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Verbot der aktiven Sterbehilfe in Deutschland. Eine philosophische Beurteilung.

Essay 2012 23 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Formen der Sterbehilfe ­ Definition..

2. Die aktuelle Rechtslage und die Situation in Europa

3. Die Debatte über aktive Sterbehilfe: Argumente
3.1 Prinzipielle Argumente
3.2 Pragmatische Argumente
3.3 Slipery Slope - Dambruchargumente.

4. Die Palliativmedizin als Alternative zur aktiven Sterbehilfe?

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist z.B. der Tod nichts Schreckliches, (...); sondern die Meinung von dem Tode, dass er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche.“1

Der griechische Philosoph Epiktet, einer der einflussreichsten Vertreter der Stoa, drückt in diesem Satz das zentrale Element der Problematik im Umgang mit dem Tod aus: wir sehen diesen, aus der Sicht der Lebenden, mit einem überwältigenden Gefühl der Ungewissheit, Unbehagen und Angst. Die stoische, rationale und emotionslose Sichtweise (apátheia), das Leben lasse sich in „innere Dinge“, auf welche ich einen Einfluss habe (z.B. Emotionen) und „äußere Dinge“ ,die sich meinem Einfluss entzie- hen z.B. eben die eigene Sterblichkeit) einteilen2, funktionierte speziell auf den Tod betrachtet, in letzter Instanz, in der Antike wie heute. Doch sehen wir uns aufgrund des immer schneller werdenden medizinischen Fortschritts - wir versuchen also be- reits Einfluss in die von Epiktet beschrieben „äußeren Dinge“ zu nehmen - mit immer herausfordernden ethischen Konflikten und neuen Ängsten konfrontiert.

So gesellt sich zu unserer „Ur-Angst“ vor dem Tod eine weitere nahezu unerträgliche Vorstellung: auf unnatürliche Weise, mit Hilfe modernster Medizin, vielleicht unter qualvollen Schmerzen am Leben erhalten zu werden, unter Umständen in einem Zustand, der es einem nicht mehr ermöglicht seinen Willen zu äußern oder gar selbst Einfluss auf die Geschehnisse zu nehmen.

Der Wunsch einen möglichst angenehmen, schmerzfreien Tod sterben zu dürfen führt uns zu der Thematik dieses Essays: Das Für und Wider der aktive Sterbehilfe. Diese kann, je nach Diagnose und verbleibende Behandlungsmethode, diesem Wunsch ent- sprechen.

Der Begriff der Sterbehilfe muss dabei differenziert betrachtet werden: derzeit unter- scheidet man zwischen: erstens, Beihilfe zur Selbsttötung, zweitens, indirekte Sterbe- hilfe, drittens, passive Sterbehilfe und viertens, direkte oder aktive Sterbehilfe. Die Sterbebegleitung, auch mit den Schlagwörtern Palliativmedizin und Hospizbewegung verbunden, wird differenziert betrachtet: So wird sie in der einschlägigen Literatur teilweise als fünfte Form der Sterbehilfe genannt, teilweise als Alternative zur Ster- behilfe an sich gesehen. Auf diesen Punkt soll im Schlussteil eingegangen werden.

Im Folgenden sollen Argumente untersucht werden, die für bzw. gegen die aktive Sterbehilfe sprechen.

1. Formen der Sterbehilfe - Definition

Bevor wir uns der eigentlichen Thematik, der aktiven Sterbehilfe, zuwenden, ist es sinnvoll, eine klare Unterscheidung der bereits erwähnten Formen der Sterbehilfe vorzunehmen:

Als Beihilfe zur Selbsttötung wird der sogenannte assistierte Suizid bezeichnet. Das heißt, es werden einer Person, welche die Absicht hat sich selbst das Leben zu verkürzen, entsprechende Mittel (die z.B. aufgrund von Verschreibungspflicht oder der physischer Konstitution nicht selbst beschafft werden können) mit deren Hilfe die suizidale Handlung erfolgen kann, zur Verfügung gestellt.

Indirekte Sterbehilfe bezeichnet die Einleitung von Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung mit möglicher, aber nicht beabsichtigter, Lebensverkürzung als (in Kauf genommene) Nebenfolge.

Passive Sterbehilfe ist gekennzeichnet, durch Unterlassen, Reduktion oder Abbruch von lebenserhaltenden Maßnahmen. Wobei in dieser Definition eine offensichtliche Problematik deutlich wird: die Reduktion oder der Abbruch lebenserhaltender Maß- nahmen kann als aktive Handlung klassifiziert werden und somit wird die Abgren- zung zur aktiven Sterbehilfe unscharf.3 Die Differenzierung erweist sich komplexer als sie auf den ersten Blick erscheint und kann im Rahmen dieses Essays nur unzurei- chend geklärt werden. Da wir uns mit der Argumentation für bzw. gegen aktive Ster- behilfe, den eigentlichen Kern der Sterbehilfedebatte, auseinandersetzten kann dieser Aspekt hier vernachlässigt werden (passive Sterbehilfe könnte z.B. ein Verzicht auf bestimmte, gegebenenfalls stimulierende, Medikamente sein; das Abschalten einer Herz- Lungenmaschine hingegen wäre genau solch ein Grenzfall).

