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Gefährten in der Einsamkeit. Die Begleiter des Protagonisten Jonas in 'Die Arbeit der Nacht' von Thomas Glavinic.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Romantyp „Robinsonade“
2.1 Grundsätzliches: Die Isolation des Protagonisten
2.2 Merkmale der modernen Robinsonade nach Mara Stuhlfauth
2.3 Kritische Betrachtung dieser Konzeption der modernen Robinsonade

3. Die Begleiter des Protagonisten
3.1 Die Ausgangsituation: Isolation und Überlebenskampf
3.2 Das Doppelgänger-Motiv
3.3 Die Erinnerung an Marie

4. Schluss

5. Bibliographie

1. Einleitung

Der Roman Die Arbeit der Nacht gilt als die bis dahin erfolgreichste Veröffentlichung des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic.[1] Die im Jahr 2006 erschienene Erzählung beinhaltet den Zeitraum vom 4. Juli bis zum 20. August eines nicht näher genannten Jahres, während dessen sich der Protagonist Jonas allein durch eine ansonsten von Menschen und Tieren verlassene, äußerlich jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogene Welt schlagen muss. Die Tatsache dieser Isolation von Mitmenschen und der nicht beantworteten Frage nach dem ‚Warum‘ treiben Jonas an, seine Umwelt zu untersuchen und letztlich seine Tage auf irgendeine sinnige Weise zu verbringen, bis er schließlich seinem Leben durch einen Sturz vom Wiener Stephansdom ein Ende setzt.

Glavinic greift mit diesem Roman das Robinson-Schema auf, welches durch Daniel Defoes Roman The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner[2] einer breiten Leserschaft bekannt gemacht wurde. Der Held muss lernen, völlig auf sich allein gestellt in einer seltsam anmutenden Umgebung zurechtzukommen. Der Roman steht somit in der Tradition von genanntem Roman von Defoe, aber auch in der Tradition neuerer Robinsonaden, wie beispielsweise Die Wand von Marlene Haushofer. Erstaunliche Parallelen zeigen sich auch zu den im gleichen Jahr erschienenen Filmen I Am Legend (USA 2007) und Paranormal Activity (USA 2007), wobei im Ersten ebenfalls das Überleben in einer von Menschen unbewohnten Stadt im Vordergrund steht, im Zweitem das Motiv der nächtlichen Kameraaufzeichnungen und das unwissentliche Handeln der Menschen bei Nacht zentrale Ereignisse darstellen. Beides sind Elemente, die für Die Arbeit der Nacht eine zentrale Rolle spielen, und die daher auch in der vorliegenden Arbeit thematisiert werden.

Trotz der isolierten Situation von Jonas in Glavinics Roman treten häufig andere Geschöpfe auf, deren Bedeutung für den Fortlauf der Handlung als eminent angesehen werden muss. So beschäftigt sich Jonas häufig mit Personen, die in seiner Vergangenheit eine wichtige Rolle für ihn spielten und in seinen Erinnerungen stets präsent sind. Zudem tritt nach etwa einem Viertel des Buches ein zweiter Charakter in Erscheinung, der als „der Schläfer“ bezeichnet wird, der sich als schlafwandelndes Alter Ego von Jonas entpuppt. Trotz dass keine weiteren Menschen außer dem Protagonisten auf der Erde existieren, beginnt Jonas nach und nach mit anderen in Interaktion zu treten. Dies wird insbesondere dadurch verstärkt, dass sich Jonas, obgleich er sich seiner Einsamkeit sicher ist, sich stets beobachtet fühlt und vor etwas unbekanntem fürchtet. Inwieweit Jonas trotz seiner Isolation dennoch in Kontakt mit anderen tritt, und welchen Folgen diese Interaktion für ihn und seine isolierte Situation mit sich bringt, soll in der vorliegende Arbeit analysiert werden.

