachenMitteln kann die eigene Radioshow gestaltet und als Podcast veröffentlicht werden. Weiterhin kann mit kostenloser Software Musik aufgenommen, geschnitten und mit Effekten bearbeitet werden17 ). Für Jugendliche, die in einer Bandspielen, bietet sich erstmals die Möglichkeit ihre Musik in semiprofessionellerQualität aufzunehmen, ohne dabei „teure Studiozeit in Anspruch nehmen zumüssen“ (ebd., S. 150). Obgleich diese neuen Räume für schöpferische Tätigkeiten nicht die traditionellen Formen der Kreativität (Malen, Dichten, Bauen,Basteln, etc.) ersetzten sollten, sind sie dennoch eine enorme Erweiterung desSpektrums an Vielfalt. Palfrey und Gasser bezeichnen daher die heutige digitale Kultur als „weitaus vielfältiger als noch vor wenigen Jahrzehnten“(ebd., S. 155).

Der Reiz, das Internet als kreative Plattform zu nutzen, besteht jedoch nichtausschließlich in der Möglichkeit Kreativität auszuleben, sondern vielmehr darin, dass die Ergebnisse des eigenen, kreativen Tuns einem weltweiten Publikum präsentiert werden können. Dieser entscheidende Motivationsfaktor ist einer der wesentlichen Gründe, warum wir uns „am Übergang von einer Welt derKonsumenten hin zu einer Welt der Schöpfer von Informationen“ und Kunstbefinden (ebd., S. 146). Die Möglichkeit internationale Bekanntschaften zuschließen, Gleichgesinnte zu treffen, Interessen, Musik, Fotos und Videos auszutauschen sind treibende Motoren für soziale Netzwerke wie MySpace oderFacebook18 ). Ein bedeutender Vorteil der globalen Vernetzung ist auch, dassJugendliche wesentlich leichter mit unbekannten Musikgenres oder Musik ausfremden Kulturen in Berührung kommen:

The MP3 phenomena [sic!] has allowed more people worldwide to hearinnovative music, has spawned new international online communities ofinnovative artists, and has even allowed new forms of innovative musicto begin to take hold. It has brought into question traditional roles,boundaries, and genres, is redefining the distribution of recorded music,and is bringing us closer to a sense of world community. (Dunaway2002, S. 160)

Immer mehr Musikern eröffnen sich auch tatsächlich neue Karrieremöglichkeiten aufgrund der kostenlosen Plattform Internet. Ein Beispiel dafür ist derFingerstyle-Gitarrist Andy McKee, ein zunächst unbekannter jugendlicher Musiker aus den USA: Allein aufgrund einiger Youtube-Videos19 ), die eher alsRanderscheinung bei Studioaufnahmen ins Internet gestellt wurden, ist er mittlerweile weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. Im Jahr 2008gab er sogar drei Konzerte in Deutschland - eine Entwicklung, mit der keinergerechnet hatte.

Natürlich ist der weltweite Austausch und die Verteilung von Medien im Internet nicht ganz unproblematisch. Palfrey und Gasser erläutern, dass diemeisten Jugendlichen „derzeit regelmäßig gegen das Urheberrecht [Hervorhebung d. Vf.]“ verstoßen (2008, S. 162). Trotz zahlreicher gerichtlicher Vorgehengegen das illegale Hochladen und Austauschen von urheberrechtlich geschützter Musik über P2P-Netzwerke konnten diese Aktivitäten bisher nicht eingedämmt werden. Die Beliebtheit der entsprechenden Internetangebote war undist stärker als das Gesetz (ebd., S. 167). Die Herausforderung besteht nundarin einen gesunden Weg zu finden, um das Urheberrecht und damit denSchutz des geistigen Eigentums und künstlerischer Kreativität zu wahren ohnedabei die Dynamik und das Potenzial der neuen Technologien einzudämmen.Erste Ansätze in Richtung dieses Kompromiss sind Angebote wie der iTunesStore20 ), Napster 2.021 ) oder musicload22 ). Über diese Internetshops, in denenMP3s einzeln oder als ganze Alben gekauft werden können, kommen sowohlVerbraucher als auch Künstler auf ihre Kosten. (vgl. ebd., S. 177 u. 178)

