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Bossing. Psychologische Auswirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz

Seminararbeit 2011 39 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abstract

1. Einleitung
1.1 Definition
1.2 Historische Entwicklung
1.3 Erscheinungsformen

2. Psychologische Grundlagen
2.1 Wahrnehmung
2.2 Auswirkungen von Mobbing im Gehirn des Betroffenen

3. „Bossing“
3.1 Entstehung
3.2 Ursachen
3.3 Verlauf
3.4 Folgen und Auswirkungen
3.5 Prävention und Maßnahmen

4. Juristische Folgen

5. Ausblick

6. Resümee

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

„Es mag vielleicht verblüffen, aber es ist die Tatsache: Unter den Mobbern finden sich zwei Hauptgruppen, die man auf Anhieb nicht vermuten würde: Führungskräfte und Frauen“ THOMAS 1993 (S.43)

Im Folgenden wird ein rein fiktives Fallbeispiel vorgestellt. Etwaige Überschneidungen mit Personen, Situationen oder Handlungen sind reiner Zufall.

Florian K. ist 19 Jahre alt und begann vor kurzem eine Ausbildung im Einzelhandel eines großen Elektronikgeschäftes. Herr. K wird von seinen Kollegen als sehr zurückhaltend und schüchtern beschrieben. Im Zuge der Ausbildung soll Herr. K auch andere Bereich des Betriebes kennenlernen und wird in regelmäßigen Abständen in verschiedene Abteilungen versetzt. Als er für drei Monate mit einem weiteren Auszubildenden in den Kundenberatungsbereich eingesetzt wird, beginnt das Martyrium. Durch seine Schüchternheit, die durch technisch versierte Kunden zunehmend verstärkt wird, beschweren sich immer öfter Kunden bei der Geschäftsleitung. Der Vorgesetzte denkt jedoch nicht daran, den völlig überforderten Auszubildenden vorzeitig in eine andere Abteilung zu versetzen. Zudem werden Fehler, wie falsche Beratung oder mangelnde Fachkenntnis von dem Vorgesetzten mit zusätzlichen Theorieeinheiten bestraft, währenddessen der zweite Auszubildende bei Rückfragen prompt Anweisungen vom Chef erhält. Die persönliche und berufliche Entwicklung von Herrn K. verläuft stark rückläufig. Durch das mangelnde Selbstbewusstsein, zieht sich Herr. K auch zunehmend zurück und sondert sich ab. Dies hat den Effekt, dass er nur mehr unter der Strenge des Vorgesetzten leidet, der dies als Zeichen von Desinteresse auffasst und ihn öfters vor versammelter Kundschaft bloß stellt. Immer häufiger meldet Herr. K sich krank und weigert sich zur Arbeit zu fahren. Aus Angst Florian K. könne seine Ausbildungsstelle verlieren, überredet ihn seine Mutter dennoch arbeiten zu gehen. Herr K. sieht sich somit einem psychischen Druck gegenüber. Einerseits möchte er seine Mutter nicht enttäuschen, andererseits quält ihn die Angst vor neuen Schikanen des Vorgesetzten. Herr. K beginnt zu trinken. Als bei einem Beratungsgespräch ein Kunde die Alkoholfahne bemerkt, wendet er sich an die Geschäftsleitung. Diese legt Herrn. K nach einem Jahr die fristlose Kündigung vor. Herr. K musste sich aufgrund der monatelangen Schikanen einer jahrelangen Psychotherapie unterziehen.

1.1 Definition

Die Definition von Mobbing ist nicht nur weitreichend, sondern mitunter auch äußerst ungenau. In den verschiedensten Literaturen von ZUSCHLAG über LEYMAN bis hin zu diversen Internetseiten wird die Frage einschlägig diskutiert. Ab wann ist es Mobbing und wann sind es „stupide Reibereien“? Hierzu lässt sich sagen, dass um das Kriterium „Mobbing“ zu erfüllen, zwei signifikante Hauptmerkmale gegeben sein müssen.

