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Zombies. Die Entwicklung von Homers „Odyssee“ bis zu Romeros „Land of the Dead“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anfänge / Phase 1
2.1. Homers „Odyssee“
2.2. Südamerikanische Voodookulte
2.3. Kolonialisierung
2.4. Die ersten Filmzombies

3. Fleischfressende Leichen / Phase 2

4. Gewaltexzesse und Weiterentwicklungen / Phase 3

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zombies, lebende Tote oder Untote. Zwischenzeitlich gibt es vielerlei Namen für die aus den Gräbern wieder auferstandenen Leichen, die in den letzten 30 bis 40 Jahren immer wieder besonders Spielfilme bevölkerten und Zuschauer weltweit in Angst und Schrecken versetzten. Dabei hat sich der Zombie im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt und verändert, erlebte Vermischungen und Umdeutungen und wurde zu einem Stück Popkultur ähnlich wie Vampire oder Werwölfe.

Der hier vorliegende Text ergründet im Folgende die Entwicklungsgeschichte des Zombiemythos, ausgehend von seinen Ursprüngen in Homers Odyssee und den südamerikanischen Voodookulten über zahlreiche Literatur- und Filmadaptionen verschiedenster Intentionen bis hin zu Computerspielen und Zombie Walks. Dies geschieht in der Untergliederung der Entwicklungsgeschichte in verschiedene Phasen. Hierbei soll gezeigt werden, dass der Zombie mehr ist, als ein hirnloses Monster, welches stöhnend durch die Gegend streift und Menschen tötet, um ihre Gehirne zu fressen, sondern vielmehr ein Mittel zum Ausdruck spezifischer Ängste jeweiliger Zeitepochen und Kulturgebiete.

2. Anfänge/Phase 1

Schon auffällig früh entwickeln die Menschen eine Faszination für wieder erweckte Tote und deren unorthodoxen Ernährungsgewohnheiten. Als eine der ältesten und ursprünglichsten Quellen dieser Vorstellung lässt sich bereits Homers Odyssee nennen, in dessen elftem Gesang „Die Totenwelt“ sich bereits Hinweise auf moderne Vorstellungen von Geistern, Vampiren und eben auch Zombies nachweisen lassen.

2.1. Homers „Odyssee“

Im elften Kapitel bzw. Gesang des im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Heldenepos mit dem Titel „Die Totenwelt“ reist Odysseus in den Hades, die griechische Unterwelt, um von dem bereits verstorbenen Seher Teiresias zu erfahren, ob und wie er den Heimweg nach Ithaka finden kann.

Um die Seele des Toten anzulocken, beschwört er ihn in einem Ritual, welches daraus besteht, dass er zunächst eine kleine Grube gräbt, deren Rand mit einem Milch-Honig- Gemisch, Süßwein und Wasser umgießt, im Anschluss helle Gerste darüber streut und zum Abschluss Schafen die Hälse aufschneidet und deren Blut in die Grube sickern lässt.1

„Aus der Tiefe sammelten da sich die Seelen der hingeschiedenen Toten“2. Sie alle möchten sich an dem Blut laben. Die wird ihnen von Odysseus allerdings verwährt. Er möchte das Blut nicht vergeuden, bevor er nicht Teiresias gesprochen hat. Nicht einmal seine verstorbene Mutter lässt er sich dem Blut nähern. Diese scheint ihn überdies auch gar nicht zu erkennen. Nachdem Teiresias seine Schuldigkeit als Seher getan hat, befragt Odysseus ihn nach diesem Umstand. Er antwortet:

„Wen du von den abgeschiedenen Toten dem Blute näher kommen lässt, der wird dir Untrügliches künden; wem du es aber verwehrst, wird dir wieder nach hinten zurückkehrn.“3

Diese Szene zeigt zwei Elemente, die in der heutigen Zombievorstellung immer noch bestand haben. Erstens, dass sich Zombies vom Blut/Fleisch der Lebenden ernähren (auch wenn in diesem Falle nur das von Ziegen ohne den kannibalistischen Aspekt) und zweitens, dass sich die Toten nicht (zumindest nicht ohne Ritual o.ä.) an ihr Vorleben erinnern und selbst Bekannte oder Verwandte nicht wiedererkennen. Die Seele Elpenors, einem zurückgelassenen Gefährten Odysseus, bildet hier eine Ausnahme. Er erinnert sich direkt an Odysseus und bittet ihn, nach dessen Heimkehr seiner zu gedenken. Der Grund für diese Ausnahme bleibt spekulativ. Möglicherweise ist Elpenors erst kürzliches Dahinscheiden ein rund für diesen Umstand. Genau lässt sich dies allerdings nicht sagen.

