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PSYCHOLOGIE aktiv begegnen und verstehen

Übungen, Aufgaben, Denkimpulse, Beispiele, Lösungen

Fachbuch 2014 182 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

I Psychologie als Wissenschaft
1 Was ist und will die Psychologie
1.1 Zur Einführung: Fragen an die Psychologie
1.2 Begriffserklärung
1.3 Psychologie im Alltag und in der Wissenschaft
1.3.1 Psychologie in Zeitschriften
1.3.2 Sind wir alle Psychologen?
1.4 Richtungen (Schulen) der Psychologie
1.4.1 Zur Einführung
1.4.2 Behaviorismus („Verhaltenspsychologie“)
1.4.3 Psychoanalyse
1.4.4 Kognitive Psychologie
1.4.5 Humanistische Psychologie
1.4.6 Gestaltpsychologie
1.4.7 Psychoneuroimmunologie
1.5 Anwendungsbereiche der Psychologie
Zusammenfassung
2 Forschungsmethoden
2.1 Zur Einführung
2.2 Beobachtung
2.3 Befragung
2.4 Test
2.5 Experiment
2.6 Methodische „Fallstricke“
Zusammenfassung

II Motivation und Emotion
1 Zur Einführung
2 Motivation und Motiv
2.1 Begriffserklärung
2.2 Arten von Motiven
2.2.1 Motive und Selbstentfaltung
2.2.2 Aggression
2.2.3 Bedeutung der Sexualität
2.3 Auslösung von Motiven
Zusammenfassung
2.4 Konflikte
2.4.1 Konfliktarten nach LEWIN
2.4.2 Antriebs- und Rollenkonflikte
2.4.3 Konfliktlösung
Zusammenfassung
3 Emotion
3.1 Begriffserklärung
3.2 Wie äußern sich Gefühle (Emotionen)?
3.3 Gemeinsame Merkmale von Gefühlszuständen
3.4 Beschreibung von Gefühlen
3.5 Zur Entstehung von Gefühlen
3.6 Gefühlskontrolle
Zusammenfassung

III Wahrnehmung
1 Wie entstehen Wahrnehmungen?
2 Was beeinflusst die Wahrnehmung?
2.1 Erfahrung
2.2 Einstellung
2.3 Aufmerksamkeit
2.4 Gestalttendenzen
2.5 Adaptation
6 Wahrnehmungstäuschungen
Zusammenfassung

IV Gedächtnis und Lernen
1 Zur Einführung
2 Gedächtnis: Aufnahme, Speicherung und Wiedergabe
2.1 Begriffserklärung
2.2 Art und Organisationsstruktur der Information
2.3 Art der Aufnahme
2.3 Dauer der Speicherung
2.3.1 Kurz- und Langzeitspeicherung
2.3.2 Gedächtnishemmungen (Lernhemmungen)
2.3.3 Assoziation
2.4 Lerntechnik und Lernumgebung
Zusammenfassung
3 Lernen, Lerntheorien
3.1 Zur Einführung
3.2 Reiz-Reaktion-Theorien (S-R-Theorien)
3.2.1 Signallernen (auch: klassische Konditionierung
3.2.2 Bekräftigungslernen
3.2.3 Konsequenzen für die Erziehung
3.3 Modelllernen
3.4 Kognitive Lerntheorien
Zusammenfassung

V Denken und Intelligenz
1 Denken
1.1 Zur Einführung
1.2 Problemlösen
1.3 Intelligenz und Kreativität
1.3.1 Zum Begriff der Intelligenz
1.3.2 Intelligenztests - „Testintelligenz“?
1.3.3 Intelligenzquotient
1.3.4 Intelligenz - angeboren oder erworben?
1.3.5 Kreativität (schöpferisches Denken)
Zusammenfassung

VI Der Mensch als Persönlichkeit

1 Zur Einführung

2 Persönlichkeitstheorien

2.1 Typenlehren

2.1.1 „Körpersäfte“ und Temperament

2.1.2 Körperbau und Persönlichkeit

2.2 Faktorentheorien

2.3 Lerntheorien

2.4 Tiefenpsychologische Persönlichkeitstheorien

2.4.1 Die Theorien Sigmund FREUDS

2.4.2 Alfred ADLER: Gemeinschaftsgefühl und

Geltungsstreben

2.4.3 C.G. JUNG: das kollektive Unbewusste

2.4.4 Erik H. ERIKSON: psychosoziale Phasen

Zusammenfassung

2.5 Persönlichkeitsdiagnostik

2.5.1 Begriffserklärung

2.5.2 Was sind Tests?

2.5.3 Persönlichkeitstests

Zusammenfassung

VII Verhalten im sozialen Zusammenhang
1 Sozialisation
l.1 Begriffserklärung
1.2 Sozialisation und soziale Schicht
l .3 Sozialisation und Geschlechterrollen
2 Soziale Wahrnehmung
3 Soziale Einstellungen
3.1 Warum neigen wir zu Einstellungen?
3.2 Stereotyp und Vorurteil
3.3 Was tun gegen Vorurteile? Zusammenfassung
4 Soziale Gruppen
4.1 Begriffserklärung
4.2 Arten von sozialen Gruppen
4.3 Gruppendruck
4.4 Führung einer Gruppe
4.5 Gruppenleistung – Einzelleistung
4.6 Anmerkungen zur Massenpsychologie
4.6.1 Begriffserklärung: Menge, Masse
4.6.2 Merkmale und Erscheinungsformen einer Masse Zusammenfassung
5 Interaktion und Kommunikation
5.1 Begriffserklärung
5.2 Interaktions-bzw. Kommunikationsvorgänge als System
5.3 Die Situation in einem Betrieb

VIII Psychische Störungen und Behandlungsmethoden
1 Zur Einführung
2 Arten von Störungen
2.1.1 Psychosomatik oder das „Leib-Seele-Problem“
2.1.2 Die gestörte Beziehung zwischen Körper und Seele
2.2 Angststörungen
2.2.1 Einfache Phobien
2.2.2 Agoraphobie (Platzangst)
2.2.3 Panikstörung
2.2.4 Soziale Phobien
2.2.5 Zwangsstörungen
2.3 Affektive Störungen
2.3.1 Depression
2.3.2 Burnout – Modediagnose?
2.3.3 Bipolare (auch manisch-depressive) Störung
2.4 Wahnhafte Störungen
2.5 Schizophrenie
Zusammenfassung
2.6 Entwicklungsstörungen
2.6.1 Essstörungen
2.6.2 Verhaltensstörungen im Kindesalter
2.7 Sexuelle Störungen
2.7.1 Paraphilien
2.7.2 Funktionsstörungen
Zusammenfassung
3 Zur Therapie psychischer Störungen: Behandlungsmethoden
3.1 Begriffserklärung
3.2 Formen der Therapie
3.2.1 Psychoanalyse
3.2.2 Verhaltenstherapie
3.2.3 Gesprächs-(psycho-) therapie
3.2.4 Pharmakotherapie
3.2.5 Familien- und Paartherapie
3.2.6 Logotherapie
3.3 Psychohygiene
3.3.1 Vorbeugen ist wichtig
3.3.2 Resilienz
Zusammenfassung

IX Drogen: Wirkungen und Gefahren
1 Begriffserklärung: Drogen, Abhängigkeit
2 Arten von Drogen
2.1 Legale Drogen
2.1.1 Alkohol
2.1.2 Nikotin
2.1.3 Coffein
2.1.4 Schnüffelstoffe
2.1.5 Medikamente
2.2 Illegale Drogen
2.2.1 Opium, Opiate
2.2.2 Kokain
2.2.3 Haschisch und Marihuana
2.2.4 Halluzinogene
2.2.5 Designerdrogen
Zusammenfassung

X Markt- und Werbepsychologie:Schwerpunkt Werbung
1 Zur Einführung
2 Gegensätzliche Einschätzung der Werbung
2.1 Information - Manipulation
2.2 Verführung – Zusatznutzen
3 Werbemethoden: ein Einblick
3.1 Aufmerksamkeit wecken
3.2 Werbesprache
3.3 Werbung und Lernpsychologie
3.4 Der Supermarkt - geballte Werbewirkung
4 Schlussbetrachtung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Sachregister

Vorwort

Im vorliegenden Buch wurde versucht, psychologisches Wissen in verständ-licher Sprache, lebensnah und anwendungsbezogen zu vermitteln.

Aufgaben, Übungen, Beispiele, Denkimpulse, kritische Anmerkungen und Zusammenfassungen bieten Gelegenheit, sich aktiv mit den einschlägigen Sachverhalten und Problemen auseinander zu setzen. Lösungsangaben ermöglichen eine gezielte Überprüfung der Ergebnisse von Aufgaben und Übungen.