1.) Die Wiederholung
2.) Die Zeitdauer

Dies bedeutet, kleinere Streitereien die mal hin und wieder vorkommen, fallen nicht in die Kategorie des Mobbings. Eine treffende Definition gibt ZUSCHLAG in seiner Literatur „Mobbing – Schikane am Arbeitsplatz. ZUSCHAG sowie diverse andere Autoren berufen sich hierbei auf die allgemeine Definition von LEYMANN[1] :

„Allgemeine Definition

Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen“[2]

Diese Definition ist jedoch in zwei Punkten etwas strittig zu interpretieren. Zuerst verweist der Autor auf das erste kommunikationspsychologische Axom, dass es für den Menschen unmöglich ist, nicht zu kommunizieren. Demzufolge muss es auch negative nicht kommunikative Handlungen, wie beispielsweise stumme Gewalt ohne verbale Äußerungen geben. Diese Problematik wird auch von ZUSCHLAG eingehend diskutiert. Weiterhin ist der Autor dieser Seminararbeit der Meinung, Mobbing richtet sich nicht grundsätzlich gegen eine einzige Person. Aus eigenen Erfahrungen kann hier postuliert wird werden, dass Mobbing auch gegen Gruppen (Homosexuelle, Ausländer, Behinderte oder auch Frauen) ausgerichtet sein kann.

Um den wehrten Leser jedoch nicht im Unklaren zu lassen, wurde von Heinz LEYMANN in den 80er Jahren der Verlauf von Mobbing pragmatisch am Arbeitsplatz untersucht. Aus diesen Versuchsreihen ergaben sich einige Mobbinghandlungen, sodass gesagt werden kann:

„Mobbing ist dann gegeben, wenn eine oder mehrere von 45 genau beschriebenen Handlungen über ein halbes Jahr oder länger mindestens einmal pro Woche vorkommen“[3]

1.2 Historische Entwicklung

Bezüglich der Wortherkunft sind sich die verschiedenen Literaturen einig. Zunächst geht der Begriff „Mobbing“ auf das englische Wort „to mob“ zurück, welches so viel bedeutet wie anpöbeln, attackieren oder angreifen[4]. Der Ursprung lässt sich wohl auf den lateinischen Ausdruck „mobile vulgus“(aufgewiegelte Volksmenge) zurückverfolgen. Geprägt wurde der Begriff Mobbing durch den österreichischen Verhaltensforscher Konrad LORENZ, der hiermit Angriffe von Tieren in einer Gruppe auf jeweils einen einzigen, schwächeren Gegner beobachtete. (Beispiel: Löwenrudel gegen Büffel). Dies lässt sich auch sehr gut auf die heutige Gesellschaft übertragen, in denen meist Gruppenangriffe auf einzelne Personen zu Tage treten.

Durch das Internet kommt es mitunter zu neuen Begriffsentstehungen wie beispielsweise das Cyberbullying (Mobbing über Social Networks, E-Mail etc).

1.3 Erscheinungsformen

Heutzutage ist das Mobbing, oder auch Bullying wie es im angelsächsischen Bereich genannt wird, nicht mehr die einzige Form von Schikane. Das technologische Zeitalter biete viele Möglichkeiten. Zudem sind die Jugendlichen immer abhängiger von Internet, Social Networks und Mobilfunktelefonen. Handys sind mittlerweile schon längst in der Grundschule angekommen. Die Gesellschaft wird technisch immer ausgereifter. Die Abhängigkeit der Jugendlichen an dieser Technik, ist zugleich ein sozialer Schwachpunkt. Cyberbullying in Facebook, Twitter und sonstigen Social Networks bedeutet oftmals nicht nur das „soziale Aus“ des Betroffenen, sondern mitunter auch Lebensgefahr. Das Bullycide[5] (Zusammensetzung von Bullying und Suicide) ist in den USA bereits traurige Wahrheit. In Deutschland verbreitet dieser Trend sich schleichend aus und macht ihn deshalb so gefährlich. Ein aktueller Beitrag von Deutschlands beliebtester Tageszeitung greift das Cybermobbing noch einmal auf[6].

Besonders häufig kommt Mobbing in der Schule, am Arbeitsplatz und im Internet vor. Auch Vereine, Altenheime und Justizvollzugsanstalten sind davon nicht unberührt. Prozentual sind nach LEYMANN die Mobber vor allem Kollegen und Kolleginnen (44%) und Vorgesetzte (37%)[7]. Betroffen sind nach dieser Quelle paradoxerweise die Bereiche Gesundheits- und Sozial Einrichtungen (7,5faches Risiko), Schulen und Erziehungseinrichtungen (3,5faches Risiko) sowie Öffentliche Verwaltungen (3faches Risiko).

2. Psychologische Grundlagen

„Es ist nicht entscheidend, was ich sage, sondern was der andere hört“

Vera F. Birkenbihl (Psychologin)

Das obige Zitat von BIRKENBIHL ist ein hervorragendes Beispiel für die menschliche Kommunikation. Etwas „sagen“ und etwas „meinen“ sind grundsätzlich zwei verschiedene Aspekte. Oft können Gestik, Mimik und bestimmte Ausdrücke verschiedene Reaktionen bei den unterschiedlichsten Personen auslösen. Oft geschehen diese Ausdrücke und Reaktionen unkontrolliert. Denn es liegt an unserem „ICH“.

