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Kritik an Gesellschaft und Politik in Gary Victors "Der Blutchor"

Seminararbeit 2010 20 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Haiti und Gary Victor
1.1 Der schwere Stand Haitis
1.2 Gary Victor als subversiver Autor

2 Das reale Haiti
2.1 Amerikanische Besatzungsphase
2.2 Politische Situation um 2001
2.3 Gesellschaftliche Situation um 2001

3 Der Blutchor
3.1 Die Kokosnüsse
3.1.1 Übertragung der ehelichen Situation auf Individuum und Staat
3.1.2 Selbstzensur als Schutz vor Sanktionen
3.1.3 Unterdrückte Meinungsfreiheit
3.1.4 Übertragung auf Haiti
3.2 Kleinkriminalität
3.2.1 Akzeptanz von Kriminalität
3.2.2 Polizeiliche Willkür
3.2.3 Korruption
3.2.4 Übertragung auf Haiti
3.3 Sainsous Pfeife
3.3.1 Ausbeutung durch die US-Amerikaner
3.3.2 Rassismus
3.3.3 Madame Honoré
3.3.4 Übertragung auf Haiti

4 Gary Victor als kritischer Autor

5 Ein Neubeginn für Haiti

1 Haiti und Gary Victor

1.1 Der schwere Stand Haitis

It is believed that the Haitian democratic transitions have had many authoritarian drifts. Could it be the reverse? Could it be that authoritarian regime has been interrupted by a few episodes of democratic experience?1

Das Land Haiti macht selten mit positiven Nachrichten Schlagzeilen. Eine Folge von Diktaturen, Putschen, Militärregierungen und ausländischen Interventionen haben das Land im 20. Jahrhundert schwer erschüttert. Noch heute entbehrt Hai- ti grundlegender Dinge, die uns als selbstverständlich erscheinen: Demokratie, einen geordneten Rechtsstaat und ein funktionierendes Sozialsystem. Nicht erst seit dem Erdbeben am 12. Januar 2010 liegt das Land in Trümmern. Die hai- tianische Lebenswelt ist so stark geprägt von politischen Unruhen, Armut, Tod, Hunger und Leid, dass es kaum möglich scheint, dass ein haitianischer Autor über etwas anderes schreiben könnte. Ein solcher Autor ist Gary Victor.

1.2 Gary Victor als subversiver Autor

Gary Victor ist einer der meistgelesenen Gegenwartsautoren des Landes. Er ist Schriftsteller und Journalist und schreibt sowohl Beiträge für Film und Rundfunk, als auch Romane, Theaterstücke und Erzählungen.2 Leider gibt es nicht viele Informationen über den Autor. Eine gute Quelle ist litradukt, der Verlag bei dem die Werke Gary Victors in deutscher Übersetzung erscheinen.

Sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft stellt ihn in die Tradition der Sozi- alromane des 19. Jahrhunderts und macht ihn zum subversivsten Gegenwartsautor Haitis.3

Doch wie kritisch kann ein Schriftsteller in Haiti tatsächlich sein, ohne den Zorn und die Vergeltung der Kritisierten auf sich zu ziehen? Es ist unwahrscheinlich, dass ein Autor fortwährend zahlreiche Werke veröffentlichen kann, die einen kritischen Blick auf die Machthaber werfen. Vor allem im diktatorisch geprägten Haiti. Die vorliegende Arbeit wird am Beispiel von drei Kurzgeschichten aus der Sammlung Der Blutchor zeigen, dass die Werke von Gary Victor dennoch Kritik an Politik und Gesellschaft üben. Dieses Werk wurde ausgewählt, da es das ein- zige bisher ins Deutsche Übersetzte darstellt. Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst kurz die historischen Zusammenhänge erläutert, die für die Analyse der drei ausgewählten Kurzgeschichten von Bedeutung sind. Im zweiten Abschnitt werden anhand einer genauen Analyse der entsprechenden Geschichten die po- tentiellen Kritikpunkte Victors ausfindig gemacht und beschrieben. Schließlich gilt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Teilen herzustellen. Es wird die Frage beantwortet, ob Der Blutchor tatsächlich als Werk gelesen werden kann, das auf satirische, teilweise versteckte Weise Kritik am haitianischen Staat und seiner Gesellschaft übt und ob es vertretbar ist von Gary Victor als subver- sivem Autor zu sprechen.