Zunächst wird daher Die Arbeit der Nacht mit dem Romantypus der Robinsonade in Verbindung gebracht werden, da dieser das Motiv der Isolation als charakteristisches Kennzeichen beinhaltet. Hierzu soll der Aufsatz von Mara Stuhlfauth zu Modernen Robinsonaden[3] eine Hilfestellung bieten, wobei eine kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen ihrer Analyse nicht ausbleiben darf. Anschließend wird das Thema der Isolation in Glavinics Roman genauer untersucht, um schließlich die Begleiter des Protagonisten Jonas zu analysieren und ihre Rolle für die Handlung zu untersuchen.

2. Der Romantyp „Robinsonade“

Der Begriff der „Robinsonade“ geht zurück auf den Roman The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner des englischen Schriftstellers Daniel Defoe aus dem Jahr 1719. Dessen Werk gilt als namensgebend für einen Romantyp, der „das Motiv des exilartigen Aufenthalts in inselhafter Abgeschlossenheit“[4] als zentrales Element behandelt. Sehr wohl bekannt ist, dass es bereits vor Defoe Schriftsteller gab, die sich eben jenem stofflichen Muster bedienten, Gero von Wilpert nennt hier beispielsweise den Roman Von guten und bösen Nachbarn von Jörg Wickram aus dem Jahr 1556,[5] doch aufgrund der Popularität des Robinson Crusoe und der zahlreichen folgenden Nachahmungen, festigte sich in der Wissenschaft der Begriff „Robinsonade“ für eben jenes Romanphänomen. Im Folgenden sollen die Merkmale der Robinsonade analysiert werden, wie sie in der Arbeit von Mara Stuhlfauth erarbeitet wurden.

2.1. Grundsätzliches: Die Isolation des Protagonisten

Folgt man der Definition zur Robinsonade, wie sie in Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur zu finden ist, ist das einzig erkennbare Merkmal dieses Romantyps das Motiv der unfreiwilligen Isolation des Hauptcharakters der Erzählung. Dieser ist, aus welchem Grund auch immer, für eine bestimmte oder unbestimmte Zeit komplett auf sich allein gestellt und muss sein Leben auf diese Weise meistern. Diese grundsätzliche Erläuterung zum Begriff der Robinsonade grenzt diesen Romantypus von anderen Romanformen eindeutig ab, in denen die Hauptperson der Handlung Kontakt zu anderen Mitmenschen hat und sich ihr Handeln durch eine irgendwie geartete Interaktion mit diesen auszeichnet. Dennoch gibt es unterschiedliche Ausformungen der Robinsonaden, die sich in Details durchaus markant unterscheiden. So ist bereits die Form der Isolation durchaus verschieden thematisiert. Im namensgebenden Werk Robinson Crusoe von Daniel Defoe ist genannter Robinson zwar zunächst allein auf einer Insel gestrandet, nachdem sein Schiff in einem Sturm in der Karibik untergeht. Doch nach drei Jahren trifft er auf Eingeborene, mit denen er in Kontakt tritt. Er findet hierbei sogar einen Freund, den er Freitag nennt, und befreit später sogar andere Schiffbrüchige aus der Gefangenschaft der Eingeborenen. Die Isolation stellt sich in diesem Fall folglich nicht als Abgeschiedenheit von Menschen insgesamt dar, sondern wird in dieser Form nur bis etwa drei Jahre nach der Strandung aufrechterhalten, bis eben Freitag zu ihm stößt. Folglich verändert sich die Thematik weg von der vollkommenen Isolation hin zur Isolation von der genuinen Kultur. Robinson ist nach Antreffen der Kannibalen und des geflüchteten Freitag nicht mehr von Menschen abgeschottet, wohl aber immer noch abgeschottet von seiner gewohnten Umwelt und Kultur. Auch dieses Motiv wird im Laufe der Handlung wieder in der Form abgemildert, dass er schließlich nach 28 Jahren auf der Insel auf einen Spanier trifft, der wiederum vor den Kannibalen flüchtete und bei Robinson Schutz findet. Robinson ist nun nicht mehr als Vertreter der westeuropäischen Zivilisation auf der Insel isoliert, sondern nun sind er und der Spanier gemeinsam von der Kultur ihrer Herkunft isoliert. Das Motiv der Abgeschiedenheit wird folglich in Defoes Werk nach und nach abgemildert, von einer absoluten Isolation auf einer einsamen Insel, bis hin zum Auffinden Gleichgesinnter und der gemeinsamen Flucht von der Insel.

