Lade Inhalt...

Bindung und Bindungsstörung. Diagnostische Berührungspunkte zweier distinkter Konzepte

Seminararbeit 2012 31 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Bindungstheorie: Kategorien von Bindungsmustern
1.1 Organisierte Hauptbindungskategorien
1.2 Desorganisierte Bindung
1.3 Bindungsrepräsentation: Innere Arbeitsmodelle.

2 Reaktive Bindungsstörung (DSM-IV)
2.1 Definition und Klassifikation
2.2 Symptomatik und Verlauf

3 Berührungspunkte zwischen Bindungstheorie und Bindungsstörungen

4 Limitationen der Bindungstheorie im Verständnis der Bindungsstörungen.

5 Diskussion

6 Fazit: Implikationen für weiterführende Forschung und Praxis

7 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurde der Frage nach einer möglichen Verknüpfung der Bindungstheorie und der diagnostischen Kriterien einer Bindungsstörung nachgegangen. Dabei wurde untersucht, ob sich ein distinkter Einfluss der Bindungsqualität auf die Entstehung und Aufrechterhaltung der Subtypen der Bindungsstörung aufzeigen lässt und inwiefern der Bindungstheorie in der Erklärung der Bindungsstörung Grenzen gesetzt sind.

Die Bindungsstörung („reactive attachment disorder“ nach DSM-IV) betrifft eine relativ neue Diagnose mit bisher nur vage formulierten Kriterien. In vielen empirischen Arbeiten wird implizit davon ausgegangen, dass sich die Ätiologie der Bindungsstörung hauptsächlich aus der Bindungstheorie ableiten lässt. Letztendlich bleibt jedoch unklar, wo die Berührungspunkte der beiden Konzepte bestehen, wo sie sich ergänzen und wo sie klar abgegrenzt werden müssen. Der bisher publizierten Literatur mangelt es an Kohärenz, da sie aus unterschiedlichen theoretischen und klinischen Lagern stammt.

In der kurzen Literatur-Review wurden theoretische Grundlagen sowie Zusammenhänge und Schnittstellen der Bindungstheorie und der reaktiven Bindungsstörung vorgesellt, sowie Limitationen der Bindungstheorie als Prädiktor der Bindungsstörung aufgezeigt. Dabei konnte eine phänotypische Nähe zwischen desorganisierter Bindung und der reaktiven Bindungsstörung aufgezeigt werden, wobei eine Bindungsstörung auch unabhängig von der Qualität gegenwärtiger selektiver Bindungen auftreten kann. Insgesamt liess sich feststellen, dass Kinder mit desorganisierter oder fehlender Bindung eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung von Bindungsstörungen sowie weiterer psychischer Störungen darstellen. Bindungsmuster scheinen das Risiko der Ausbildung einer Bindungsstörung zu verstärken und die Effekte anderer Risikofaktoren zu moderieren. Es zeigte sich zudem, dass die inkonsistenten Resultate in der Bindungsstörungsforschung hauptsächlich auf die Problematik der vagen Konzeptualisierung des Störungsbildes, die unterschiedlichen Definitionen der Bindungsmuster, das Fehlen validierter Messinstrumente sowie die unterschiedliche Berücksichtigung weiterer Kontextfaktoren zurückzuführen sind.

Einleitung

Die Bindungstheorie hat in der Entwicklungspsychologie, der Pädagogik und der Klinischen Psychologie weitreichende Beachtung gefunden. Eine wichtige Rolle spielt sie bezüglich dem Bemühen, Ursachen und Gründe von Störungen im Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen zu verstehen und diesen Problemen entgegenzuwirken. Die Rolle der Bindung in der Genese und Behandlung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter lässt sich wohl kaum überschätzen. Offiziell steht jedoch nur eine einzige Pathologie im DSM-IV offiziell in Beziehung mit Bindung: die „Reactive Attachment Disorder“ bzw. reaktive Bindungsstörung (RAD) (Glowinsky, 2011). Sie betrifft eine relativ neue Diagnose, deren Diagnosekriterien nur sehr vage formuliert und noch nicht gut erforscht sind (Zilberstein, 2006). Der bisher publizierten Literatur mangelt es an Kohärenz, da sie aus verschiedenen theoretischen und klinischen Lagern stammt (Zilberstein, 2006). So wird die Störung einerseits aus dem Blickwinkel der Bindungstheorie nach Bowlby (1979, zit. n. Grossman & Grossmann, 2003) betrachtet, andererseits von Forschern, die die frühe Deprivation bei institutionalisierten Kindern untersuchten oder sich mit den psychischen Folgen von Kindesmissbrauch befassten. All diese Gruppen schlagen unterschiedliche Ätiologien und Behandlungen der Störung vor (Zilberstein, 2006).

