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Der Liebestod im Tristan. Liep unde Leit, Tôt unde Leben

Seminararbeit 2010 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gottfrieds Tristan
2.1 Die Gemeinschaft der edelen herzen
2.2 Die Elternvorgeschichte
2.3 Der Minnetrank und seine Folgen – Liebe und Leid im Leben Tristan und Isoldes

3. Die Fortsetzungen Ulrich von Türheims und Heinrich von Freibergs
3.1 Die Macht der Minne – Tristan als Minnesklave und Narr
3.2 Die Kaedin – Kassie – Geschichte
3.3 Der Liebestod

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit behandelt die Zusammenhänge von Liebe und Leid, Tod und Leben bis hin zum Liebestod im Tristan des Gottfrieds von Straßburg und seinen Fortsetzern.

Die Geschichte von Gottfrieds Roman ist seit dem 12. Jahrhundert schriftlich belegt und basiert auf einer anglo-normannischen Vorlage in Versform des Thomas von Bretagne, die sich von Frankreich aus über England nach Deutschland verbreitet hat.

Der Tristanstoff ist eine biographisch angelegte Erzählung von einem Mann namens Tristan, die mit seiner Geburt einsetzt und seinen Tod vorwegnimmt. In Gottfrieds Tristan, aus dem ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts wird allerdings nicht mehr von Tristans Tod berichtet, da seine Geschichte vorher abbricht. Es ist auch die Legende des Liebespaares Tristan und Isolde, das durch einen Minnetrank unwiderruflich zusammengehört und aus diesem Grund bereit ist, sich über jede moralische und gesellschaftliche Grenze hinwegzusetzen, um ihrer Liebe und Leidenschaft nachzugehen und letztendlich an dieser zugrundezugehen. Liebe und Tod sind hier sehr aufeinander bezogen. Es gibt bei ihnen keine Liebe ohne Leid, vielmehr wird die Erfahrung von Liebe mit der Erfahrung des Todes enggeführt.

Die Fortsetzer des Tristanstoffes für das deutsche Publikum Ulrich von Türheim (1. Hälfte des 13. Jh.) und Heinrich von Freiberg (spätes 13. Jh.), die auf eine ältere Version des Tristan von Eilhardt von Oberg (spätes 12. Jh.) als Quelle zurückgriffen, beenden die Tristanerzählung mit dem Tod des Protagonisten.

Die Handlung von Gottfried, Ulrich und Heinrich zielt auf ein Ende ab, in dem die Protagonisten einen Liebestod erleiden. Das Paradoxon Liebe/Leben und Leiddenh im Tod vereint sein können./Tod ist als roter Faden bei jedem der drei Schriftsteller vorzufinden. Im Folgenden wird chronologisch an Textpassagen der Frage nach der Untrennbarkeit von Liebe und Leid, Tod und Leben in Tristans Leben und seiner Liebesbeziehung mit Isolde im Hinblick auf das unumgehbare Liebestodende nachgegangen.

Im ersten Teil erfolgt eine Analyse des Gottfriedschen Tristan beginnend mit seinem Prolog, in dem der Tod Tristans und Isoldes postuliert wird. Im zweiten Schritt wird geschaut, inwieweit Tristans Liebesleben von dem Schicksal seiner Eltern präfiguriert ist. Im Weiteren wird der Anfang der Liebe mit dem Minnetrank und dessen Folgen erläutert. Ihr Leben in absoluter Liebe füreinander und dem Leben mit dem Konflikt Ehebruchsliebe und Gesellschaft wird hier im Hinblick auf das Paradoxon Liebe und Leid analysiert.

Im zweiten Teil stehen die Fortsetzungen des Tristan im Vordergrund, wobei den inhaltlichen Differenzen keine große Aufmerksamkeit gewidmet wird. Vielmehr wird gefragt, wie sich Liebe und Leid, Tod und Leben hier in Tristans Leben widerspiegeln. Dabei wird Tristan als Minnesklave und Narr kurz dargestellt. Desweiteren wird auf die Nebengeschichte von Kaedin und Kassie geblickt, die einen analogen Fall der Ehebruchsliebe zu der, Tristans und Isoldes darstellt. Zum Schluss des zweiten Teils wird der Liebestod Tristans und Isoldes erläutert.

Im Abschluss der Arbeit erfolgt ein zusammenfassendes Fazit.

2. Gottfrieds Tristan

2.1 Die Gemeinschaft der edelen herzen

In seinem Prolog richtet sich Gottfried von Straßburg im Tristan an imaginierte Rezipienten und inszeniert diese als eine Liebes- und Erinnerungsgemeinschaft. Diese Gemeinschaft soll das Fortleben der Liebe von Tristan und Isolde in kollektiver Erinnerung sichern, denn nach Gottfried haben sich die Liebenden für diese Gemeinschaft geopfert, indem sie stellvertretend für sie gestorben sind:

„[…] sus lebet ir leben, sus lebet ir beider tôt.
sus lebent si noch und sint doch tôt […]“ (vv. 238f.)

