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Kinder von Alkoholikerinnen. Mögliche Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes bei Alkoholkonsum der Mutter

Bachelorarbeit 2013 53 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alkoholabhängigkeit
2.1 ICD - 10
2.2 Formen der Alkoholabhängigkeit
2.3 Alkohol und seine Wirkungsweise
2.4 Entstehung der Alkoholabhängigkeit

3. Das Familienbild
3.1 Familienkrankheit Alkoholismus
3.2 Co-Abhängigkeit

4. Entwicklung des Kindes bei Alkoholkrankheit der Mutter während der Schwangerschaft
4.1 Alkoholkonsum in der Schwangerschaft
4.2 Das Fetale Alkoholsyndrom (FAS)

5. Entwicklung des Kindes bei Alkoholkrankheit der Mutter nach der Schwangerschaft
5.1 Rollenverhalten und Rollenumkehrung der betroffenen Kinder
5.2 Seelische Probleme
5.3 Misshandlung und Vernachlässigung
5.4 Umgang mit dem Alkohol
5.4.1 Eigene Alkoholabhängigkeit
5.4.2 Wahl eines abhängigen Partners

6. Möglichkeiten und Grenzen der Prävention

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

Alkoholabhängigkeit ist ein wichtiger Begriff in der Sozialen Arbeit und gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Sozialarbeiter/innen sind mehr denn je gefordert, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Bezüglich der Kinder aus alkoholbelasteten Familien erhält die Soziale Arbeit nochmals einen gesonderten Stellenwert, da für lange Zeit nur der/die Abhängige im Vordergrund stand.

In den 60er Jahren wurde der Alkoholismus offiziell als Krankheit anerkannt und seitdem werden viele verschiedene Hilfsangebote entwickelt, die den Betroffenen helfen sollen, die bedrohliche Krankheit zu bekämpfen.

Trotz der Anerkennung als Kranke werden Alkoholiker/innen als Randgruppe angesehen, gesellschaftlich ausgegrenzt und missachtet.

Nach Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) leben ungefähr 10 Millionen Menschen mit Alkoholproblemen in Deutschland. Die hohe Anzahl setzt sich aus ca. 2,5 Millionen behandlungsbedürftigen Alkoholabhängigen und aus weiteren 6 - 8 Millionen betroffenen Kindern und Partnern zusammen.1

Wenn der Vater oder die Mutter trinkt, ist die ganze Familie betroffen - besonders die Kinder.

Sie erleben die Alkoholexzesse des trinkenden Elternteils hautnah mit, sodass der Alkohol auch für die betroffenen Kinder eine prägnante Rolle einnimmt.

Angespannte Atmosphäre und unkontrolliertes Verhalten des alkoholkranken Elternteils werden zum Bestandteil des Alltags und können zu Überforderungen des Kindes führen. Die Persönlichkeitsveränderung des/der Alkoholikers/Alkoholikerin hat somit besondere Auswirkungen auf die Kinder.

Da diese Thematik größtenteils auf alkoholkranke Väter bezogen wird, möchte ich mich mit der weniger untersuchten Problematik der Auswirkung des mütterlichen Alkoholkonsums auf die Entwicklung von Kindern beschäftigen.

Die Mutter ist für ein Kind in der Regel die wichtigste Bezugsperson. Bereits während derSchwangerschaft hat die Mutter die größte Verantwortung für das Kind. In dieser Arbeitwerde ich speziell auf die möglichen Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit der Mutter aufdie Kinder und die Entwicklungsrisiken während und nach der Schwangerschaft eingehen.

Kinder, die in einer alkoholbelasteten Familie aufwachsen, können von langfristigen Folgen betroffen sein. Die Kinder zeigen bestimmte Verhaltensmuster auf, die für meine Arbeit von großer Bedeutung sind.

Zu Beginn gebe ich einen allgemeinen Überblick bezüglich der Krankheit Alkoholismus. Es wird auf den ICD - 10 und die verschiedenen Formen der Alkoholabhängigkeit eingegangen. Des Weiteren erläutere ich kurz die Wirkungsweise von Alkohol auf den Körper und die Psyche. Von Bedeutung ist hier zudem, wie es zu einer Alkoholabhängigkeit kommt. Darüber hinaus wird betrachtet, weshalb die Krankheit die ganze Familie betrifft und was es mit dem Phänomen der Co-Abhängigkeit auf sich hat.