Obwohl Bindungsforschung und Konzeptualisierung von Bindungsstörungen einen unterschiedlichen historischen Hintergrund aufweisen, wird in der Forschung meist davon ausgegangen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den beiden Konzepten besteht: Die Postulierung, dass eine fehlerhafte oder nicht vorhandene Bindung die ätiologische Kernkomponente bei der Ausbildung einer RAD darstellt und dass sich die Hauptdefizite bei einer RAD auf Bindungsfaktoren zentrieren, ist bisher eher theoretischer Natur und wird daher kontrovers diskutiert (Glowinsky, 2011). Es bleibt unklar, wo die Berührungspunkte zwischen Bindung und Bindungsstörung letztendlich bestehen, wo sich die Konzepte ergänzen können und wo sie klar abgegrenzt werden sollten. Daher befasst sich diese Seminararbeit mit der Frage, ob die Bindung als grundlegender ätiologischer Faktor das Auftreten von Bindungsstörungen erklären kann, bzw. wo die Schnittstellen der beiden Konzepte bestehen könnten.

Zur Erörterung dieser Fragestellung sollen zunächst die Grundlagen der Bindungstheorie kurz beschrieben werden, wobei vorranging auf die Beiträge von John Bowlby und Mary Ainsworth als Begründer der Bindungstheorie und Bindungsforschung Bezug genommen wird. Von den drei organisierten Bindungsmustern soll die desorganisierte Bindung abgegrenzt werden. Da Bindung bei Vorschul- und Grundschulkindern nicht nur auf der Verhaltensebene, sondern auch in Bezug auf mentale Repräsentationen erfasst wird, soll auch kurz auf den Begriff der „inneren Arbeitsmodelle der Bindung“ eingegangen werden. Anschliessend sollen die verschiedenen Arten von Bindungsstörungen beschrieben und von den unsicheren und desorganisierten Bindungsmustern abgrenzt werden. Dabei soll genauer untersucht werden, wo sich Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Bindung und Bindungsstörungen aufzeigen lassen und welche zusätzlichen ätiologischen Faktoren zur Ausbildung von Bindungsstörungen beitragen könnten. Aus der kritischen Diskussion der Ergebnisse sollen letztendlich einige Implikationen für die weiterführende Forschung und Praxis abgeleitet werden können.

1. Bindungstheorie: Kategorien von Bindungsmustern

Unter „Bindung“ wird die frühkindliche Disposition verstanden, körperliche Nähe zu Bezugspersonen zu suchen, um in potenziellen Stresssituationen Unterstützung, Pflege, Trost und Schutz zu erhalten (von Klitzing, 2009). Bindung bezieht sich somit auf die emotionale Qualität der Beziehung zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen (Gloger-Tippelt, König, Zweyer, & Lahl, 2007). Eine wesentliche Grundlage für die Bindungsqualität stellt die Feinfühligkeit der Pflegeperson dar (Brisch, 2009). Darunter werden charakteristische empathische Verhaltensweisen der Bezugsperson verstanden, wie beispielsweise die korrekte Wahrnehmung und Deutung kindlicher Signale sowie das angemessene und prompte Reagieren auf diese Signale (Brisch, 2009). Kinder entwickeln verschiedene beziehungsspezifische Bindungsmuster, welche sich zwischen verschiedenen Bezugspersonen unterscheiden können (von Klitzing, 2009). In der Regel ist das Bindungsverhalten auf eine Person oder einige wenige Personen ausgerichtet, wobei zwischen diesen Personen eine klar definierte Rangfolge besteht (Grossmann & Grossmann, 2003).

