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Michael Walzers "Komplexe Gerechtigkeit". Eine kritische Reflexion

Seminararbeit 2013 16 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Hauptargumente Walzers

3. Stellungnahme, kritische Reflexion und Einbezug von Sekundärliteratur

4. Quellennachweis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Diese Arbeit besteht aus zwei Hauptteilen. Der erste Teil bezieht sich auf die Hauptargumente von Walzer (2000), während sich der zweite Teil kritisch mit den Argumenten beschäftigt und auch Sekundärliteratur miteinbezieht.

2. Darstellung der Hauptargumente Walzers

In dem dieser Arbeit zugrundeliegenden Primärtext (Walzer, 2000) beschreibt Michael Walzer die Konzeption seiner Distributions- bzw. Verteilungsgerechtigkeitstheorie. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Kritik an bereits bestehenden Ansätzen von anderen Philosophen. Obwohl die Geschichte klar aufzeigt, dass es eine Vielzahl von Ideologien und politischen Arrangements gibt und gab, die unterschiedlichste Verteilungssysteme rechtfertigen, "geht der erste Impuls des Philosophen eher dahin, sich […] von der Welt der Erscheinungen […] nicht einnehmen zu lassen, sondern nach einer dem Ganzen zu Grunde liegenden Einheitlichkeit zu suchen" (S. 174). Dieser Weg, der meist in einem singulären Katalog von wenigen Grundgütern, in einem singulären Distributionskriterium oder in einem singulären Distributionsprinzip mündet, ist allerdings laut Walzer ein Irrweg.

Walzer sieht das Hauptproblem darin, dass frühere Theorien der Gerechtigkeit zu eng gefasst seien und der Komplexität und Pluralität der Verteilungsgerechtigkeit auf mehreren Ebenen nicht gerecht werden. Seine Kritik macht er beispielhaft an John Rawls Urzustand fest (S. 175). Dieser Urzustand ist als hypothetisches Entscheidungsszenario zu verstehen, in dem Menschen über das singuläre Set von Verteilungsprinzipien und Grundgütern einer zukünftigen gerechten Gesellschaftsordnung entscheiden. Damit die Menschen jedoch nicht ihre eigenen egoistischen Partikularinteressen in die Entscheidungssituation mitbringen, führte Rawls den "Schleier des Nicht-Wissens" ein, unter dem die Menschen während der Entscheidungssituation stehen. Dies bedeutet, dass diese Menschen frei von sämtlichem Kontextwissen (z.B. Geschlecht, gesellschaftliche Stellung, etc.) und kulturellen und historischen Einflüssen sind.

Und genau hier ist ein wichtiger Kritikpunkt von Walzer zu identifizieren. Er kritisiert, dass es sich bei diesen derart eingeschränkten Menschen um ein abstraktes Konstrukt handelt, das mit wirklichen Menschen, die in eine Gesellschaft und Kultur eingebettet sind, nichts mehr zu tun hat. Die Ergebnisse solch hypothetischer reduktionistischer Gedankenexperimente sind daher für die Herstellung von Gerechtigkeit in konkreten Situationen ohne Wert und sozusagen vergebene Liebesmüh, denn es sind laut Walzer gerade die Partikularitäten der Geschichte und der kulturellen Zugehörigkeit, auf die es in einer Gerechtigkeitstheorie ankommt. Diese Eigenheiten von Gesellschaften aus den Überlegungen auszuschließen, würde zu weltfremden abstrakten Gerechtigkeitstheorien führen, deren es an Gültigkeit und Legitimität mangelt, und daher in der Realität nicht umgesetzt werden können. Gerechtigkeitstheorien müssen sich auf konkrete Menschen beziehen. Walzer konstatiert, dass diese hypothetischen Entscheidungen über hypothetische Gütermengen, die in Rawls hypothetischem Urzustand von derart eingeschränkten Personen getroffen werden, von denselben Personen kaum wiedererkannt oder anerkannt werden würden, wenn diese sich ohne derartige Einschränkungen im Alltagsleben befänden und durch soziale und historische Faktoren beeinflusst werden würden.

