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Theory of Mind

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Menschen wie Du und ich
1.1 Gelungenes Miteinander
1.2 Der Weg vom Ich zum Wir

2 Theory of Mind
2.1 ToM im Alltag
2.1.1 Emotionen erkennen
2.1.2 Wörtliche- und bildhafte Sprache verstehen
2.1.3 Absichten erkennen
2.1.4 Antizipieren können
2.1.5 Selbstwahrnehmung
2.1.6 Abgrenzung zur Empathie
2.2 Entwicklung einer ToM
2.2.1 Gesichtserkennung
2.2.2 Gemeinsame Aufmerksamkeit
2.2.3 Zielgerichtetes Handeln
2.2.4 Verstehen falscher Annahmen
2.2.5 Komplexe Leistungen

Fazit

Literaturverzeichnis

Fußnoten

Zusammenfassung

Gefühle, Bedürfnisse, Absichten und Erwartungen bei anderen Personen zu erkennen und richtig zu interpretieren, ist nicht nur eine Herausforderung zwischen Mann und Frau. Tagtäglich ist jedes Individuum dieser Hürde gegenübergestellt, damit die zwischenmenschliche Beziehung in allen Lebensabschnitten sensibel und damit gewinnbringend gestaltet werden kann. Die Fähigkeit bei anderen Menschen mentale Zustände zu vermuten und diese zu deuten, nennt sich Theory of Mind. Diese Theorie beschäftigt sich, neben der Nutzung der verschiedenen Teilfähigkeiten, auch mit deren Entstehung. Noch ist die Theorie unzureichend definiert, jedoch kann sie sehr gut zum Verstehen und Erklären zwischenmenschlichen Verhaltens herangezogen werden. Die vorliegende Hausarbeit bemüht sich, ein klareres Bild der Theory of Mind Fähigkeit sowohl in Bezug zur Alltagsrelevanz, als auch zu deren Teilleistungen zu vermitteln.

1 Menschen wie Du und ich

George Turner‘s Das Menschenprojekt (1997) ist ein Buch, welches sich mittels ScienceFiction- und Krimi-Elementen auf fast schon philosophischer Weise dem Thema der Genmanipulation widmet. Darin wird das Leben und Leiden von drei Gruppen gezüchteter Inselbegabter geschildert. Einer von ihnen hat einen, gemessen an den restlichen Protagonisten, normalen Sohn gezeugt. Das Kennenlernen und die gegenseitige Einflussnahme der offenkundig stark unterschiedlichen Menschen, ist ein weiteres zentrales Thema in dem Roman. Gekennzeichnet ist die Beziehung durch eine Peripetie, welche durch den Vergleich des Vaters ersichtlich wird, dass sämtliche Interaktionen mit normalen Menschen - und somit auch mit seinem Sohn, für ihn so sind, als würde er sie mit einem sprechenden Affen vollziehen (Turner, 1997, S. 204).

1.1 Gelungenes Miteinander

So banal dieser Vergleich auf den ersten Blick erscheinen mag, so tiefgründig ist er zur selben Zeit. Fernab jeglicher Persönlichkeitseigenschaften und Interessen, gibt es eine Barriere, welche zwischenmenschliche Interaktion, also „…jede Art wechselseitiger Bedingtheit, z. B. im sozialen Verhalten, wo zwei oder mehrere Personen durch Kommunikation einander beeinflussen können…“ (Fröhlich, 2008, S. 264) gegenübergestellt ist. Damit ist, wie durch die Stelle bei Turner angedeutet, nicht allein die Sprache gemeint. Viel mehr geht es darum, dass Personen in der Lage sein müssen, die Welt des Gegenübers, mit all seinen Wünschen, Emotionen und Gedanken, für sich fassbar zu machen, um von einem gelungenen Miteinander sprechen zu können. Denn was nützt es schon, sich mit einem Affen unterhalten zu können, wenn das Gesagte nicht nachvollzogen werden kann. Nach Forgas (1999, S. 1) kann von einem gelungenen Miteinander im Allgemeinen gesprochen werden, wenn ein Individuum die Feinheiten der zwischenmenschlichen Interaktion so beherrscht, dass diese im täglichen Leben, ebenso wie die gepflegten Beziehungen, erfolgreich und gewinnbringend sind. Die interindividuellen Unterschiede bezüglich der Soziabilität, also „die individuell verschieden stark ausgeprägte Tendenz, sich an mitmenschlicher Gesellschaft zu erfreuen und Kontakte mit anderen leicht und gern herzustellen“ (Fröhlich, 2008, S. 447), spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Denn in der vorliegenden Hausarbeit kommt es, thematisch bedingt, nicht so sehr auf das Wollen, sondern vielmehr auf das Können an.

