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Theorien zum Erwerb der Syntax

Ein Vergleich der Ansätze von Stephen Pinkers Theorie vom Sprachinstinkt und Michael Tomasellos Verb-Insel-Theorie

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Erwerb von Sprache und Syntax bei Kindern
2.2 Die Generative Grammatik: Grundlegende Annahmen
2.2.1 Spracherwerb in der GG
2.3 Erweiterung der Generativen Grammatik durch Pinker: Die Theorie vom Sprachinstinkt
2.4 Tomasellos Verb-Insel-Theorie
2.5 Kritikpunkte an den beschriebenen Modellen
2.5.1 Kritik an der Generativen Grammatik
2.5.2 Kritik an Pinkers Modell
2.5.3 Kritik an Tomasellos Verb-Insel-Theorie
2.6 Vergleich der Modelle im Hinblick auf ihre Erklärung des Syntaxerwerbs

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage nach dem Spracherwerb des Kindes ist eines der zentralen Themen in der linguistischen Forschung. Im Fokus stehen dabei vor allem drei Fragestellungen: Das logische Problem des Spracherwerbs, die Repräsentation frühkindlicher Bedeutung und der Erwerb der Syntax. Diese Arbeit beschäftigt sich speziell mit dem Syntaxerwerb in der Erstsprache.

Der Erwerb der Erstsprache besitzt eine allgemeine Entwicklungslogik und lässt sich in verschiedene Stadien einteilen. Um den Sprachwerwerb zu erklären, finden sich in der linguistischen Forschung zahlreiche Ansätze, zu deren meistdiskutierten der Nativismus und der Kognitivismus zählen.

Für meine Arbeit habe ich daher zwei Modelle ausgewählt, von denen eines dem Nativismus und eines dem Kognitivismus zugerechnet wird. Es handelt sich dabei um die Theorie der Generativen Grammatik und ihre Erweiterung durch Stephen Pinkers Theorie vom Sprachinstinkt (Nativismus) auf der einen und um Michael Tomasellos Verb-Insel-Theorie (Kognitivismus/Interaktionismus) auf der anderen Seite. Diese Modelle sollen vergleichend gegenübergestellt werden.

Dazu gebe ich im ersten Teil dieser Arbeit zunächst einen Überblick über die Stadien des Spracherwerbs mit besonderer Berücksichtigung des Syntaxerwerbs, wie er im Regelfall bei Kindern zu beobachten ist. Im zweiten Teil stelle ich die beiden Modelle von Pinker und Tomasello, die jeweils eine Erklärung für den Verlauf des Syntaxerwerbs zu liefern versuchen, mit ihren wichtigsten Ideen vor. Da sich die beiden Theorien kritisch gegenüberstehen, sind sie für eine Gegenüberstellung somit gut geeignet. Im dritten Teil vergleiche ich diese Modelle daraufhin, welches meiner Ansicht nach geeigneter ist, um den Syntaxerwerb bei Kindern zu erklären und welche Kritikpunkte jeweils auszumachen sind, bevor ich meine Ergebnisse und Wertung im Schlussteil zusammenfasse. Interessant wäre daran anschließend eine empirische Studie, die die hier aufgestellten Thesen an konkreten Sprachdaten untersucht. Eine weiterführende Analyse ist mir jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.

2 Hauptteil

2.1 Erwerb von Sprache und Syntax bei Kindern

Nach Gisela Klann-Delius verläuft der Spracherwerb bei Kindern in mehreren Stadien.[1] Erste Lautäußerungen des Neugeborenen sind nur Schreie, gepaart mit vokalartigen Grundlauten, die in den ersten Lebenswochen auftreten. Erst im Alter von 3-4 Monaten beginnen Kinder damit, ihren Stimmapparat auszuprobieren, bevor sich mit etwa 6 Monaten die Phase des Babbelns anschließt, gefolgt von der Phase des repetitiven Silbenplapperns, in der Paarungen aus Vokal und Konsonant reproduziert werden. Kombinationen aus unterschiedlichen Vokalen sind im Alter von 11-12 Monaten zu beobachten. Erste Wörter verwenden Kinder mit etwa einem Jahr.[2]

