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"Thu jetzt die Kindereyen auf die Seite" - Eine Darstellung der Thaddädl-Figur

Seminararbeit 2010 26 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „[E]s kann noch einmahl ein großes Thier aus mir werden.“ – Die Geschichte der Thaddädl-Figur
2.1 Der Schöpfer: Anton Hasenhut
2.2 Die Entstehung und Entwicklung der Thaddädl-Figur Anton Hasenhuts
2.2.1 Anton Hasenhut als Schauspieler und Darsteller der Thaddädl-Figur
2.3 Das Aussehen und Verhalten der Thaddädl-Figur
2.4 Die Probleme und das Ende der Thaddädl-Figur

3. Der Thaddädl – Eine Charakterisierung der Figur anhand ausgewählter Theaterstücke
3.1 Die Figur des Thaddädl in Karl Friedrich Henslers Posse Taddädl der dreyssigjährige A B C Schütz
3.1.1 Allgemeines zum Text
3.1.2 Der Taddädl
3.2 Die Figur des Thaddädl in Ferdinand Kringsteiners Lustspiel Der Zwirnhändler aus Oberösterreich
3.2.1 Allgemeines zum Text
3.2.2 Der Thaddädl
3.3 Die Figur des Thaddädl in Ferdinand Kringsteiners Posse Die Braut in der Klemme
3.3.1 Allgemeines zum Text
3.3.2 Der Thaddädl
3.4 Der Thaddädl als Protagonist im Tiroler Volksmärchen Thaddädl der Brüder Ignaz und Joseph Zingerle
3.4.1 Allgemeines zum Text
3.4.2 Der Thaddädl
3.5 Zusammenfassende und vergleichende Analyse

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärtexte
5.2 Sekundärliteratur

6. Anhang
6.1 Das Tiroler Volksmärchen Thaddädl

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit behandelt eine in Wien am Ende des 18. Jahrhunderts bekannt gewordene Lustige Figur: den Thaddädl, welcher Otto Rommel zufolge zu der „Zeit der Wiener Volksnarren“[1] gezählt werden müsse und laut Eduard Devirent im Vergleich zum bekannteren Kasperl „nicht witzig, sondern spaßig, aber nicht so derb, platt und tölpisch als Kasperl, sondern anständiger, artiger, naiver“[2] ist. Thaddädls Charaktereigenschaften und sein Aktions-Repertoire sind absolut beschränkt auf Tölpelei, Vorwitzigkeit und einen kindlichen Infantilismus, und der Figur standen, gemessen an anderen Bühnengestalten, nicht die gleichen weiten Felder zur Verfügung.

Geschichte und Entwicklung der Thaddädl-Figur sind eng mit jener ihres Schöpfers und Darstellers, dem Wiener Schauspieler Anton Hasenhut, verbunden und beide, im Gegensatz zu dem, was sie darstellen sollen, eher tragisch. Denn Hasenhuts Thaddädl hatte keinen lang anhaltenden Bestand an den deutsch­sprachigen Theatern und verschwand nach einer ruhmreichen kurzen Zeit weitestgehend stillschweigend von den Bühnen. Trotz ihres relativ flüchtigen Bestehens darf nicht vergessen werden, dass diese Figur und vor allem ihr Mime zu den erfolgreichen Zeiten das Publikum unterhalten und begeistert haben. Darum wird die vorliegende Arbeit nicht nur auf die Gründe des Durchbruchs der Figur an den Bühnen, sondern auch auf jene des sich schleichend einstellenden Misserfolgs und des Verschwindens Thaddädls eingehen.

Zudem wird jenem Mann, welcher die Gestalt des Thaddädl bekannt gemacht hat, Bedeutung zugedacht und davon ausgehend eine Charakterisierung der Thaddädl-Figur getroffen werden. Ein weiterer Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit vier unterschiedlichen Texten, in welchen Thaddädl (respektive Taddädl) eine zentrale Rolle einnimmt, und darauf aufbauend wird ein Vergleich der behandelten vier Stücke über die sich an manchen Stellen mehr und an anderen weniger unterscheidenden Darstellungen dieser speziellen Lustigen Figur Aufschluss geben.