Ihre Liebe und ihr Tod stellen das Ideal absoluter Liebe für diese Menschen dar. Die Erzählung hat die Aufgabe den Glauben der Gemeinschaft an die Liebe zu stärken, Trost zu spenden oder vielleicht erst diese Gemeinschaft zu konstituieren.[1]

Gottfried kennzeichnet den Gegenstand und den Empfänger seiner Geschichte mit den gemeinsamen Aspekten und etabliert so diese spezifische Gruppe von Liebenden, die Gemeinschaft der edelen herzen . Diese Kennzeichnung erfolgt mit gegensätzlichen Erfahrungsaspekten, die in den Herzen jener, die diesen Menschen angehören oder die sich der Welt der edlen Herzen anschließen wollen, wie auch in der Geschichte gleichzeitig vorhanden sind: Süßigkeit und Bitterkeit, Freude und Leid, Leben und Tod. „Diese Lebensformeln beschreiben in ihrem Fortschreiten von der Leidfreude zum Todleben eine radikale Zuspitzung […]“[2], was zeigt, dass Leiden bei Gottfried der höchste Wert des Wertlebens ist und dieser in der Geschichte meistens als ein gefährliches Stadium überwunden wird.[3]

Im Prolog ist die Rede vom brôt, das die edlen Herzen in dieser Geschichte finden:

„deist aller edelen herzen brôt.
[…]
ir leben, ir tôt sint unser brôt.
[…]
und ist ir tôt der lebenden brôt.“(vv. 233-240)

Das Brot ist hier als geistlicher Sinn zu sehen, den die Menschen der Gemeinschaft durch den Roman erreichen. Somit wird der Tristanstoff zu einem hohen Gut, das den Teilnehmenden selbst Heil bringen soll.[4]

Gottfrieds Prolog stellt unter diesen Aspekten eine Rezeptionsanweisung und ein monumentales Schreibwerk dar. Es gibt den Treusuchenden Treue und den Ehrsuchenden Ehre, denn der Tod Tristan und Isoldes gilt als Beispiel der Reinheit der Treue und vom Glück und der Bitternis der Liebe.[5]

2.2 Die Elternvorgeschichte

Die Tristan-Geschichte schließt eine Vorgeschichte ein, in der von der Liebe und dem Tod der Eltern Tristans berichtet wird. Blanscheflurs und Riwalins Liebesgeschichte verweist auf das ähnliche Schicksal Tristans und Isoldes. Hier wird ein erster Aufschluss darüber gegeben, wie verschränkt Liebe und Tod im Tristan sind, denn schon Tristans Geburt steht im Zeichen von Trauer und Tod.[6]

Als die schwangere Blanscheflur von Riwalins Tod erfährt, versteinert ihr Herz, sie verstummt und bricht zusammen. Sie bringt ihren Sohn Tristan zur Welt und verstirbt:

„dâ was ir herze ersteinet.
da enwas niht lebens inne
niwan diu lebende minne
und daz vil lebelîche leit,
[…]
sî erstummete an der stunde,
ir clage starp in ir munde.
[…]
si seic et nider unde lac
quelende unz an den vierden tac
erbermeclîcher danne ie wîp;
[…]
biz sî gebar
ein sünelîn mit maneger nôt.
seht, daz genas und lac si tôt.“ (vv.1730-1750)

Der Name des Protagonisten spiegelt diese traurigen Umstände wider: Tristan wird von dem französischen ‚triste‘ für ‚traurig‘ abgeleitet. Sein Name erscheint als Schicksal und Programm, denn er weist auf die Liebe und den Tod der Eltern zurück, so wie er auch auf das traurige Leben und Lebensende Tristans vorausweist. Das Zusammenspiel von Liebe und Tod ist auch schon in der Vorgeschichte bei Tristans Eltern unabwendbar.[7]

Nicht nur sein Name, sondern auch das Ende der Vorerzählung, der Tod Riwalins und der anschließende Tod Blanschflurs durch tödliches Herzweh, stellen einen Spiegel des nicht ausgeführten Romanschlusses dar. Da Gottfried selber nicht den Tod Tristans und Isoldes schildert, ihn aber schon im Prolog andeutet, kann der Liebestod Blanscheflurs als präfigurierend für das Ende der Liebesgeschichte Tristans und Isoldes betrachtet werden. Es scheint als sei Tristan geboren, um die Minneexistenz seiner Eltern zu erneuern.[8]

[...]


[1] Vgl. Kasten, Ingrid: Martyrium und Opfer: Der Liebestod im Tristan. In: Pannewick, F.(Hrsg.): Martyrdom in Literature. Visions of death and meaningful suffering in Europe and the middle East from antiquity to modernity. Wiesbaden 2004, S. 249f.

[2] Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg >Tristan und Isolde<. Eine Einführung. München/Zürich 1986, S. 35.

[3] Vgl. Haas, Alois M.: Todesbilder im Mittelalter. Darmstadt 1989, S. 149.

[4] Vgl. Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg >Tristan und Isolde<. Eine Einführung. München/Zürich 1986, S. 38f.

[5] Vgl. Haas, Alois M.: Todesbilder im Mittelalter. Darmstadt 1989, S. 152.

[6] Vgl. ebd., S. 152.

[7] Vgl. Kasten, Ingrid: Martyrium und Opfer: Der Liebestod im Tristan. A.a.O., S. 252.

[8] Vgl. Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg >Tristan und Isolde<. A.a.O., S. 46-48.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656592778
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268270
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
liebestod tristan liep leit leben

Autor

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