Von aktiver bzw. direkter Sterbehilfe spricht man, wenn man den Tod einer Person, direkt, z.B. durch Injektion einer tödlichen Substanz herbeiführt. Es bedarf hier einer klaren Differenzierung, ob dies auf ausdrücklichen Wunsch dieser Person oder durch eine eigenmächtige Handlung geschieht.4 5

2. Die aktuelle Rechtslage und die Situation in Europa

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland gesetzlich verboten. Je nach Art des einzelnen Falls wird aktive Sterbehilfe nach geltendem deutschen Recht mit einer Freiheitsstra- fe von 6 Monaten bis 5 Jahren (Tötung auf Verlangen § 216 StGB) bzw. von 5 - 15 Jah- ren (Totschlag, §212 StGB) bestraft. Auch hier ist die Differenzierung, ob dies auf aus- drücklichen Wunsch dieser Person oder durch eine eigenmächtige Handlung geschieht, für die Art der Straftat und somit auch für die Höhe der Strafe relevant.6

Eine ähnliche Regelung ist in allen anderen EU Staaten zu finden. Eine Ausnahme bil- den die Beneluxstaaten: Belgien, Luxemburg und die Niederlande. Stellvertretend für diese drei Länden sollen hier die Rahmenbedingungen in den Niederlanden darge- stellt werden: Im Jahr 2002 legalisierte die Niederlande mit dem Gesetz zur Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und Hilfe bei der Selbstt ö tung als erstes Land weltweit die aktive Sterbehilfe. Die im Gesetzestext definierten Sorgfaltskriterien be- inhalten, dass der Arzt:

a) zu der Überzeugung gelangt ist, dass der Patient seine Bitte freiwillig und nach reiflicher Überlegung gestellt hat,

b) zu der Überzeugung gelangt ist, dass der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist,

c) den Patienten über dessen Situation und über dessen Aussichten aufgeklärt hat,

d) gemeinsam mit dem Patienten zu der Überzeugung gelangt ist, dass es für dessen Situation keine andere annehmbare Lösung gibt,

e) mindestens einen anderen, unabhängigen Arzt zu Rate gezogen hat, der den Patienten untersucht und schriftlich zu den unter den Buchstaben a) bis d) genannten Sorgfaltskriterien Stellung genommen hat, und

f) bei der Lebensbeendigung oder bei der Hilfe bei der Selbsttötung mit medizinischer Sorgfalt vorgegangen ist.

Weiter ist die Situation erläutert, in der ein Patient nicht mehr in der Lage ist seinen Willen zu äußern. Liegt in dieser Situation eine Willenserklärung vor, die vorher, also bei klarem Bewusstsein verfasst wurde, so kann dem Wunsch des Patienten entspro- chen werden. Außerdem kann bei minderjährigen Patienten nach Einbeziehung (16 und 17 Jahre) bzw. Einverständnis des Vormunds (12 Jahre bis 15 Jahre) und vorlie- gen aller oben genannten Punkte ebenfalls deren Wunsch entsprochen werden. 7

Der Gesetzestext scheint, besonders hinsichtlich einiger Formulierungen wie z.B. „unerträglich“ oder „annehmbare Lösung“ nicht unproblematisch, er soll aber im weiteren Verlauf, vor allem weil er seit nunmehr 10 Jahren im Gebrauch ist und es deshalb Erfahrungswerte hinsichtlich seiner Anwendbarkeit gibt, als Referenz für die Beurteilung der Argumente bei Bedarf herangezogen werden.

3. Die Debatte über aktive Sterbehilfe: Argumente

Die Argumente für und gegen die aktive Sterbehilfe lassen sich grundsätzlich nach zwei Arten klassifizieren; so kann man prinzipielle und pragmatische Argumente un- terscheiden: Prinzipielle Argumente sind (von lat. principalis, grundsätzlich8 ) Argu- mente, die auf (moralischen) Grundsätzen beruhen. Pragmatische Argumente sind (von gr. pragmatikos, praktisch, der Praxis, dem allg. Nutzen dienend9 ) Argumente die sich mit den (möglichen) Folgen in der Praxis auseinandersetzen. Diese, unter anderem von Héctor Wittwer vorgeschlagene, Klassifizierung scheint sinnvoll, da hier beide Ebenen der Sterbehilfedebatte abgebildet werden: die Grundsätzliche und die der Beurteilung möglicher Folgen, welche allerdings von verschiedenen Faktoren ab- hängig sind bzw. sich auf Mutmaßungen stützen.10

Die schwer greifbaren, sogenannten „Slippery-Slope-Argumente“, auch als Dammbruchargumente bezeichnet, sind nach dieser Klassifizierung den pragmatischen Argumenten zuzuordnen. Da sie sich ausschließlich auf Mutmaßungen stützen, sollen sie hier aufgrund dieser Besonderheit separat betrachtet werden.