2. „[E]s kann noch einmahl ein großes Thier aus mir werden.“ – Die Geschichte der Thaddädl-Figur

2.1 Der Schöpfer: Anton Hasenhut

Anton Hasenhut wurde am 1. Juni 1766 in Peterwardein geboren und starb am 6. Februar 1841 in Wien. Er wuchs als Sohn eines Wanderkomödianten in ärm­lichen Verhältnissen auf und bekam 1787 ein Engagement als Schauspieler an das Wiener Leopoldstädter Theater. Hasenhuts Glanzepoche begann jedoch erst im Theater an der Wien, welchem er 1803 beitrat.[3][4]

Er erntete „in Rollen der Dümmlinge […] großen Beifall“ und wurde zu Gastspielen u. a. nach Graz, Prag, Linz, München, Frankfurt am Main, Regensburg und Nürnberg geladen, welche für ihn erfolgreich verliefen und „ihm namhafte Summen eintrugen“[5]. Doch seit 1819, als sich Hasenhut mit einem eigens dafür geschriebenen Stück (Lorenzo’s Abschied) von seinem Publikum und der Bühne verabschiedete, konnte er nicht mehr an seine Glanzzeiten anknüpfen. Obwohl er zur Zeit seines großen Erfolges gut verdiente, war seine ökonomische Situation nun aussichtslos.[6] Anton Hasenhut war dazu gezwungen, von Spenden und so­zialer Unterstützung zu leben, auch wurde, um ihn wieder bekannter zu machen, eine „Biographie von Hadatsch verfaßt, eine höchst mittelmäßige Arbeit, die aber durch Betheiligung mehrerer Wiener Dichter, welche Gedichte an [Hasenhut] dieser Lebensbeschreibung beifügten und gleichsam als Fürsprecher für den Verarmten auftraten, einigen Erfolg hatte; wir finden darunter die Namen Bauernfeld, Castelli, Grillparzer und Seidl“[7].

Trotz dieser Bemühungen starb Anton Hasenhut „in Armuth im hohen Alter von 75 Jahren, und hinterließ sechs Kinder“[8].

2.2 Die Entstehung und Entwicklung der Thaddädl-Figur Anton Hasenhuts

Zur Zeit der Wiener Volkskomik war es unter Schauspielern verbreitet, dass sich der Akteur „den Wandelbaren zurecht[schneidert], nach seinem Wuchs und seiner Laune, [ihm] einen neuen Namen, ein neues Kostüm, einen neuen Charakter [gibt], und schon steht ein neuer Typ auf der Bühne, der oft mit seinem Schöpfer wieder untergeht“[9]. Auf diese Weise „erwächst“ nach Richard Alewyn „noch im Wiener Volkstheater eine große Sippe: Stranitzkys Hanswurst, der Bernardon des Schauspielers Kurz, Hasenhuths Thaddädl, Bäuerles Staberl und endlich Laroches Kasperl“[10]. Diese „charakteristischen Typen, die im Zentrum von Ste­greifkomödien oder schriftlichen Bühnenstücken standen“, verkörperten laut Josef Ehmer „den Typ des Wieners, wie ihn ausländische Besucher beschrieben, und wie sich offenbar die Wiener selbst gern sahen: dick und gemütlich, mit wenig tieferen Gedanken, aber sehr viel spontanem Witz“[11]. Auch Anton Springer ist der Meinung, dass „der gute Wiener“ im „albernen Thaddädl, im hanswurstartigen Staberl […] sein eigenes Wesen“ erkannte und sich „über das wohlgetroffene Spiegelbild […] herzlich“[12] freute.

Anton Hasenhut schuf demnach, ganz in der zeitgenössischen Tradition verankert und auf eine ihm eigene und in der Folge noch näher erläuterte Eigenart der Stimmvariation aufbauend, seinen Rollentypus: die Figur des Thaddädl, für welche nun spezielle Rollen geschrieben wurden.

Als so genannte ‚Glanzrollen’ Hasenhuts in der Rolle des Thaddädl sind Thaddädl der dreißigjährige ABC-Schütz von Karl Friedrich Hensler, Der Zwirnhändler aus Ober-Österreich von Ferdinand Kringsteiner, Die Wanderschaft oder Thaddädl in der Fremde von Georg Meister, Rochus Pumpernickel, Pumpernickels Familie von Matthäus Stegmayer und Das Hausgesinde, Der gebesserte Lorenz, Lorenz als Räuberhauptmann sowie Der vazierende Lorenz von Franz Xaver Karl Gewey bekannt geworden.[13]

