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Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft

Dargestellt anhand einer exemplarischen Untersuchung zum Thema „Gewalt unter Mädchen“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 29 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erkenntnisinteresse
2.1 Forschungsfrage
2.2 Theoretischer Hintergrund

3. Qualitative Forschung
3.1 Prinzipien qualitativer Forschung
3.2 Methodologische Positionierung
3.3 Sampling
3.4 Methodenwahl
3.5 Forschungsfeld

4. Problemzentriertes Interview
4.1 Leitfadenerstellung
4.2 Interviewdurchführung
4.3 Qualitative Inhaltsanalyse (nach Mayring)
4.3.1 Transkription
4.3.2 Paraphrasierung
4.3.3 Generalisierung
4.3.4 Erste und zweite Reduktion
4.3.5 Auswertung
4.3.6 Persönliches Fazit
4.4 Gütekriterien

5. Vergleich zur quantitativen Forschung

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

Anhang (Interviews, Leitfaden)

1. Einleitung

Die empirische Forschung kennt unterschiedliche Forschungswege um Erkenntnissen über die psychische und soziale Wirklichkeit des Menschen zu erlangen. Die Qualitative Forschung ist eine von diesen. Das zentrale Ziel der Forschung ist die Entwicklung und die Überprüfung von Theorien. Im Folgenden soll anhand einer exemplarischen Untersuchung, zum Thema „Gewalt unter Mädchen“ das Vorgehen innerhalb einer qualitativen Forschung dargestellt werden. Hierzu wurden zwei Interviews geführt, in welchen die Interviewten über ihre Erfahrungen zu diesem Thema berichteten.

Nach anfänglichen, grundsätzlichen Ausführungen zu Qualitativen Forschungsmethoden und Überlegungen wie Fragestellung, Methodenwahl und Forschungsfeld, wird neben Art und Umfang der Erhebung auch auf die verwendete Auswertungsmethode näher eingegangen, gefolgt von ersten Ansätzen einer Analyse der Interviews, sowie ersten Interpretationsansätzen. Daran anschließend soll näher auf die Frage der Qualitätssicherung einer qualitativen Forschung eingegangen werden. Nach detaillierter Darstellung des Forschungsdesigns und -prozesses, werde ich abschließend noch kurz auf einen weiteren Forschungsweg, den der quantitativen Forschung eingehen und ihn mit der Qualitativen Forschungsmethode vergleichen.

2. Erkenntnisinteresse

Im Folgenden soll nun zu Beginn die Forschungsfrage näher vorgestellt werden, gefolgt von einem Überblick der, für diese Studie relevanten theoretischen Hintergründe.

2.1 Forschungsfrage

„Ich hab halt ihren Kopf genommen, also an den Haaren und halt gegen mein Knie geschlagen, aber dann (...) lag sie so aufm Boden und dann haben wir sie noch n bisschen getreten“ (Sushien, 14,(2008) Zitat aus ZDF-Reportage Frontal 21)

Die Ausübung von Gewalt und das Aggressionspotenzial ist in allen Formen und Ausprägungen eine männliche Domäne - das belegen kriminalstatistische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse ebenso wie Alltagserfahrungen. So findet man in allen Stereotypenaufzählungen das aggressive Verhalten bei den typisch männlichen Eigenschaften. Doch vermehrt berichten Polizei und Medien von gewalttätigen Übergriffen unter Mädchen und jungen Frauen. So informieren Fengler, Lindner und Nürnberg (2009) in einem Artikel im Hamburger Abendblatt über einen, schon Wochen im Voraus im Internet angekündigten Streit mit Messer und Totschläger, bei dem eine 13-Jährige fast einen Finger verlor und eine 16-Jährige eine Stichwunde am Hals davon trug (vgl. Fengler, Lindner & Nürnberg, 2009). Laut des Niedersächsischen Förderprogramms "Lebensweltbezogene Mädchenarbeit" vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie Landesjugendamt weisen einige Studien darauf hin, dass der Anteil von gewalttätigen Mädchen in den letzten Jahren gewachsen sei.