Ein anderes Beispiel zur Robinsonade ist die Erzählung Die Wand von Marlen Haushofer. In diesem Roman wird eine namentlich nicht genannte Frau durch eine unsichtbare Kuppel in ihrem Tal vom Rest der Welt abgeschnitten. Zunächst scheint es, als sei auch sie vollkommen isoliert von der restlichen zivilisierten Umwelt, weshalb die in der Kuppel lebenden Tiere für sie einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Die Frau ist zwar nun isoliert von Menschen, doch herrscht um sie zumindest noch ein auf tierischer und pflanzlicher Ebene normales Leben. Die Isolation wird gegen Ende der Erzählung gebrochen, als ein Mann in der Kuppel erscheint und Stier und Hund der Frau tötet. Für diesen Moment scheint die Isolation gebrochen, da die Frau nun eben nicht mehr abgeschieden von anderen Menschen ist, doch tötet sie den Mann kurz darauf, was sie wiederum zum einzigen Menschen in ihrer Umgebung macht. Es handelt sich hierbei in der Folge nicht mehr um eine unfreiwillige Isolation von anderen Menschen, sondern um eine selbst gewählte Isolation.[6] Es bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass Motiv von Isolation und Abgeschiedenheit das markante Charakteristikum der Robinsonade ist, welches alle weiteren Motive unterordnet.

2.2. Merkmale der modernen Robinsonade nach Mara Stuhlfauth

Mara Stuhlfauth hat in ihrer Arbeit Moderne Robinsonaden auf die obigen Voraussetzungen begründet fünf thematische Grundmuster herausgearbeitet, die stilgebend für die Robinsonade sind.[7]

Isolation

Der Held befindet sich in einer isolierten Position, ohne oder mit nur sehr beschränkten Möglichkeiten, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Eine der hauptsächlichen Aufgaben ist es daher, nur „auf sein Denken und Handeln [reduziert], sich ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen“[8]. Insofern spielen gerade die „Formen der Daseinsbewältigung“[9], die der Held im Laufe der Erzählung wählt, eine besondere Rolle für die Handlung

Überleben

Auf sich allein gestellt und ohne Hilfe durch Mitmenschen, ist es die primäre Aufgabe des Helden, sein Überleben zu sichern. Es stellen sich daher sowohl für den Helden, als auch für den Leser, zahlreiche Fragen darüber, wie das Leben in der Abgeschiedenheit gemeistert werden kann. Wichtig sind im Hinblick hierauf insbesondere Fragen nach der Beschaffung von Nahrung und der Anlegung eines Lebensmittelvorrats für schlechte Zeiten. Ein weiterer Themenkomplex sind die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel und inwieweit solche konstruiert werden können. Im Hinblick auf die Isolation und die nicht vorhandene Interaktion mit anderen spielt auch die Gestaltung eines geregelten Tagesablaufs eine Rolle, ebenso wie die Möglichkeiten, vorhandenen Kommunikationsbedarf zu befriedigen. Das Thema Liebe spielt hierbei ebenfalls eine bedeutende Rolle.[10]

Das Innere der Robinsonfigur

Mara Stuhlfauth schreibt im Hinblick auf Defoes Robinson Crusoe, dass ein markantes inhaltliches Merkmal der Robinsonade ist, wie der Held der Erzählung damit umgeht, „sich der Natur anzupassen und dafür einige kulturelle Annehmlichkeiten als verloren zu akzeptieren, sich aber andererseits gewisse kulturelle Bedürfnisse zu erhalten, um seinem Selbstverständnis als Mensch gerecht zu werden“[11]. Das Verhältnis zwischen eigener, zivilisierter Kultur und urtümlicher Natur steht folglich ebenfalls sehr häufig im Zentrum der Robinsonade.