Das Lautsystem bildet sich nach Locke aus, wenn „das kindliche produktive Lexikon mehr als 50 Wörter und das rezeptive Vokabular ca. 200 Wörter umfass[t]“[3], also im Alter von ca. 18 Monaten. Gleichzeitig steigert sich, so Locke weiter, die Komplexität „der syntaktischen und semantischen Relationen“[4], sobald grammatische Morpheme erworben werden. In Zusammenhang mit der Ausbildung des Lautsystems steht auch das Hörvermögen, das es schon dem Neugeborenen möglich macht, beispielsweise zwischen Sprechrhythmen verschiedener Sprachen oder zwischen der Sprache der Mutter und einem anderen Sprecher zu unterscheiden.[5] Für die Muttersprache sensibilisiert werden die Kinder jedoch erst im Alter von etwa 6 Monaten. Die Entwicklung des kindlichen Wortschatzes beginnt im Alter von etwa einem Jahr; der Wortschatz erweitert sich über einen Zeitraum von ca. 6 Monaten auf 40-50 Wörter. Diese Phase ist meist mit dem Ende des zweiten Lebensjahres abgeschlossen; von da an beschleunigt sich der Wortschatzerwerb deutlich.[6] Dabei ist zu berücksichtigen, dass das rezeptive Vokabular des Kindes meist deutlich größer ist als das aktive. Zunächst werden dabei nach Stern/Stern Dingwörter verwendet, anschließend erfolgt die Benennung einzelner Aktionen, bis das Kind im Alter von 3 Jahren mit der lexikalischen Strukturierung in Wortfelder und dem Sprechen über innere Zustände beginnt.[7]

Der Syntaxerwerb, der im Fokus dieser Arbeit steht, kann nach Klann-Delius in vier Phasen eingeteilt werden.[8] Im Alter zwischen ca. 10 und ca. 18 Monaten verwendet das Kind Einwortäußerungen und Holophrasen und benutzt hier bereits Wörter unterschiedlicher Wortklassen. Dabei ist zu beachten, dass das Kind bereits das Wort mit bestimmten Elementen verbindet. Die Fragen, ob das Kind dabei bereits das Konzept eines Satzes im Kopf hat oder ein semantisches Grundverständnis besitzt, werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Dafür spräche, dass die Holophrasen durch „Prosodie und Gestik den Gehalt der entsprechenden Satztypen [vermitteln]“[9].

Im zweiten Stadium des Syntaxerwerbs, das zwischen dem 18. und dem 24. Lebensmonat liegt, verwendet das Kind Zweiwortäußerungen. Nach Wode werden hier bereits Pluralformen und die Markierung des Genitivs durch „-s“ verwendet. Empirische Erkenntnisse beispielsweise von Bloom et al. oder Brown zeigen zudem, dass Kinder bereits semantische Relationen ausdrücken. Zudem sind Kinder in der Lage, „Subjekt und Prädikat in einfachen Sätzen zu erkennen und die Informationen der Phrasenstruktur zu nutzen, um sich die Verbbedeutung zu erschließen“[10].

Drei- und Mehrwortäußerungen werden schließlich im dritten Stadium verwendet, in dem das Kind beispielsweise mit der Flektion von Wörtern beginnt oder komplexere Konstruktionen wie Relativsätze verwendet. Eine komplexe Syntax wird schließlich im vierten Stadium des Spracherwerbs verwendet, das zum Beispiel durch die Verwendung von Passivkonstruktionen gekennzeichnet ist.

2.2 Die Generative Grammatik: Grundlegende Annahmen

Um den Syntaxerwerb, dessen Verlauf im vorangegangenen Kapitel beschrieben wird, zu erklären, gibt es in der Linguistik zahlreiche Modelle. Vorgestellt wird hier zunächst der Erklärungsversuch der Generativen Grammatiker.