Nicht zuletzt durch Formate wie die Reality-Show „Die Mädchengang“ (RTL 2, ausgestrahlt seit 2010-2011) wird die Gesellschaft immer wieder mit verbalen Kraftausdrücken und der Bereitschaft zuzuschlagen von Seiten des „schwachen Geschlechts“ konfrontiert.

Empirischen Studien zu Folge ist Gewalt zwar nach wie vor zwischen Jungen ausgeprägter, jedoch steigen in Kriminalstatistiken die Tatverdächtigenbelastungsziffern (TVBZ) für Mädchen gleichermaßen an. So stellt sich hier die Frage, wie es dazu kommt, was Mädchen veranlasst Gewalt auszuüben, welche Gründe und Erfahrungen hinter den Übergriffen stehen. Zentrales Forschungsinteresse gilt in dieser Studie folglich der Frage „wie Mädchen und junge Frauen gewalttätige Übergriffe, an denen sie beteiligt waren, retrospektiv rekonstruieren und die Gründe für diese beschreiben“. Hierzu wurden von mir zwei Interviews geführt, in denen sowohl Täterin als auch ein Opfer über ihre Gewalterfahrungen berichten.

Im Folgenden sollen einige, für diese Studie relevante, theoretische Hintergründe in Kürze vorgestellt werden.

2.2 Theoretischer Hintergrund

Schwere Tatbestandsvarianten mit gravierenden Tatfolgen sind, wie eben beschrieben, eher untypisch für Mädchen und junge Frauen (näheres bei BKA, online, Zugriff: 2011). Mädchengewalt macht nach wie vor die Minderheit aus. Etwa 79% aller Gewalttaten durch Jugendliche werden durch junge Männer ausgeübt. Die Zahl der weiblichen Gewaltdelikte liegt weiterhin unter 21%. Jedoch lässt sich im Vergleich erkennen dass die Gewaltbereitschaft in den letzten zehn Jahren ein Anstieg von 20 Prozent zu verzeichnen hat (näheres bei Klose, 2010, online, Zugriff: 2010).

Zunächst sei hier zu beachten, dass sowohl der Begriff Aggression als auch der, der Gewalt, oft vielseitig gebraucht und oft nur schwer zu definieren ist. Nach Nolting (2005) kann Aggressives Verhalten grob in physische, verbale und Non-verbale Formen unterteilt werden (vgl. Nolting, 2005, S. 20), welches darauf abzielt anderen Menschen Schaden zuzufügen. In dieser Forschungsarbeit wird Gewalt und Aggressives Verhalten vornehmlich in der Form der physischen also in Form der direkten, aktiven Gewalt behandelt werden. Gewalt wird hier als Form und Ausdruck von aggressivem Verhalten betrachtet, welche gegen andere Personen, also nicht gegen sich selbst, als Autoaggression oder gegen eine Sache gerichtet wird.

Es stellt sich die Frage welche Faktoren manche jugendliche Mädchen und junge Frauen dahin beeinflussen, ihre Aggressionen an anderen auszuleben. Es gibt viele Ansätze, die Entstehung von Aggressivem Verhalten und Gewaltausübung zu erklären versuchen. Im Rahmen dieser Arbeit ist es nicht möglich alle Theorien und damit für diese Studie relevanten Hintergründe detailliert aufzuzeigen, jedoch sollen hier einige übergeordnete Ansätze kurz aufgegriffen werden.

Eine Vermutung könnte sein, dass Gewaltbereitschaft in aggressiven Gefühlen begründet ist. Demnach lege Aggressives Verhalten in Personenvariablen. Korn und Mücke (2000) vermuten, dass Aggressivem Verhalten und der Gewaltausführung keine schlechte Absicht, sondern Gefühle und Impulse zugrunde liegen (vgl. Korn & Mücke, 2000 S.17). Da aber jedem Menschen aggressionsauslösende Gefühle wie Schmerz, Wut und Trauer inne wohnen, ließe sich hier vermuten, dass die meisten Menschen über Regulationsprozesse verfügen die einen gewaltfreien Lösungsweg ermöglichen oder es bestimmte Charaktereigenschaften gäbe, die aggressives Verhalten fördern.