2.2.1 Anton Hasenhut als Schauspieler und Darsteller der Thaddädl-Figur

Frühe schauspielerische Erfolge soll Hasenhut einer Eigenart verdankt haben, „seine Stimme wie eine Kindertrompete schmettern zu lassen“[14]. Dieses Stimm­kuriosum verdankte er angeblich dem Umstand, dass er in jungen Jahren seine Geschwister beaufsichtigen sollte und sich, „um sich von diesem ihn langwei­lenden Geschäfte zu befreien, eine List [erfand] und begann, das Geschrei des erwachenden Kindes nachzuahmen, was ihm täuschend gelang“[15]. Die eigens für Hasenhuts Thaddädl-Vorstellungen geschriebenen Stücke wurden häufig seiner Stimmkunst angepasst, sodass Hasenhut zahlreiche Zuschauer mit seinem ‚Geschrey’[16] begeistern konnte.

Anton Hasenhut gefiel als Schauspieler an seiner ersten Wirkungsstätte, dem Leopoldstädter Theater, „insbesondere in Wenzel Müller’s Oper: ‚Der lebendige Sack’, wo er in einem Duo seine Kindersprache producirte und solche Heiterkeit erweckte, daß die Oper bloß dieser Szene wegen achtmal hintereinander gegeben wurde und der Theaterdichter Hensler in jedes Stück, das dargestellt wurde, eine Episode eigens für Hasenhut eingerichtet, einschalten mußte, in welcher seine komische Gesangsnummer nie ihre Wirkung verfehlte“[17]. Zu Hasenhuts bekann­teren Bewunderern zählten unter anderen Franz Grillparzer, Ludwig Tieck, Ignaz Franz Castelli,[18] und 1812 beurteilte Adolf Bäuerle das schauspielerische Können Anton Hasenhuts folgendermaßen: „Das Komische, das in seinem Wesen liegt, die unerschöpfliche Kraft seines Gebärdenspiels, die hinreißende Wahrheit seiner Mimik gönnt dem Zuschauer kaum Zeit, sich von der Erschütterung seines Zwerchfelles zu erholen. Seine bloße Gegenwart auf der Bühne verbreitet schon einen unwiderstehlichen Zauber um ihn herum, jede Bewegung wäre sie noch so absichtslos und unwillkürlich, erregt Lachen; und wenn er kein Glied rührt, um die Aufmerksamkeit nicht von einem wichtigen Teil des Stückes abzuziehen, so fesselt er darum nicht weniger unser Auge.“[19]

Um sich Anton Hasenhuts Verhalten auf der Bühne besser vor Augen führen zu können, sei folgendes, sehr anschaulich dargestelltes Bild, das Castelli von Hasenhuts Darstellung als Thaddädl entwirft, angeführt:

Taddädl war gewöhnlich ein Geselle oder Lehrjunge, läppisch, furchtsam, dumm, dabei vorwitzig und jung, der den Zopf hinten ganz oben am Kopfe festgebunden und wagrecht wegstehen hatte. Hasenhut’s größte Eigenthümlichkeit als Thaddädl war der Ton seiner Sprache. Es klang immer wie das Schmettern eines Kinder­trompetchens wenn er redete, und dadurch allein bewirkte er schon Lachen. […] Hasenhut besaß aber auch außerdem eine unwiderstehliche komische Kraft. Man kann ihm nicht vorwerfen, daß er jemals eine Zote gesagt hätte, aber auch das Gewöhnlichste wußte er so komisch vorzubringen, daß es mächtig auf unser Zwerchfell wirkte. […] Als Hasenhut später das Theater der Leopoldstadt verließ und auf jenem an der Wien spielte, trat er aus seinen äußern komischen Eigen­thümlichkeiten hinaus und behielt nur die innere vis comica bei. Er sprach nicht mehr in seiner frühern, feinen, schmetternden, sogenannten Taddädlstimme, da er älter geworden war, er war weniger rührig, da er beleibter geworden war, er hieß auch nicht mehr Taddädl.[20]

Daraus geht schon hervor, dass sich Hasenhuts schauspielerische Leistung mit der Zeit veränderte, und trotz seines Talentes und der Bewunderer seiner Kunst der komischen Darstellung weist Rommel darauf hin, dass Hasenhut die „geistreichen Dümmlingsrollen [...], die Nestroy sich bald schreiben sollte“[21], nicht mehr hätte spielen können.

Festzuhalten bleibt zusammenfassend, dass sich die Komik-Darstellung des Hasenhut-Thaddädls in der Hinsicht von jener anderer Lustiger Figuren unterschied, als sie „nicht so derb, so platt, so tölpisch“ war, sondern „feiner, anständiger, sittsamer, runder“[22].