Um die psychologischen Grundlagen erläutern zu können, bedarf es zunächst einigen Begriffserklärungen.

2.1 Wahrnehmung

Die Wahrnehmung spielt nicht nur für jeden Einzelnen eine große Rolle, sondern auch für die Gesellschaft. Jeder glaubt sich selbst am Besten zu kennen, wundert sich aber dann, wenn andere ihn völlig anders einschätzen. Wie kommt dieses Phänomen zustande? Grundsätzlich ist unser „ICH“ viel komplexer als wir denken. Vier „Teil-ICHs“ nehmen enormen Einfluss auf unsere Wahrnehmung.[8]

Das öffentliche ICH ist sowohl der Person selbst als auch anderen bekannt. Es umfasst alles, was der Mensch von sich preisgibt. Dazu zählen jegliche Handlungen, sowie die Art und Weise, wie wir uns nach außen hin geben. Menschen die es schaffen, dieses ICH großflächig nach Außen hin zu präsentieren, ernten zumeist Vertrauen und Beliebtheit, da sie als besonders authentisch gelten.

Das geheime ICH ist nur einem selbst bekannt. Es enthält alle Wünsche, Träume und Sehnsüchte, welche wir bewusst verheimlichen. Hauptsächlich tun wir dies aus Angst vor Ablehnung oder Verletzung von außen.

Das blinde ICH ist nur anderen Personen bekannt. Individuen die gar nicht erst wissen wollen, welche Meinung die Außenwelt von einem selbst hat, verschließen

sich vor Rückmeldungen. Zwar können Rückmeldungen auch negativ sein, dennoch bietet sich die Möglichkeit, Gewissheit über die eigene Persönlichkeit zu erlangen.

Das unbewusste ICH ist letztendlich die Seite einer Persönlichkeit die weder einem selbst, noch der Außenwelt bekannt ist. Hier verbergen sich ungeahnte Talente, aber auch Charakteristika, welche in der Kindheit erlernt wurden und unsere Persönlichkeit prägen; sowie Verhaltensweisen oder schlechte Angewohnheiten die nicht unserer Kontrolle obliegen.

Aus dieser Erkenntnis stellt sich nun die Frage, wie gut der Mensch sich selbst eigentlich kennt. Eine überaus erstaunliche Feststellung ist, dass die Person die uns am schlechtesten Einschätzen kann, wir selbst sind. Jeder andere Mensch besitzt die Fähigkeit uns besser einzuschätzen. Der Grund hierfür liegt in der Absicht, dass der Mensch sich selbst gegenüber nicht neutral genug ist. Er belügt sich permanent selbst.

Diese Hypothese kann durch das körpereigene Messsystem erklärt werden. Das ICH und das körperliche Bewusstsein sind untrennbar miteinander verbunden. Jegliche Bewegung wird über dieses System erfasst und registriert, an das Gehirn weitergeleitet und in Informationen umgewandelt. Der Körper ist somit bezüglich Veränderungen immer auf dem aktuellsten Stand. Das Selbstwahrnehmungs-Messsystem setzt sich aus sogenannten Propriorezeptoren[9] zusammen. Diese Rezeptoren befinden sich im ganzen Körper und sind für den Gleichgewichtszustand, das bedeutet die Wahrnehmung über die Lage und Fortbewegung, verantwortlich.

Experten sprechen von „einer Epidemie der Wahrnehmungsstörung“. Seit drei Jahrzehnten schreitet die Veränderung des Selbstbildes voran. Die Gesellschaft entwickelt sich rasanter. Dies führt dazu, dass eine permanente Neudefinition der eigenen Person notwendig ist. Da es ständig gilt sich neu zu verkaufen, ist ein konkretes ICH gar nicht möglich. Der Mensch kann nicht einfach er selbst sein, oder ein eindeutiges und klar definiertes ICH aufweisen. Er besteht aus vier ICHs die alle miteinander in Verbindung stehen und die Persönlichkeit erst ausmachen.