Trotz dieser Entwicklungen bleibt die Frage der Begrenzung und Kontrolle vonTauschbörsen nach wie vor ungeklärt. Der Professor für systematische Musikwissenschaft, Jan Hemming, warnt zurecht davor sich auf einen „lapidaren undbequemen Standpunkt“ zurückzuziehen - eher sieht er es als eine „bedeutendeAufgabe im frühen 21. Jahrhundert“ angemessene Kontrollmechanismen fürden Tausch von Inhalten per Internet zu entwickeln (2004, S. 122).

Diese Betrachtung verschiedenster, musikbezogener Auswirkungen der neuenMedien auf Jugendliche zeigt, wie tief Computer und Internet in die Lebenswelt von Jugendlichen wirklich integriert sind. In vielerlei Hinsicht vollzog sichüber die letzten Jahre (und vollzieht sich immer noch) ein massiver Wandel inunserer Gesellschaft, was Bedeutung und Wirkung von Musik betrifft. Wie beiallen langfristigen und derart relevanten Wandlungsprozessen, muss sich auchhierbei die Schule fragen, wie sie agieren bzw. reagieren soll und will. Seit etwazwei Jahrzehnten besteht die Idee den Computer in den Unterricht zu integrieren (vgl. Gruhn 1988). Wie es mittlerweile in den Schulen aussieht und welcheRolle der Computer dort spielt, verdient eine intensivere Betrachtung.

3 Musik und Computer in der Schule

Der Computer ist heutzutage nicht nur in der Freizeit sondern auch in der Bildungslaufbahn von Jugendlichen fest verankert. Matthias Korten stellt dazufest: „Seit der flächendeckenden Verbreitung der ersten Druckerzeugnisse hatwohl kaum eine Entwicklung den menschlichen Bildungsprozess derart beeinflusst, [sic!] wie die Verbreitung der Computertechnik“ (Korten 2002, S. 2).Wohl eher verwunderlich ist dabei, dass die Initiative hierbei nicht allein vonder Schule ausgeht sondern von den Jugendlichen selbst. Die Leipziger StudieJIM 20071 ) hat gezeigt, dass „inzwischen [. . .] mit dem Computer deutlich häufiger für die Schule gearbeitet als gespielt [wird]“ (JIM 2007, S. 70). Dass derComputer nicht nur von Schülern sondern auch von Lehrern als Vorbereitungfür schulische Aktivitäten dient, ist längst selbstverständlich (vgl. Bofinger2007a, S. 4), aber welche Funktion erfüllt er innerhalb der Schule und vorallem innerhalb des Unterrichts? Es folgt ein Blick auf die Lehrpläne, die Unterrichtspraxis, die Probleme beim Computereinsatz und dessen Vereinbarkeitmit den Zielen des Musikunterrichts.

3.1 Rolle des Computers im Unterricht

3.1.1 Der Computer im Lehrplan

In den aktuellen Hessischen Lehrplänen sowohl für Haupt- als auch Realschulenfindet man den Computer als obligatorischen Unterrichtsinhalt ausschließlich

im Fach Arbeitslehre. Für beide Schulformen sind zwei Unterrichtseinheiten (12 Std.+16 Std.) mit dem Schwerpunktthema Computer und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, beziehungsweise auf die Arbeitswelt, vorgesehen. Die Betonung liegt in erster Linie darauf, den „Werkzeugcharakter des Computers in konkreten Arbeitsabläufen“ kennenzulernen (LP-R Arbeit, S. 7). Ziel des Fachs ist es unter anderem, eine grundlegende Medienkompetenz zu vermitteln und diese mit konkretem Computereinsatz im Unterricht zu verbinden (vgl. ebd.). Außerdem soll gewährleistet werden, dass jeder Schüler in die Handhabung des Computers eingeführt wurde (vgl. LP-H Arbeit, S. 9).