Die erste Theorie der Generativen Grammatik (im Folgenden der Verständlichkeit halber auch als „GG“ abgekürzt, d. Verf.) wurde Mitte der 1950er Jahre von Noam Chomsky entwickelt. Schwerpunktmäßig befasst sich die GG mit den Eigenschaften menschlicher Sprachen, die Rückschlüsse auf universale Aspekte menschlicher Sprache möglich machen.

Der zentrale Punkt, mit dem sich die Generativisten beschäftigen, zielt auf die Frage ab, was jemand, der eine Sprache beherrscht, weiß bzw. im Kopf hat.[11] Die Sprache wird damit klar auf den Kopf beschränkt. Linke et al. beschreiben die Grundannahme, „dass den unterschiedlichsten menschlichen Lebensäusserungen [sic!] jeweils spezifische Fähigkeiten oder Kompetenzen i.w.S. zugrundeliegen, die man sich im menschlichen Hirn […] repräsentiert denkt“.[12] Die GG betreibt demnach Kompetenz-Forschung und geht dabei von einem idealen Sprecher/Hörer aus. Das sprachliche Wissen, das vorausgesetzt wird, ist kein bewusstes Wissen, sondern größtenteils unbewusst, „ein funktionierendes Können“[13].

2.2.1 Spracherwerb in der GG

Die GG geht davon aus, dass viele sprachliche Muster induktiv erworben werden, erkennt dieses Prinzip jedoch nicht als ausschließliches Spracherwerbsmodell an, da der sprachliche Input durch die Umgebung des Kindes nicht ausreiche, um eindeutige Regeln aus ihm ableiten zu können.[14] Die GG geht daher von einer sogenannten Universalgrammatik („UG“) aus, die allen Menschen angeboren und im genetischen Erbmaterial angelegt ist. Diese Universalgrammatik besteht aus Prinzipien, die für alle Sprachen gelten, und Parametern, i.e. Wahlmöglichkeiten innerhalb eines Prinzips.[15] Als ein Prinzip könnte beispielsweise gelten, dass es in allen Sprachen unterschiedliche Wortarten gibt. Die Aufgabe des sprachlernenden Kindes ist es, die spezifische Belegung, die in einem bestimmten Parameter für die zu erwerbende Sprache gilt, für sich festzulegen. Der Spracherwerb ist der GG zufolge also eine deduktive Ableitung von Regeln aus genetisch vorgegebenen Prinzipien und Parametern, wobei der sprachliche Input die Parametrisierung auslöst. Diese Regelableitung ist im Laufe des Spracherwerbs zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung des Kindes abgeschlossen, während Morphem- und Wortmaterial, das nicht angeboren ist, im Laufe des Spracherwerbs erlernt werden muss und beständig erweitert wird.[16]

[...]


[1] Klann-Delius, Gisela: Spracherwerb. Stuttgart2 2008, S. 23 ff.

[2] Ebd., S. 23 ff.

[3] Ebd., S. 26.

[4] Ebd.

[5] Ebd., S. 28.

[6] Ebd., S. 39

[7] Ebd., S. 39f.

[8] Klann-Delius, Gisela: Spracherwerb. Stuttgart2 2008, S. 41.

[9] Crystal, David: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Frankfurt/New York 1993, S. 242.

[10] Klann-Delius, Gisela: Spracherwerb. Stuttgart2 2008, S. 43.

[11] Linke et al.: Studienbuch Linguistik. Tübingen3 1993, S. 91.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 92.

[14] Ebd., S. 94.

[15] Ebd., S. 95.

[16] Linke et al.: Studienbuch Linguistik. Tübingen3 1993, S. 95ff.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656586456
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268076
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
theorien erwerb syntax vergleich ansätze stephen pinkers theorie sprachinstinkt michael tomasellos verb-insel-theorie

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