Es wurde auch versucht, darzustellen, dass der psychologischen Wissenschaft

Grenzen gesetzt sind und in vielen ihrer Bereiche unterschiedliche Auffassungen, Standpunkte bzw. nur als vorläufig zu betrachtende Positionen gegeben sind. Ihre Forschungsergebnisse unterliegen – wie die anderer Wissenschaften auch – immer wieder einem Wandel.

Bei der Textgestaltung spielte – wie oben bereits erwähnt - die sprachliche Verständlichkeit eine wesentliche Rolle, ohne dass dabei auf eine wissen-schaftlich ausgerichtete Begriffsverwendung verzichtet wurde.

I Psychologie als Wissenschaft

1 Was ist und will die Psychologie?

1.1 Zur Einführung: Fragen an die Psychologie

Zahlreiche Fragen und Probleme, die Sie und andere Menschen beschäftigen oder interessieren, fallen in den Bereich der Psychologie. In diesem Arbeitsbuch wird versucht, gemeinsam mit Ihnen Antworten auf solche Fragen zu finden bzw. zu erarbeiten.

Hier eine kleine Auswahl als „Vorgeschmack“:

Wie kann man Konflikte lösen?

Können uns unsere Sinne täuschen?

Wie entstehen Vorurteile, und was kann man dagegen tun?

Warum beurteilen wir andere Menschen oft falsch?

Wie schätzen uns andere ein?

Können Kopfschmerzen psychische Ursachen haben?

Lässt sich Magersucht erklären?

Wie äußern sich verschiedene Ängste?

Warum sind Drogen so gefährlich?

Welche Sexualstörungen können auftreten?

Was soll man beim Lernen beachten?

1.2 Begriffserklärung

Zur Frage, was unter Psychologie zu verstehen ist, gibt es unter den wissenschaftlich arbeitenden Psychologen noch keine allgemein anerkannte Begriffsbestimmung. Allerdings wird eine der verschiedenen Begriffs-erklärungen verwendet.

Zur Übung

Sie finden hier eine Reihe von möglichen Begriffsbestimmungen (Definitionen) der Psychologie, also mögliche Antworten auf die Frage:

„Was ist (wissenschaftliche) Psychologie?“.

Wählen Sie bitte die Ihrer Meinung nach geeignetste Antwort aus, und lesen Sie erst dann den nachfolgenden Kommentar!

Psychologie ist:

A die Wissenschaft vom Bewusstsein
B die Lehre von der Seele
C die Lehre von den Geisteskrankheiten
D die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben
E die Wissenschaft von den verhaltenssteuernden Systemen des Gehirns
F die Wissenschaft vom Unbewussten

Kommentar:

A Der Begriff ,,Bewusstsein“ umschreibt subjektives Erleben, das zumin-dest der persönlichen Selbstbeobachtung zugänglich und damit, wenn auch be-dingt, wissenschaftlich fassbar ist. Allerdings ist damit nicht der ganze Bereich der wissenschaftlichen Psychologie abgedeckt.

B Wörtlich übersetzt heißt Psychologie ,,Seelenlehre“. Was allerdings unter ,,Seele“ zu verstehen sei, ist umstritten bzw. nicht eindeutig festzulegen. Daher erweist sich diese Begriffsbestimmung für die heute vorwiegend auf beobacht-bare oder gar messbare Sachverhalte ausgerichtete psychologische Forschung als zu wenig konkret.

C Mit den Geisteskrankheiten beschäftigt man sich in der ,,Psychiatrie“, einem Wissenschaftsbereich, der zur Medizin gerechnet wird. Natürlich bestehen enge Zusammenhänge zur Psychologie.

D Diese Definition findet heute bei den meisten Psychologen Zustimmung. ,,Verhalten“ bezieht sich dabei auf alle beobachtbaren, feststellbaren oder messbaren Aktivitäten des lebenden Organismus, die als Folge innerer oder äußerer Reize auftreten. ,,Erleben“ steht für Vorgänge und Prozesse, die sowohl durch innere als auch äußere Reize verursacht sein können, aber nur in ihrer Auswirkung auf das Verhalten erfassbar werden.

E in dieser „moderneren“ Definition wird der Schwerpunkt auf gehirnphysio-logische Gegebenheiten gelegt.

Das gesamte psychische Geschehen ist an das Zentralnervensystem gebunden, also im Wesentlichen ans Gehirn.

Aufgabe der Psychologie im Sinne dieser Definition: Beschreibung und Erklä-rung der Funktionsweise der Teilsysteme des Gehirns, die an der Steuerung spezifischer Verhaltensformen beteiligt sind.

F Die Untersuchung des ,,Unbewussten“ wurde vor allem von der Psy-choanalyse (FREUD, JUNG u. a.) in Angriff genommen, aus der sich dann die Tiefenpsychologie entwickelte - sie ist ein Teilbereich der Psychologie.

Psychologisches Geschehen wird heute stärker im Zusammenhang mit anderen Forschungsbereichen betrachtet und untersucht, was z.B. in der Psychoneu-roimmunologie deutlich wird. (Vgl. I/1.4.7)

1.3 Psychologie im Alltag und in der Wissenschaft

Über Psychologie wird heute mehr gesprochen und geschrieben als je zuvor.

Psychologische Fachausdrücke gehören Vielfach schon zum gängigen Wortschatz. Viele haben sich auf Grund ihrer Alltagserfahrungen eine eigene Psychologie zurechtgelegt. Damit versuchen sie gegenüber den mannigfaltigen Lebensproblemen zu brauchbaren Erklärungen und Lösungen zu kommen.

Trotz der gelegentlichen Übereinstimmung laienhafter psychologischer Aussagen mit wissenschaftlichen Ergebnissen dürfen ihre Mängel nicht übersehen werden: starke Beschränkung auf eigene Erfahrungen; voreilige Schlussfolgerungen (von einem Einzelfall auf andere); geringe Bereitschaft, neue Informationen mit einzubeziehen; Neigung zu „Patentrezepten“ (eine Erklärung für viele Fälle).

Die wissenschaftliche Psychologie hingegen gewinnt ihre Ergebnisse nicht aus Einzelerfahrungen oder Zufällen, sondern aus gezielten Untersuchungen. Ihre Aussagen müssen abgesichert und begründet sein.

Wie in vielen Wissenschaften besteht auch in der Psychologie das Bestreben, die in diesen Forschungsbereich fallenden Gegebenheiten zu beschreiben und zu erklären. Auf Grund der gewonnenen Einsichten wird es mög1ich, Verhalten vorauszusagen und zu beeinflussen.

1.3.1 Psychologie in Zeitschriften

Das zunehmende Interesse für Psychologie macht sich auch in verschiedenen Zeitschriften und Illustrierten bemerkbar. „Ratgeberecken“ bieten ihre Dienste bei persönlichen und zwischenmenschlichen Problemen an. Mit „Psychospie-len“ kann man sich und andere „testen“. Viele Artikel befassen sich auch mit der „Heilwirkung“ der Psychologie.

Zeitschriftenbeiträge, die sich mit psychologischen Themen und Problemen befassen, sind in vielen Fällen eher darauf ausgerichtet, das gegenwärtig starke Interesse an Psychologie für die Erweiterung des Leserkreises zu nutzen, als wissenschaftlich gesicherte Aussagen und Ergebnisse zu bieten. Der Leser kann in vielen Fällen nicht entscheiden, ob es sich bei diesen Darstellungen um geschickt formulierte allgemeine Aussagen, um die persönliche Meinung des Verfassers oder um Ergebnisse aus der Wissenschaft handelt.

Auch die unter anderem als „psychologische Spiele“ angebotenen Tests, wie sie in verschiedenen Illustrierten zu finden sind, entbehren meist jeglicher wis-senschaftlichen Grundlage und halten kaum, was sie versprechen. Häufig lässt sich schon vorher abschätzen, wie man sich beim „Test“ verhalten muss, damit ein bestimmtes Ergebnis erzielt wird.

Viele, die in Ratgeberecken Hilfe suchen, stellen ihre Situation sehr einseitig dar. Der Ratgeber hat keine Gelegenheit, den jeweiligen Fall auch aus anderer Perspektive kennen zu lernen. Gerade dies aber wäre für eine angemessene Be-ratung genauso von Bedeutung wie die Einbeziehung aller an einem Konflikt Beteiligten. Es besteht aber auch die Gefahr, dass sich hinter der vom Ratsu-chenden dargestellten Problematik eine schwerere psychische Störung verbirgt,

für die eine rasche und gezielte Behandlung angezeigt wäre.

1.3.2 Sind wir alle Psychologen?

Da jeder Mensch über ein gewisses Maß an Menschenkenntnis verfügt und da-mit in seinem täglichen Leben ganz gut auszukommen glaubt, meint jeder von uns auch immer schon zu wissen, was Psychologie zu sein hat und was von ihr zu erwarten ist.

Außerdem kommt es immer wieder vor, dass psychologische Alltagserfahrun- gen von der wissenschaftlichen Psychologie bestätigt werden.