2.2. Südamerikanische Voodookulte

„Schon mal was von Makumba gehört, oder Voodoo? Mein Großvater war Priester in Trinidad. Er pflegte zu sagen: 'Wenn in der Hölle kein Platz ist kommen die Toten auf die Erde.“4

Eines der berühmtesten Zitate aus einem der berühmtesten und einflussreichsten Zombiefilme aller Zeiten weist in eine Richtung, aus der der Zombieglaube stammt, ohne die es ihn in heutiger Form gar nicht geben würde und von dem die meisten Nichteingweihten eine im besten Falle als ungenau zu beschreibende Vorstellung haben. Die Rede ist von den Voodookulten Südamerikas.

Für Außenstehende ist es schwer bis unmöglich einen Blick in diese Glaubenswelten zu werfen und dabei auch angemessen zu verstehen. Aus diesem Grund legt dieser Abschnitt auch keinen Wert auf Vollständigkeit, sondern soll und kann lediglich einen ungefähren Einblick über die Ursprünge des südamerikanischen Zombies geben. Die größte Hilfe leistet hierbei die US-amerikanische Schriftstellerin Zora Neale Hurston mit ihrem Erfahrungsbericht über ihre Reisen nach Haiti und Jamaika mit dem Titel Tell my Horse.5Sie widmet den lebenden Toten ein ganzes Kapitel, zu dessen Beginn sie gleich die Frage stellt „What is the whole truth and nothing else but the truth about Zombies?“6um sie direkt mit einem „I do not know“7zu beantworten. So dicht verstrickt sind Mythen und Realität, dass klare Trennlinien nicht mehr aufzuzeigen sind. In ihren Erläuterungen bewegt sie sich zwischen religiösen Vorstellungen und Schreckgestalten für Kinder. Hurston berichtet dabei unter anderem davon, wie ein Ritual zur Erweckung eines Zombies abläuft8.

Hierbei sind die Beweggründe allerdings interessanter als das Ritual an sich. Die von ihr angesprochenen Gründe, warum jemand diese Fähigkeit eines Bocor, einer Art Priester, in Anspruch nehmen möchte, sind entweder Feinde, die eine grausame Art der Rache nehmen möchten, indem sie ihrem Gegner nicht einmal im Grab Ruhe gewähren möchten, oder beispielsweise Plantagenbesitzer, die an billige Arbeitskräfte kommen wollen.

Im Anschluss an die ihr überlieferte Beschreibung, wie die Erweckung eines Zombies in Voodooritualen praktiziert wird, greift sie auf Erlebnisberichte mit, die ihr während ihres Aufenthalts in Haiti zugetragen wurden.

Es scheint dort zahlreiche mehr oder weniger fundierte Berichte zu geben, in denen meist junge Menschen unnatürlich rasch den Tod finden, um kürzeste Zeit später auch aus ihren Gräbern verschwunden zu sein. Hurston schildert sogar einen Fall, in dem die Mutter eines verstorbenen Mannes diesen zufällig als Plantagenarbeiter wiedererkennt. Der Mann scheint allerdings vollkommen apathisch und scheint keinerlei Erinnerung an seine ihn rufende Mutter zu haben. Im Anschluss wurde von Seiten der Plantagenbetreiber immer wieder geleugnet, dass es unter ihren Arbeitern je einen Mann gab, auf den die Beschreibung gepasst hätte.

Wie zum Beweis, dass es sich nicht nur um die Hirngespinste der Eingeborenen handele, erzählt sie auch von einem protestantischen Missionar, der einen seiner konvertierten Schützlinge nach plötzlichem Todesfall begräbt, um ihm kurze Zeit später als ebenso apathischen Insassen eines örtlichen Gefängnisses zu begegnen. Dies ist quasi der Sprung des Zombiephänomens in die kolonialistische Welt Mitteleuropas und Nordamerikas. Marina Warner beleuchtet in ihrem Buch Fantastic Metamorphoses, Other Worlds9den Weg des Begriffswandels, den der Zombie durchlebte.