Im Hauptteil meiner Arbeit werde ich die Problematik Alkohol während und nach derSchwangerschaft sowie das Verhalten der betroffenen Kinder behandeln, dass dennochkritisch betrachtet werden muss, da dies oft empirisch nicht gut abgesichert ist. Dieser Teilbeinhaltet die Thematik des fetalen Alkoholsyndroms und charakteristische Merkmale vonerwachsenen Kindern aus alkoholbelasteten Familien. Danach gehe ich ausführlich auf denUmgang mit Alkohol ein. Es wird erklärt, weshalb manche Betroffene eine eigeneAlkoholabhängigkeit entwickeln und welche Gründe es geben könnte, weshalb sich dieBetroffenen einen abhängigen Partner bzw. eine abhängige Partnerin suchen. Untersuchtwird hierbei auch, ob der Grund für die Entwicklung einer eigenen Abhängigkeit in dergenetischen Veranlagung liegen könnte. Das letzte Kapitel handelt speziell von denMöglichkeiten und Grenzen der Prävention in der Sozialen Arbeit. Es werden hier Beispieleaufgezeigt, welche Hilfsmaßnahmen für die betroffenen Kinder zur Verfügung stehenkönnen. Überwiegend werde ich mich an den Hilfsangeboten des SGB VIII orientieren, dadiese meiner Meinung nach einen hohen Stellenwert in der Präventionsarbeit besitzen. Imabschließenden Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasstund Schlussfolgerungen daraus gezogen. Der im Anschluss an das Literaturverzeichnisbefindliche Anhang enthält einen Vortrag aus einer Fachklinik in Bad Tönisstein, der diethematisierte Problematik in dieser Arbeit nochmals mit einem Beispiel aus der Praxisbekräftigen soll.

Aufgrund der Komplexität des Themas werde ich einige Punkte kürzer halten und damit meinen persönlichen Schwerpunkt setzen.

Das Ziel ist es, zu erkennen, welche Auswirkungen der Alkoholkonsum der Mutter hat und welche Entwicklungsrisiken die betroffenen Kinder - bis in das Jugendalter hinein durchleben müssen und welche Rolle hierbei die Soziale Arbeit spielt.

Ich möchte mit dieser speziellen Thematik auf die Gefahren des Alkoholkonsums einer werdenden Mutter bzw. einer Mutter bis in das Erwachsenenalter ihres Kindes/ihrer Kinder aufmerksam machen. Des Weiteren bezwecke ich damit, mehr Verständnis und Sensibilität für die Situation alkoholgeschädigter Kinder und ihrer Familien zu erlangen.

2. Alkoholabhängigkeit

In der heutigen Fachliteratur wird die „Alkoholabhängigkeit“ als Synonym für den moralischbelasteten Begriff der „Alkoholsucht“ verwendet. Die Weltgesundheitsorganisation änderteden Begriff „Sucht“ in „Abhängigkeit“, da dieser sehr unspezifisch ist und eine Mehrdeutigkeitbesitzt.2

In diesem Kapitel wird nun kurz erläutert welche Formen der Alkoholabhängigkeit es gibt und welche Wirkung Alkohol auf den menschlichen Körper und die Psyche haben kann. Denn durch die Auswirkungen des Alkohols kann nicht nur der Gesundheitszustand negativ angegriffen werden, sondern es kann sich auch auf das Verhalten und die emotionale Befindlichkeit auswirken. Des Weiteren werden mögliche Gründe erwähnt, warum ein Mensch alkoholabhängig werden kann.

2.1 ICD - 10

Die Alkholkrankheit wird in unterschiedliche Ausprägungsrichtungen und Schweregrade unterteilt. Im Gesundheitssystem werden diese mit dem ICD - 10 (International Classification of Diseases) ermittelt. Im ICD - 10 werden Diagnosen klassifiziert und verschlüsselt. Der Herausgeber dieses Klassifizierungssystems ist die WHO.