Beispiel:

Eine Mutter berichtet ihrer Nachbarin: „Wenn mein Kind sagt, dass es Bauch- weh hat, gebe ich ihm immer Kamillentee zu trinken und sage dazu, dass dies gut gegen Bauchweh ist. Das hilft meistens. Hauptsache, man glaubt daran.“

Auch von Psychologen wurde die Wirkung des „Glaubens“ in verschiedenen

Bereichen des menschlichen Lebens nachgewiesen. Wenn z. B. Patienten glaub-ten, dass sie echte Medikamente erhielten, erzielte u. U. ein Leerpräparat

(Placebo) dieselbe Wirkung.

Allerdings beschränkt sich die Wirksamkeit des „Glaubens“ auf jene Krank- heitsformen (z. B.: Kopfweh), gegenüber denen der Körper über eigene Ab- wehrstoffe verfügt, z. B. die Endorphine, die bei der Schmerzbewältigung mit- helfen. Bei schweren Erkrankungen hingegen (z. B.: Leberleiden) wäre es sinn-los, auf Placeboeffekte zu hoffen.

Trotz der gelegentlichen Übereinstimmungen laienhafter psychologischer Aus-sagen mit wissenschaftlichen Ergebnissen dürfen die Mängel dieser „Laienpsy-

chologie“ nicht übersehen werden: starke Beschränkung auf eigene Erfahrun-gen; voreilige Schlussfolgerungen (von einem Einzelfall auf andere); geringere Bereitschaft, neue Information mit einzubeziehen; Neigung zu „Patentrezepten“ (eine Erklärung für viele Fälle); einseitige Standpunkte bzw. einseitige Gewich-tung eines Faktors.

Zur Überlegung

Die Möglichkeit, Verhalten zu beeinflussen, hat nicht nur gute Seiten, wie z. B. Beratung und Hilfe, sondern birgt auch die Gefahr des Missbrauchs. Dazu einige Schlagworte: ,,Gehirnwäsche“, ,,Manipulation durch die Massen-medien“, ,,Psychoterror“, ,,psychologische Kriegsführung“.

Zur Übung

1. Welche Merkmale der ,,Laienpsychologie“ lassen sich aus dem folgenden Beispiel ableiten?

Herr L. und seine Gattin werden Zeugen wie ein junger Motorradfahrer in einer engen Kurve ins Schleudern gerät und zu Sturz kommt. Herr L. sagt:„Das ist wieder typisch. Alle diese jungen Leute sind immer viel zu schnell unterwegs!“

2. Welcher Faktor wird in den beiden Sprichwörtern einseitig überbetont bzw. nicht mit einbezogen?

a) „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“
b) „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“
c) „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen.“

3. In der Ratgeberecke einer Zeitschrift („Sprechstunde Psychologie“) findet sich die folgende Anfrage: „Eine meiner Bekannten reagiert oft übertrieben. Sie wirft mir vor, sie bewusst schlecht zu behandeln. Es nützt nichts, ihr das Gegenteil zu versichern. Was ist da los?“

Glauben Sie, dass es möglich ist, die Ratsuchende auf Grund dieser Angaben objektiv beraten zu können?

4. Der Biologe Jakob von Uexküll hat einmal gesagt: „Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen“. Was meint er damit im Hinblick auf den Gang der Forschung?

Lösung (1): siehe Seite 19

1.4 Richtungen (Schulen, Forschungsbereiche) der Psychologie

1.4.1 Zur Einführung

Wissenschaftliche Psychologie hat das Ziel, Verhalten und Erleben systema-tisch zu beschreiben, zu erklären, vorauszusagen und zu kontrollieren. Über die Frage, wie dieses Vorhaben angegangen werden soll, gibt es verschiedene Auffassungen, die sich in unterschiedlichen Forschungsrichtungen ausdrücken. Die wichtigsten davon werden hier kurz vorgestellt.

1.4.2 Behaviorismus (,,Verhaltenspsychologie`“)

Begründer ist der Amerikaner J.B.WATSON (1878-1958, siehe S. 66 f.). Seiner Ansicht nach kann Psychologie nur dann objektiv und wissenschaftlich sein, wenn sie sich auf das von außen her beobachtbare, sichtbare und messbare Verhalten (englisch: ,,behavior“ = Verhalten) beschränkt. Begriffe wie ,,Bewusstsein“, ,,Erleben“ oder gar ,,Unbewusstes“ werden als wissenschaft-lich unbrauchbar abgelehnt. `

Verhalten lasse sich darauf zurückführen, dass auf Reize Reaktionen folgen:

Beispiel: Jemand nimmt einen Reiz wahr (z. B.: Eisreklame), ,,verarbeitet“ diesen Reiz körperlich (es ,,läuft ihm das Wasser im Mund zusammen“) und ,,beantwortet“ ihn mit einer Reaktion (kauft sich ein Eis).

Damit ist nach WATSON das Verhalten rein umweltbestimmt und durch Reiz-Reaktions-Verknüpfungen erlernbar.

Der Behaviorismus WATSONs zeigt sich heute in gemilderter Form. Es mussten Zwischenprozesse (z. B.: Bereitschaft zum Lernen, Trieb, Motiv) zugelassen werden, die nicht unmittelbar beobachtbar sind.

Weitere Vertreter: E. L. THORNDIKE, B. F. SKINNER (siehe IV/3.2.2).

1.4.3 Psychoanalyse

Als Begründer dieser Richtung gilt Sigmund FREUD (1856-1939, siehe VI/2.4.1), der von 1902 bis 1938 in Wien tätig war.

Die Psychoanalyse bietet sowohl eine Methode zur Behandlung psychischer Störungen als auch eine allgemeine Theorie menschlichen Verhaltens, wobei dem ,,Unbewussten“ besondere Bedeutung beigemessen wird.

Es wird angenommen, dass das Verhalten letztlich durch Triebkräfte bestimmt und gesteuert wird. Werden diese nicht oder nur unzureichend befriedigt, können psychische Störungen entstehen. Besonderes Gewicht kommt dabei der frühen Kindheit zu. Wünsche und Bedürfnisse, deren Erfüllung versagt bleibt, können aus dem Bewusstsein ins Unbewusste ,,verdrängt“ werden. Von dort aus können sie sich weiterhin auf das Verhalten auswirken, ohne dass dies die Betroffenen durchschauen.

FREUD hat diese Zusammenhänge erkannt und in der Psychoanalyse ein Verfahren entdeckt, die verdrängten Inhalte einer bewussten Verarbeitung zuzuführen. Seiner Ansicht nach gibt es sehr starke seelische Vorgänge und Vorstellungen, die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie sonstige Vorstellungen An dieser Stelle setzt die psychoanalytische Theorie ein und behauptet, dass solche Vorstellungen nicht bewusst sein können, weil eine gewisse Kraft sich dem widersetzt. Diese Theorie wird laut FREUD dadurch unwiderleglich, dass sich in der psychoanalytischen Technik Mittel gefunden haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen bewusst machen kann.

Die von FREUD angesprochene ,,gewisse Kraft“ setzt vor allem jenen unbewussten Gedanken, Gefühlen, Fantasien und Wünschen Widerstand entgegen, die für die Betroffenen bedrohlich, Angst auslösend oder peinlich werden könnten. In der Folge wurde dieses von der Triebtheorie geprägte Konzept abgeändert und erweitert - so z. B. durch Alfred ADLER, C. G. JUNG und Erik H.ERIKSON.

1.4.4 Kognitive Psychologie

Unter diese Bezeichnung fallen Teilgebiete der Psychologie, die sich mit kognitiven Vorgängen, das heißt mit Prozessen des Erkennens und des Wissens, befassen (z.B. Wahrnehmungs-, Denk-, Gedächtnis-, Intelligenz- und Lernforschung). Im Gegensatz zum Reiz-Reaktion-Schema des Behaviorismus wird aus der Sicht der Kognitiven Psychologie das Verhalten des Menschen von Verstehen und Einsicht geleitet. (vgl. ,,Kognitive Lerntheorien“, IV/3.4.)

Der Mensch reagiert nicht direkt auf Umweltreize, sondern verarbeitet diese, bevor er handelt. Der Forschungsschwerpunkt der Kognitiven Psychologie ist daher auf die Untersuchung jener Informationsverarbeitungsvorgänge gerichtet, die zwischen Informationsaufnahme und Handeln liegen.

Vertreter: H. GARDNER (siehe V/ 1.3.1), G. MILLER.

