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Spätromantische Traumpoesie in der biedermeierlichen Gesellschaft

Dialektische Tendenzen in Annette von Droste- Hülshoffs Gedicht „Das Spiegelbild“

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formale Aspekte

3. Das lyrische Ich und sein Spiegelbild

4. Religion und Gedicht

5. Pessimismus und spätromantische Programmatik

6. Die Schizophrenie des lyrischen Ichs und der barocke Dualismus des Geistes

7. Über den Traum

8. Resumée

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Das Spiegelbild“, entstanden 1841/42, dreht sich um das Verhältnis des lyrischen Ichs zu seinem Spiegelbild, welches, ganz und gar nicht kongruent zu seiner „realen“ Vorlage, als rätselhafte und geheimnisvolle Erscheinung auftritt. Dem Stil nach der „Schauerromantik“ des E.T.A. Hoffmann und anderen verbunden, spielen unerklärliche, mystische und geheimnisvolle Elemente eine bedeutende Rolle, die hier in Gestalt des obskuren Spiegelbildes auftreten und dementsprechend beschrieben werden.

So unterschiedlich, beinahe gegensätzlich wie die zwei Wesen, die sich im Spiegel gegenüber stehen, erscheint auch die Weltwahrnehmung der Dichterin, die sich zwischen mehreren Polen konstituiert. Einerseits zwischen der überhöhten dichterischen Phantasie, welche sich in der Dichtung zum „phantastischen Element“ steigert, und andererseits der biedermeierlichen gesellschaftlichen Umgebung, die insbesondere eine dichtende (somit gebildete) Frau suspekt betrachtete.[1]

Eine religiöse Motivation der Annette von Droste-Hülshoff lässt sich zwischen einem konservativen Katholizismus sowie einem stringenten Antirationalismus auf der einen Seite und einer Annäherung (zumindest Kenntnis) an den deutschen Idealismus einordnen.[2] Diese dialektischen, gelegentlich diametralen Gegensätze vereint Annette von Droste-Hülshoff in „Das Spiegelbild“ auf ihre eigene Weise mit den Gestaltungsmitteln des Barock und der Romantik, welche im Gedicht eine beklemmende und bedrohliche Atmosphäre schaffen.

Ich versuche im Folgenden aufzuzeigen, an welchen Motiven, Themengebieten und Metaphern sich diese Dialektik im Gedicht manifestiert und welche geistigen Einflüsse die Dichterin selbst veranlassten, die sie in ihrem Charakter konstituierenden Widersprüchlichkeiten poetisch zu fassen.

Die eindringlichen Bilder, die das Gedicht sprachlich lebendig machen und

stilistisch wie handwerklich gelungen sind, geben zumindest teilweise

Aufschluss über zeitgenössische literarische Konventionen, aber auch über die geistige Verfassung der Dichterin selbst. Einige Worte möchte ich auch zur Herkunft der geistigen und literarischen Sonderstellung der Annette von Droste-Hülshoff verlieren, die bereits von diversen Autoren festgestellt wurde und den besonderen Stil kennzeichnet.[3]

2. Formale Aspekte

Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Das Spiegelbild“, ist ein Beispiel für ein sogenanntes „Dichtergedicht“[4] Im Mittelpunkt steht das lyrische Ich und die Beziehung zu sich selbst, was allein schon durch den bezeichnenden Titel deutlich wird.

Das Gedicht besteht aus sechs Strophen zu je sieben Zeilen, das Reimschema ist ein durchgängiger, 4-hebiger Jambus (Knittelvers). Die einzelnen Strophen sind unterteilt in einen Paarreim in den ersten beiden Zeilen, einen umarmenden Reim der Zeilen drei und sieben, so wie einen zwischen dem umarmenden Reim liegenden, dreizeiligen Paarreim. Die Kadenzen entsprechen diesem Schema und sind männlich bei allen Paarreimen und weiblich bei den umarmenden Reimen.

3. Das lyrisches Ich und sein Spiegelbild

Das lyrische Ich, das im Gedicht vor einem Spiegel steht, spricht zu der Erscheinung, die jedoch kein direktes, vielmehr ein diffuses, andersartiges Abbild des lyrischen Ichs zu sein scheint. Unterstrichen wird dieser Eindruck von der Verwendung von Vokabular wie „deiner Augen Nebelball “, „im Verbleichen“, „Phantom“ und „Doppellicht“, die allesamt Assoziationen zu

unscharf umrissenen, unklaren oder unverständlichen Phänomenen hervorrufen und die quasi-Dichotomie zwischen dem lyrischen Ich und seinem Spiegelbild

ausdrücken und verfestigen.

Direkt ausgedrückt wird dies in Z.29 ( Es ist gewiß, du bist nicht Ich“ ). Der Nebel insbesondere hat einen allegorischen Bezug zur Barockdichtung, welche sich wiederum eine Bibelsprache bediente. „Nebel“, „Dunst“, „Rauch“ und „Wolke“ sind Metaphern für „Sünde, Einwirkung des Teufels und Abwesenheit Gottes“ [5] Heselhaus fasst den Unterschied zwischen lyrischem Ich und seinem Spiegelbild als „eine Spannung oder sogar ein[en] moralischen Zwiespalt

zwischen der poetischen Freiheit und der moralischen Verbindlichkeit und Gebundenheit“ auf. Hiermit gemeint ist die Dialektik zwischen der

„dichterischen Phantasie“ und ihrer „moralischen Rückversicherung“ zur Zeit des Biedermeiers, die von Droste-Hülshoff in anderen Gedichten mit dem Mittel der Ironie überwand.[6]

Durch das ganze Gedicht zieht sich ein ominöses Bedrohungsszenario, welches augenscheinlich von dem Spiegelbild ausgeht. Eine konkrete Furcht vor dem

eigenen Abbild wird in Z.9 angedeutet ( „Zu eisen mir das warme Blut“ ),

welche jedoch in der selben Strophe widerrufen wird und in eine ambivalente, beinahe neugierige Haltung in Z. 14 umschlägt ( „Würd' ich dich lieben oder hassen?“ ).

Innerhalb der vierten Strophe kommt die uneindeutige Gestalt des Spiegelbildes selbst zum Ausdruck, welches das lyrische Ich ob seiner „ hülflos “ anmutenden Gestalt in „ treue Hut bergen “ will, andererseits aber „ fliehen “ möchte, sobald „ er höhnend spielt “. Hier erscheint das Spiegelbild als Wesen mit manipulativer Macht, das die Gefühle des lyrischen Ichs zwischen Zuneigung und Furcht pendeln lassen kann.

Zum Ende des Gedichts, in der allerletzten Zeile, formuliert das lyrische Ich vorsichtig seine Wertschätzung für das bis dato undurchschaubare, angsteinflößende Spiegelbild: „ Mich dünkt - ich würde um dich weinen! “, als Klimax der in der letzten Strophe allgemein beschriebenen, trotz aller Furcht

[...]


[1] Das „phantastische Element“ ist nach Frühbrodt eine der „drei Seiten der Drosteschen Kunst“, die anderen sind „Realismus“ und das „Phantasieelement“.

Frühbrodt, Gerhard: Der Impressionismus in der Lyrik der Annette von Droste-Hülshoff, Berlin 1930, S. 1.

[2] Schneider spricht von einer (partiellen) „geistigen Aneignung der romantischen Systeme (Baader, Schelling, Hegel)“

Schneider, Ronald: Realismus und Restauration. Untersuchungen zur Poetik und epischem Werk der Annette von Droste-Hülshoff, in: Hochschulschriften Band 11, 1976, S. 39.

[3] Kalthoff-Pticar, Christa: Annette von Droste-Hülshoff im Kontext ihrer Zeit. Briefliche Zeugnisse zum Zeitgeschehen und zum Selbstverständnis der Dichterin, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Frankfurt a.M., Bern, u.a. 1988, S. 27.

[4] Rotermund, Erwin: Die Dichtergedichte der Droste, in: Jahrbuch der Droste-Gesellschaft: Westfälische Blätter für Dichtung und Geistesgeschichte. Clemens Heselhaus (hg.), Münster 1962, S. 53.

[5] Nach Häntzschel benutzte Annette von Droste-Hülshoff diese Allegorien ebenfalls in

anderen Werken, so z.B. in „Der Schloßelf“ oder in „Heidemann“, hier dann als

„mythisch verlebendigte Naturerscheinung“.

Häntzschel, Günter: Tradition und Originalität. Allegorische Darstellung im Werk

Annette von Droste-Hülshoffs, Stuttgart u.a. 1968, S.110-111.

[6] Heselhaus, Clemens: Annette von Droste-Hülshoff. Werk und Leben, Düsseldorf 1971, S.229-230

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656600015
ISBN (Buch)
9783656599975
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268974
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Biedermeier Traumpoesie Spätromantik Gedichtinterpretation

Autor

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