Ein Aspekt, auf den im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden kann, ist Voodoo. Er taucht in den Geschichten des vorliegenden Buches immer wieder auf. Der Autor betrachtet Voodoo als Teil der haitianischen Mentalität, der Verhalten und Denkweise prägt. Und so findet er immer wieder Eingang in seine Erzählungen. Es handelt sich dabei um ein schier unerschöpfliches Thema, das zu integrieren der Umfang der Arbeit nicht erlaubt.

2 Das reale Haiti

Der Autor Gary Victor wurde am 9. Juli 1958 in Port-au-Prince geboren.1 Im Jahr 2001 erschien sein Werk La chorale de sang im französischen Original in Haiti. In den dazwischen liegenden dreiundvierzig Jahren, wurde er von der haitianischen Politik und Lebensrealität geprägt.

2.1 Amerikanische Besatzungsphase

Obwohl zeitlich vor Victors Geburt anzusetzen, ist die amerikanische Besat- zungsphase2 in Haiti für die Analyse der Kurzgeschichte Sainsous Pfeife wichtig. Von 1915 bis 1934 war die haitianische Geschichte entscheidend gekennzeichnet von der Intervention der US-Amerikaner. Vorausgegangen war eine Reihe von Präsidenten, die jedoch nicht lange in ihrem Amt verweilten, bevor sie, meist gewaltvoll, wieder ersetzt wurden. Bevor jedoch ein weiterer (US-feindlicher) Präsident die Macht ergreifen konnte, besetzten die Amerikaner am 28. Juli 1915 das Land mit dem offiziellen Ziel die Ordnung wieder herzustellen, weil sie dies den Haitianern nicht mehr selbst zutrauten. Tatsächlich nutzte die Besatzungs- macht dabei vor allem die Gelegenheit amerikanische Firmen in Haiti ansiedeln zu können, indem sie das Gesetz aufhoben, das Ausländern den Landbesitz in Haiti verbot.

Die US-Amerikaner waren maßgeblich für das Erstarken der haitianischen Ar- mee verantwortlich. Nach ihrem Abzug 1934 konnte das Militär die Macht über- nehmen und 1957 dafür sorgen, dass Francois Duvalier seine Diktatur etablieren konnte.1

Die positiven Aspekte der Besetzung waren unter anderem der Straßen- und Brückenbau, die verbesserte medizinische Versorgung, der Bau von Schulen, so- wie der Aufbau einer Kommunikationsinfrastruktur. Für diese Arbeiten wurde jedoch die Bevölkerung zwangsverpflichtet. Für die Härte und die Brutalität mit der die Militärs gegen die haitianische Bevölkerung vorgingen, ernteten sie star- ke Abneigung. Die Bevölkerung litt vor allem auch unter dem Rassismus der US-Besatzung. Sie wurde von dieser als primitiv eingestuft, was die Amerikaner deutlich in ihrer Arroganz im Umgang mit den Haitianern merken ließen.2

2.2 Politische Situation um 2001

Die politische Situation im Jahr 2001 ist eng an die Person Jean Bertrand Aris- tides geknüpft. Dieser wurde im Jahr 2000 zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Über die Vorgänge bei dieser Wahl ist man sich allerdings nicht ganz einig. „Obwohl es für den angeblichen Wahlbetrug keine Beweise gibt, haben die USA und die EU umgehend ihre Hilfsprogramme für Haiti auf Eis gelegt.“3