1.4.5 Humanistische Psychologie

Nach Ansicht der humanistischen Psychologen wird menschliches Verhalten weder von Trieben noch von Umweltreizen manipuliert. Vielmehr wird der Mensch als aktives Wesen betrachtet, das von Natur aus gut ist und die Fähigkeit besitzt, selbstständig vernünftige Entscheidungen zu treffen und seinen eigenen Weg zu gehen. Menschen streben nach der Verwirklichung ihrer Möglichkeiten, suchen nach Veränderungen, planen ihr Leben und geben ihm eine Struktur, um eine optimale Selbstverwirklichung zu erreichen. Zwischenmenschliche Erfahrungen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Die Humanistische Psychologie will dem Menschen dazu verhelfen, ein erfülltes und befriedigendes Leben zu führe, den Sinn seines Lebens zu finden und ihn in seinem Streben nach psychischer Gesundheit unterstützen.

Vertreter: Abraham H. MASLOW (siehe II/2.2.1), Charlotte BUHLER, Carl R. ROGERS (siehe VIII/3.2.3), Erich FROMM, Viktor E. FRANKL (siehe VIII/ 3.2.6).

1.4.6 Gestaltpsychologie

Sie geht auf Wahrnehmungsuntersuchungen zurück, wobei der Begriff „Ge-stalt“ eine zentrale Rolle erhielt. Psychische Vorgänge und Erscheinungen sind nach Auffassung der Gestaltpsychologen als Ganzheiten zu verstehen, als Gestalten, die mehr sind als eine bloße Summierung ihrer Teile oder Elemente. „Gestalt“ bedeutet eine sich von ihrer Umgebung (von einem Grund) abhebende gegliederte Ganzheit oder Einheit.

Einige Gestaltgesetze (Vgl. III/2.4):

1. Gestalten sind transponierbar (z. B. bleibt eine Melodie gleich, auch wenn sie in eine andere Tonhöhe, Tonart, Instrumentalbesetzung übertragen wird).
2. Tendenz zur guten Gestalt („Prägnanztendenz“): Einfache, regelmäßige (prägnante) Formen werden schneller als Ganzheiten erfasst.
Unvollendetes kann auf Grund der Gestalt, zu der es tendiert, als vollendet er-scheinen (z. B.: die Entstehung eines Gerüchts aus bruchstückhafter Informa-tion.
3. Gleiche oder ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig bzw. als Einheit erachtet.

Zusammenfassung und Kritik

Behaviorismus, Tiefenpsychologie, Gestaltpsychologie, Kognitive und Huma-nistische Psychologie stellen unterschiedliche methodische Zugänge zum Ge-genstand der Psychologie dar. Jede Richtung (Schule) erfasst allerdings nur Teilaspekte des menschlichen Verhaltens.

Diese traditionellen Richtungen bzw. Schulen haben inzwischen an Bedeutung verloren. Die zahlreichen Aufgaben und Probleme, mit denen der Psychologe in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern konfrontiert wird, trugen dazu bei, enge und einseitige Positionen aufzugeben und nach der Brauchbarkeit von Metho-den, Modellen und Theorien zu fragen. An die Stelle von Überzeugungen bzw. dem Festhalten an so genannten Lehr- oder Schulmeinungen traten die Krite-rien der Bewährung, Einfachheit und Überprüfbarkeit.

Zur Übung

Welchen psychologischen Richtungen lassen sich die folgenden Zitate zuordnen?

1. Der Mensch sollte sich bewusst sein, ,,dass die volle Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der des Mitmenschen das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist“.
2. ,,Das Bewusstsein ist wie die Oberfläche oder wie eine Haut über einem ausgedehnten Gebiet, dessen Umfang wir nicht kennen.“
3. ,,Gebt mir ein Dutzend Kinder und eine Welt, in der ich sie aufziehen kann. Dann garantiere ich, dass ich jedes von ihnen auf die Besonderheiten zu trainieren im Stande bin, die ich möchte: Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Unternehmer oder auch Bettler und Dieb.“

Lösung (2): siehe Seite 19

1.4.7 Psychoneuroimmunologie

Die Psychoneuroimmunologie oder Psychoimmunologie ist ein übergreifendes Forschungsgebiet, das sich mit der Wechselwirkung der Psyche, des Nervensy-stems und des Immunsystems beschäftigt. Ein Nachbargebiet ist die Psycho-neuroendokrinologie,das außerdem die Wechselwirkungen des Hormonsystems mit einbezieht. Eine Grundlage ist die Erkenntnis, dass Botenstoffe des Ner-vensystems auf das Immunsystem und Botenstoffe des Immunsystems auf das Nervensystem wirken. Schnittstellen der Regelkreise sind das Gehirn mit der Hirnanhangdrüse, die Nebennieren und die Immunzellen. Beispielsweise besit-zen Neuropeptide die Eigenschaft, an Immunzellen anzudocken und z. B. die Geschwindigkeit als auch Bewegungsrichtung von Makrophagen (= Fresszellen) beeinflussen. Durch diese Grundlage werden Erklärungen möglich, warum psychologische und psychotherapeutische Prozesse sich nachweislich auf körperliche Funktionen auswirken (Psychosomatik). Im Mittelpunkt steht die Wirkung der Psyche auf das Immunsystem, warum z.B. Stress Immunfaktoren negativ beeinflussen kann.

1.5 Anwendungsbereiche der Psychologie

Theorie und Praxis (Forschung und Anwendung) sind eng miteinander verflochten. Die Ergebnisse psychologischer Forschung werden durch ihre Umsetzung in die Praxis auf ihre Brauchbarkeit und damit auch Gültigkeit geprüft. Es ergeben sich aber auch von der Praxis her Forderungen und Fragen an die Forschung, die dadurch wieder neue Anstöße erhält.

Einige Bereiche der Angewandten Psychologie:

Klinische Psychologie:

die Anwendung psychologischer Erkenntnisse und Methoden in einer Klinik (Krankenhaus), meist allerdings beschränkt auf Diagnostik und Beratung.

Wirtschaftspsychologie:

Arbeits- und Betriebspsychologie befasst sich u. a. mit: Arbeitsplatzgestaltung, psychologischen Bedingungen der Arbeitsleistung, Arbeitszeitregelung (Dauer der täglichen Arbeitszeit, Pausen usw.), Arbeitsanforderungen; Auswahl von Bewerbern, Führungsqualitäten, Betriebsklima, Mitarbeitermotivierung, Konfliktbereinigung.

Markt- und Werbepsychologie

befasst sich u. a. mit: Markt- und Meinungsforschung, Konsumverhalten, Verbraucherpsychologie, Produktgestaltung, Werbetechniken, Wirkung ein-zelner Werbemaßnahmen (z. B.: von Plakaten, Texten).

Erziehungs- und Schulberatung

befasst sich u. a. mit: Erziehungsproblemen, Schulversagen, Schulreifefest-stellung, Schultypberatung.

Berufsberatung

befasst sich u. a. mit: Eignungsuntersuchungen.

Verkehrspsychologie

befasst sich u. a. mit: Fahrverhalten, Voraussetzungen für die Fahrtüchtigkeit

(z.B.: Reaktionsfähigkeit), Gestaltung von Verkehrseinrichtungen (z.B.: Verkehrszeichen).

Forensische Psychologie (,,Gerichtliche Psychologie“)

befasst sich u. a. mit: in der Rechtspflege angewandten psychologischen Er-kenntnissen (z. B.: Zurechnungsfähigkeit), psychologischen Aspekten gerichtlicher Aussagen (z. B.: Zeugenaussagen).

Umweltpsychologie (,,Öko-Psychologie“)

befasst sich mit dem Einfluss von Umweltbedingungen auf das Erleben und Verhalten des Menschen. Untersucht werden u. a. Probleme der Wohnraum- und Siedlungsgestaltung (z. B.: menschengerechtes Bauen), Auswirkungen von Umweltbelastungen (z. B.: Lärm, Abgase) und Besiedlungsdichte sowie Fragen der Gestaltung der Arbeits- und Freizeitumwelt.

Zusammenfassung

Psychologie wird heute meist als „Wissenschaft vom Verhalten und Erleben“ verstanden. Dabei ist sowohl direkt als auch indirekt beobachtbares Verhalten (= Erleben) mit inbegriffen.

Die Aussagen und Ergebnisse der wissenschaftlichen Psychologie stützen sich (im Unterschied zur „Alltagspsychologie“) auf gezielte Beobachtungen und müssen entsprechend abgesichert und begründet werden.

Die wissenschaftliche Tätigkeit hat das Ziel, Verhalten vorauszusagen, zu beeinflussen bzw. zu verändern. Dazu ist es notwendig, die psychologischen Gegebenheiten zu beobachten, zu beschreiben und zu erklären.

Psychologische Erkenntnisse werden in vielen Bereichen angewandt. Beispiele: Klinische Psychologie, Wirtschafts-, Verkehrspsychologie, Berufs-, Erzie-hungs- und Schulberatung.

Zur Übung

Von welchem der besprochenen Anwendungsbereiche kann man eine Antwort auf die folgenden Fragen erwarten?

Lösung (3): siehe Seite 19

Lösungen:

Lösung (1)

1. Klischeehafte Vorstellungen („typisch für“); von einem Fall wird auf alle jugendlichen Motorradfahrer geschlossen.

2. a) Vererbung wird überbetont;
b) Lernen geschieht ein Leben lang, nicht nur in der Kindheit.
c) Umwelteinfluss wird überbetont.

3. Eine objektive Beratung ist fragwürdig, vor allem auch deshalb, weil das Ver-halten der „Bekannten“ nur über die Anfragestellerin zugänglich ist.

4. Uexküll weist darauf hin, dass wissenschaftliche Ergebnisse oft relativ rasch

wieder überholt sind. So haben sich z.B. die psychotherapeutischen Behand-lungsmethoden auf Grund neuer Erkenntnisse über den Menschen bzw. auch durch neue Medikamente verändert. Auch die Festlegung von Grenzwerten (z.B. beim Blutbild) unterliegt Schwankungen.

Lösung (2)

1-Humanistische Psychologie (Erich FROMM), 2-Psychoanalyse (C. G. JUNG), 3-Behaviorismus (J. B. WATSON).

Lösung (3):

Schul-bzw. Erziehungsberatung, Verkehrspsychologie, Umweltpsychologie, Ar-beits- bzw. Betriebspsychologie, Berufsberatung, Werbepsychologie, Forensi-sche Psychologie, Verkehrspsychologie, Schul- bzw. Erziehungsberatung.

3 Forschungsmethoden

3.1 Zur Einführung

Wie überhaupt in der Wissenschaft ist man auch in der psychologischen Forschung bestrebt, möglichst objektive Antworten auf bestimmte Fragen zu finden und Vermutungen über gesetzmäßige Zusammenhänge auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Um das dazu erforderliche Erfahrungsmaterial (Daten) zu gewinnen, werden verschiedene Forschungsmethoden angewendet. Zu den wichtigsten zählen: Beobachtung, Befragung, Test und Experiment.

3.2 Beobachtung

Im Alltag gibt es ständig irgendetwas zu beobachten. Allerdings sind diese Be-obachtungen meist subjektiv verfälscht, was z. B. in Zeugenaussagen zu Tage tritt.

In der Wissenschaft wird die Beobachtung geplant, gezielt und systematisch angewendet. Um Fehler möglichst zu vermeiden, werden mehrere Beobachter eingesetzt, der Zeitrahmen wird abgegrenzt, und es wird nach vorher festgeleg-ten Beobachtungskriterien vorgegangen.

Die Beobachtung kann direkt, d. h. während des jeweiligen Geschehens („Be-obachtungsbögen“), oder anhand von Aufzeichnungen erfolgen (z. B.: Video-aufnahme einer Unterrichtsstunde). Die verdeckte (=heimliche) Beobachtung hat zwar den Vorteil, dass sich die Beobachteten natürlich verhalten, kann aber ethisch bedenklich werden, wenn z. B. die Intimsphäre der Betroffenen ver-letzt wird.

3.3 Befragung

Durch Befragungen wird versucht, Aufschluss über innere Vorgänge zu erhal-ten, die nicht direkt beobachtet werden können, wie z. B. Gefühle, Meinungen, Einstellungen, Motive, Persönlichkeitsmerkmale. Allerdings ergibt sich dabei das Problem, dass die Befragten falsche oder irreführende Antworten geben, weil ihnen z. B. die Befragung peinlich ist, sie einzelne Fragen nicht richtig verstehen oder sich an Verschiedenes nicht mehr genau erinnern.

Befragungen werden meist in Form von Interviews und mit Hilfe von genorm-ten Fragebögen (vgl. Persönlichkeitsfragebögen, VI/2.5.3) durchgeführt.

3.4 Test

Mit Tests können bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erfasst werden. Dabei handelt es sich um Verfahren, die strengen Qualitätsmaßstäben unterliegen. Näheres dazu siehe VI/2.5.2.

3.5 Experiment

Beim Experiment wird jenes Geschehen, das man untersuchen möchte, ab-sichtlich und planmäßig herbeigeführt, um es unter kontrollierten Bedingungen beobachten zu können.

Beispiel:

Ein Englischlehrer möchte herausfinden, inwieweit die Leistungen von Schü-lern einer seiner Klassen durch Zeitdruck beeinträchtigt werden. Er teilt die betreffende Klasse auf Grund der Englischnoten in zwei etwa gleich leistungs-starke Gruppen ein. Eine der beiden Gruppen (Experimentalgruppe) muss eine bestimmte Anzahl von Grammatikaufgaben in einer zu kurz bemessenen Zeit-spanne bearbeiten, die andere (Kontrollgruppe) hat ausreichend Arbeitszeit zur Verfügung.

Den Gruppenmitgliedern ist bekannt, dass beide Gruppen dieselben Aufgaben zu lösen haben.

Anhand dieses Beispiels lassen sich die Merkmale eines Experiments veran-schaulichen:

- Willkürlichkeít: Einrichtung und Verlauf des Experiments (Klasse, Unter-richtsstunde, Gruppeneinteilung, Aufgabenstellung, Zeitrahmen) können vom Leiter des Experiments (Lehrer) festgelegt werden.
- Varíierbarkeit: Die Bedingungen (z. B. Anzahl und Art der Aufgaben, Zeit-limit) können planmäßig (systematisch) abgeändert werden.
- Wiederholbarkeit: Die Ergebnisse des Experiments müssen bei gleicher Ver- suchsanordnung auch von anderen Versuchsleitern (Lehrern) bzw. in anderen Klassen erzielt werden können.

Grenzen von Experimenten: Nicht für alle Forschungsziele sind Experimente möglich. Bestimmte Situationen können nicht willkürlich hergestellt werden. Auch die oft hohen Kosten, moralische Bedenken (z. B.: absichtliche Täu-schung, Gefährdung bzw. Schädigung von Versuchspersonen) oder das Feh-len einer rechtlichen Erlaubnis schränken die Einsatzmöglichkeiten ein. Schließlich werden auch die Übertragbarkeit experimenteller Ergebnisse auf natürliche Verhältnisse wie auch der Aussagewert von Tierversuchen für men-schliches Verhalten immer wieder angezweifelt.

3.6 Methodische „Fallstricke“

Bei aller Wissenschaftlichkeit ist der Forscher vor unerwünschten Nebenwir-kungen seines methodischen Vorgehens nicht gefeit. Einer der bekanntesten „Fallstricke“, über den ein Wissenschaftler stolpern kann, ist der so genannte Rosenthal-Effekt.

Der amerikanische Psychologe Robert ROSENTHAL stellte fest, dass z. B. die Leistung von Schülern stark von den Erwartungen der Lehrer mit bedingt sein kann. Das heißt, dass Schüler, die von Lehrern für besonders intelligent ge-halten werden (obwohl dies in Wirklichkeit gar nicht zutrifft), gegenüber den anderen Schülern einen großen Leistungsvorsprung erreichen können.

Zusammenfassung

Beobachtung, Befragung, Test und Experiment zählen zu den wichtigsten Me-thoden der psychologischen und pädagogischen Forschung.

Wissenschaftliche Beobachtung erfolgt gezielt, systematisch und nach vorher festgelegten Kriterien. Sie kann unmittelbar in der jeweiligen Situation oder anhand von Aufzeichnungen durchgeführt werden.

Durch Befragungen (z. B.: Interviews, Fragebogenerhebung) wird versucht, Aufschlüsse über innere Vorgänge zu erhalten.

Tests sind Verfahren, mit denen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erfasst werden können.

Im Experiment kann ein absichtlich ausgelöstes Ereignis unter kontrollierten Bedingungen untersucht werden. Willkürlichkeit, Variierbarkeit und Wieder-holbarkeit sind dabei die wichtigsten Kriterien.

Dass wissenschaftliche Methoden auch zu „Fallstricken“ werden können, be-weist u. a. der so genannte Rosenthal-Effekt.

II Motivation und Emotion

1 Zur Einführung

Wenn wir uns fragen, was unser Verhalten aktiviert, welche Bedingungen uns veranlassen, in einer bestimmten Weise zu handeln, dann haben wir es mit dem Problem der Motivation zu tun.

Gefühle (= Emotionen) können besonders heftig sein (Affekte) oder als in Form von Stimmungen eine länger dauernde Gefühlstönung des Verhaltens bewirken.

Die Erforschung von Motivationen und Gefühlen stößt auf die Schwierigkeit, dass es sich dabei um innere Vorgänge handelt. Eine objektive Untersuchung ist daher nur indirekt über die Beobachtung der Auswirkungen auf das Verhal-ten möglich.

2 Motivation und Motiv

2.1 Begriffserklärung

Mit Motivation wird jene Antriebskraft umschrieben, die unser Verhalten in Gang setzt und steuert, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

An der Motivation sind unsere Motive beteiligt. Sie sind die besonderen „Be-weggründe“ unseres Verhaltens. Drei Menschen, die dasselbe Verhalten zeigen, können durchaus unterschiedliche Motive dafür haben. Der eine lernt z. B., weil er eine Belohnung in Aussicht hat, ein anderer lernt aus Wissbegierde und Interesse, ein Dritter, weil er sich vor einer angedrohten Strafe fürchtet.

Zur Übung

Haben Sie schon einmal überlegt, wodurch Sie sich zu verschiedenen Handlun-gen motivieren lassen?

Unterstreichen oder ergänzen Sie bei den folgenden Aktivitäten die im all-gemeinen bzw. für Ihre Motivation eventuell maßgeblichen Beweggründe!

Kaffee (Tee, Energy Drink, u.Ä.) trinken:

um neuen Schwung zu bekommen, aus Gewohnheit, gegen Kopfschmerzen, um mit anderen gemütlich zusammen zu sein, weil das Getränk so gut schmeckt, um nicht einzuschlafen, um wieder nüchtern zu werden, um sich besser konzentrieren zu können, aus Einsamkeit, weil das Getränk die Stim-mung hebt, nach dem Essen zur besseren Verdauung, gegen Durst,

Tanzen gehen:

aus Vergnügen, um jemanden kennen zu lernen, um schlank zu bleiben bzw. zu werden, als sportlicher Ausgleich, um „abschalten“ zu können, um aktuelle Musik zu hören, um sich im Tanzen zu verbessern, um mit der Partnerin (dem Partner) zusammen zu sein, weil die Partnerin (der Partner) es will, zur Brauchtumspflege, um sein Tanzkönnen zu zeigen, um aufzufallen, als gesell-schaftliche Verpflichtung,

Anmerkung:

Sicher werden Sie bemerkt haben, dass viele der hier angeführten Motivations-möglichkeiten noch einmal hinterfragt werden könnten. Z. B. wäre es ja in-teressant zu wissen, warum jemand sein Tanzkönnen zeigen will.

2.2 Arten von Motiven

Meist wird zwischen biologischen (angeborenen) Motiven („biologische Trie-be“) und psychologischen bzw. sozialen (erlernten) Motiven unterschieden.

Allerdings ist dabei nicht zu übersehen, dass auch die biologischen Motive in Bezug auf die Art und Weise, in der sie befriedigt werden, in hohem Maße durch Lernprozesse und kulturelle Faktoren beeinflusst werden. Man denke z.B. an das Essmotiv. Zwischen einzelnen Menschen wie auch Nationa-litäten bzw. Kulturkreisen bestehen zum Teil beträchtliche Unterschiede in den Essgewohnheiten und in der Nahrungszusammenstellung.

Eine andere Einteilung gliedert die Motive in Mangel- und Überflussmotive. Man beruft sich dabei auf vier allgemeinste Ziele menschlichen Verhaltens: Selbsterhaltung, Sicherheit, Befriedigung und Anregung. Der Mensch trachte danach, am Leben zu bleiben, sich in Sicherheit zu wissen, Angenehmes zu erleben und neue Reize zu erfahren.

Mangelmotívation: auf Selbsterhaltung und Sicherheit gerichtet; durch Bedürf-nisse gekennzeichnet, die darauf abzielen, Mängel (z. B.: Hunger, Sauerstoff-mangel), Störungen (z. B.: Krankheit, Schmerz) zu beheben und Gefahren, Be-drohungen und Angst zu vermeiden: angestrebt wird eine Spannungsverminde-rung.

Überflussmotivation: auf Befriedigung und Anregung gerichtet; das Bestreben geht dahin, „angenehme Erlebnisse zu haben, Befriedigung zu erlangen, zu wissen, verstehen, lernen und entdecken, Neues zu suchen und zu schaffen und etwas zu leisten“, meist wird Spannungszunahme gesucht. Fast jede mensch-liche Handlung kann Mangel- oder Überflussmotivation bzw. beides ausdrü-cken. Der Hungrige z. B. kann sein Essbedürfnis in einer genussvollen Weise befriedigen, die weit über das bloße Ausgleichen eines Mangelzustandes hi-nausgeht.

Eine detaillierte Aufgliederung der Mangel- und Überflussmotive zeigt die folgende Übersicht.

(Aus: Arbeitsbuch Psychologie)

Zur Übung

Kehren Sie bitte zur vorhergehenden Übung zurück, und versuchen Sie die dort vorgegebenen „Beweggründe“ (Motive) nach Mangel- bzw. Überflussmoti-ven zu ordnen! Unterstreichen Sie zu diesem Zweck alle Motive, die Sie für ausgesprochene Mangelmotive halten! Übrig bleiben dann die Überflussmotive und jene, die nicht eindeutig zuzuordnen sind. Die Übersicht über die Motiv-aufgliederung (siehe oben) wird Ihnen dabei von Nutzen sein. Die eine oder andere Zuordnung wird Ihnen – wie gesagt - nicht leicht fallen, weil es eben auch zu Überschneidungen zwischen den beiden Motivgruppen kommen kann.

Lösung (1): siehe Seite 40

2.2.1 Motive und Selbstentfaltung

Der Weg zur Selbstverwirklichung stellt sich nach Abraham MASLOW als eine Stufenfolge von bestimmten Grundbedürfnissen dar. Das jeweils vorangehende Bedürfnis muss dabei angemessen befriedigt sein, bevor das folgende entsprechend zum Tragen kommen kann.

Dem Bedürfnis nach Sicherheit kann erst dann genügend entsprochen werden, wenn die physiologischen Lebensnotwendigkeiten ausreichend befriedigt sind.

Ein bestimmtes Maß an Sicherheit muss erreicht sein, bevor Geborgenheit und Liebe sich voll entfalten können. Und dies ist wieder Voraussetzung für eine größtmögliche Befriedigung des Bedürfnisses nach Geltung, Anerkennung und Erfolg. Selbstverwirklichung baut schließlich auf der Befriedigung aller voran-gegangenen Bedürfnisse auf und kann ihren Höhepunkt nur erreichen, wenn diese Befriedigung möglichst optimal erfolgt ist.

Störungen des „natürlichen“ Entwicklungsablaufes können also auftreten, wenn die Bedürfnisse irgendeiner Stufe unzureichend befriedigt werden. Dann wirkt sich dies auch auf die nachfolgende Bedürfnisebene aus: Ein Mensch, dessen Umwelt nur die primitivsten Lebensnotwendigkeiten bietet, wird kaum drängende Bedürfnisse nach Leistung, Prestige oder Schönheit entwickeln.

Die Bedürfnisse der bereits „überwundenen“ Stufen sind auch später immer wieder in gewissem Ausmaß vorhanden, können zeitweise wieder stärker hervortreten, aber niemals so quälend, so zwanghaft und überwältigend für die Gesamtperson, wie sie das in der Vergangenheit einmal waren. Kurz, nachdem ein Individuum die verschiedenen Entwicklungsphasen passiert hat, finden wir eine Persönlichkeitsstruktur, in der die vielen Bedürfnisarten in ein gut gesteuertes hierarchisches Organisationsmuster gefügt sind. Der Mensch ist von der Beherrschung durch andere Bedürfnisse befreit; er ist frei, seine ei-gentlichen reichen Möglichkeiten zum Blühen zu bringen, frei zur Selbstgestal-tung.

Zur Überlegung

- Überlegen Sie, welche Erfahrungen, Umweltbedingungen und Fähigkeiten als Voraussetzungen für eine ausreichende Befriedigung der einzelnen Bedürfnisse (nach MASLOW) gegeben sein müssen.
- Was bedeutet der Ausspruch: „Im Krieg ruhen die Künste“ im Hinblick auf diese Bedürfnisse? Welche Konsequenzen könnte eine tief greifende Wirt-schaftsrezession für die im Schema aufgezeigten Grundbedürfnisse bzw. de-ren Befriedigung haben? Welche Bedürfnisse würden dann am ehesten ver-nachlässigt werden?
- Welche Wirtschaftszweige profitieren vom Bedürfnis nach Sicherheit?
Durch welche Luxusgüter bzw. Verhaltensweisen versuchen manche Men-schen das Bedürfnis nach Anerkennung bzw. Geltung zu befriedigen?

2.2.2 Aggression

In der Aggressionsforschung, für die es nach wie vor eine ganze Reihe offener Fragen gibt, lassen sich im Wesentlichen drei Hauptpositionen unterscheiden:

1. Aggression = Trieb- oder Instinktäußerung (K. LORENZ, S. FREUD).

Im Organismus wird dauernd eine Art aggressiver Triebenergie erzeugt, die sich anstaut, wenn auslösende Reize fehlen.

2. Aggression = Reaktion auf Frustration (J. DOLLARD, N. MILLER).

Frustration tritt immer dann auf, wenn ein Ziel vergeblich (= lateinisch: frustra) angestrebt wird oder der Weg zu diesem Ziel behindert wird.

3. Aggression = Ergebnis von Lernprozessen (A. BANDURA, R. H. WAL-TERS) - siehe dazu auch IV/3.3 (Modelllernen) bzw. 3.2.2 (Bekräftigungs-lernen).

Berücksichtigt man verschiedene, in der Auseinandersetzung mit den genann-ten Theorien entstandene Ergänzungen und Änderungen, so scheint eine ge-wisse Integration der drei genannten Positionen möglich. Demnach würden individuelle Unterschiede im Ausmaß der Aggressivität zum Teil genetisch bedingt sein, während Frustration, Lernprozesse und bestimmte Umweltbe-dingungen als äußere Ursachen entsprechende Bedeutung erhielten. Frustration kann, muss aber nicht Aggression zur Folge haben. Besondere Um-stände können dazu führen, dass sich das aggressive Verhalten nicht gegen den Auslöser der Frustration richtet, sondern auf weniger „gefährliche“ Personen oder Objekte verlagert wird.

Die (erfolgreiche) Ausführung bzw. Belohnung aggressiver Handlungen und die Beobachtung aggressiven Verhaltens bei anderen (z. B. bei den Eltern oder in den Medien erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in Zukunft aggressiv reagiert. Allerdings spielt auch der soziale Rahmen (insbesondere das Erziehungsklima) eine wichtige Rolle: Menschen, deren Entwicklung von Gefühlskälte, Autorität, Einengung und Intoleranz geprägt ist, haben ein ge-steigertes Gewaltpotenzial. Aber auch zu große Nachgiebigkeit und über-triebene Verwöhnung wirken aggressionsfördernd.

Zur Überlegung

Was sind bei Ihnen die häufigsten Auslöser für Ärger und Aggressivität?

Wie äußern sich bei Ihnen aggressive Zustände, und wie gehen Sie damit um?

Kennen Sie Möglichkeiten, „Dampf abzulassen“, und zwar auf eine für Sie und andere unschädliche Weise?

2.2.3 Bedeutung der Sexualität

Sexualität ist eine menschliche Grundgegebenheit, die alle Lebensbereiche durchzieht. Sie bewegt den Einzelnen wie die Gesellschaft, sie findet sich ebenso in der Dichtung wie in der Werbung, sie berührt unseren Wunsch nach Glück,Verbundenheit und Hingabe, ist aber auch vom Konsum- und Leistungs-denken beeinflusst.

Sexualverhalten verbindet die Motive der Selbsterhaltung, der Sicherheit, der Befriedigung und Anregung. Wenn Sie die Aufgliederung von Mangel- und Überflussmotiven (vgl. S. 24 f.) genauer untersuchen, werden Sie herausfinden, dass Sexualität mit vielen der darin aufgezeigten Motive in Zusammenhang steht bzw. vielfältigen anderen Zwecken dienen kann als bloß der Befriedi-gung sexuellen Verlangens und der Fortpflanzung. Sexualität kann z. B. in der „Beziehung auf andere Menschen“ Ausdruck von Liebe und Zuneigung sein, aber auch dazu beitragen, andere zu beherrschen. In der „Beziehung auf das Ich“ kann sie z. B. das Selbstvertrauen festigen.

Die Unterdrückung sexueller Triebimpulse bzw. ihre Verdrängung aus dem Bewusstsein kann zu neurotischen Entwicklungen führen (Vgl. VIII/2.7). Auf Grund von Forschungsfortschritten im Bereich der Psychosomatik ist es als sehr wahrscheinlich anzusehen, dass diese Triebunterdrückung auch für einen Großteil von körperlich funktionellen und vegetativen Erkrankungen als Ursache in Frage kommt. Man nimmt an, dass 70-80 % aller psychischen Erkrankungen auf Partnerschafts-, Beziehungs- und Ehekrisen beruhen und davon gut 70-80 % auf sexuellen Frustrationen und Nöten.

2.3 Auslösung von Motiven

Motive können durch körperliche Vorgänge (z. B.: Hungergefühl), durch äußere Reize (z. B.: köstlich duftende Speise) oder auch durch Gedanken und Vorstellungen wachgerufen werden.

Meist besteht zwischen den einzelnen Anreizarten eine enge Wechsel-beziehung. Z. B. kann ein unbewusst vorhandenes Bedürfnis durch eine entsprechende Anregung von außen oder eine einschlägige Vorstellung aktiviert werden. Oft führt erst die gegenseitige Verstärkung der verschiedenen Anreize zur Auslösung von Motivzuständen.

Zur Übung

Oft werden durch äußere Motivationsanlässe völlig neue Bedürfnisse geweckt. Hier eröffnet sich einer der vielen Einsatzbereiche der Werbung. Für verschiedene neue Produkte müssen die entsprechenden Bedürfnisse meist erst geweckt bzw. „aufgebaut“ werden (z. B.: neue Sportgeräte, Küchenhilfen).

In dieser Übung erhalten Sie Gelegenheit, die zum Teil sehr hintergründigen Motive einzelner Werbeaktivitäten aufzudecken. Sie werden sehen, wie versucht wird, zwischen einem bestimmten Produkt und verschiedenen Bedürfnissen Assoziationen herzustellen, die damit an sich nichts zu tun haben, aber letztlich als „Zugpferde“ für den Erwerb des Produkts eingesetzt werden.

Bevor Sie mit der Übung beginnen, sollten Sie das folgende Übungsbeispiel lesen und gut durchdenken:

Reklame für ein Mineralwasser: „Im modernen Leben braucht man einen guten Magen.“

Kommentar: Diese allgemeine Feststellung über das „moderne Leben“ soll vorerst die Aufmerksamkeit erregen: Man braucht einen „guten Magen“, d. h. als Motive gedeutet: erfolgreich sein, etwas aushalten, nicht umzubringen sein. Diese Motivation wird in humorvoller Weise mit dem Mineralwasser (= gesund für den Magen) assoziiert.

Nun können Sie anfangen!

1. Getränkereklame: „Der Drink der Leute von Welt.“

2. Zigarettenreklame: „Milde Sorte. Das Leben ist hart genug “

Dazu folgendes Bild: Eine, wie ihr Schreibtisch zeigt, mit Arbeit eingedeckte Sekretärin hat sich in ihren Bürosessel zurückgelehnt und macht Ziga-rettenpause.

3. Parfumreklame: „Die faszinierende Welt der Eleganz, eingefangen in einem außergewöhnlich kostbaren Duft. Verführerisch und einzigartig, wie die Frau, die ihn trägt.“

4. Reklame für Herrenunterwäsche: „Die Wäsche mit Sportsgeist für Männer mit Sportsgeist.“ Bild: ein bärtiger, athletisch gebauter Mann in dunkelblauem Leibchen und Slip; er steht in voller Größe, lachend zum Betrachter gewandt; die Arme sind abgewinkelt und die Hände zu Fäusten geballt, als wolle er seine Schlagkraft (Fitness) demonstrieren.

Lösung (2): siehe Seite 40

Zusammenfassung

Mit Motivation sind Faktoren und Vorgänge gemeint, die antreibend und steuernd auf das Verhalten einwirken.

Motive sind individuelle Antriebskräfte, die dazu führen, dass Menschen sich in bestimmten Situationen unterschiedlich verhalten.

Man kann zwischen biologischen (angeborenen) und psychologischen bzw. sozialen (erlernten) Motiven unterscheiden oder zwischen Mangel- und Überflussmotiven. Mangelmotive sind auf Selbsterhaltung und Sicherheit gerichtet, Überflussmotive auf Befriedigung und Anregung. Motivzustände können durch Anreize aus dem Körper, aus der äußeren Umwelt und der Vorstellung ausgelöst werden. Meist wirken mehrere Auslösefaktoren zusammen.

Die Bedeutung der Sexualität, in der verschiedene Motive zum Tragen kommen können, beschränkt sich keineswegs bloß auf die Befriedigung sexuellen Verlangens oder den Zweck der Fortpflanzung. Viele psychische Störungen beruhen auf sexuellen Frustrationen und Nöten.

Aggression wird auf dreierlei Weise erklärt: als Trieb- bzw. Instinktäußerung, als Reaktion auf Frustration und als Ergebnis von Lernprozessen.

2.4 Konflikte

Menschliches Verhalten gewinnt seine Richtung vielfach erst in der Auseinandersetzung miteinander konkurrierenden Motiven bzw. Hand-lungsmöglichkeiten. Dadurch entstehen sehr oft Konflikte.

Wie jemand mit seinen Konflikten zurechtkommt, wie er sie löst, wie er damit fertig wird, dass er gewisse Konflikte nicht zu lösen im Stande ist - all dies

hat einen wesentlichen Einfluss auf seinen persönlichen Werdegang.

Begriffserklärung:

Unter Konflikt ist ein Zustand zu verstehen, der dann eintritt, wenn man sich zwischen mindestens zwei einander entgegen gerichteten Handlungstendenzen (Motiven) entscheiden soll.

2.4.1 Konfliktarten nach LEWIN

Eine von Kurt LEWIN getroffene Einteilung von Konfliktsituationen bezieht sich auf jene Konflikte, die ein Mensch in sich austrägt (innerpsychische Konflikte). Sie beruht auf der Unterscheidung zwischen der Tendenz, ein bestimmtes Ziel anzustreben (Appetenz), und jener, ein bestimmtes Ziel bzw. eine bestimmte Situation zu (ver-)meiden (Aversion).

1. Wahl zwischen zwei sich gegenseitig ausschließenden positiven (d. h. begehrenswerten) Alternativen (Appetenz-Appetenz-Konflikt) - Beispiel: zwei gleichermaßen günstige Stellenangebote.
2. Zwang, sich zwischen zwei ungefähr gleich bedrohlichen oder un-angenehmen Alternativen entscheiden zu müssen (Aversions-Aversions-Kon-flikt). - Beispiel: Zahnschmerzen ertragen oder zum Zahnarzt gehen.
3. Unentschlossenheit hinsichtlich eines Zieles, das sowohl positive wie negative Anreize besitzt (Appetenz-Aversions-Konflikt). - Beispiel: eine Anstellung, die ein gutes Einkommen bietet, aber ein Wohnen in einer nicht einladenden Stadt erfordert.

Zu beachten:

Die Reduzierung von Konfliktsituationen auf einzelne Konflikttypen stellt natürlich eine Vereinfachung der sich in Konfliktsituationen abspielenden Motivationsprozesse dar. Außerdem enthalten die meisten Konflikte mehr als zwei Handlungsalternativen bzw. sind einigermaßen gleichwertige Hand-lungstendenzen selten.

2.4.2 Antriebs- und Rollenkonflikte

Neben den innerpsychischen Konflikten, die ein Mensch in sich austrägt oder auszutragen hat, entstehen eine Reihe von Konflikten zwischen einzelnen Personen oder Gruppen. Aber auch ein Großteil der inneren Konflikte einer Person steht in Beziehung oder gar Wechselwirkung zur jeweiligen sozialen Umwelt, zu den jeweiligen gesellschaftlichen Forderungen und Normen.

Unter diesem Aspekt kann man zwischen Antriebs- und Rollenkonflikten unterscheiden.

Antriebskonflikte:

l. Konflikt zwischen Lust und Strafe:

Viele Konflikte entstehen dadurch, dass zahlreiche Impulse und Antriebe, denen sich der Einzelne gern hingeben möchte (z. B.: Aggression, Sexualität), durch gesellschaftliche Normen kontrolliert und Verstöße durch entsprechende Strafen geahndet werden.

2. Konflikt zwischen persönlichem Gewinn (Vorteil) und Prinzip:

Diese Art von Konflikten geht darauf zurück, dass das Bedürfnis des Einzelnen nach persönlichem Vorteil mit den in ihm „verankerten“ gesellschaftlichen Normen und Wertmaßstäben (Prinzipien) zusammenstößt.

Beispiel: Der Soldat, der am Leben bleiben will, dieses aber aus Patriotismus im Krieg aufs Spiel setzt.

3. Konflikt zwischen Leistung und Furcht vor Misserfolg:

Jede Gesellschaft verfügt über bestimmte Bewährungsproben, deren Bestehen wesentlich zur Stellung in der Gesellschaft beiträgt. Auf der anderen Seite steht aber die Angst zu versagen, die geforderte Leistung nicht erbringen zu können und an Ansehen zu verlieren.

Beispiel: Der Schüler, der weiterstudieren möchte (oder dessen Eltern dies möchten), aber Angst hat, bei der Matura (beim Abitur) durchzufallen.

4. Konflikt zwischen Unabhängigkeit und Zugehörigkeit:

Dem Bedürfnis, eigenständig und unabhängig zu sein, steht der Wunsch gegenüber, Mitglied einer Gruppe zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden, sich zu fügen und anzupassen.

Rollenkonflíkte:

Die Ursachen für diese Konflikte liegen darin, dass dem Einzelnen innerhalb der Gesellschaft bestimmte Rollen zukommen, die oft nur schwer oder gar nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Gegenüber diesen so genannten sozialen Rollen bestehen verschiedene Erwartungen, und sie sind mit unterschiedlichen Anforderungen verbunden.

Beispiele: Gertraud K. ist Schülerin, Tochter, Schwester, Mitglied einer Jugendgruppe, Freundin, Klassensprecherin und Mitglied der Volley-ballmannschaft; Unvereinbarkeit einer politischen Funktion mit diversen privaten Interessen.

Rollenkonflikte entstehen aber auch daraus, dass jemand für eine Rolle (z. B.: Berufsrolle) nicht die geforderten Fähigkeiten mitbringt.

Zur Übung

Sie sollen in den folgenden Beispielen herausfinden, um welche Art von Antriebskonflikten es sich jeweils handelt. Schreiben Sie Ihr Ergebnis in die Klammern nach jedem Beispiel, und verwenden Sie diese Abkürzungen: Konflikt zwischen Lust und Strafe (L/S), zwischen persönlichem Gewinn und

Prinzip (G/P), zwischen Leistung und Furcht vor Misserfolg (L/M), zwischen Unabhängigkeit und Zugehörigkeit (U/Z).

l. Herr L. hat in der Dunkelheit mit seinem Pkw einen Fußgänger angefahren. Im ersten Moment denkt er daran, Fahrerflucht zu begehen, befürchtet aber, gesehen worden zu sein. Nach etwa 50 Metern hält er an und läuft zur Unfallstelle zurück ( ).

2. Um die 7. Gymnasialklasse erfolgreich abschließen zu können, muss Renate S. in Deutsch und Englisch eine Entscheidungsprüfung ablegen. Nachdem sie in der Deutschprüfung versagt hat, bleibt sie der Schule fern und tritt zur Englischprüfung gar nicht mehr an ( ).

3. Einem Arzt wird von einer pharmazeutischen Firma ein ansehnlicher Geldbetrag angeboten, wenn er sich bereit erkläre, ein bestimmtes Medikament in seiner Praxis einzuführen und dafür auch im Rahmen einer Vortragsreihe zu werben. Er hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass das betreffende Medikament keinesfalls das hält, was es verspricht ( ).

4. Eine allein stehende Rentnerin beklagt sich immer wieder über ihr Alleinsein. Eine Freundin bringt sie schließlich dazu, an einem Seniorenurlaub teil-zunehmen. Bald stellt sich aber heraus, dass sie sich vom gemeinsamen Pro-gramm fern hält. Schließlich ist sie froh, als die Urlaubswoche vorüber ist ( ).

Lösung (3): siehe S. 40

Zur Überlegung

Welche Konflikte könnten sich aus den folgenden Rollenverbindungen ergeben?

- ein Priester, der auch Militärseelsorger ist
- ein Autorennfahrer, der auch Familienvater ist
- eine Akademikerin, die nur im Haushalt arbeitet
- eine Lehrerin, die ihr eigenes Kind in der Klasse hat
- ein Künstler, der darauf angewiesen ist, kitschige Souvenirs zu verkaufen.

2.4.3 Konfliktlösung

Konflikte zwischen Einzelnen oder Gruppen entstehen durch unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse oder Wertvorstellungen. Die Konfliktparteien sind in dem Sinn voneinander abhängig, dass das Verhalten der einen Partei Konsequenzen für das Verhalten der anderen Partei hat und umgekehrt.

Die Aktivitäten von Konfliktparteien sind meist darauf konzentriert, den jeweils eigenen Standpunkt durch entsprechende Argumente zu untermauern. Eine für alle Beteiligten annehmbare Lösungsmöglichkeit kann aber nur gefunden werden, wenn gemeinsam nach Alternativen und (Wahl-) Möglichkeiten gesucht wird, d. h. eine Lösung als gemeinsamer kreativer Entwurf gefunden wird.

Dieser Entwurf beruht auf einer gründlichen Erkundung der positiven und negativen Seiten des Konflikts sowie zusätzlicher Gesichtspunkte, die für eine Lösung als interessant in Betracht kommen. Die Aufzeichnung des Er-kundungsergebnisses bildet die Grundlage für die weitere Vorgangsweise. In vielen Konfliktfällen, besonders auch in internationalen, sind die streitenden Parteien nicht in der Lage, konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die Positionen sind festgefahren, und es fehlt außer der Bereitschaft auch die Fähigkeit, Konflikte im Sinne der Entwurf-Methode anzugehen.

[...]

Details

Seiten
182
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656601647
ISBN (Buch)
9783656601623
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268968
Note
Schlagworte
psychologie übungen aufgaben denkimpulse beispiele lösungen

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Titel: PSYCHOLOGIE aktiv begegnen und verstehen