2.3. Kolonialisierung

Im Kapitel „Splitting“ wird zunächst erläutert, dass es drei mögliche Formen der Existenz gibt. In der ersten sind Körper und Seele vereint. Dies wäre der Mensch. Die nächste Form wäre eine Seele ohne Körper, beispielsweise ein Geist. Die dritte und letzte Form, wäre die eines Zombies - ein Körper ohne Seele, oder wie Warner schreibt:

„A zombie is a living body without a soul. The concept gives a local habitation and a name to the terrifying possibility of a living person who has been vacated of all the faculties and qualities that make up personhood: of memory, of will, of thought, of sensation and emotion, in short of consciousness.”10

Diese Vorstellung sei aber schon ein Zwischenschritt; eine Metamorphose in sich von einer lebenden Gottheit, einem Naturgeist oder einer göttlichen Macht hin zu einem leeren Menschen, einer Hülle, einer Schale.11

Ausgehend von der Vorstellung des Zombies als Menschen, der beraubt wurde von allem, was ihn als Menschen auszeichnet, also freiem Willen, Gedanken, Emotionen, entwickelte sich im Laufe der Kolonialisierung Südamerikas der Begriff weiter „and became, in the fallout from slavery, a vehicel to express a new psychological state of personal alienation, moral incoherence, and emptiness.“12Die lebenden Sklaven der Kolonialherren fühlten sich als willenlose Zombies, die nur ihrem Meister zu gehorchen hatten, ohne Fragen nach eigenen Gedanken, fernab jeder eigenen Moral.

Eben zur Hochzeit dieses ausbeuterischen Kolonialismus entstand Joseph Conrads Herz der Finsternis13. Der 1899 entstandene Roman handelt von der Reise eines Flussdampferkapitäns, Marlow, in das Herz des Kongos. Dort trifft er auf den Handelsagenten Kurtz, dessen Ruf als herausragendes menschliches Wesen und erfolgreicher Elfenbeinhändler ihm weit vorauseilt. Allerdings wird dem Leser schnell klar, dass Kurtzs Geschäftsmethoden nicht ohne weiteres moralisch vertretbar sind. Skrupellos und ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung ist Kurtz auf seiner Suche nach mehr und mehr Reichtümern. Er steht metaphorisch für die gesamte imperialistisch-kolonialistische Struktur der Ausbeutung der damaligen Zeit in Südamerika, Afrika und dem Süden der Vereinigten Staaten. Da verwundert es nicht, dass sich auch bei Conrad Spuren des Zombiekultes wiederfinden.

Einmal im Text heißt es, im Bezug auf die unter der Schwere ihrer Last stöhnenden Sklaven, von einem der Weißen nur abschätzig: „Was dieses Stück Vieh für einen Lärm macht!“14Hier ist die Entmenschlichung der schwarzen Bevölkerung schmerzlich auf den Punkt gebracht.

Eine der ersten Stellen im Text ist sehr subtil und für unbedarfte Leser schnell zu übersehen, hinterlässt aber auch so einen Hauch von Ahnung, die man als Leser von den Riten und Gebräuchen der beschriebenen Region zu haben glaubt. Ein anderer Kapitän wurde von Eingeborenen erschlagen, nachdem dieser den Dorfältesten angegriffen hatte. Der Kapitän hatte sich bei einem Handel betrogen gefühlt.

[...]


1Homer: „Odyssee“. Zürich: Manesse. 2007. S. 159.

2Ebd.

3Ebd. S. 162.

4Dawn of the Dead. USA. 1978. Produzent: Dario Argento. Buch: George A. Romero. Regie: George A. Romero. 139Min.

5Hurston, Zora Neale: „Tell my Horse: Voodoo and Life in Tahiti and Jamaica”. New York: Harper Perennial Modern Classics. 2009.

6Ebd. S.179.

7Ebd.

8Ebd. 182 ff.

9Warner, Marina: “Fantastic Metamorphoses, Other Worlds”. New York: Oxford University Press. 2007.

10Ebd. S.122.

11Vgl. S.121.

12Ebd. 120.

13Conrad, Joseph: “Herz der Finsternis. Jugend. Das Ende vom Lied.“. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag. 2009.

14Ebd. S.94.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656586043
ISBN (Buch)
9783656586012
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268276
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,0
Schlagworte
zombies entwicklung homers odyssee romeros land dead

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