Desweiteren ist das „ICH“ auch nicht beständig. Es verändert sich im Laufe des Lebens mehrfach, von der Geburt, über die Pubertät bis hin zum Alter. Laut Hormonforscher findet alle sieben Jahre eine Veränderung im Körper statt, welche eine Neuformierung des „ICHs“ begünstigt. Desweiteren kann sich das Gehirn alle zwei Jahre neu strukturieren, welches erst die Bedingungen für eine „Umprogrammierung des Charakters“ schafft[10]. Das sogenannte „limbische System“, dem Gefühlszentrum und Sitz der zentralen Persönlichkeit, schließt ihr Wachstum erst nach der Pubertät ab. Bisher gingen Forscher von der These aus, dass die Persönlichkeit ab dem 30. Lebensjahr ausgereift sei. Nach neuesten Erkenntnissen findet dies jedoch erst ab dem 50. Lebensjahr statt. Denn erst hier lernen die Menschen zugänglicher und emotional solider zu werden[11].

Jedoch liegt vor allem in der Pubertät die Gefahr des Mobbings. Das Gehirn ist hier nicht vollständig entwickelt und befindet sich noch im Aufbau. Wir lernen erst im Alter von 8-13 Jahren was richtig und falsch ist. Gibt es bereits in der Kindheit fehlende soziale Integration, besteht das Risiko von sozialer Isolation oder die Flucht in eine zweite Welt, der sogenannten „Web-Identität“[12]. Das Web bietet die Möglichkeit sich völlig anders darzustellen als es der Realität entspricht. Die Problematik ist hierbei, dass diese „Web-Identität“ nicht mehr zu kontrollieren ist. Ein Missbrauch oder eine Verfälschung dieser Identität kann „Cybermobbing“ zur Folge haben. Sogenannte „Comments“ können die Identität manipulieren. Während im „Real Life“ eine Flucht möglich ist, wird dies durch die Beständigkeit von Daten im Web verhindert.

2.2 Auswirkungen von Mobbing im Gehirn des Betroffenen

Das obige Kapitel erläutert die Relevanz der Wahrnehmung in der Gesellschaft und den Einfluss auf das Mobbing. Je nach Auffassung der Menschen, werden Personen unterschiedlich kategorisiert. So entstehen die typischen Täter-Opfer Beziehungen, welche in Kapitel drei noch ausführlich behandelt werden. Die zentrale Frage, in diesem Kapitel, sind die Auswirkungen auf das Gehirn des Betroffenen. Wie wichtig soziale Integration ist, wurde bereits erwähnt. Soziale Integration ist für den Menschen ein lebenswichtiges Instrument. Schon Säuglinge können aufgrund von fehlenden sozialen Kontakten sterben. Anerkennung, Zuwendung, Respekt sind für den Menschen unverzichtbare Merkmale. Die Dentriten (Verästelungen s. Graphik unten) der Nervenzelle (Neuron) sehnen sich gierig nach diesen Signalen, ähnlich dem Durstbefinden des Menschen. Bei Glücksempfinden, Zärtlichkeiten und Komplimenten verzweigen sich diese Dendriten mit anderen Neuronen. Die Verzweigungen sind wichtig für die Informationsgewinnung von der Ausßenwelt. Je besser ausgeprägt diese Verzweigungen sind, desto stabiler und emotional gefestigter ist der Mensch.

[...]


[1] Heinz Leymann (1932-1999) Pionier in der Mobbingforschung

[2] Berndt Zuschlag – Schikane am Arbeitsplatz Seite 4

[3] Berndt Zuschlag: Mobbing-Schikane am Arbeitsplatz; Seite 5

[4] Klaus Niedl: Mobbing/Bullying am Arbeitsplatz; Seite 11-12

[5] Welt der Wunder Ausgabe 01/2011 Seite 52

[6] http://www.bild.de/regional/berlin/mobbing/report-aus-berliner-schule-17073304.bild.html (25-03-11, 14:32 MEZ)

[7] http://141.90.2.11/ergo-online/Arbeitsorg/G_Mobbing.htm (02-03-07)

[8] Welt der Wunder Ausgabe 11/2008 Seite 39

[9] http://www.sinnesphysiologie.de/proto02/sinntops/proprio/propriorezeptoren.html (26-03-11, 12:47 MEZ)

[10] Ausgabe Welt der Wunder 03/2009 Seite 48

[11] Ausgabe Welt der Wunder 03/2009 Seite 49

[12] Ausgabe Welt der Wunder 11/2008 Seite 44

Details

Seiten
39
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656595441
ISBN (Buch)
9783656595434
Dateigröße
990 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268576
Institution / Hochschule
Hochschule Furtwangen – Informatik
Note
1,7
Schlagworte
bossing psychologische auswirkungen mobbing arbeitsplatz

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Titel: Bossing. Psychologische Auswirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz