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Vorbereitung von Migranten auf das Berufsleben

Anhand ausgewählter Beispiele in der Harzregion

Wissenschaftliche Studie 2009 39 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodik
2.1 Die Qualitative Sozialforschung
2.2 Das fokussierte teilstandardisierte Interview
2.3 Die Teilnehmende Beobachtung
2.4 Datenaufnahme- und fixierung
2.5 Die qualitative Sozialforschung

3. Durchführung
3.1 Die Entwicklung der Forschungsfrage
3.2 Hypothese und Leitfragen
3.3 Die Kontaktaufnahme
3.4 Durchführung der Interviews
3.5 Durchführung der Beobachtung

4. Auswertung der erhobenen Daten
4.1 Qualitative Inhaltsanalyse der transkribierten Interviews
4.1.1 Arbeitsmarkt
4.1.2 Förderungs- und Integrationsmöglichkeiten
4.1.3 Anerkennung ausländischer Berufs- und Bildungsabschlüsse
4.2 Zusammenfassendes Ergebnis

5. Quellen

6. Anhang
A. Transkriptionssymbole

1. Einleitung

Deutschland ist nicht erst seit 1955, dem Beginn der Gastarbeiterzeit, ein Einwanderungsland. Schon im 17. Jahrhundert erlebte Deutschland erste Zuwanderungsströme. Gründe für die Migration können u.a. in kriegerischen Auseinandersetzungen, in der Verfolgung und Vertreibung oder im Wohlstandsgefälle gefunden werden.[1]

Ein nicht unbedeutender Teil, nämlich 8,8 % der Bevölkerung Deutschlands[2], stellt die Gruppe der Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund dar – diese Zahl zeigt, das Integration ein wichtiges politisches Thema sein sollte. Dennoch wurde erst in den 1990er Jahren Integration politisch aufgegriffen[3] und erst einige Zeit später, mit dem Zuwanderungsgesetz aus dem Jahr 2005, entstanden erstmalig bundesweite Integrationsmaßnahmen, wie bspw. die Integrationskurse, die einen Sprachkurs (mit 600 Unterrichtsstunden) und einen Orientierungskurs (mit 30 Unterrichtsstunden) beinhalten.[4]

Die Integration von Migranten umfasst alle Bereiche unserer Gesellschaft. Integration von Migranten bedeutet im Wesentlichen, inwieweit es ihnen möglich ist, an den wichtigsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilzunehmen. Das betrifft in erster Linie die Schul- und Berufsausbildung sowie die Erwerbstätigkeit. Dennoch sollte bedacht werden, dass Integration eine wechselseitige Aktion zwischen dem Individuum und der Gesellschaft ist.[5]

Konkret existieren vier Ebenen der sozialen Integration von Migranten: Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation. Zur Kulturation gehören u.a. das Erlernen der Sprache und das Kennenlernen der Kultur. Bei der Platzierung nimmt der Migrant eine Position in der Gesellschaft ein – er wird bspw. Auszubildender oder Arbeitskraft und erlangt im Zuge dessen gewisse Rechte. Die Interaktion bezieht sich auf die Eingliederung des Migranten in soziale Gruppen; gemeint sind hier Vereine, Freundschaften und Partnerschaften. Mit der Identifikation ist die Integration vollbracht – der Migrant betrachtet sich selbst als Teil der Gesellschaft. Diese Ebenen sind von Interpendenz geprägt und bauen aufeinander auf.[6] Die qualitativen Untersuchungen des Autors dieses Buches zu Migranten und deren Vorbereitung auf das Berufsleben in Deutschland beginnen mit der ersten Phase der Integration – der Kulturation. Die im Rahmen dieser Studie untersuchten Institutionen, das „AFU Privates Bildungsinstitut GmbH“ (nachfolgend AFU genannt) und das „BTZ Bildungs- und Technologiezentrum zu Thale und Aschersleben“ (nachfolgend BTZ genannt), bereiten die Migranten auf die Ebene der Platzierung vor, wobei das BTZ in dem Projekt HARZMIGRA versucht, einen direkten Übergang in das Berufsleben herzustellen. Die AFU hingegen legt mit den angebotenen Integrationskursen (siehe oben) den Grundstein für eine Eingliederung. In dieser Phase müssen sich die Migranten die deutsche Sprache aneignen sowie die grundlegenden kulturellen, rechtlichen und politischen Eigenheiten Deutschlands kennen lernen – erst danach sind sie in der Lage, sich auf dem Arbeitsmarkt als konkurrenzfähig zu erweisen.

Im Zuge dieser Forschung wurden zwei Akteure der Integration interviewt. Zudem wurden Gespräche mit Menschen mit Migrationshintergrund geführt. Die verwendete Methodik, die Dokumentation der Durchführung dieser qualitativen Untersuchungen und schließlich die Resultate sowie die gewonnenen Erkenntnisse dieser Interaktionen, werden im Folgenden dargelegt.

2. Methodik

2.1 Die qualitative Sozialforschung

Die im Rahmen dieser Forschung durchgeführten Untersuchungen unterliegen qualitativen Forschungsgrundsätzen – folglich ist eine Erläuterung der Charakteristika der qualitativen Sozialforschung von Bedeutung.

Die qualitative Sozialforschung beruht im Gegensatz zu quantitativen Untersuchungen auf der „Messung von Qualitäten, d.h. nonmetrischen Eigenschaften von Personen, Produkten und Diensten“.[7] Es werden also weder statistische Auswertungen vorgenommen noch wird ein Stichprobenverfahren eingesetzt; zudem ist die Zahl der untersuchten Personen sehr gering.[8] Man sieht von der Standardisierung des Menschen und seiner Umwelt ab und wendet sich der subjektiven Realität des Untersuchungssubjekts zu.

Die qualitative Sozialforschung ist von verschiedenen Prinzipien geprägt. Bedeutend im Verlauf dieser Forschung zeigten sich das Prinzip der Offenheit und das Prinzip der Flexibilität.

Das Prinzip der Offenheit findet seine Relevanz in Bezug auf die Unvoreingenommenheit, mit der in das Forschungsfeld eingetaucht wurde. Diese Offenheit bezieht sich sowohl auf das Subjekt selbst, als auch auf die Forschungssituation und die Methode.[9] Zu Beginn dieser Studie war eine wertungsfreie Vorgehensweise notwendig, da Interviews und Beobachtungen nicht von Vorurteilen beeinflusst werden sollten. Ebenso wurde darauf verzichtet, im Vorhinein bestimmte Methoden festzulegen.

In der qualitativen Sozialforschung bedeutet Offenheit auch, dass von vorab formulierten Hypothesen abgesehen wird – der qualitative Forschungsprozess wird als „Hypothesen generierendes Verfahren“[10] betrachtet. Die Untersuchungen dienen also nicht der Widerlegung oder der Bestätigung bestimmter Hypothesen, sondern der Bildung einer solchen.[11] Diesen Aspekt des Offenheitsprinzips jedoch vernachlässigt diese Studie aus Gründen der Praktizierbarkeit. Passender erwies es sich, eine Hypothese vorab festzuhalten und diese unter dem Prinzip der Flexibilität zu betrachten, sich also nicht auf nur einen Aspekt zu fokussieren.

Das Prinzip der Flexibilität „bedeutet, dass der Blickwinkel zunächst weit ist und erst im Verlauf der Untersuchung fortschreitend zugespitzt wird“.[12] Flexibilität bezieht sich sowohl auf das Subjekt, das untersucht wird, als auch auf die Methoden. Flexibilität ist unweigerlich mit der Offenheit verbunden – es geht darum, sich auf neu gewonnene Erkenntnisse im Forschungsverlauf einzustellen und seine Methoden entsprechend anzupassen.[13] Zudem wird bei der Flexibilität auf die erhaltenen Erkenntnisse direkt reagiert, was bei der Durchführung der Interviews im Rahmen dieser Forschung besonders wichtig war – hier spielten Flexibilität und Offenheit eine gleichermaßen bedeutende Rolle.

2.2 Das fokussierte teilstandardisierte Interview

Es gibt mehrere verschiedenen Arten qualitativer Interviews, bspw. das fokussierte oder narrative Interview. Generell sind sie geprägt von den im vorherigen Punkt erläuterten Charakteristika qualitativer Sozialforschung.

Zur Durchführung dieser Forschung wurde das fokussierte teilstandardisierte Interview gewählt. Andere Interviewarten erschienen unangemessen für die Forschungsziele, schließlich soll ein spezieller Teil der Integrationsrealität untersucht werden, weshalb eine Fokussierung des Interviewthemas notwendig war. Ein narratives Interview bspw. hätte höchstwahrscheinlich nicht die nötigen Informationen generiert, um die in dieser Studie entwickelte Hypothese zu verifizieren.

Bei dem fokussierten Interview wird vorab ein Themengebiet bestimmt, über das gesprochen werden soll.[14] Im vorliegenden Fall sollten die Interviews dazu beitragen, die relevanten Aspekte der Integration von Migranten bei der Berufsvorbereitung zu identifizieren. Diese Themenabgrenzung ist allerdings nicht absolut und einschränkend – vielmehr sollte sich ein offenes Gespräch entwickeln, in dem auch „nicht-antizipierte Gesichtspunkte“[15] zur Geltung gebracht werden können.

Die Interviews basieren auf vorab entwickelten Leitgedanken[16], die als Orientierungshilfe während der Durchführung dienten. Dieser Leitfaden wurde flexibel eingesetzt und in der individuellen Interviewsituation entsprechend variiert. Aus diesem Grund sind die Interviews als teilstandardisiert zu charakterisieren: Es gab Eckpunkte, die zur Orientierung dienten, jedoch in Bezug auf Frageabläufe und Formulierungen sowie auf bei der Interviewdurchführung neu aufgetretene Aspekte konnte flexibel reagiert werden.

2.3 Die Teilnehmende Beobachtung

Eine Beobachtung ist „das systematische Erfassen, Festhalten, und Deuten sinnlich wahrnehmbaren Verhaltens zum Zeitpunkt eines Geschehens“.[17] Allgemein lässt sich die teilnehmende Beobachtung als Beobachtung eines Feldes definieren.[18] Im Rahmen dieser Forschung war das Feld der Integrationskurs bei der AFU. Die genaue Form der Beobachtung lässt sich durch den Grad ihrer Strukturiertheit, Offenheit und Teilnahme identifizieren.[19] Die Beobachtung unterlag im vorliegenden Fall, wie die anderen Aspekte dieser Studie, ebenfalls den Prinzipien der Offenheit und Flexibilität. Diese werden durch den Grad der Strukturiertheit der Beobachtung garantiert, weshalb hier die Wahl auf eine unstrukturierte Beobachtung fiel. Auf diese Weise wird eine rein selektive Aufzeichnung der Geschehnisse weitestgehend vermieden. Die Beschreibung der agierenden Personen, ihr Verhalten und ihre Interaktionen standen im Mittelpunkt. Die bereits erwähnten Leitgedanken flossen nicht in die Beobachtung ein, da das Blickfeld dadurch möglicherweise eingeschränkt gewesen wäre. Zu diesem Zeitpunkt war ebenso unklar, inwiefern diese Beobachtung zur Forschungsfrage beitragen könnte, aus diesem Grund erschien Flexibilität besonders wichtig.

Im Rahmen dieser Studie wurde eine offene Beobachtung des Feldes gewählt, d.h. die Beobachteten wussten, dass sie und ihr Verhalten aufgezeichnet werden. Hierbei ist es zwar möglich, dass sich die Beobachteten anders verhalten als gewohnt, weil sie sich der Beobachtung bewusst sind, dennoch können diese eventuell daraus resultierenden Verhaltensänderungen als geringfügig eingeschätzt werden. Ein Grund für diese Einschätzung war, dass bei der Beobachtung eine passive Rolle eingenommen wurde und den Beobachteten optisch kein auffallender Anreiz geliefert wurde.[20] Während der Beobachtung wurden keine Interaktionen vorgenommen. Erst nach Abschluss der Beobachtung wurde mit den Teilnehmern interagiert. Die durchgeführte Beobachtung lässt sich nach diesen Ausführungen als eine unstrukturierte offene und passiv teilnehmende Beobachtung klassifizieren.[21]

2.4 Datenaufnahme und -fixierung

An dieser Stelle wird dargestellt, wie die Daten aufgenommen und für den weiteren Verlauf dieser Studie verwendbar gemacht wurden. Verwendet wurden Audioaufnahmen, ein Protokoll und Fotos.