Oftmals wird, vor allem in der Öffentlichkeit, auch dem Einfluss der Medien eine große Rolle zugeschrieben. So sollen gewaltvolle Computerspiele dazu führen aggressive Gefühle und Verhaltensweisen zu erzeugen, diese Effekte sind jedoch in Studien weitestgehend als sehr gering und fragwürdig beschrieben (vgl. Anderson & Dill, 2000, Studie 2), da viele weitere Einflussfaktoren nicht ausgeschlossen werden können.

Eine weitere Überlegung zur Entstehung von Aggressivem Verhalten ist, das der Gewaltbereitschaft sozial-kognitives Schemata zugrunde liegen die durch Beobachtungslernen bzw. Lernen-am-Modell aufgebaut werden (vgl. Petermann, Niebank & Scheithauer, 2004, S.394). Demnach würden diese, von anderen erlernten, Schemata das Verhalten gewalttätiger Mädchen steuern.

3. Qualitative Forschung

Qualitative Forschung ist am Beschreiben, Interpretieren und Verstehen von Zusammenhängen interessiert. Sie zeichnet sich dadurch aus, Informationen über differenzierte und ausführliche Beschreibungen individueller Meinungen und Eindrücke zu liefern. Sie will „zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen“ (Flick, von Kardoff und Steinke, 2000, S. 14). Aus gewonnen Erkenntnissen lassen sich neben Beurteilungskriterien auch intervenierende Maßnahmen ableiten. Qualitative Forschung ist theorieentwickelnd und hypothesengenerierend, das heißt die Hypothese wird erst im Laufe der Forschung gebildet. „Die qualitative Sozialforschung sieht (...) die Hypothesenentwicklung im Vordergrund; Hypothesen werden aus dem zu untersuchenden sozialen Feld gewonnen. Hypothesenentdeckung ist damit induktiv: von den Beobachtungen zur Theorie" (Lamnek, 1993, S. 225). So kann der, eben in 1. aufgeführte, theoretische Bezug während des Forschungsverlaufs stetig novelliert oder sogar entwickelt werden (vgl. ebd., S. 225). Jedoch ist der gewählte Ansatzpunkt, das Erkenntnisinteresse, zentral entscheidend für die Methodenwahl und methodologische Positionierung, sowie für das Sampling und Forschungsfeld. Die theoretischen Vorannahmen strukturieren also die Wahrnehmung des Untersuchungsgegenstandes, können jedoch erweitert und verändert werden, dienen aber der Grundlagenbildung einer jeden Forschung (vgl. Meinefeld, in Flick, von Kardorff & Steinke , 2000, S. 271- 272) .

Der Qualitative Forschungsablauf ist als flexibel zu verstehen, allerdings nicht ohne innerhalb der einzelnen Forschungsschritte auf feste Regeln zu bestehen. Im Folgenden soll nach kurzer Ausführung der Prinzipien, die der Qualitativen Forschung zugrunde liegen, die eben bereits erwähnte methodologische Positionierung, Methodenwahl, das Sampling und das Forschungsfeld beschrieben werden.

3.1 Prinzipien qualitativer Forschung

Qualitative Forschung zeichnet sich durch große Offenheit und Flexibilität aus. Nach Lamnek (2003, S. 21 f.) folgt sie sechs, ihr zugrunde liegender Prinzipien, die hier in Kürze aufgeführt und knapp erläutert werden sollen.

Offenheit

Das erste Prinzip ist das Prinzip der Offenheit. Qualitative Forschung verwendet offene, wenig vorstrukturierte Methoden der Datengewinnung, so können auch nicht erwartete Informationen erhalten werden. Offenheit sollte gegenüber den Untersuchungspersonen, der Untersuchungssituation und den Untersuchungsmethoden herrschen.

Forschung als Kommunikation

Die datengewinnung in der Qualitativen Forschung gilt als Kommunikation von forscher und Beforschtem. Hierbei sei soll möglichst ein gleichberechtigtes Verhältnis für den Interaktionsprozess geschaffen werden. Ebenso sollen in der Forschung die der Kommunikation zugrundelegenden Regeln beachtet werden.