3.1 Prinzipielle Argumente

Das erste prinzipielle Argument, welches hier betrachtet werden soll, ist ein Argu- ment gegen die Sterbehilfe: hierbei beruft man sich auf die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens. Dieses Argument ist einerseits religiösen Ursprungs, es finden sich aber auch in der klassischen Philosophie Textstellen die dieses Argument stüt- zen. Nicht nur aus diesem Grund möchte ich auf den religiösen Hintergrund nicht weiter eingehen; tatsächlich lassen sich, aufgrund den unterschiedlich tiefen religiö- sen Überzeugungen unserer Gesellschaft, bis hin zum Atheismus, gegenwärtig keine für Alle verbindlichen moralischen Regeln mehr aus der Religion ableiten.11 Immanu- el Kant schreibt in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, ob es, aufgrund von einer ausweglosen Lebenssituation, „nicht etwa der Pflicht gegen sich selbst zuwider sei, sich das Leben zu nehmen.“12 Die Maxime im Sinne des kategorischen Imperativs dazu lautete: „ich mache es mir aus Selbstliebe zum Prinzip, wenn das Leben (...) mehr Übel droht, als es Annehmlichkeiten verspricht, es mir abzukürzen.“13 Bei der Betrachtung, ob Selbstliebe ein allgemeines Naturgesetz werden könnte, stellt Kant fest, dass „eine Natur, deren Gesetz es wäre, durch die selbe Empfindung (die Selbst- liebe) deren Bestimmung es ist, zur Beförderung des Lebens anzutreiben, das Leben selbst zu zerstören, ihr selbst widersprechen (...) würde“.14 Somit erscheint eine Ar- gumentation unter Berufung auf die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, viel- leicht weniger im religiösen Sinne, als viel mehr aus der Sicht einer kantianischen Ethik, vertretbar.

Ein weiteres Argument gegen die aktive Sterbehilfe setzt sich mit dem Thema „Leid“ auseinander. Wie beim niederländischen Gesetzestext bereits angemerkt bietet die Formulierung dass das „Leiden (des Patienten) unerträglich“ sein muss um die Vor- aussetzungen für sie Sterbehilfe zu erfüllen. Ab wann aber ist ein Leid unerträglich?

[...]


1 Epiktet, Das Buch vom geglückten Leben. Aus dem Griechischen von Carl Conz. C.H. Beck oHG dtv, München 2005, Seite 15

2 vgl. Epiktet, Das Buch vom geglückten Leben. Aus dem Griechischen von Carl Conz. C.H. Beck oHG dtv, München 2005, Seite 9

3 vgl. Häcker, Barbara, Die ethischen Probleme der Sterbehilfe - Eine kritische Analyse, Philosophie im Kontext, Band 5, LIT Verlag Dr. W. Hopf, Hamburg, 2008; Seite 41ff

4 vgl. Wittwer, Héctor; Philosophie des Todes; Grundwissen Philosophie; Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2009; Seite 95f

5 vgl. Bioethik-Komission Bayern, Sterben in Würde, Patientenverfügung-Sterbehilfe-Sterbebegleitung, Stand Oktober 2007, StMUGV, München, 2007; Seite 32

6 vgl. Bioethik-Komission Bayern, Sterben in Würde, Patientenverfügung-Sterbehilfe-Sterbebegleitung, Stand Oktober 2007, StMUGV, München, 2007; Seite 36

7 Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung; deutsche Übersetzung; Quelle: http://www.dgpalliativmedizin.de/allgemein/europa.html

8 vgl. Regenbogen, Arnim; Meyer Uwe (Hrsg.); Wörterbuch der philosophischen Begriffe; Philosophi- sche Bibliothek Band 500; Meiner, Hamburg, 1998, Seite 524

9 vgl. Regenbogen, Arnim; Meyer Uwe (Hrsg.); Wörterbuch der philosophischen Begriffe; Philosophi- sche Bibliothek Band 500; Meiner, Hamburg, 1998, Seite 518

10 vgl. Wittwer, Héctor; Philosophie des Todes; Grundwissen Philosophie; Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2009, Seite 96

11 vgl. Wittwer, Héctor; Philosophie des Todes; Grundwissen Philosophie; Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2009; Seite 96f

12 Kant, Immanuel; Grundlegung zur Metaphysik der Sitten; Herausgegeben und Eingeführt von Theo- dor Valentiner; Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 1961; Seite 69

13 siehe 12

14 siehe 12

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656597308
ISBN (Buch)
9783656597216
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268590
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – PPW
Note
1,0
Schlagworte
verbot sterbehilfe deutschland eine beurteilung

Autor

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