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Der kommunistische Widerstand gegen die NS-Diktatur

Strukturen des Widerstands und Probleme seiner Bewertung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 27 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Widerstandsbegriff und der Widerstand gegen das NS-Regime

3. Die KPD und ihre Rolle in der Weimarer Republik

4. Der Beginn der NS-Diktatur, erste Verfolgungen und der Beginn des Widerstands

5. Der kommunistische Widerstand gegen die NS-Diktatur

6. Der kommunistische Widerstand im Zweiten Weltkrieg

7. Fazit

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Hausarbeit zum kommunistischen Widerstand gegen die NS-Diktatur geht der Frage nach, welche Bedeutung der kommunistische Widerstand im Kontext des gesamten deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur einnimmt. Bei einer ersten Annäherung an die Thematik stellt sich der Eindruck ein, als sei der kommunistische Widerstand ein wenig isoliert zum Gesamtkomplex des deutschen Widerstandes gewesen. Daher wird diese Hausarbeit die einzelnen Entwicklungsphasen des kommunistischen Widerstands gegen die NS-Diktatur darstellen und in den historischen Kontext einordnen. Es wird zu zeigen sein, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielsetzungen der kommunistische Widerstand geplant und durchgeführt wurde. Hier ist es von Interesse in vergleichender Hinsichtjeweils einen Blick auf andere bedeutende Widerstandsgruppen zu werfen, so auf den sozialdemokratischen, den bürgerlichen und den militärisch-aristokratischen Widerstand. Durch diese Vorgehensweise wird der kommunistische Widerstand in das politische und gesellschaftliche Geschehen eingeordnet, so dass sich abschließend die Frage nach dem Stellenwert des kommunistischen Widerstandes beantworten lässt. Aus der skizzierten Fragestellung resultiert die nachfolgende Gliederung der Hausarbeit. Unmittelbar im Anschluss an die Einleitung erfolgt eine Begriffsdefinition des Widerstands. Hier ist zweckmäßiger Weise der Begriff Widerstand zu verschiedenen Formen von Protest und Opposition abzugrenzen (Kapitel 2). Um die besondere Stellung der KPD im Widerstand angemessen darzustellen, wird in einem kurzen Kapitel auf die Stellung der KPD zur Weimarer Republik und zu Beginn der NS-Diktatur eingegangen. Diese Kontextualisierung erscheint erforderlich, um die besondere Ausgangslage des kommunistischen Widerstandes zu verstehen (Kapitel 3). In den beiden folgenden Kapiteln wird der kommunistische Widerstand der Jahre 1933-1939 und der Jahre 1939-1945 dargestellt und historisch kontextualisiert. Einen Schwerpunkt bildet die Vorstellung der kommunistischen Widerstandsorganisation der Roten Kapelle. Diese soll exemplarisch für eine relativ erfolgreiche Widerstandsgruppe vorgestellt werden (Kapitel 4 und 5). Zum Abschluss wird ein Fazit den kommunistischen Widerstand, seine Wirksamkeit, aber auch seine Begrenztheit zusammenfassend würdigen und interpretieren. Alles in allem geht es also bei dieser Hausarbeit um eine kritische Auseinandersetzung mit einem oftmals leider verdrängten Teilthema des deutschen Widerstandes gegen die NS-Diktatur.

2. DerWiderstandsbegriff und derWiderstand gegen das NS-Regime

Eine Analyse des kommunistischen Widerstandes gegen das NS-Herrschaftssystem in den Jahren von 1933 - 1945 verlangt zunächst nach einer begrifflichen Klärung des Begriffs Widerstand. Die Schwierigkeit besteht darin, dass nicht immer eindeutig festzustellen ist, inwieweit ein bestimmtes Protestverhalten oder die Verweigerung eines gewünschten Verhaltens schon bereits als Widerstand zu bezeichnen ist. In einem sehr weiten Verständnis wären dann alle Handlungen, die sich dem totalitären Almachtanspruch der NSDAP entgegenstellten, Widerstand. Ein verweigerter Hitlergruß oder das Fernbleiben vom HJ- Kameradschaftsabend können als ein dissensträchtiges Verhalten interpretiert werden. Derartige politisch-soziale Verhaltensformen sind zumindest ein Indikator dafür, dass dem totalitären Herrschaftsanspruch des NS-Regimes auch in Alltagssituationen Grenzen gesetzt waren. Eine präzisere Definition liegt dem Begriff der Widerstandsbewegung zugrunde, die dem Brock Haus Geschichte zu entnehmen ist:

