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Rechtsextreme Orientierung bei Jugendlichen: Welche präventiven und intervenierenden Möglichkeiten hat die Soziale Arbeit?

Politische Bildung und pädagogische Arbeit mit Jugendlichen

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klärung und Abgrenzung der zentralen Begriffe
2.1. Rechtsextremismus
2.2. Soziale Arbeit

3. Über die Zuständigkeit der Sozialen Arbeit im Bereich rechtsextrem orientierter Jugendlicher

4. Ansätze und Strategien gegen Rechtsextremismus
4.1. Politische Bildung als präventive Maßnahme
4.1.1. Verschiedene Ansätze politischer Bildung
4.1.2. Erfahrungen, Schwierigkeiten und Entwicklungsbedarf
4.2. Pädagogische Arbeit als intervenierende Maßnahme
4.2.1. Akzeptierende Jugendarbeit
4.2.2. Erfahrungen, Schwierigkeiten  und Entwicklungsbedarf

5. Fazit

6. Anhang
6.1. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rechtsextremismus bei Jugendlichen wird immer wieder als gesellschaftliches Problem in der medialen Öffentlichkeit thematisiert. Das öffentliche Interesse gilt vorrangig der Mentalität dieser Jugendlichen, den Ursachen und Bedingungen für ihre Entwicklung, ihrem Verhalten und damit verbunden, der „ […] von ihnen ausgehenden Gewalt.“[1] Zunehmend in den Fokus rückt die Frage, wie der Problematik angemessen begegnet werden, wie man mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen präventiv oder intervenierend arbeiten kann. Ist dieses Phänomen überhaupt ein von der Sozialen Arbeit zu bearbeitendes Problem? Welche Erfolge sind bislang zu verzeichnen und wo besteht Entwicklungsbedarf?

Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit versucht werden zu beantworten. Ziel soll sein, neben einem skizzenhaften Einblick in die Denk- und Handlungsweisen rechtsextrem orientierter Jugendlicher, die präventive und intervenierende Arbeit mit ihnen in den Vordergrund zu stellen, um einen möglichen Weg aufzuzeigen, teilweise vorhandenes rechtsextremes Gedankengut aufzubrechen und mit den Jugendlichen Möglichkeiten zur Reintegration in die Gesellschaft zu erarbeiten.

Hierzu werden in Kapitel 2 zunächst die grundlegenden Begriffe „Rechtsextremismus“ und „Soziale Arbeit“ definiert und für den Umfang der Arbeit eingegrenzt. Kapitel 3 soll die Zuständigkeit der Sozialen Arbeit für Interventionen bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen begründen, bevor in Kapitel 4 Strategien gegen Rechtsextremismus anhand zwei ausgewählter Ansätze thematisiert werden. Hierbei wird zunächst politische Bildung als präventive Maßnahme mit bisherigen Befunden und noch zu leistendem Entwicklungsbedarf vorgestellt. Als zweite Strategie soll die pädagogische Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen als intervenierende Maßnahme dienen. Auch die „Akzeptierende Jugendarbeit“ nach Krafeld und der daraus abgeleiteten „Gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit“ sollen anhand der bisherigen Forschungsbefunde und Erfahrungen auf ihre Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls notwendiger Entwicklungsbedarf aufgezeigt werden. Kapitel 5 wird die Ergebnisse in einem abschließenden Fazit zusammenfassen.