Die angeborene Disposition von Säuglingen und Kleinkindern, sich an eine emotional verfügbare und nahestehende Person zu binden, ist sehr stark ausgeprägt (Ziegenhain & Fegert, 2012). Daher müsste ein extrem entwicklungsunangemessener, dysfunktionaler Beziehungskontext vorliegen, damit es dem Säugling nicht gelingt, sich zu binden (Zeneah & Smyke, 2009). Ein solcher Beziehungskontext könnte bei vernachlässigendem oder misshandelndem Elternverhalten, bei häufigem Pflegewechsel oder bei fehlendem Beziehungsangebot durch exklusive Betreuungspersonen in Heimen vorliegen (Ziegenhain & Fegert, 2012).

1.1 Organisierte Hauptbindungskategorien

Im ersten Lebensjahr erwerben die meisten Kleinkinder eine organisierte Strategie, um mit Anspannung und Stress aufgrund von Separation, fremden Umwelten, Krankheit oder anderen bedrohlichen Lebensereignissen umzugehen (Bakermans-Kranenburg, van Ijzendoorn, & Juffer, 2005). Insbesondere in Situationen von Verunsicherung und Belastung suchen Kleinkinder die Nähe einer Bindungsperson (Ziegenhain & Fegert, 2012). Die innere Erregung, die sich beispielsweise im Anstieg der Herzfrequenz und des Cortisolspiegels zeigt, klingt erst mit dem Kontakt mit der Bindungsperson wieder ab. Somit gilt die Bindungsperson als externe Regulationshilfe (Ziegenhain & Fegert, 2012).

Mary Ainsworth entwickelte zur Untersuchung, wie die Bindung an die Mutter das Verhalten in einer unbekannten Situation beeinflusst, die Methode der „Strange Situation“ (Ainsworth & Witting, 1969, zit. n. Grossmann & Grossmann, 2003). Dabei handelt es sich um eine standardisierte Laborsituation mit 12-18 Monate alten Kindern, welche aus insgesamt acht Episoden besteht (Tabelle 1) und die Gelegenheit bietet, exploratives Verhalten und Bindungsmuster der Kleinkinder zu beobachten (Grossmann & Grossmann, 2003). Obwohl die Strange Situation nicht als Diagnostik-Instrument gilt, wird die Laboruntersuchung auch heute noch zur Ergründung der Bindungsmuster bei Kleinkindern und jungen Kindern angewandt (Boris et al., 2004). Sie ist bisher nur für den Altersbereich von elf bis höchstens zwanzig Monaten validiert worden (Grossmann & Grossmann, 2008).

Tabelle 1. Kurzbeschreibung der „Strange Situation“(nach Grossmann & Grossmann, 2003).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der „Strange Situation“ wurden drei organisierte Bindungsmuster identifiziert, deren Kategorisierung auch noch in der heutigen Forschung von Bedeutung ist (Hardy, 2007): Gemäss ihrer Verhaltensweisen in einer „Strange Situation“ können die meisten Kinder als sicher, unsicher-vermeidend oder unsicher-ambivalent kategorisiert wurden. Diese organisierten Bindungsstile gelten als normale Entwicklungsvarianten und betreffen interindividuelle Unterschiede im Verhalten gegenüber Bindungspersonen nach kurzer Trennung (Ziegenhain, 2009). Sie lassen sich als unterschiedliche Anpassungsstrategien im Umgang mit Belastung und emotionaler Verunsicherung interpretieren (Ziegenhain, 2009). Kleinkinder mit sicherer Bindung (Bindungskategorie B) protestieren, wenn sie von ihrer Bindungsperson getrennt werden und suchen Trost und Nähe der Bindungsperson, wenn sie wieder zurückkehrt (Hardy, 2007). Sie scheinen zu fühlen, dass ihre Bezugsperson für sie physisch und emotional erreichbar ist (Zilberstein, 2006). Die sichere Bindungsstrategie ist durch die Flexibilität gekennzeichnet, unbelastet zu explorieren, solange die eigenen Fähigkeiten reichen und bei zu grosser Belastung emotionale Zuwendung zu suchen und anzunehmen (Grossmann & Grossmann, 2008). Unsicher gebundene Kinder nutzen ihre Bindungsperson in der „Strange Situation“ nur eingeschränkt oder gar nicht als sichere Basis (Ziegenhain, 2009).