Die Gefährten der Robinsonfigur[12]

Wie bereits erläutert, ist die vorgegebene Isolation des Helden nicht immer als eine vollkommene und unumgängliche Abgeschiedenheit von Mitmenschen oder anderen Geschöpfen zu verstehen. Es ist durchaus möglich, dass sich in die Abgeschiedenheit andere Charaktere der Erzählung einfinden, die die Isolation zumindest abmildern und dem Helden die Möglichkeit bieten, mit irgendjemandem oder irgendetwas in Interaktion zu treten.

Die fiktionale Autobiografie

Die Robinsonade ist Mara Stuhlfauth zufolge zuletzt auch dadurch gekennzeichnet, dass sie Merkmale einer fiktionalen Autobiografie trägt.[13] Hierunter versteht man zunächst einmal eine Form der Autobiografie, also eine eigenhändige Lebensgeschichte des Erzählers, der gleichzeitig auch Teil der Handlung ist. Die Fiktionalität erhält die Autobiografie dadurch, dass der homodiegetische oder autodiegetische Erzähler sein früheres Handeln reflektiert und dies bewusst in den Erzählprozess einfließen lässt, wodurch Ereignisse in der Autobiografie mit einer gewissen Distanz fiktionalisiert wiedergegeben werden. In Defoes Robinson Crusoe erzählt Crusoe selber von seinem Leben vor, während und nach der Strandung auf der Karibikinsel, lässt jedoch durchblicken, dass er im Nachhinein bestimmte Dinge anders betrachtet, als er sie in der früheren Situation empfunden hat.

[...]


[1] Vgl. Thomas Schäfer: Glavinic, Thomas. In: nachschlage.NET/KLG - Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (2012). http://www.nachschlage.NET/document/16000000756 (abgerufen von Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek am 17.7.2013).

[2] Vgl. Daniel Defoe: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner. London: W. Taylor 1719.

[3] Vgl. Mara Stuhlfauth: Moderne Robinsonaden. Eine gattungstypologische Untersuchung am Beispiel von Marlen Haushofers Die Wand und Thomas Glavinics Die Arbeit der Nacht : Ergon 2011.

[4] Gero von Wilpert: Robinsonade. In: Sachwörterbuch der Literatur. Hrsg. Von Gero von Wilpert. 8. Verb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Kröner 2001, S. 694.

[5] Vgl. von Wilpert (2001). S. 694.

[6] Vgl. Marlen Haushofer: Die Wand. 14. Auflage. Claassen Verlag, Hamburg und Düsseldorf 2004, S. 275.

[7] Vgl. Stuhlfauth (2011). S. 9-20.

[8] Günther Bien: zum Thema des Naturzustandes im 17. Und 18. Jahrhundert. In: Archiv für Begriffsgeschichte (15) 1979, S. 279, ind. zit. nach: Stuhlfauth (2011), S. 12.

[9] Vgl. Stuhlfauth (2011). S. 13.

[10] Vgl. Stuhlfauth (2011). S. 13-15.

[11] Vgl. Stuhlfauth (2011). S. 15.

[12] Vgl. Stuhlfauth (2011). S. 16.

[13] Vgl. Stuhlfauth (2011). S. 17.

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656589778
ISBN (Buch)
9783656600831
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268683
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Germanistik
Note
3,0
Schlagworte
Glavinic Robinsonade Die Arbeit der Nacht Einsamkeit Isolation

Autor

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