Das Außenvorlassen der kulturellen und historischen Dimension führte in vielen bisherigen Ansätzen auch zu einem sehr flachen, abstrakten und höchst inadäquaten Güterbegriff. Güter wurden meist sehr abstrakt als mobile materielle Güter definiert, die von einer Person/Institution an eine andere Person verteilt werden können. Bei der Erstellung von universellen Güterlisten im Rahmen dieser Theorien tragen die gesellschaftlichen Bedeutungsdimensionen der Güter – als sogenannte "sozialen Güter" – keine Rolle. Walzer bringt hier als Beispiel die verschiedenen sozialen Bedeutungen von Brot, die je nach Gesellschaft ganz unterschiedlich ausfallen können:

"So ist das Brot nicht nur das Grundnahrungsmittel der Menschen, es ist auch der Leib Christi, das Symbol des Sabbat, das Medium der Gastlichkeit und vieles andere mehr. […] [I]n welcher Funktion, soll dann aber das Brot in die Universalliste aufgenommen werden?" (S. 181).

Hier wird deutlich, dass es eine Universalbedeutung von einzelnen Gütern gar nicht geben kann, sondern dies immer von den konkreten kulturellen Gegebenheiten in den jeweiligen Gesellschaften abhängt.

Um diesem Umstand gerecht zu werden, entwickelt Walzer eine Theorie der Güter, die Grundlage für seine weiteren Überlegungen sein soll. In dieser Theorie postuliert er, dass die Bedeutungen aller für Verteilungsgerechtigkeitsfragen relevanter Güter durch soziale Prozesse festgelegt werden und diese sozialen Güter wiederum die Ausbildung einer Identität der Menschen zentral mitbestimmen. Klammert man diese Identitäten der Menschen mittels eines Schleiers des Nicht-Wissens aus, können die Bedeutungen der sozialen Güter als solche gar nicht adäquat verstanden werden und gerecht verteilt werden, da die Verteilungsgerechtigkeit unmittelbar von den Bedeutungen der Güter abhängt. Die Verteilung von Gütern "kann weder verstanden noch beurteilt noch kritisiert werden, bevor deren Bedeutung für das Leben jener Männer und Frauen begriffen worden ist, unter denen diese Güter verteilt werden" (Schmitz, 2004, S. 49).

Weiters unterliegen die Bedeutungen der sozialen Güter kulturellen wie auch historischen Partikularitäten, die sich im Laufe der Zeit auch ändern können. Trotz dieser Veränderbarkeit postuliert Walzer, dass jedes soziale Gut zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb einer bestimmten Gesellschaft seine eigene relativ eigenständige Distributionssphäre hat, in der bestimmte Verteilungsprinzipien angemessen sind und andere nicht. Relativ eigenständig daher, weil es keine vollständige Autonomie gibt, denn "[w]as in der einen Distributionssphäre passiert, hat Einfluss darauf, was in der anderen geschieht" (S. 183-184). Als mögliche Verteilungsprinzipien nennt Walzer (1) den freien Austausch (S. 201), (2) das Verdienst (S. 203) und (3) das Bedürfnis (S. 206). Keines dieser Prinzipien ist allgemeingültig – sondern die Adäquatheit der Anwendung hängt von der Distributionssphäre des sozialen Gutes ab. So gehören zum Beispiel Luxusgüter in die Sphäre des freien Austausches und nicht in die Sphären des Verdienstes oder Bedürfnisses, politische Ämter in die Sphäre des Verdienstes nicht aber in die Sphären des Austausches und Bedürfnisses und medizinische Notfallversorgung in die Sphäre des Bedürfnisses, nicht aber in die des freien Austausches oder des Verdienstes.

Dass in der gleichen Gesellschaft zu einem Zeitpunkt mehrere Distributionsprinzipien abhängig von den Distributionssphären bestimmter sozialer Güter gelten, wurde in den meisten bestehenden Gerechtigkeitstheorien ignoriert. Diese hatten ihre Fundierung meist in einem einheitlichen allgemeingültigen Prinzip oder in einem singulären Set von Prinzipien, das heißt, in einem allgemeinen Kriterium, dass allgemein auf alle Menschen anzuwenden sei. Dies ist natürlich nicht unabhängig vom obigen Kritikpunkt der Nicht-Einbeziehung kulturell-historischer Eigenheiten. Denn meist führen diese abstrakten reduktionistischen Ansätze allzu rasch zu generellen Aussagen über die Natur des Menschen und somit zu singulären Lösungen – obwohl die Natur des Menschen durch Pluralität und Multiplexität der verschiedenen Gesellschaften geprägt ist (siehe z.B. S. 173).

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Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656581604
ISBN (Buch)
9783656580706
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267879
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
michael walzers komplexe gerechtigkeit eine reflexion

Autor

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Titel: Michael Walzers "Komplexe Gerechtigkeit". Eine kritische Reflexion