Kinder mit unsicher-vermeidendem Bindungsmuster (Kategorie A) wirken emotional wenig beteiligt und tendieren dazu, das Weggehen der Bindungsperson zu ignorieren (Ziegenhain, 2009). Sie beachten auch das Bestreben der Bezugsperson der erneuten Kontaktaufnahme nach ihrer Rückkehr nicht (Hardy, 2007). Der Ausdruck von Bindungsbedürfnissen wird vermieden, emotionale Zuwendung wird weder gesucht, noch angenommen (Grossmann & Grossmann, 2008). Dennoch weist der Anstieg des Cortisolspiegels darauf hin, dass sie sich in dieser Situation belastet fühlen (Ziegenhain, 2009).

Kinder mit unsicher-ambivalentem Bindungsmuster (Kategorie C) zeigen nach dem Weggang der Mutter Anzeichen heftiger Stressreaktionen, können jedoch nach der Rückkehr der Mutter kaum getröstet werden (Hardy, 2007). Die Ambivalenz ihres Verhaltens besteht darin, dass sie einerseits den Körperkontakt der Mutter suchen, sich aber andererseits, z.B. durch Strampeln, Stossen oder Schlagen, gegen den Körperkontakt wehren (Hardy, 2007). Das Verhalten ist durchsetzt mit offenem Ärger auf die Bindungsperson und das Kind lässt sich trotz vermehrter Zuwendung der Bindungsperson nur schwer beruhigen (Grossmann & Grossmann, 2008). Die beiden unsicheren Bindungsmuster scheinen sich aus erfolglosen Versuchen des Kindes zu entwickeln, Nähe zu einer Bezugsperson aufzubauen, welche emotional unerreichbar scheint oder nur periodisch einfühlsam und interessiert ist (Zilberstein, 2006). Einige Studien konnten zeigen, dass die elterliche Feinfühligkeit in einem negativen Zusammenhang zur vermeidenden wie auch ambivalenten unsicheren Bindungsstrategie steht (Bakermans- Kranenburg et al., 2005).

1.2 Desorganisierte Bindung

In einigen Forschungsarbeiten konnte festgestellt werden, dass sich manche Kinder nicht in die drei organisierten Bindungsmuster einteilen lassen (Bakermans-Kranenburg et al, 2005; Lyons-Ruth & Jacobvitz, 2008; von Ijzendoorn & Bakermans-Kranenburg, 2003). So suchen Kinder mit desorganisierter (bzw. hochunsicherer oder atypischer) Bindung in Situationen erhöhter Belastung und starker innerer Erregung keinen Kontakt zur Bindungsperson. Während ihr Cortisolspiegel dabei beträchtlich ansteigt, können sie auf keine geordnete Verhaltensstrategie zurückgreifen und ihr Verhalten nicht kohärent organisieren (Ziegenhain, 2009; Ziegenhain & Fegert, 2012). Sie zeigen starre Verhaltensweisen wie starke Gehemmtheit, körperliches Erstarren, motorische Stereotypien und Furchtreaktionen (Brisch, 2009; Ziegenhain & Fegert, 2012).

Desorganisation gilt nicht als eigenes, viertes Bindungsmuster, obwohl es in der Literatur oft aus statistischen Gründen als solches dargestellt wird (Grossmann & Grossmann, 2008). Desorganisiertes Bindungsverhalten erscheint in vielerlei Form als Störung innerhalb der drei organisierten Bindungsmuster, wobei damit ein mehr oder weniger dauerhafter Zusammenbruch von Aufmerksamkeits- und Verhaltensstrategien durch den Verlust der Orientierung an der Bindungsperson beschrieben wird (Grossmann & Grossmann, 2008). Ein solches Verhalten wird häufiger bei Kindern mit traumatischer Erfahrung beobachtet (Brisch, 2009). Das bizarre Konfliktverhalten wird als Furcht interpretiert, die aufgrund einschneidender Erlebnisse zustande kam, wobei sich die Kinder entweder vor der Bezugsperson fürchten oder sich die Furcht der Bindungsperson auf die Ängste des Kindes überträgt (Ziegenhain & Fegert, 2012). Dies führt zu einem unlösbaren Konflikt: Die Furcht aktiviert das kindliche Bindungssystem und daher muss das Kind den Kontakt zur Bindungsperson suchen. Ist die Bindungsperson, bei der es Schutz sucht, gleichzeitig die Person sein, die seine Furcht verursacht, kollabieren seine Verhaltensstrategien (Bakermans-Kranenburg et al., 2005; Ziegenhain & Fegert, 2012).

Als kritisches Elternverhalten, welches zu desorganisierten Bindungsmustern führen kann, gelten eine massiv gestörte affektive Kommunikation, ein feindseliges, übergriffliches elterliches Verhalten, sowie die Übernahme der kindlichen Rolle durch die Eltern (Ziegenhain & Fegert, 2012). Gehäuft zeigt sich das desorganisierte Bindungsmuster in Risikogruppen, in welchen Missbrauch und Vernachlässigung, sowie mütterliche Depression, Suchterkrankung oder Persönlichkeitsstörung auftreten (Lyons- Ruth & Jacobwitz, 2008). Vorria et al. (2003) fanden, dass 66% der Kinder in griechischen Institutionen ein desorganisiertes Bindungsmuster aufzeigten, während dies nur bei etwa 15% der Kinder, die daheim aufwuchsen, der Fall war. Ausserdem scheinen bestimmte genetische Komponenten ein desorganisiertes Bindungsmuster zu begünstigen (Lakatos et al., 2002). Kinder mit erhöhter Vulnerabilität gegenüber Stress, welche temperamentbedingt wie auch genetisch bedingt sein kann, sind empfindlicher gegenüber inadäquatem Elternverhalten (Ziegenhain & Fegert, 2012). Bei extremen Frühgeburten und Kindern mit angeborenen schweren Erkrankungen oder Behinderungen zeigt sich im Vergleich zu unauffälligen Gruppen ein Anstieg der desorganisierten Bindungsstrategien bis zu 52% (Grossmann & Grossmann, 2008). Wenn die Eltern jedoch mit dem Kind feinfühlig umgehen, lassen die Schwierigkeiten des Kindes allein keine Vorhersage auf die Bindungsqualität zu (Grossmann & Grossmann, 2008). Insgesamt sind die unterliegenden Mechanismen und kausalen Faktoren, welche zu desorganisierten Bindungsmustern führen können, noch zu wenig erforscht, um spezifische Voraussagen machen zu können (von Ijzendoorn & Bakermans-Kranenburg, 2003).

Kinder mit desorganisierten Bindungsmustern zeigen das grösste Risiko für die Entwicklung psychopathologischer Störungen (Zilberstein & Messer, 2010). Desorganisation ist vor allem mit aggressiven und externalisierenden, aber auch internalisierenden Verhaltensproblemen und dissoziativer Symptomatik während der Kindheit und im Jugendalter assoziiert (Gloger-Tippelt et al., 2007; von Klitzing, 2009; Ziegenhain & Fegert, 2012). Allerdings lassen sich Wirkungen von Desorganisation von Bindungsstrategien und Wirkungen von Traumata meist nur schwer unterscheiden (Henninghausen & Lyons-Ruth, 2005). Bindungstheoretisch scheint es jedoch kritisch zu sein, ob die traumatische Erfahrung durch die Bindungsperson erlebt wurde, was einem Verrat gleichkäme, oder ob die Verletzung durch andere geschehen ist, während das Kind unter Umständen durch seine Bindungspersonen feinfühlig unterstützt wurde (Grossmann & Grossmann, 2008). Für den Aufbau innerer Arbeitsmodelle von Bindung, welche auch bei Veränderung der Umweltbedingungen bestehen bleiben, sind vor allem die Erfahrungen mit den wichtigsten Bezugspersonen entscheidend (Zilberstein, 2006).

1.3 Bindungsrepräsentation: Innere Arbeitsmodelle

Während die Bindung bei Kindern im vorsprachlichen Alter aus dem Bindungsverhalten des Kindes nach Trennungen von der Bezugsperson erschlossen werden kann, wird ab ungefähr vier Jahren die mental-repräsentierte Bindung aus dem Symbolspiel und der Sprache erschlossen (Gloger-Tippelt et al., 2007). In den ersten Lebensjahren hat sich ein zunehmend komplexes Verhaltenssystem ausgebildet, welches bestimmte Arbeitsmodelle von sich selbst und wichtigen Bindungspersonen beinhaltet (Grossmann & Grossmann, 2003). Dieses sogenannte „innere Arbeitsmodell von Bindung“ enthält z.B. Informationen über die Fähigkeiten und den Aufenthaltsort der Bindungsperson, sowie über wahrscheinliche Reaktionen der Bindungsperson bei Veränderung der Umweltbedingungen (Bretherton & Munholland, 2008; Brisch, 2006). Auch über sich selbst entwickeln Kinder Arbeitsmodelle, welche Informationen über die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten der Umwelt-Beeinflussung enthalten. Dank diesen Arbeitsmodellen können Kinder Modelle der Realität simulieren, ihr Verhalten besser planen und sich selbst regulieren (Grossmann & Grossmann, 2003; Zilberstein, 2006).

In Bezug auf die Voraussage von sozialen Kompetenzen und Psychopathologie scheinen Bindungsrepräsentationen ab dem Kindergartenalter einen höheren Beitrag zu leisten als Beobachtungen des gezeigten Bindungsverhaltens (Gloger-Tippelt et al., 2007). Die inneren Arbeitsmodelle beeinflussen das Verhalten und die Beziehungen im weiteren Leben des Kindes (Zilberstein, 2006). Wird das innere Arbeitsmodell der Bindung durch traumatische Erlebnisse zerstört, muss das Kind andere Verhaltens- und Überlebensstrategien entwickeln, die oft den Bindungskontext nicht mehr erkennen lassen (Brisch, 2006). Dies könnte die Ausbildung von Bindungsstörungen begünstigen (Brisch, 2006).

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass es sich bei der Bindung um ein beziehungsbezogenes Konstrukt handelt, wobei das Bindungssystem vor allem in Situationen der Angst und Verunsicherung aktiviert wird. Die Bindungspersonen dienen als externe Regulationshilfe und als Modelle für die Entwicklung innerer Arbeitsmodelle von Bindung und Beziehung. Es lassen sich individuell unterschiedliche Anpassungsstrategien feststellen, wobei es sich bei sicheren und unsicheren Bindungsstrategien um normale Entwicklungsvarianten handelt. Von desorganisierter Bindung oder hochunsicherer Bindung (vgl. Ziegenhain & Fegert, 2012) wird gesprochen, wenn es aufgrund von Frucht als durchgängige Beziehungserfahrung zu einem zeitweiligen Zusammenbruch von kindlichen Bewältigungsstrategien kommt. Die desorganisierte Bindung wird entwicklungspsychopathologisch als Hauptprädiktor von Bindungsstörungen diskutiert.

2. Reaktive Bindungsstörung (DSM-IV)

2.1 Definition und Klassifikation

Die Bindungstheorie gilt als theoretisches Fundament der Forschung und der klinischen Arbeit mit Bindungsproblemen (Zilberstein, 2006). Sie gilt jedoch nicht als Basis einer DSM-IV Diagnose (Zilberstein, 2006). Der Begriff „Bindungsstörung“ wird in der Literatur unterschiedlich verwendet (von Klitzing, 2009). Meist sind damit entwicklungs- unangemessene Verhaltensweisen gemeint, welche in sozialen Kontexten auftreten (Ziegenhain & Fegert, 2012). Sie erscheinen als stabiles kontext- und personenübergreifendes Muster von Verhaltensweisen, während Bindungsmuster spezifisch auf bestimmte Bezugspersonen ausgerichtet sind (Brisch, 2009; Minnis et al., 2009). Während in der ICD-10 (Remschmidt, Schmidt & Poustka, 2006) zwischen einer reaktiven Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1) und einer Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (F94.2) differenziert wird, werden im DSM-IV (Sass, Wittchen & Zaudig, 1996) zwei Subtypen der reaktiven Bindungsstörung unterschieden. Dabei handelt es sich um den gehemmten Typus und den enthemmten Typus. Als klassifikationsrelevante Voraussetzung gilt das Auftreten der Störung vor dem 5. Lebensjahr (Ziegenhain & Fegert, 2012).

Beim gehemmten Typus besteht die vorherrschende Störung der sozialen Beziehung (wie bei F94.1 der ICD-10) in der Unfähigkeit, soziale Kontakte auf eine entwicklungsangemessene Weise zu knüpfen oder auf sie zu reagieren (von Klitzing, 2009). Beim ungehemmten Typus (vgl. F94.2 der ICD-10) liegt eine Störung der sozialen Beziehung in Bezug auf eine unkritische und undifferenzierte Auswahl von Bezugspersonen vor (von Klitzing, 2009). Die „reaktive Bindungsstörung“ (RAD) nach DSM-IV, auf die in der englischsprachigen Literatur hauptsächlich Bezug genommen wird, bezieht sich somit auf F94.1 (reaktive Bindungsstörung) und F94.2 (Bindungsstörung mit Enthemmung) in der ICD-10. Um einer definitorischen Verwirrung vorzubeugen, soll die allgemein gebräuchliche Abkürzung RAD hier nur für die „Reaktive Bindungsstörung“ nach DSM-IV, bzw. für die Umschreibung von Bindungsstörungen im Allgemeinen verwendet werden.

Im Gegensatz zu andern kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnosen verlangt die Diagnose einer RAD nicht nur das Vorhandensein spezifischer Symptome, sondern auch spezifischer Ursachen (von Klitzing, 2009). Die Kriterien für die Klassifikation der Bindungsstörungen wurden aus Untersuchungen von Kindern entwickelt, die in extremen Beziehungskontexten aufwuchsen (Ziegenhain & Fegert, 2012). Als wesentlicher ätiologischer Faktor für die Entstehung einer RAD gilt für den enthemmten wie auch den gehemmten Typus eine pathogene Fürsorge in den ersten fünf Lebensjahren (von Klitzing, 2009). Darunter werden eine Missachtung der grundlegenden emotionalen und / oder körperlichen Bedürfnisse des Kindes, sowie ein entwicklungsunangemessener wiederholter Wechsel der wichtigen Bezugspersonen des Kindes verstanden (von Klitzing, 2009). Viele Kinder mit Bindungsstörungen haben in ihrer Vergangenheit Vernachlässigung, Missbrauch oder verschiedene Platzierungen erlebt, was auch zu einer Menge komorbider Symptome führen kann (Zilberstein & Messer, 2010). Demgemäss werden RAD überwiegend bei Kindern diagnostiziert, welche Opfer ausgeprägter Vernachlässigung oder Misshandlung bzw. Deprivationserfahrungen wurden (Ziegenhain & Fegert, 2012). Eine zusammenfassende Gegenüberstellung der Bindungsstörungen nach DSM-IV und ICD-10 findet sich in Tabelle 2.

Tabelle 2 : Definitionskriterien der beiden Störungstypen frühkindlicher

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Details

Seiten
31
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656595359
ISBN (Buch)
9783656595304
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268474
Institution / Hochschule
Universität Bern
Note
6.0
Schlagworte
bindung bindungsstörung diagnostische berührungspunkte konzepte

Autor

Zurück

Titel: Bindung und Bindungsstörung. Diagnostische Berührungspunkte zweier distinkter Konzepte