2. Klärung und Abgrenzung der zentralen Begriffe

2.1. Rechtsextremismus

Ist in dieser Arbeit von Rechtsextremismus bzw. rechtsextremer Orientierung die Rede,  dann sei damit ein „[…] antidemokratisches Konstrukt, das sich aus Teilen unterschiedlicher Ideologien zusammensetzt […]“[2], gemeint. Die ideologische Grundstruktur besteht aus Kernelementen des Nationalismus und Rassismus, welche ein sozialdarwinistisches Menschenbild implizieren, das von einer biologisch und/oder kulturell begründeten Gleichheit und Differenz zwischen Menschen ausgeht. Damit verbunden ist die „Vorstellung von einer „natürlichen“ Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschen […]“[3] mit der „Akzeptanz von Gewalt als Handlungsform […]“[4]. Eine weitere Eingrenzung, die für diese Arbeit vorgenommen werden muss, ist die Zielgruppe, an die sich präventive oder intervenierende Maßnahmen gegebenenfalls richten sollen. Im Zentrum des Interesses stehen rechte Jugendcliquen bzw. einzelne Mitglieder derselben, die sich durch verschiedene Charakteristika skizzenhaft darstellen lassen[5] : maskuline Dominanz, Gewaltakzeptanz,  hoher Konformitätserwartungen, Ethnisierung von Konflikten im sozialen Nahraum.[6] Rechtsextreme Orientierung dient in diesen Cliquen als identitätsstiftende Funktion; ihre Wert- und Normvorstellung werden nach außen durch Symbole, Kleidung, etc. zur Schau gestellt. Diese „[…] zumindest latent vorhandene rechte Einstellung […]“[7] bildet, nach Borrmann, in Kombination mit der „[…] (partiellen) Übernahme von rechten Stilmerkmalen“ das Definitionskriterium für rechte Cliquen.

Im Fokus sollen präventive und intervenierende Maßnahmen bei der Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen stehen. Dafür erscheint es notwendig, einen Einblick in die Ursachen für die Entstehung rechtsextremer Orientierung bei Jugendlichen zu geben. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, müssen aus der Fülle von Befunden zur Ursachenforschung, einzelne, für die Arbeit mit diesen Jugendlichen relevant erscheinende, Aspekte herausgegriffen werden. Diese beziehen sich zum einen auf problematische Entwicklungen der Gesellschaft, in der die Jugendlichen leben, zum anderen auf Bedingungen ihrer Sozialisation.

Ein Erklärungsansatz nach Heitmeyer geht von „[…] Grundmechanismen der hochindustrialisierten, durchkapitalisierten Gesellschaft“[8] aus, die Konkurrenz und Vereinzelung mit sich bringen und soziale und politische Desintegration implizieren. Dies fördere die Orientierung am Rechtsextremismus. Aus Ohnmachtserfahrungen folge Gewaltakzeptanz, Vereinzelung stärke den Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit, die notfalls auch durch aggressive Abgrenzung gegenüber sozial Schwächeren erfolgt. Gemäß dieses Ansatzes sind es vor allem Jugendliche, die über einen Mangel an Ressourcen bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen verfügen, Angst vor misslingender Integration in die Gesellschaft haben und über Anschluss an rechtsextrem orientierte Gruppen eine Art Kompensation für ihre Bedürfnisse suchen.[9] Dieses vereinfachte Schema ist natürlich nicht notwendigerweise als Ursache für rechtsextreme Orientierung zu sehen. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, so beispielsweise auch die Sozialisation der Jugendlichen. Untersuchungen von Rieker zufolge sind vor allem Jugendlichen anfällig, die in ihrer Kindheit wenig Zuwendung, stattdessen häufige Zurückweisung und häufig harte und inkonsistente Bestrafung erfahren mussten.[10] Hierbei ist vor allem der spätere Umgang mit diesen Erlebnissen von Relevanz, da nicht verarbeitete Erfahrungen nachwirkend schwere Belastungen darstellen und gegebenenfalls für einen ausgeprägten Drang nach Gruppenzugehörigkeit und Bedürfnisbefriedigung mitverantwortlich gemacht werden können. Nicht nur um eine Übertragung von unverarbeiteten Erfahrungen auf gegenwärtige Situationen zu verhindern, sondern vorrangig um Jugendlichen neue Ressourcen zu eröffnen und sie in das öffentliche Leben einzubinden, dient die Soziale Arbeit, die im nächsten Abschnitt definiert werden soll.

2.2. Soziale Arbeit

Soziale Arbeit ist auf der Grundlage humanitärer und demokratischer Idealen entstanden, deren Werte auf dem Respekt der Menschenwürde, der Gleichwertigkeit und dem Wert aller Menschen basieren. Aufgabe ist es, menschliche Bedürfnisse zu erkennen, ihr Potential zu fördern und die Entwicklung ihrer Stärken zu unterstützen. Sowohl die Menschenrechte als auch soziale Gerechtigkeit sind Grundlage und Motivation allen sozialen Handelns. Dabei verpflichtet sich der Sozialarbeiter / die Sozialarbeiterin[11] sowohl die Einbindung des Klienten in die Gesellschaft als auch dessen Schutz in der Gesellschaft zu sichern.[12]

3. Über die Zuständigkeit der Sozialen Arbeit im Bereich rechtsextrem orientierter Jugendlicher

Bereits aus den zuvor dargelegten Definitionen lässt sich die Diskrepanz zwischen Rechtsextremismus und Sozialer Arbeit erkennen: Während letztere auf Respekt der Menschenwürde und Gleichwertigkeit aller basiert, ist das Menschenbild rechtsextremistisch Orientierter der genaue Gegensatz. Das mag ein Grund dafür sein, weshalb in einigen pädagogischen Arbeitsbereichen „[…] Vorbehalte gegen die Arbeit mit dieser schwierigen Zielgruppe existieren […]“[13], welche nicht selten dazu führen, dass rechtsextrem orientierte Jugendliche aus Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit ausgegrenzt werden. An dieser Stelle jedoch muss auf Artikel 2.1. der Berufsethischen Prinzipien der Sozialen Arbeit verwiesen werden, der besagt, dass „die Mitglieder der DBSH jeder Art von Diskriminierung (begegnen), sei es aufgrund politischer Überzeugung, nationaler Herkunft, Weltanschauung,  […]. Weder wirken sie bei solchen Diskriminierungen mit noch dulden oder erleichtern sie diese.“[14] Da das Ausgrenzen rechtsextrem orientierter Jugendlicher aufgrund einer komplementären politischen Meinung des Sozialarbeiters eine Diskriminierung des Jugendlichen darstellt, ist die Zuständigkeit der Sozialen Arbeit in diesem Bereich begründet. Dieser Artikel scheint einen plausiblen Leitfaden für Sozialarbeiter darzustellen. Betrachtet man jedoch den Nachsatz, dass Diskriminierung durch sie weder geduldet, noch erleichtert werden darf, besteht die Gefahr, dass Sozialarbeiter möglicherweise in ein Dilemma geraten. Es stellt sich nämlich die Frage, wo eine Erleichterung oder eine Duldung von Diskriminierung beginnt – möglicherweise bereits in Regionen, die stark von rechtsextrem orientierten Jugendlichen geprägt sind. Diese könnten andere Jugendliche aus der offenen Jugendarbeit verdrängen, da diese sich  nicht auch noch in Jugendeinrichtungen dem „ […] sonst schon in ihrem Alltag omnipräsenten Konformitätsdruck“[15] aussetzen wollen.

[...]


[1] Hafeneger, B., & Jansen, M., 2001. S. 5.

[2] Siller, 1997. S. 20.

[3] Ebd. S. 20.

[4] Heitmeyer, 1989. S. 16.

[5] Im Umfang dieser Arbeit ist es nicht möglich, auf Befunde der allgemeinen Cliquenforschung zurückzugreifen. Deshalb werden an dieser Stelle nur einige Charakteristika rechter Jugendcliquen dargestellt. Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[6] Vgl. dazu Rieker, 2009. S. 99.

[7] Borrmann, 2005. S. 49.

[8] Heitmyer, 2007. S. 39.

[9] Vgl. dazu ebd. S. 39f.

[10] Vgl. dazu  Rieker, 2007. S. 245-260.

[11] Im Folgenden wird entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet, wenn es sonst den Satzbau unnötig verkompliziert. Gemeint sind natürlich jeweils beide Formen.

[12] Vgl. dazu IFSW. 2005. Abgerufen am 18. 3 2010, 14:00.

[13] Rieker, 2009. S. 96.

[14] DBSH 1997. Abgerufen am 18. März 2010, 14:00.

[15] Borrmann, 2005. S. 197.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656596110
ISBN (Buch)
9783656596042
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268537
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
12 Punkte
Schlagworte
rechtsextreme orientierung jugendlichen welche möglichkeiten soziale arbeit politische bildung

Autor

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