„Im weiteren Sinne organisierte Form der Auflehnung gegen ein Regierungs- oder Besatzungssystem dessen Herrschaftsanspruch als unrechtmäßig, dessen Herrschaftsausübung als diktatorisch oder darüber hinaus als Menschenrechtsfeindlich betrachtet wird. Im engeren Sinne wird unter Widerstandsbewegung vor allem die organisierte Opposition in Europa gegen den Faschismus und den Nationalsozialismus zwischen 1922 und 1945, besonders gegen die deutsche Besatzungsmacht in vielen Staaten Europas, verstanden“1.

Die lexikalische Definition enthält wesentliche Hinweise auf einen historisch-politischen Widerstandsbegriff, der über Protestverhalten oder Verweigerung hinausgeht. Zugleich enthält die Definition Hinweise auf die formale Legitimation des Widerstands als einer Form des politischen Handelns. Demnach sind in erster Linie die Maßnahmen und Handlungen als Widerstand zu verstehen, die zielgerichtet auf die Beseitigung des NS-Herrschaftssystems hinauslaufen sollen. Schließlich geht es bei der Frage nach dem Widerstand gegen die NS- Diktatur auch um “politisch-gesellschaftliche Alternativen zur NS-Herrschaft“.2 Grundlegend für das Verständnis des Widerstandsbegriffs ist seine juristische, naturrechtliche und ethische Legitimation. Demnach ist Widerstand dann zulässig, wenn nicht sogar ethisch geboten, wenn sich die Obrigkeit nicht an grundlegende Rechtsnormen hält, also gegen den naturrechtlichen “Urzustand der Freiheit“ verstößt. Das neuzeitliche Naturrecht geht also von einer Verpflichtung aus, welches dem Staat zwar einerseits souveräne Herrschaftsrechte zubilligt, anderseits aber in der Souveränität des Volkes und in elementaren Grundsätzen der Rechtssicherheit, der Freiheit und der Sicherheit das Fundament für die Legitimität von Herrschaft überhaupt erkennt. Eine Regierung die Gewaltherrschaft ausübt, die Rechtsstaatlichkeit zerstört und politische Gegner verfolgt, hat demnach ihren Anspruch auf legitime Herrschaft verloren.3 In diesem Sinne war der organisierte Widerstand gegen die NS- Diktatur, der von Gruppen, aber auch von Einzelpersonen ausgeübt wurde, als ein Versuch zu verstehen, mit verschiedenen Maßnahmen ein unrechtmäßiges Herrschaftssystem zu beseitigen, da mit der sogenannten Brandverordnung, dem Ermächtigungsgesetz, der Gleichschaltung, sowie der staats- terroristischen Praxis durch die Gestapo, die SA und die SS der demokratische Verfassungsstaat in Deutschland faktisch und juristisch beseitigt bzw. suspendiert wurde.4 Jedoch verweisen H. Mommsen und W. Benz auf die besonderen Merkmale des deutschen Widerstandes hin:

„Ein grundlegender Unterschied zwischen den unterschiedlichen Formen der europäischen Résistance und dem deutschen widerstand besteht darin, dass Letzterer sich notgedrungen im Gegensatz zu der nationalen Einstellung des Großteils der Bevölkerung befand [...] Da es Hitler zumindest in den Anfangsjahren seiner Regierung gelungen war, sich einen vergleichsweise breiten Rückhalt in der Bevölkerung zu beschaffen, konnte der widerstand nicht mit spontanen Sympathien rechnen und nahm das Odium auf sich, die nationalen Interessen zu verraten. Er war daher ein widerstand ohne Volk.“5