Die für die erfolgreiche Umsetzung benötigten Kompetenzen, welche überwiegend auf unbewussten Prozessen beruhen, sind auf mehreren Ebenen im Bereich des Privat- und Arbeitslebens von großer Bedeutung (Forgas, 1999). Längst ist die unternehmensinterne Interaktion und Kommunikation nicht mehr der einzige Bereich, bei dem ein erfolgreiches und gewinnbringendes Miteinander im Berufsleben wichtig ist. Durch eine zunehmende Produkthomogenisierung, lässt sich ein Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft verzeichnen, was mit erhöhter Quantität sowie Qualität der unternehmensexternen Interaktionen einhergeht (Scharf, Schubert, & Hehn, 2009, S. 64; Forgas, 1999). Bedenkt man, dass ca. 64 % der erwerbstätigen Deutschen mehr als 35.1 Stunden pro Woche arbeiten (TNS Infratest Sozialforschung, 2008), deutet das daraufhin, dass ein nicht geringer Teil der Gesamtinteraktion und -kommunikation auf berufsbedingte Anlässe abfällt. Nicht nur im Berufsleben konnte in den vergangenen Jahren eine Veränderung des Miteinanders erlebet werden, sondern auch im Privatleben. Während sich zu „Omas Zeiten“ die zwischenmenschlichen Interaktionen auf die Familie und ein paar wenige Freunde erstreckte, welche entweder in der Nähe lebten oder per Brief kontaktiert wurden, so sehen sich die jüngeren Generationen einer Flut von so genannten neuen Medien gegenübergestellt (Schmitz, 1995). Diese Medien, wozu beispielsweise e-Mails, Instantmessanger und Online- Communities zählen, sind durch eine zunehmende Geschwindigkeit des Informationsaustausches bei gleichzeitiger Delokalisierung gekennzeichnet (ebenda). Damit einher geht der Verlust unmittelbar erlebter und gefühlter zwischenmenschlicher Interaktionen, welche ursprünglich durch eine gewisse Langsamkeit gekennzeichnet war (Schmitz, 1995). Geserick (2005) führt ferner an, dass diese Veränderungen auch positive Auswirkungen auf das Familien- und Freundschaftsleben haben, da neue Medien z. B. die Erziehung der Eltern durch die Bereitstellung vertiefender entwicklungsrelevanter Informationen, unterstützen können, obgleich dadurch ein Risiko der Entfremdung entstehe.

1.2 Der Weg vom Ich zum Wir

Es kann also gesagt werden, dass nicht erst im Rahmen des Erwachsenenalters, sondern bereits während der Adoleszenz, ein gelungenes Miteinander von großer Bedeutung ist (Oerter & Montada, 2002, S. 609 ff.). Damit die dafür benötigten Kompetenzen angewandt werden können, muss jedes Individuum diese erst einmal entwickeln. Als Grundlage kann dafür eine, gemessen am Durchschnitt, normale kognitive Entwicklung angesehen werden, wie O’Connor & Rutter (2000, zitiert nach Siegler, DeLoache, Eisenberg, & Pauen, 2005, S. 18 f.) in einer Vergleichsstudie von Adoptionskindern veranschaulichten: Kinder, welche kürzer als 6 Monate in nicht kindgerechten rumänischen Waisenhäusern verbrachten, erreichten häufiger einen, im Vergleich zu aus England direkt adoptierten Kindern, adäquaten Entwicklungsstand in Bezug auf die körperliche, kognitive und soziale Entwicklung. Im Gegensatz zu den Schützlingen, welche erst nach dem 6. Lebensmonat in eine intakte und liebevolle Umgebung kamen. Letztgenannte konnten ihren Entwicklungsrückstand im Laufe der Erhebungsjahre nicht mehr aufholen. Im sozialen Bereich besonders hervorgestochen, war die fehlende Bindung, in Form von bspw. rückversichernden Blicken, an deren Eltern und auch die Unfähigkeit, gute Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen (Siegler, DeLoache, Eisenberg, & Pauen, 2005, S. 19). Da die Adoptiveltern nach Aussagen der Forscher viel Fürsorge und Liebe walten ließen, um den entbehrungsreichen Hintergrund auszugleichen, scheint eine Erklärung, welche auf Vernachlässigung im mittleren Entwicklungsalter beruht, nicht zuzutreffen (ebenda, S. 18). Ruft man sich zudem die Beschreibung Forgas‘ in Erinnerung, welcher ein gelungenes Miteinander dadurch beschreibt, dass die ausgeübten Interaktionen sowie die zwischenmenschlichen Beziehungen erfolgreich und gewinnbringend sind (vgl. Kap. 1.1), dann stellt sich die Frage, wie es zu einer Diskrepanz zwischen dem Input durch die Eltern, welcher auf Erfolg ausgerichtet ist und dem Output der Kinder, welcher scheinbar in keinem angemessenem Zusammenhang steht, kommt.