In den Lehrplänen für das Fach Musik dagegen findet sich der Computer ausschließlich in einer fakultativen Rolle wieder: Zwar wird der Computereinsatzbei Themenfeldern wie „Rock- und Popmusik“ und „Aktuelle Szene - Musikmarkt - Musikproduktion“ empfohlen, aber keineswegs als obligatorisch betrachtet (LP-R Musik, S. 15 u. 19). Was also für Nordrhein-Westfalen zutreffenmag, nämlich dass Lehrpläne „eindrucksvoll“ von dem Versuch „die Ausbildungmit dem Medium Computer zu reglementieren“ Zeugnis ablegen, kann m. E.vom hessischen Lehrplan nicht behauptet werden (Korten 2002, S. 2). Zu finden sind hier für das Fach Musik lediglich zurückhaltende und unverbindlicheEmpfehlungen wie die „Arbeit mit Computer-Software (wenn vorhanden)“ inden Unterricht zu intergrieren (LP-R Musik, S. 19).

3.1.2 Pädagogischer Nutzen des Computers

Aus pädagogischer Sicht gibt es nach wie vor Unstimmigkeiten über die Bedeutung des Computers für die Schule. Nachdem die erste Euphoriewelle umdie digitale Wunderkiste in den 1990ern abgeflacht war, gab es zunächst vermehrt kritische Gegenreaktionen, die Computer, Internet u. Co. für eine Reihevon negativen Entwicklungen unter Jugendlichen verantwortlich machten (vgl.Tulodziecki 2008, S. 6). Inzwischen kann auf Grund vieler Studien und Veröffentlichungen die Rolle des Computers in der Schule erheblich differenzierterdargestellt werden. Wichtig ist zu erkennen, dass der Computer keineswegsausschließlich positive Wirkungen auf Schüler, Lehrer und Unterricht hat, aberdass er dennoch ein erhebliches Potenzial in sich birgt, welches unbedingt ausgeschöpft werden sollte. Abgesehen davon stehen Pädagogen heute nicht mehr - wie vor 20 Jahren - vor der Frage, ob es grundsätzlich sinnvoll ist, den Com- puter in den Unterricht zu intergrieren, sondern die Herausforderung bestehtdarin herauszufinden, wie „die ungeahnten Möglichkeiten der Einbeziehung desComputers in die Arbeit des Lehrers und der Schüler“ optimal genutzt werden können (Richter 2000, S. 4). Die aktuellsten Erkenntnisse stellen rechtnüchtern fest, „dass der Einsatz digitaler Medien keineswegs zwangsläufig zubesseren Lernergebnissen führt“, jedoch sind gleichzeitig „bei einer sinnvollendidaktischen Gestaltung und Einbettung [. . .] positive Wirkungen auf fachliche Lernleistungen, auf selbstständiges Lernen und weitere fachübergreifendeKompetenzen zu erwarten“ (Tulodziecki 2008, S. 6; vgl. Tulodziecki undHerzig 2004, S. 79 ff.). Im Folgenden gebe ich einen zusammenfassenden Überblick über didaktische und pädagogische Gründe für den Computereinsatz imUnterricht und über dessen mögliche positiven Auswirkungen.