Allen voran die deutschen Eliten in Militär, Diplomatie, Justiz und Wissenschaft unterstützten die NS-Diktatur bis in die unmittelbare Endphase des Regimes, aber auch viele Deutsche, die aus Patriotismus und Pflichterfüllung glaubten dem Vaterland dienen zu müssen, ordnen sich unter, so dass die organisierte Opposition gegen Hitler und das Regime ein Minderheitenphänomen blieb.6

Neben der sozialen Isolation des Widerstandes im oben definierten Sinne, als der Versuch das Regime zu beseitigen und durch eine andere Ordnung zu ersetzen, trat ein weiteres Strukturproblem mit der Fragmentierung des deutschen Widerstandes ein. Während es in anderen europäischen Ländern so etwa in Frankreich, in den Niederlanden und in Polen Versuche gab, den Widerstand auf eine breite gesellschaftliche Grundlage zu stellen, war der deutsche Widerstand seit seinem Beginn im Frühjahr 1933 in einen proletarischen Widerstand, der wiederum in einen sozialdemokratischen und kommunistischen Widerstand zerfiel, gespalten. Hinzu kamen bürgerlich-konservative Kreise, der militärische Widerstand, der sich vergleichsweise spät bildete und noch später handlungsbereit wurde, sowie ein kirchlicher Widerstand, um die bekennende Kirche und Gruppierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wie die Weiße Rose oder die Edelweißpiraten. Ein großer Teil dieser Widerstandsgruppen und Einzelpersonen lassen sich in ihrer Vorgeschichte bis in die Weimarer Republik zurückverfolgen. Gerade die Polarisierung des deutschen Parteiensystems und die Spaltung der politischen Linken in die demokratischen Sozialisten und die revolutionär ausgerichtete KPD erschwerten ein gemeinsames koordiniertes Vorgehen nach dem 30. Januar 1933.7

Da sich der Schwerpunkt dieser Hauptseminararbeit auf die KPD und ihre Rolle im Widerstand richtet, ist nunmehr auf die Zerschlagung der Arbeiterbewegung durch die NSDAP mit dem Schwerpunkt der KPD einzugehen, sowie auf die spezifischen Merkmale der KPD als einer Partei, die unmittelbar aus der Novemberrevolution 1918/19 hervorgegangen war. Am 30. Dezember 1918 bzw. am 1. Januar 1919 gründete sich in Berlin die Kommunistische Partei Deutschlands unter der maßgeblichen Federführung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Diese Neugründung war Ausdruck für die in der deutschen Arbeiterbewegung verbreitete Tendenz in einem basisdemokratischen und antikapitalistischen Politikmodell der Räteherrschaft einen Gegenentwurf zur parlamentarischen Demokratie ,aber auch zum autoritären wilhelminischen Obrigkeitsstaat zu errichten. Die Zielperspektive orientierte sich daran im engen Bündnis mit den Arbeiter- und Soldatenräten das “Machtvakuum der revolutionären Übergangszeit“ zu füllen.8

3. Die KPD und ihre Rolle in derWeimarer Republik

Der Gründungsparteitag der KPD um die Jahreswende 1918/19 dokumentiert den bereits bestehenden Bruch in der deutschen Arbeiterbewegung, der seine Ursprünge in den kontroversen Debatten um Reform und Revolution, um gesellschaftlichem Umsturz und Revisionismus noch vor dem 1. Weltkrieg hatte. Debatten über Massenstreiks als Mittel einer revolutionären Politik und der Protest gegen die Kriegskredite hatten während des 1. Weltkrieges zur Spaltung der deutschen Sozialdemokratie geführt. Diese Spaltung in MSPD und USPD aus dem Jahre 1917 kann als einer der tiefen Ursachen für die spätere Gründung der KPD angesehen werden.9 Es waren aber auch die Enttäuschungen über die „steckengebliebene deutsche Revolution“ von 1918/19, die zur Gründung der KPD durch Luxemburg und Liebknecht geführt haben.10 Das Verhältnis zwischen der SPD und der KPD blieb während der Zeit der Weimarer Republik und sogar noch am Beginn der NS-Diktatur angespannt. Während die SPD auf Reform und Kompromiss setzte, vertrat die andere Arbeiterpartei programmatisch einen sozial-revolutionären Ansatz.