Wie durch den eingangs geschilderten Dialog illustriert (vgl. S. 1), kommt es eben nicht nur darauf an, dass offenkundig dieselbe Sprache gesprochen wird, sondern darauf, dass jede Person die Fähigkeit besitzt, „…Gedanken, Überzeugungen, Wünsche und Absichten anderer Menschen [und auch seine eigenen] zu erkennen und zu verstehen, um deren Verhalten einschätzen und vorhersagen zu können…“ (Attwood, 2007, S. 143). Dies ist seinerseits eine Notwendigkeit, um von einer erfolgreichen sozialen Interaktion sowohl im engeren (z. B. Gespräche, direkte Zusammenarbeit) als auch im weiteren Sinn (z. B. Verstehen von Arbeitsanweisungen, moralisches und nachhaltiges Handeln) sprechen zu können (Forgas, 1999; Attwood, 2007, S. 146; Fröhlich, 2008, S. 448; Piaget, 1976, S. 200). Diese Fähigkeit, welche eigentlich ein Zusammenspiel mehrerer Fähigkeiten ist, nennt sich Theory of Mind (ToM). Ziel dieser Arbeit ist es, eingehend, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit, zu erläutern, was sich hinter dem Konstrukt ToM verbirgt (siehe Kap. 2.1) und auch, welche Entwicklungsschritte nötig sind, damit die verschiedenen Teilfähigkeiten eine so komplexe Meta-Fähigkeit hervorbringen (siehe Kap. 2.2). Zum Schluss werden in Kürze wesentliche Kritikpunkte der ToM aufgegriffen und der Versuch gemacht, Lösungsansätze zu unterbreiten (siehe Kap. 3).

2 Theory of Mind

Das Konzept der Theory of Mind beschäftigt sich, wie das Kapitel 1 andeutet, mit der Entwicklung und den Grundlagen zur Anwendung des Sozialverhaltens (Baron-Cohen, 2004, S. 47 ff.; Remschmidt & Kamp-Becker, 2006, S. 47). Die Anwendung als solche gehört nicht zum ToM-Konzept, sondern ist eine Folge, welche sich erst aus dieser Fähigkeit ergibt. Fraglich ist nun, was sich hinter einem so komplexen Konstrukt im Detail verbirgt. Vereinfacht ausgedrückt geht es darum, wann und wie Menschen verstehen und erahnen lernen, was eine andere Person denken, fühlen oder tun könnte, im Speziellen, wenn es sich vom eigenen Erleben (subjektiv wie objektiv) unterscheidet. Dabei geht es nicht nur darum, zu erkennen, dass jemandes Gefühlszustand verändert ist oder was sich geändert hat, sondern auch darum, „… sich mühelos in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und die zwischenmenschliche Beziehung so sensibel zu gestalten, dass man sein Gegenüber in keiner Weise kränkt oder verletzt“ (Baron-Cohen, 2004, S. 40). Ist die ToM unzureichend entwickelt, hat das ein gestörtes Einfühlungsvermögen, ferner noch eine Art Blindheit für eigene und fremde Bewusstseinszustände zur Folge (Baron-Cohen, 2004, S. 190).

2.1 ToM im Alltag

Im Sinne eines besseren Verständnisses der doch sehr abstrakten Beschreibung der ToMFähigkeit, soll dieser Abschnitt mit Hilfe alltäglicher Situationen veranschaulichen, welche Auswirkungen zu erwarten sind, wenn sie voll- sowie (zum besseren Kontrastieren) unvollständig ausgebildet ist, wie es beispielsweise bei Autisten der Fall ist (Baron-Cohen, 2004, S. 43; Remschmidt & Kamp-Becker, 2006, S. 47).

2.1.1 Emotionen erkennen.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ formulierte Paul Watzlawick (2011, S. 58) sehr treffend. Gemeint ist damit, dass selbst wenn sich nicht der verbalen Sprache bedient wird, Personen dennoch ihrem Gegenüber mittels Mimik, Gestik, Körperhaltung, Gang,

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656595557
ISBN (Buch)
9783668317284
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268490
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
1.3
Schlagworte
Autismus Theory of Mind ToM Asperger hochfunktionaler Autismus Entwicklungspsychologie

Autor

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Titel: Theory of Mind