Darin befinden sich die unterschiedlichsten Diagnosen, darunter auch die der Alkoholabhängigkeit.

- Ein Mensch muss folgende Kriterien erfüllen, um als alkoholabhängig zu gelten3:
- ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren
- verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums
- Auftreten von körperlichen Entzugssyndromen
- Auftreten einer Toleranzveränderung, Tendenz zur Dosissteigerung
- fortschreitende Vernachlässigung von Interessen zugunsten des Alkoholkonsums
- anhaltender Alkoholkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen.

Es werden laut ICD - 10 zehn verschiedene, alkoholbedingte Syndrome unterschieden4:

- F 10.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch)
- F 10.1 Schädlicher Gebrauch
- F 10.2 Abhängigkeitssyndrom
- F 10.3 Entzugssyndrom (z. B. Schweißausbrüche)
- F 10.4 Entzugssymptom mit Delir
- F 10.5 Psychotische Störung (z . B. Alkoholhalluzinose)
- F 10.6 Amnestisches Syndrom (z. B. Korsakow-Syndrom)
- F 10.7 Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (z. B. Alkoholdemenz)
- F 10.8 Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
- F 10.9 Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörungen.

An diesen Syndromen ist zu erkennen, dass Alkoholiker/innen während des Krankheitsverlaufs viele verschiedene Zustände einnehmen können.

2.2 Formen der Alkoholabhängigkeit

Der Verlauf der Abhängigkeit kann laut LINDENMEYER (2008), zeitlich und in seiner Ausprägung sehr unterschiedlich sein und in vier Haupttypen unterteilt werden.5

Beim Spiegeltrinken geht es darum, Entzugserscheinungen zu vermeiden und denAlkoholspiegel im Blut stets konstant zu halten. Der Betroffene versucht, dieAlkoholkonzentration nie unter einen gewissen Spiegel sinken zu lassen. Die Betroffenentrinken kontrolliert. Besondere Auffälligkeiten sind eher selten. Anders sieht dies bei derForm des Rauschtrinkens als einer Form des „unkontrollierten“ Trinkens aus. DieBetroffenen sind nicht in der Lage, nur kleine Mengen zu sich zu nehmen. Das Trinken endetmeist im Vollrausch. Diese Personen fallen häufig durch gewalttätiges oder unkontrolliertesVerhalten auf. Eine dritte Art, die eher Frauen als Männer betrifft, nennt sich Konflikttrinken.Die Betroffenen versuchen, ihre Probleme mit dem Alkohol zu vergessen. Es wird demnachimmer zur Flasche gegriffen, wenn man über keine anderen Lösungs- oder Bewältigungsmöglichkeiten mehr verfügt. Ohne den Alkohol fühlen sich die Betroffenenhilflos. Eine weitere Form des Alkoholismus ist das periodische Trinken. Hierbei ist denBetroffenen die Abhängigkeit nicht bewusst. Es gibt zwischen den Phasen des Trinkenslängere Phasen einer Abstinenz. Diese Phase bringt häufig schwere Entzugserscheinungenmit sich. Magisches bzw. abergläubisches Denken zur Erklärung der Trinkphasen ist keineSeltenheit.

Es gibt natürlich auch viele Abhängige, die von mehreren Formen gleichzeitig betroffen sind.Diese Darstellung zeigt somit, dass die Alkoholabhängigkeit nicht nur eine Frage der Mengeund der Häufigkeit ist, sondern auch wie und aus welchem Grund man Alkohol zu sichnimmt.

„Alkoholabhängig ist jeder, der auf Alkohol nicht verzichten kann, ohne dass unangenehme Zustände körperlicher oder seelischer Art auftreten, oder der immer wieder so viel Alkohol trinkt, dass er sich oder anderen schadet.“6

2.3 Alkohol und seine Wirkungsweise

Um verstehen zu können, welche Auswirkungen der Alkohol auf das ungeborene Kind hat, muss zunächst erläutert werden, was Alkohol ist, wie Alkohol wirkt und welche Folgen dies auf den menschlichen Körper haben kann.