2.3 Das Aussehen und Verhalten der Thaddädl-Figur

Nachfolgend wird jener Habitus der Thaddädl-Figur vorgestellt, welcher ihr ur­sprünglich zugedacht war, denn das Aussehen und Verhalten dieses Typus’ waren keine beliebigen, sondern aufgrund der Einordnung als Lustige Figur genau vorgegebene Parameter, welche jeder Autor allerdings individuell auslegen und an ‚seinen’ Thaddädl anpassen konnte.

[...]


[1] Otto Rommel: Die großen Figuren der Alt-Wiener Volkskomödie. Hanswurst, Kasperl, Thaddädl und Staberl, Raimund und Nestroy. Wien: Bindenschild 1946. (= Darstellungen aus dem Kultur- und Geistesleben Österreichs. 1.) S. 33.

[2] Eduard Devirent: Geschichte der deutschen Schauspielkunst. 3. Bd. Leipzig: Weber 1848, S. 147.

[3] Thaddädls Zukunftshoffnung aus: Ferdinand Kringsteiner: Der Zwirnhändler aus Oberösterreich. Ein Lustspiel in drey Aufzügen. Wien: Johann Baptist Wallishausser 1807, S. 20.

[4] Vgl. [o.A.]: Anton Hasenhut. In: Neue deutsche Biographie. Hrsg. von der historischen Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften. 8. Bd. Berlin: Duncker & Humbolt 1969, S. 32.

[5] [o.A.]: Anton Hasenhut. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben. Hrsg. von Constant von Wurzbach. 8. Teil. Wien: k.-k. Hof- und Staatsdruckerei 1856-1891, S. 25.

[6] Vgl. ebda.

[7] Ebda.

[8] Ebda.

[9] Richard Alewyn: Hanswurst. In: Einladung ins 18. Jahrhundert. Ein Almanach aus dem Verlag C.H.Beck im 225. Jahr seines Bestehens. Hrsg. von Ernst-Peter Wieckenberg. München: Beck 1988, S. 287-291; hier: S. 288.

[10] Ebda.

[11] Josef Ehmer: Familienstruktur und Arbeitsorganisation im frühindustriellen Wien. Wien: Verlag für Geschichte und Politik 1980. (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien. 13.) S. 220f.

[12] Anton Springer: Geschichte Österreichs seit dem Wiener Frieden 1809. 1. Teil. Leipzig: S. Hirzel 1863, S. 569.

[13] Vgl. Neue deutsche Biographie, S. 32.

[14] Ebda.

[15] Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, S. 24.

[16] Das „Geschrey“ ist häufig eine Regieanweisung und wird auch in Henslers ABC-Schütz erwähnt; vgl. dazu Kapitel 3.1.2 dieser Arbeit.

[17] Anton Hasenhut, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, S. 24f. – Vgl. dazu auch Anton Hasenhuts eigene Aufzeichnungen, welche unter dem Titel Der Anfang meines Glückes in dessen Biografie zu finden sind: Anton Hasenhut, Franz Josef Hadatsch: Launen des Schicksals, oder: Scenen aus dem Leben und der theatralischen Laufbahn des Schauspielers Anton Hasenhut. Wien: Franz Ludwig 1834, S. 148ff.

[18] Vgl. Neue deutsche Biographie, S. 32.

[19] Zit. nach Otto Rommel: Die Alt-Wiener Volkskomödie. Ihre Geschichte vom barocken Welt-Theater bis zum Tode Nestroys. Wien: Anton Schroll & Co. 1952, S. 582. – In der Folge fußnotenintern zitiert mit der Sigle AWV und einfacher Seitenzahl.

[20] Ignaz Franz Castelli: Anton Hasenhut (genannt Taddädl). In: Ders.: Sämmtliche Werke. Vollst. Ausgabe letzter Hand, in strenger Auswahl. 15. Bd. Wien: Mayer & Co. 1848, S. 168f.

[21] AWV, 582.

[22] Ignaz Franz Castelli, Anton Hasenhut, S. 170.

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656596394
ISBN (Buch)
9783656596363
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268617
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Germanistik
Note
1
Schlagworte
Thaddädl Thaddäus Lustige Figur Komik Volksnarren Narren Wien Wiener Volksnarren Taddädl Anton Hasenhut Tölpel Tölpelei

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