Sie verstand sich als “Avantgarde der Proletariats“ und war als Kaderpartei nach dem Vorbild der russischen Bolschewiki organisiert. Programmatisch erstrebte sie die Mobilisierung der Massen, um schließlich in einem revolutionären Umsturz der bürgerlichen Gesellschaft die Eigentums- und Machtverhältnisse grundlegend zu verändern. Für zusätzliche Verbitterung sorgten nicht nur das vielzitierte Ebert-Groener-Bündnis, sondern vor allem die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Januar 1919 durch sie sogenannten Freikorps.11 Organisatorisch war die KPD in der Weimarer Republik eine Massenpartei mit ca. 450.000 Mitgliedern. Sie war in den Gewerkschaften ebenso verankert, wie in den sozialen Milieus der Arbeiterbewegungskultur. Kritisch beurteilt H. Gräbing als eine der führenden deutschen Historikerinnen, die über die Geschichte der Arbeiterbewegung gearbeitet hat, die Rolle der KPD in der Weimarer Republik:

„Die KPD hatte sich seit 1920 von einer pluralistischen, vielleicht sogar demokratischen Variante des Kommunismus über einen pseudo- revolutionären linksradikalen Putschismus immer eindeutiger (bis 1928) zu einer bürokratisch und ideologisch gleichgeschalteten Kaderpartei gewandelt, die in wachsenden Maß zu einer Moskau-treuen Befehlsempfängerin der Komintern wurde.“12

Trotz dieses kritischen Urteils erkennt auch Gräbing an, dass es sich bei der KPD um eine Partei mit einem “proletarischen Massenanhang“ handelte. Mit mehr als 3 Millionen Wählern, die sich hauptsächlich aus der Industriearbeiterschaft rekrutierten, beeinflussten sie mit zahlreichen Organisationen und Publikationen die politische Kultur der Weimarer Republik. Sie verfügten über eigene Presseorgane, wie die Rote Fahne, und traten in der Öffentlichkeit betont revolutionär-militärisch auf. Mit ihrem Vorsitzenden Ernst Hellmann, verfügte die Partei über eine zumindest in weiten Teilen der Arbeiterschaft geachtete Integrationsfigur. Schon währende der Weimarer Republik lieferte sich die KPD mit der Polizei, aber auch mit derNS-Gliederung der SA heftige Straßenschlachten.13

[...]


1 Der Brock Haus Geschichte - Personen, Daten, Hintergründe, Mannheim 2003, S.960 f.

2 Mommsen, Hans: Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Eine Bilanz, in: Mommsen, Hans: Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert Demokratie, Diktatur, Widerstand, München 2010, S. 235

3 Vgl. Hoffmann, Peter: Widerstand, Staatsstreich, Attentat - Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 1985, S. 10 f.

4 Vgl. Frei, Norbert: Der Führerstaat - Nationalsozialistische Herrschaft bis 1945, 6. Auflage, München 2001, S. 55 ff.

5 Mommsen, 2010, S.235

6 Benz, Wolfgang: Geschichte des dritten Reiches, München 2002, S. 231 f.

7 Mommsen, 2010, S.236

8 Vgl. Gräbing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung - Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007, S. 71

9 Büttner, Ursula: Weimar - Die überforderte Republik 1918-1933, in Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Auflage, Stuttgart 2011, S.306 f.

10 Vgl. Schönhoven, Klaus: Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989, S.39 f.

11 Büttner, in Gebhardt 2011, S. 308

12 Gräbing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung - Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007, S. 84

13 Gräbing 2007, S. 85 ff.

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656596103
ISBN (Buch)
9783656596059
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268667
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,2
Schlagworte
widerstand ns-diktatur strukturen widerstands probleme bewertung

Autor

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