Alkohol (Äthanol oder Äthylalkohol (C2H5OH)) ist eine klare Flüssigkeit, die durch Vergärungvon Zucker entsteht. Für die Herstellung von Alkohol können verschiedene Rohstoffe, wie z. B. Zuckerrohr, Mais oder Weintrauben, verwendet werden. Der Alkoholgehalt von Getränkenist unterschiedlich, so hat z. B. Bier etwa zwischen 4,0 und 8,0 Vol. %, und Rotweinzwischen 11,5 und 13,0 Vol. %. Hochprozentiges, wie z. B. Weinbrand, kann sogar einenAlkoholgehalt von 50 oder mehr Volumenprozent enthalten. Welchen Effekt der Alkohol aufden Körper haben kann, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Zum einen kommt es aufdie Menge und auf das alkoholische Getränk an. Zum anderen spielt die körperliche undseelische Verfassung eines Menschen eine enorm wichtige Rolle. Alkohol wirktenthemmend, kann aber in großen Mengen auch zu Gereiztheit und Aggressionen führen.Alkohol wird über die Schleimhaut des Verdauungstraktes in das Blut aufgenommen. Überdas Blut kann sich der Alkohol im gesamten Körper verteilen und so seine Wirkungentfalten. Nach etwa 30 - 60 Minuten ist die höchste Alkoholkonzentration im Blut erreicht.

Hauptsächlich wird Alkohol in der Leber abgebaut. Nur 2-5 % werden über Urin oderSchweiß ausgeschieden. Über das Blut gelangt die Substanz auch in das Gehirn. Im Gehirnwird, abhängig von der konsumierten Menge, Dopamin freigesetzt, welches eines derwichtigsten Neurotransmitter darstellt. Dopamin sorgt als sogenanntes „Glückshormon“dafür, dass man sich wohl fühlt. Somit hat der Alkohol eine „befriedigende“ und „belohnende“Wirkung. Der Alkoholkonsum birgt vielerlei Risiken. Er beeinflusst das Reaktionsvermögenund die Konzentrationsfähigkeit. Des Weiteren kann es erhebliche Folgen für die Gesundheithaben. Alkohol greift alle Organe an und verursacht schwerwiegende Folgen, wie z. B.Leberzirrhose. Neben den körperlichen werden auch psychische Folgen des fortgesetztenAlkoholkonsums beschrieben. Ein längerer Alkoholmissbrauch kann zu akutenStimmungsschwankungen, Angstzuständen und Depressionen führen. Zudem kann derAlkoholkonsum auch Schwierigkeiten im sozialen Nahumfeld verursachen, weshalb einigeAutoren von einer „Familienkrankheit“ sprechen.7

Dennoch sollte festgehalten werden, dass Alkoholabhängigkeit keine einheitlich verlaufende, chronisch-progrediente und schließlich zum Tode führende Krankheit ist. Es wurden mehrere Langzeitstudien durchgeführt, die gezeigt haben, dass es verschiedene Verlaufsformen gibt. Festgestellt wurden drei typische Verlaufsformen. Neben der progredienten Verschlechterung kam es durchaus zu einem Pendeln zwischen akuten Trinkphasen und kontrolliertem Alkoholkonsum bzw. Abstinenz.8

2.4 Entstehung der Alkoholabhängigkeit

Wieso wird ein Mensch alkoholabhängig, wenn doch die eben genannten Nebenwirkungenso vielfältig und gefährlich sind? Alkohol hat wie alle anderen Drogen einAbhängigkeitspotential. Es ist wahrscheinlich nicht so stark ausgeprägt wie z. B. bei Heroin,dennoch genauso gefährlich. Das entscheidende Merkmal des „Abhängigkeitssyndroms“ istdie psychische Abhängigkeit. Die negativen Auswirkungen sind dem / der Betroffenenbewusst, trotzdem herrscht ein großes Verlangen nach Alkohol. Aufgrund anatomischer,physiologischer und pharmakologischer Untersuchungen wird davon ausgegangen, dass imGehirn ein Belohnungssystem vorhanden ist (HERZ, SHIPPENBERG 1989; PLOOG 1995).Emotionale Prozesse und Lust- bzw. Unlustempfindungen entstehen hier. Diese Region nennt sich limbisches System. Die Aktivierung des Systems erfolgt u. a. durch chemischeStoffe. Wie bereits erwähnt, wird Dopamin freigesetzt, was zu einem Glücksgefühl führt. Eineweitere Rolle bei der Entstehung des Alkoholverlangens spielen zudem auch endogeneOpiate und Stresshormone.9 Nach KLEIN (2005) ist für die Entstehung derAlkoholabhängigkeit ein multifaktorielles Modell von Bedeutung. Es beinhaltet dreiBedingungsgruppen: den Alkohol mit seinen spezifischen Wirkungen, das Individuum mitseinen psychologischen und biologischen Eigenschaften und das soziale Nahumfeld(kulturell, direktes Umfeld).

Demnach ist die Familie ein wichtiger Faktor, der zur Entstehung der Abhängigkeitserkrankung beitragen kann. Hinzu kommen soziokulturelle Faktoren, wie z. B. Arbeitslosigkeit, psychologische Faktoren, wie z. B. das Erleben von sexueller Gewalt und biologische Faktoren, wie z. B. die Genetik.10

Erwähnt werden muss dennoch, dass es eine individuell verlaufende Entwicklung ist und nicht pauschal ein Grund für die Entstehung einer Abhängigkeit genannt werden kann. Es besteht nach wie vor eine „Ursachenvermutung“.11

3. Das Familienbild

Die Familie hat in der Regel den engsten Bezug zu der abhängigen Person. Vor der Familiegibt es kaum eine Möglichkeit, die Krankheit zu verheimlichen. Die Familienmitgliederwerden unmittelbar mit dieser Krankheit konfrontiert und erleben die Abhängigkeitsphasenhautnah mit. Vor allem die Kinder erleben, mitunter auf traumatische Art und Weise, wie derElternteil an der Krankheit zerbricht. Im folgenden Kapitel wird auf theoretischer Grundlageerläutert, was es für die Kinder bedeutet, mit der Familienkrankheit zu leben und wie sie sichauf die Familienstruktur auswirkt.

3.1 Familienkrankheit Alkoholismus

In der Fachliteratur wird wiederholt darauf hingewiesen, dass Alkoholismus eine Familienkrankheit ist. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der/ die Alkoholiker/in eine Familie hat.

Eine Krankheit belastet immer die ganze Familie. Besonders bei der Alkoholabhängigkeitkann sich kein Familienmitglied entziehen. Dennoch muss beachtet werden, dass dieAuswirkungen von Alkoholismus sehr vielfältig sind und die Erscheinungsbilder der Familienvariieren können. Außerdem lassen sich keine pauschalisierten Kriterien aufstellen, die aufjede Familie zutreffen.12 Aber häufig ändert sich das Leben der Familie grundlegend. DieKinder erleben diese Situation vermutlich besonders stark. Im nüchternen Zustand ist derabhängige Elternteil fürsorglich und liebevoll und im Rauschzustand wiederum verliert er oftdie Beherrschung.13 Dieser Gegensatz ist für die Kinder schwer nachvollziehbar: „Häufighaben die Kinder den Eindruck, es mit zwei Vätern oder zwei Müttern zu tun zu haben, dadie jeweiligen Reaktionen des nüchternen Vaters oder der nüchternen Mutter überhauptnicht zu denen des betrunkenen Vaters oder der betrunkenen Mutter passen.“14 DieseAussage hört bzw. liest man immer wieder in verschiedenen Autobiographien bzw.Interviews. „Ich hatte nicht eine Mutter, ich hatte zwei.“15

Wenn die Mutter trinkt, vernachlässigt sie häufig ihre Kinder, den Haushalt und sich selbst.16 Erwähnt werden sollte an dieser Stelle, dass dies nicht auf alle Frauen zutreffen muss. Wieauch „Nichtabhängige“ Frauen, können die „trinkenden“ Frauen einem Beruf nachgehen undihre Kinder anständig versorgen. Trifft die Situation aber zu, muss der Ehemann oft dieAufgaben der Ehefrau übernehmen. In der Anfangsphase (Prodromalphase) verhält sich dieEhefrau und Mutter meist sehr unauffällig. Die Familienmitglieder können häufig noch keineoder kaum Krankheitszeichen erkennen. Möglicherweise kommt es erst in der kritischenPhase zu der eben genannten Rollenumkehrung. Während dieser Phase treten oftDesinteresse und Konflikte mit den Mitmenschen und am Arbeitsplatz auf. In derchronischen Trinkphase wird die emotionale Abwendung zu den Familienmitgliedern weiterausgebaut.17

Viele Kinder beschreiben den „gesunden“ Elternteil eher als hart und gefühlskalt,währenddessen der abhängige Elternteil als warm und liebevoll beschrieben wird. DasGleiche gilt auch für die abhängige Person. Zwischen den Trinkphasen werden die Kinderals ein Symbol für Zärtlichkeit und Zuneigung und als Ersatz für Wärme und Liebegesehen.18

Um wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, ergreifen die Kinder Partei. Dasie nicht beiden Elternteilen gerecht werden können, sehen sie das als einzigen Ausweg.Nicht selten kommt es aber vor, dass sie sich von beiden im Stich gelassen fühlen, da dieEltern die Kraft nicht aufbringen können, sich um die Bedürfnisse ihrer Kinder zukümmern.19 Wenn die Mutter die alkoholabhängige Person in der Familie ist, bringe diesbesondere Probleme mit sich. Kann sie ihren Aufgaben aufgrund der Krankheit nicht mehrnachkommen, übernehme entweder, wie schon erwähnt, der Ehemann diese Aufgaben, oderaber auch - sofern vorhanden und besonders wenn sie weiblich sind - die älterenGeschwister. In diesem Fall übernehmen sie eine verantwortungsvolle Aufgabe, die siekaum noch Kind sein lasse. Sie führten als „Ersatzmutter“ nicht nur den ganzen Haushalt,sondern müssten auch noch in die Schule gehen.20

Ein weiteres Merkmal dieser Familienkrankheit ist die Geheimhaltung der Krankheit. Die Familie bemüht sich lange Zeit, den Einruck einer „heilen Welt“ zu vermitteln. Die Kinder versuchen, den Schein zu wahren und sind zum Schweigen verurteilt.21

Zudem ist WEGSCHEIDER (1988) der (umstrittenen) Meinung, dass es in diesen Familien alkoholbezogene unausgesprochene Regeln22 gibt:

1. Das Wichtigste im Familienleben ist der Alkohol.
2. Der Alkohol ist nicht die Ursache von Problemen.
3. Der abhängige Elternteil ist nicht für seine Abhängigkeit verantwortlich, Schuld sind andere oder die Umstände.
4. Der Status quo muss unbedingt erhalten bleiben, koste es, was es wolle.
5. Jeder in der Familie ist ein „enabler“ (Zuhelfer).
6. Niemand darf darüber reden, was „wirklich“ los ist.
7. Niemand darf sagen, was er wirklich fühlt.

Sollten diese unausgesprochenen Regeln gelten, würde der Alkohol in der ganzen Familie im Mittelpunkt stehen. Die Atmosphäre bzw. die Stimmung in der Familie wäre abhängig von der Alkoholabhängigkeit. Da nicht darüber gesprochen werden dürfte, könnte die Ursache auch nicht in der Abhängigkeit gesehen werden. Die Gefahr, die darin bestünde, wäre, dass die abhängige Person ungehindert weiter trinken kann.23

Für den „gesunden“ Elternteil besteht außerdem eine große Gefahr. Das damit einhergehende Phänomen der „Co-Abhängigkeit“ soll daher im folgenden Kapitel näher erläutert werden.

3.2 Co-Abhängigkeit

Der Begriff „co-dependency“ ist Mitte der 70er Jahre in den USA entstanden. Der Begriffwird allgemein zur Beschreibung von Personen verwendet, die mit einem Abhängigenzusammenleben bzw. eine enge Bindung zu ihm haben und deren Leben dadurch beeinträchtigt wird. Diesen Personen werden bestimmte Verhaltensmuster oder Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben. Diese sind wiederum in ihrer Entstehung und in ihrer Ausprägung zu unterscheiden. „Entsprechend wird Co-Abhängigkeit in manchen Fällenals Verhaltensproblem, in anderen als schwere emotionale Verstrickung und im Extremfallauch als Krankheit eingeschätzt.“24 Die entsprechenden Personen zeigten selbst eingeringes Selbstwertgefühl, übernehmen aber gleichzeitig die Verantwortung für das Lebenund die Probleme anderer Menschen. Eigene Gefühle würden kaum zugelassen und dasGefühl der Identität würde überwiegend von anderen Menschen abhängig gemacht. DesWeiteren tendierten potentiell Co-Abhängige dazu, sich aufgrund von Angst vor emotionalenBeziehungen später auch einen alkoholabhängigen Partner zu suchen. Dennoch ist dieempirische Bestätigung nicht eindeutig.25

Wie bei der Alkoholkrankheit auch, ist der Weg in die Co-Abhängigkeit ein schleichenderProzess.26 Laut RENNERT habe die Praxis gezeigt, dass Co-Abhängige dabei drei Phasendurchlaufen:

- die Beschützer- oder Erklärungsphase
- die Kontrollphase und
- die Anklagephase.

In der Beschützer- oder Erklärungsphase werde versucht, Gründe für den Alkoholkonsumdes Partners/der Partnerin zu finden. Die Frage, die gestellt werden müsse, ist, wer dieSchuld an diesem Verhalten trägt. Des Weiteren werde zum Schutz der abhängigen Personauch nicht darüber gesprochen. Obwohl diese Person es eigentlich nur gut meine,verhindere sie mit ihren Manövern, dass die abhängige Person ihr Verhalten ändere.27

Die nächste Phase wird Kontrollphase genannt. Da der Alkoholkonsum jetzt nicht mehr zuverheimlichen wäre, hieße es für die co-abhängige Person, den/die Abhängige zukontrollieren und zu überwachen. Die Angehörigen würden versuchen, der abhängigenPerson nun den scheinbar fehlenden Willen aufzuzwingen. Dadurch würde seine/ihreUnselbstständigkeit weiter demonstriert, was in der Regel zu vermehrten Alkoholkonsum führe. Die Verzweiflung des/der Co-Abhängigen steige, da die Versuche erfolglos blieben bzw. es noch schlimmer machen würde.28

Die dritte Phase nennt RENNERT Anklagephase. Die wachsende Enttäuschung würde oft in Vorwürfe verwandelt werden. Das gesunkene Selbstvertrauen des/der Abhängigen führe zu einer kurzen Abstinenz. Da aber meistens keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen werde, sei diese Abstinenz nur von kurzer Dauer. Der Teufelskreis beginne von vorne. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Phasen keinesfalls in dieser Reihenfolge ablaufen müssen, sondern sich verändern oder verschieben können.29

Co-Abhängigkeit trete nicht nur unter Partner/innen auf, sondern kann durchaus auch beiden Kindern auftreten. Der Verlauf entspreche dabei dem eben beschriebenen, gleichenStereotyp. Zu beachten sei hierbei dennoch, dass es nicht auf jedes Kind zutrifft, sondern esindividuell betrachtet werden muss. Beobachtungen zu Folge sei es meistens das ältesteKind, welches eine überaus große Hilfsbereitschaft zeige. Es sei der Ansicht, dass man sichauf Erwachsene verlassen kann und verhalte sich demnach selbst wie einer. Das Kind würdeschnell erwachsen und übernehme die Verantwortung für die ganze Familie. Nicht seltenübernehme es auch die Rolle des „Ersatzpartners“ / der „Ersatzpartnerin“. Die Konsequenzwäre, dass das Kind sich nicht mehr um die eigenen Bedürfnisse kümmere, sondern nurnoch die Familienmitglieder umsorge. Die Fürsorge und Verantwortung, die das Kindübernehme, würde der Rolle des „Helden“ zugeschrieben werden (siehe Kapitel 5).Schwierig könne es für ein co-abhängiges Mädchen von einer alkoholabhängigen Mutterwerden. Das Mädchen solle das Rollenmuster einer Frau annehmen, sehe aber, wie ihreMutter sich gegensätzlich verhält. Der Vater werte möglicherweise seine alkoholkranke Frauab und predige der Tochter, dass sie nicht so werden soll wie ihre Mutter. Die Tochterbekomme das Gefühl, dass sie es niemanden recht machen kann und wirke auf andere so,als habe sie keine eigene Identität und existiere nur für die Familie.30

[...]


1 Glöckl, Peter (2012): Erwachsene Kinder aus Alkoholikerfamilien. In: Ruthe, Relnhold, Glöckl, Peter (2012): Alkohol in Ehe und Familie. Was die Familie tun kann. 5., Auflage. Lüdenscheid/Bern; Seite 44.

2 http://www.uni-kl.de/suchtberatung/Sucht_und_Abhangigkeit/sucht_und_abhangigkeit.html, Stand: 19.04.2013,11:35 Uhr.

3 Lindenmeyer, Johannes (2008): Was ist Alkoholabhängigkeit und wie entsteht sie? In: Zobel, Martin (Hg.): Wenn Eltern zu viel trinken. Bonn; Seite 63 ff.

4 Lindenmeyer, Johannes (2005): Alkoholabhängigkeit. 2., überarbeitete Auflage. Göttingen; Seite 3 f.

5 Lindenmeyer, Johannes, in: Zobel, Martin (Hg.) (2008); Seite 58 ff.

6 Ebd., Seite 60.

7 Lindenmeyer, Johannes (2005); Seite 17.

8 Ebd.; Seite 9. Feuerlein, Wilhelm (1999): Alkoholismus. Warnsignale - Vorbeugung- Therapie. 3., neubearbeitete Auflage. München; Seite 24 ff.

9 Klein, Michael (Hg.) (2005): Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien. Stand der Forschung, Situations- und Merkmalanalyse, Konsequenzen. Regensburg; Seite 16.

10 Lindenmeyer, Johannes, in: Zobel, Martin (Hg.) (2008); Seite 62 f.

11 Glöckl, Peter, in: Ruthe, Reinhold, Glöckl, Peter (2012) ; Seite 44.

12 Zobel, Martin (Hg.) (2008): Wenn Eltern zu viel trinken. Hilfen für Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien. Bonn; Seite 42.

13 Zobel, Martin (Hg.) (2008): Wenn Eltern zu viel trinken. Hilfen für Kinder und Jugendliche aus Suchtfamilien. Bonn; Seite 42.

14 Ebd., Seite 42.

15 Koch, Cécile (2010): Wessen Moral? Eine Autobiographie zum Thema: Erwachsene Kinder suchtkranker Eltern. Hamburg; Seite 14.

16 Lambrou, Ursula (2011): Familienkrankheit Alkoholismus. Im Sog der Abhängigkeit. 2., Auflage. Reinbek bei Hamburg; Seite 18.

17 Feuerlein, Wilhelm (1999): Seite 63 f.

18 Lambrou, Ursula (2011); Seite 101 f.

19 Ebd., Seite 103.

20 Zobel, Martin (Hg.) (2008); Seite 45.

21 Freundeskreisefür Suchtkrankenhilfe, Bundesverband e. V. (2012): Kindern von Suchtkranken Halt geben. Kassel; Seite 9.

22 Zobel, Martin (2006): Kinder aus alkoholbelasteten Familien. Entwicklungsrisiken und -chancen. 2., überarbeitete Auflage. Göttingen; Seite 23.

23 Ebd., Seite 23 f.

24 Rennert, Monika (2008): Zwischen Mitgefühl und Ohnmacht: das Leben mit einem Suchtkranken. In: Zobel, Martin (Hg.): Wenn Eltern zu viel trinken. Bonn; Seite 69.

25 Zobel, Martin (2006); Seite 79.

26 Rennert, Monika, in: Zobel, Martin (Hg.) (2008); Seite 72.

27 Ebd., Seite 73 f.

28 Ebd., Seite 75.

29 Ebd., Seite 75 f.

30 Rennert, Monika, in: Zobel, Martin (Hg.) (2008); Seite 82.

Details

Seiten
53
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656683063
ISBN (Buch)
9783656682974
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269085
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,7
Schlagworte
kinder alkoholikerinnen mögliche auswirkungen entwicklung kindes alkoholkonsum mutter

Autor

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Titel: Kinder von Alkoholikerinnen. Mögliche Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes bei Alkoholkonsum der Mutter