Ein zentraler Aspekt ist der starke Bezug zur Lebenswelt der Schüler: Inallen deutschen Haushalten, in denen mindestens ein Jugendlicher lebt, ist einComputer bzw. Laptop vorhanden und über zwei Drittel aller 12-19-Jährigenbesitzen einen eigenen Computer (vgl. JIM 2008, S. 10). Nahezu jeder dieserJugendlichen nutzt mehrmals pro Woche oder täglich einen Computer (vgl.ebd., S. 12). Dazu kommt, dass das zweitbeliebteste Freizeitthema von Jugendlichen ‚Musik‘ ist (vgl. JIM 2007, S. 14). Sowohl ‚Computer‘ als auch‚Musik‘ sind offensichtlich zwei Themenbereiche, bei denen sich die Interessen der Schule und die der Schüler in erstaunlichem Ausmaß überschneiden.Es gilt demnach für Pädagogen, das Potenzial des Computers und den damitverbundenen „neuen Musiktechnologien aufgrund der Nähe zur musikkulturellen Lebenswelt der Jugendlichen“ schätzen und nutzen zu lernen (Knolle2002, S. 106). Auch die aus der intensiven Computernutzung resultierendenFachkompetenzen sind für den Musikunterricht nicht zu unterschätzen:

Längst haben zahlreiche Jugendliche den Computer nicht nur als Spielplatz entdeckt. Neugier, Freude und Kreativität haben viele Schüler zufachlich guten Experten im Bereich der Computertechnik werden lassen [. . .]. Genau hier liegt ein gewaltiges Potenzial und damit eine großeChance auch für den Bereich des Musikunterrichts, die Schüler mit ihren Kenntnissen, Fertigkeiten und mit ihrer Freude und Kreativität zufördern und unmittelbar einzubinden. (Korten 2002, S. 2)

Die Professorin und Hochschullehrerin an der Universität Bremen Heidi Schelhowe geht sogar noch weiter, als den Computer ‚nur‘ als selbstverständlich in

[...]


1 )Aus Gründen der Lesbarkeit bedient sich die vorliegende Arbeit meist männlicher Substan tive (z. B. bei den Begriffen ‚Schüler‘, ‚Lehrer‘ oder ‚Pädagogen‘), schließt die weibliche Form der Begriffe jedoch selbstverständlich mit ein.

2 )Ich verzichte im Rahmen dieser Arbeit auf eine Untersuchung dieses Begriffs und ge brauche ihn entsprechend der Definition von Hüther und Schorb als Synonym für Multimediatechnolgien, die auf digitaler computertechnischer Basis arbeiten (vgl. 2005,

S. 83).

3 )Der Schwerpunkt liegt auf der Betrachtung von Haupt- und Realschule. Aus diesem Grund beziehe ich mich auch an späterer Stelle ausschließlich auf die Lehrpläne für Haupt- sowie Realschulen in Hessen und lasse andere Schulformen aussen vor.

4 )Don Tapscott bezeichnet die Entwicklung von Computern und vor allem dem Internet als eine der „wichtigsten Revolutionen der menschlichen Geschichte“ (1996, S. 11). Auf jene Phänomene beziehen sich weitere Begriffe im Verlauf dieser Arbeit, wie ‚digitales Zeitalter‘ oder ‚digitale Welt‘.

5 )Aufgrund der schnellen und stetigen technischen Entwicklung, lege ich besonderen Wert auf den Gebrauch aktueller Literatur, d. h. insbesondere aus den vergangenen drei Jahren (über ein Drittel der zitierten Quellen stammen aus den Jahren 2006-2008).

1 )Übersetzung: Die rasanten technischen Fortschritte, die aus dem Krieg resultierten, be wirkten ein steigendes Interesse an neuen Klangtechniken und das Wirtschaftswachstum schuf ausreichend Anreize für Institutionen entsprechende Entwicklungen zu fördern.

2 )Sampling bedeutet „eine digitale Kopie eines Instruments oder eines anderen Erzeugers akustischer Ereignisse in einem speziellen Computer bzw. einer speziellen Software - dem Sampler - zu erstellen und zu nutzen“ (Haewß 2004, S. 16).

3 )„Instrument zur Erzeugung von Tönen, Klängen, Geräuschen und speziellen Effekten auf elektronischer Basis“ (Zigenrücker 2000, S. 271).