Eine Aufzeichnung der Interviews erfolgte zum einen mit einen MP3-Player und zum anderen mit einer digitalen Kamera. Die Aufzeichnung mit dem MP3-Player gestaltete sich als problemlos, allerdings konnten aufgrund technischer Spezifikationen diese Audiodateien nicht auf einen Computer geladen werden. Zur Aufzeichnung des Gespräches bei der AFU wurde daher eine digitale Kamera verwendet. Hierbei gab es Probleme bei der Aufzeichnung, da die Kamera alle zehn Minuten neu gestartet werden musste, was sich bei der Transkription durch fehlende Passagen bemerkbar machte. Diese dauerten allerdings nur wenige Sekunden, sodass dennoch die Zusammenhänge erkennbar waren und die Verständlichkeit kaum beeinträchtigt wurde. Für die anschließende Transkription der Audiodateien wurde eine Symboltabelle entwickelt. Mit Hilfe dieser Tabelle kann das Gespräch authentischer dargestellt werden, da neben den rein verbalen Äußerungen bspw. individuelle Betonungen verschriftlicht werden können. Zusätzlich wurde der Unterrichtsraum des Integrationskurses bei der AFU und der Interviewraum der Migrantinnen, welcher das Kommunikationszentrum war, fotografiert, um die dortige Situation besser dokumentieren zu können.

Das erstellte Beobachtungsprotokoll diente der Dokumentation der Unterrichtssituation. Es wurde versucht, das objektive Geschehen sowie gleichwohl subjektive Eindrücke festzuhalten. Aus den Notizen, die während der Beobachtung entstanden, wurde später ein Protokoll erstellt. Hierbei wurden die äußeren Gegebenheiten der Beobachtungssituation, die erfolgten Interaktionen zwischen den Beobachteten und die Beurteilung ihres Verhaltens erfasst – d.h. es wurde dokumentiert, wie die Teilnahme wahrgenommen wurde, ob die Beobachteten bspw. motiviert und engagiert oder desinteressiert auftraten. An dieser Stelle ist anzumerken, dass dies natürlich allein der subjektiven Wahrnehmung des Beobachters entspricht. Das Protokoll wurde zudem in zeitliche Sequenzen unterteilt.[22] Durch diese drei verschiedenen Arten der Datenaufnahme und -fixierung war es möglich, die Untersuchungen authentisch festzuhalten, was für die spätere Aufarbeitungs- und Auswertungsphase von Bedeutung war.

[...]


[1] BMI S.12

[1] BMI S.12

[2] BMI S. 26

[3] Damelang/Steinhardt S.1

[4] BAMF S.8

[5] Bommes S. 91

[6] Damelang/Steinhardt S. 1

[7] Lamnek S. 3

[8] Lamnek S. 3

[9] Lamnek S.21

[10] Lamnek S. 21

[11] Lamnek S. 21

[12] Lamnek S. 25

[13] Lamnek S. 25

[14] Flick S. 353

[15] Flick S. 354

[16] Siehe dazu Punkt 3.2

[17] Atteslander S. 67

[18] Atteslander S. 87

[19] Vgl. Atteslander S. 79

[20] Siehe Punkt 3.5

[21] Vgl. Atteslander S. 87

[22] Przyborski S. 63 ff.

Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656589051
ISBN (Buch)
9783656589037
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268599
Institution / Hochschule
Hochschule Harz - Hochschule für angewandte Wissenschaften (FH)
Note
1,7
Schlagworte
Arbeitsmarkt Menschen mit Migrationshintergrund Sozialforschung Qualitative Sozialforschung

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