In der folgenden Amtszeit gab es „kaum ökonomische Verbesserungen, dafür aber umso mehr Verletzungen von Menschenrechten.“4 Die wirtschaftliche Si- tuation Haitis verschlechterte sich erheblich, ebenso wie die sozialen Bedingun- gen der Bevölkerung. Die Hoffnungen, die man ursprünglich in den ehemaligen Armenpriester Aristide gesetzt hatte, wurden enttäuscht. Es kam zu politischen Konflikten mit dem Ausland. 2001 häuften sich auch inländische Proteste ge- gen Aristide, dem vorgeworfen wurde seine Wahlversprechen nicht einzuhalten. Im Juli und Dezember 2001 kam es zu Putschversuchen, die jedoch scheiter- ten.5 Die Opposition im eigenen Land war zunächst nicht in der Lage strategisch gegen ihn vorzugehen, ihr Programm bestand ausschließlich aus der Forderung nach seinem Rücktritt.1

Aristide wehrte sich gegen seine Gegner mit Repressionen. Weder seine An- hänger noch die Opposition schreckten vor Gewalt und Morden zurück. Aus den Armenvierteln rekrutierte er Kämpfer für seine bewaffneten Schlägertrupps, die Chimären. Die Polizei wurde von ihm kontrolliert und sah untätig bei den Ver- brechen zu.

Die politische Situation im Jahr 2001 war gekennzeichnet von einer Krise mit fast schon bürgerkriegsähnlichen Zusänden.2

2.3 Gesellschaftliche Situation um 2001

Eine Stromversorgung existiert kaum, die Straßen sind nicht in schlechtem, son- dern in überhaupt keinem Zustand; wellenförmige Schotter- und Morastwege, an deren Rändern Wellblechhütten auftauchen, von flackernden Karbidlampen not- dürftig erhellt.3

Korruption, Unterschlagung und Diebstahl waren in Haiti an der Tagesordnung. Auf Grund der jahrelangen Diktaturen, Putsche und politischen Fehlentscheidungen zählt Haiti heute wie damals zu den fünf ärmsten Ländern der Welt. Armut und Hunger prägen das Land.4 Haiti wurde in den Jahrzehnten der Diktatur politisch und sozial völlig heruntergewirtschaftet.

3 Der Blutchor

Bei Der Blutchor handelt es sich um eine Sammlung von neun Kurzgeschichten. Im Folgenden werden drei davon genauer untersucht und auf politische und ge- sellschaftliche Kritik des Autors hin analysiert. Der Umfang der Arbeit gab die Begrenzung auf drei Geschichten vor. Alle neun Geschichten hätten Potential für eine Analyse geboten. Die Auswahl beruhte auf der Länge und der Quellenlage der Geschichten.

[...]


1 Coupeau, 2008, S. 115.

2 Vgl. Litradukt, 2007.

3 Litradukt, 2007.

1 Vgl. Chemla, 2010.

2 Vgl. Coupeau, 2008, S. 71-88.

1 Vgl. Low, 2004.

2 Vgl. o.V. o.J.

3 Pohl, 2004.

4 Younge, 2004.

5 Vgl. AP, 2001.

1 Vgl. Younge, 2004.

2 Im Jahr 2004, also drei Jahre nach Erscheinen von Der Blutchor endete Aristides Regime mit seiner Flucht ins Exil, beziehungsweise wenn man seinen Vorwürfen glauben schenkt, mit einer gewaltsamen Entführung durch US-Militär. Die genauen Umstände die zu seinem Weggang führten liegen bis heute im Dunkeln. „Vorausgegangen war ein mehrere Wochen dauernder Aufstand von Rebellen im Norden des Landes.“(Neuber, 2004) Kurze Zeit später wurde die Hauptstadt bereits von amerikanischen und französischen Soldaten kontrolliert. (Vgl. Neuber 2004)

3 Martin, 2000.

4 Vgl. eag./ddp, 2000.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656586265
ISBN (Buch)
9783656586197
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v268048
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Haiti Gary Victor Blutchor Gesellschaftskritik

Autor

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