4 )Während analoge Signale stufenlos sind (z. B. von akustischen Instrumenten, Mikrofonen, E-Gitarren oder eben Synthesizern mit analogem Ausgang), bestehen dagegen digitale Signale aus Stufen: „Digitalisierung [bedeutet] die Überführung eines analogen Signals in eine Folge von digitalen [endlichen] Werten“ (vgl. Haewß 2004, S. 44 u. 45).

5 )Commodore Personal Electronic Transactor

6 )s. 4.6.1 Sequenzer: Hintergründe auf S. 58.

7 )Übersetzung: Während der zweiten Hälfte der 1990er begann der Markt für MIDI-Software sich fundamental zu verändern. Das Interesse an Audiosoftware, die Musik produzieren, aufnehmen und bearbeiten kann, wuchs. Diese Entwicklung führte zu einer Integration von Audio- und MIDI-Anwendungen, in denen beide Prozesse innerhalb einer Arbeits umgebung parallel laufen konnten.

8 )Dezentrales Netzwerk über das Benutzer direkten Zugriff auf Dateien haben, die auf an deren Rechnern im Netzwerk liegen (vgl. Katz 2004, S. 161).

9 )Breitbandanschlüsse sind Zugänge mit einer Kapazität von mindestens 144 KBits/s, wie

z. B. DSL oder Anschlüsse per Kabelmodem (vgl. Lumio 2005, S. 7).

10 )s. http://www.myspace.de.

11 )Social Networks sind Webseiten, die Informationsfluss zwischen den einzelnen Nutzern ermöglichen. Die Inhalte dieser Seiten werden durch die Nutzer selbst - in Form ei nes persönlichen Profils - erstellt. Über Freundschaftslisten und Gruppenzugehörigkeiten werden die einzelnen Nutzer untereinander vernetzt. (vgl. Palfrey und Gasser 2008, S. 416 u. 417)

12 )Übersetzung: Inzwischen ist die Produktion von Musik nicht mehr nur musikalischen Ge nies vorbehalten, sondern es ist eine Tätigkeit, die jeder ausüben kann.

13 )Sicherlich kann bei diesem Unterfangen kein Anspruch auf Vollständigkeit bestehen, daher beschränke ich mich auf Phänomene, die mir an dieser Stelle wichtig erscheinen.

14 )86 % aller Jugendlichen im Alter von 12-19 Jahren besitzen einen eigenen MP3-Player (vgl. JIM 2008, S. 10).

15 )z. B. eDonkey Overnet, Shareaza, BitTorrent oder Limewire

16 )Deutlich sichtbar ist dies z. B. bei Platz 2 u. 4 der MTV Charts (30.11.2008): ‚Hot N Cold‘ von Katy Perry und ‚Womanizer‘ von Britney Spears. In beiden Liedern sind neben dem Gesang ausschließlich computergenerierte Klänge zu hören, s. http://www.mtv.de/ charts/germany.

17 )vgl. z. B. Audacity, s. http://audacity.sourceforge.net.

18 )s. http://www.facebook.de.

19 )Sein bekanntestes Musikvideo wurde innerhalb von zwei Jahren 17,5 Mio. mal angeschaut: http://de.youtube.com/watch?v=Ddn4MGaS3N4.

20 )Inzwischen in den USA der größte Musikanbieter. Der Zugriff erfolgt ausschließlich über die Software iTunes, s. http://www.apple.com/de/itunes/overview.

21 )Der legale Nachfolger des ersten P2P-Netzwerkes, s. http://www.napster.de.

22 )Angebot der Telekom, s. http://www.musicload.de.

1 )Jugend, Information, (Multi-)Media - Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland

Details

Seiten
91
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656599890
ISBN (Buch)
9783656599883
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269098
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Musik und Computer Musikunterricht mit neuen Medien Musikpädagogik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Musik und Computer. Eine sinnvolle Kombination in der Schule