Prozesscharakter von Forschung und Gegenstand

Nicht nur die Forschung selbst sondern auch der zu untersuchende Gegenstand soll als Prozess betrachtet werden. So unterliegen sowaohl die forschung selbst und die untersuchten sozialen Phänomene der Prozesshaftigkeit.

Reflexivität von Gegenstand und Analyse

Jede Bedeutung ist kontextgebunden, damit verweist jede Bedeutung reflexiv auf das Ganze und wird nur durch den Rekurs auf den Kontext seiner Erscheinung verständlich. Der Forschungsprozess und die Analyse ist folglich zirkulär, Einstieg und Beginn (wie oben bereits aufgeführt) flexibel und beliebig, da sie immer wieder auf ihren Ausgangspunkt zurückkehren kann.

Explikation

Explikation beschreibt die Erwartung an den Forscher seinen Untersuchungsprozess weitestgehend offen zu legen. So sollen einzelschritte, Regeln nach denen erhobene Daten interpretiert wurden und die kommunikative Erfahrung explizit deutlich werden.

Flexibilität

Qualitative Forschung ist explorativ und damit eine flexible Vorgehensweise, bei der der Forscher von ursprünglich gestellten Fragen, relevanten Daten und seiner zuerst erstellten Forschungslinie zu anderen übergehen oder diese verändern kann.

(vgl. Lamnek, 2003, S. 21 f.)

3.2 Methodologische Positionierung

Bei der hier vorgestellten Studie, bezüglich der Gewalterfahrungen von jugendlichen Mädchen, liegt der Fokus auf den individuellen Erfahrungen und Bewertungen sowie Einschätzungen derjenigen, die an diesen Situationen der gewaltvollen Übergriffe beteiligt waren. Da das Forschungsinteresse dieser Studie primär Mädchen und jungen Frauen gilt, die in der Vergangenheit, während der Pubertät (oder etwas später) mit Gewalt konfrontiert waren, beschränkt diese Studie sich auf junge Frauen.

Diese Differenzierung war notwendig, da mögliche Forschungsinteressen in dem Bereich von Gewalttätigkeit (beispielsweise Gewalt an Schulen oder gewalttätige Männer mit Migrationshintergrund) vielfältig sind und zahlreiche Forschungsfelder nach sich ziehen könnten.

Es ist auf den begrenzten Umfang dieser Studie zurückzuführen, dass bisher nur zwei Interviews geführt wurden. Es wäre sicherlich notwendig weitere Interviews zu führen, um möglichst viele Facetten der Rekonstruktion, Bewertung und Begründung von gewaltreichen Auseinandersetzungen zwischen Mädchen und jungen Frauen mit Anderen zu erheben.

3.3 Sampling

Eine wichtige Auswahlentscheidung, die ein Forscher im Laufe des Forschungsprozesses fällen muss ist die Strichprobenziehung, das Sampling. Um einen systematischen Zugriff auf Daten zu erhalten muss einerseits eine Auswahl über den behandelten Fall getroffen werden, andererseits „müssen nachvollziehbare Techniken bei der Ziehung der Stichproben von Personen, Ereignissen oder Aktivitäten dokumentiert werden“ (Merkens, in Flick et. Al, 2000, S. 290). Die Stichprobe soll garantieren, dass der Fall möglichst facettenreich erfasst wird, außerdem sollen nicht nur solche Fälle einbezogen werden, die den vorrausgegangenen Forschungsstand bestätigen, sondern auch solche, die als ungünstig oder kritisch beurteilt werden können (vgl.ebd. , S. 291). Die Größe einer Stichprobe wird in der Literatur nicht genau festgelegt, sollte jedoch ungefähr zwischen 20-200 Befragten liegen. Bei dem Zeihen einer Stichprobe wird zwischen verschiedenen Sampling-Arten unterschieden, die hilfreich für die Sicherung der Repräsentativität der ausgewählten Fälle sein soll.

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Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656593164
ISBN (Buch)
9783656593140
Dateigröße
833 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268317
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
qualitative forschungsmethoden erziehungswissenschaft dargestellt untersuchung thema gewalt mädchen

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