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Integration trotz Segregation. Kommunale Integrationskonzepte zwischen naivem Multikulturalismus und Assimilation

Bachelorarbeit 2012 39 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Integrationstheoretische Ansätze und Modelle
2.1 Die Assimilation
2.1.1 Frühe assimilatorische Ansätze
2.1.2 Neuere assimilatorische Ansätze
2.2 Der Multikulturalismus

3. Segregation

4. Integration vor Ort - Kommunale Integrationskonzepte im Umgang mit Segregation
4.1 Konzept der Kategorie
4.2 Konzept der Kategorie
4.3 Konzept der Kategorie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese Erkenntnis hat lange Zeit gebraucht. Dabei ist die Bundesrepublik Deutschland seit über 50 Jahren von Zuwanderung geprägt (Reimann 2008: 195). Laut Mikrozensus 2005 habe sogar jeder fünfte Deutschlands und jedes dritte Kind unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund.

Unabhängig davon könnte man meinen, dass die hitzige Debatte des letzten Jahres um das Thema Integration von Thilo Sarrazin alleine entfacht wurde, obwohl sie dadurch lediglich erst einmal in ein größeres öffentliches Interesse gerückt wurde. Teils wird sogar vom „Sarra- zin-Effekt“ gesprochen, was natürlich die Brisanz um das Thema verdeutlicht. Seither wird in der öffentlichen und politischen Debatte darüber hinaus von „Integrationsverweigerern“ ge- sprochen und Heitmeyers Wortschöpfung „Parallelgesellschaft“ erreichte schon zur Wahl des Wortes 2004 die Zweitplatzierung. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger geht noch weiter: „Um Integrationsverweigerer zu bestrafen, ist die derzeitige Gesetzeslage völlig aus- reichend“. Da scheint es nicht verwunderlich, dass laut Bertelsmannumfrage 63 % der Deut- schen der Meinung sind, dass die hierzulande wohnenden Migranten schlecht integriert seien (Bertelsmann-Stiftung 2011: 4).

Doch was heißt Integration? Ist jemand, der die deutsche Sprache beherrscht und einen Ar- beitsplatz hat, schon integriert? Zugespitzt: Ist die Lehrerin, die den Schuldienst nicht antreten kann, weil sie nicht auf das Kopftuch verzichten möchte, dann eine „Integrationsverweige- rin“? Ist die Migrantin, die alle nötigen Voraussetzungen für ein Hochschulstudium erfüllt nicht schon längst strukturell integriert? Wie weit müssen sich Migranten an unsere Kultur anpassen?

Der sich vornehmlich aus ideologischer Sichtweise speisende Diskurs scheint auch die Aufnahmegesellschaft weiter zu spalten. Die bestehende Divergenz bezüglich historisch gewachsener Werte, wie z.B. analytischem Denken oder Kritizismus, um nur zwei Beispiele zu nennen, und darüber hinaus, in einer größtenteils säkularisierten und individualistisch geprägten Gesellschaft, stellt für viele Migranten eine Überforderung dar. Die daraus ersichtliche Gratwanderung, bedingt durch die Sozialisation in ihrem ursprünglichen Kulturkreis einerseits, und den Ansprüchen einer auf Fortschritt und Moderne geprägten Gesellschaft andererseits, stellt eine zunehmende Herausforderung dar.

Dennoch scheint es einen bundespolitischen Konsens bezüglich des Integrationsbegriffes nicht zu geben. Um es mit den Worten der Beauftragten der Bundesregierung für Migration Marieluise Beck auf den Punkt zu bringen: „Unter Integration versteht jeder etwas anderes“ (Kresta 2004).

Es ist unverkennbar, dass die Politik sich dem Thema angenommen hat (oder sich dessen an- nehmen musste). Verdeutlichende Beispiele wären zum einen das aktuelle Zuwanderungsge- setz (ZuWG) aus dem Jahre 2005 und zum anderen der Integrationsplan von 2007, der als Instrument zur Überwindung struktureller Spannungen zwischen dem Bund und den Kommu- nen verstanden werden kann und diesen eine neue integrationspolitische Rolle verleiht.

Wenngleich die Kommunalpolitik sich durch eine unmittelbare „Betroffenheit“ von Einwan- derung schon viel früher mit der Integration, vor allem bezüglich des Wohnungsmarktes, be- schäftigt hat, kann insgesamt von einer „nachholende(n) Integrationspolitik“ (Bade 2007: 21) gesprochen werden. Die recht neuen kommunalen Integrationskonzepte als Steuerungsinstru- mente verdeutlichen zudem den Paradigmenwechsel in der Politik. Dort wo bisher die soziale Mischung das Mantra der Stadtpolitik war (Häußermann 2008: 337), wird heute von diesem durchmischungsgeprägten Leitbild der Integration zögerlich Abstand genommen (Reimann 2008: 200). Diesbezüglich spricht FILSINGER von einer unübersehbaren Tendenz zur Kon- vergenz bezüglich der Strategien von Konzepten (2009: 287) und auch GESTRING spricht von „inhaltlichen Ambivalenzen“ (2011: 265) vor allem auch im Hinblick auf die Segregati- on. Die Bundesregierung hält im Integrationsplan jedoch nach wie vor an einer Mischung durch eine „Sicherung sozial und ethnisch gemischter Quartiere fest“ (Die Bundesregierung 2007: 112).

So stellt sich die Frage, wie auf kommunaler Ebene mit der Segregation verfahren wird. Weisen die Konzepte diese Ambivalenzen ebenfalls bezüglich des Handlungsfeldes „ Wohnen und Zusammenleben im Stadtteil “ auf? Inwiefern wird an dem Dogma der sozialen Mischung festgehalten bzw. im Rahmen des Paradigmenwechsels eine „ Integration trotz Segregation “ (s. Deutscher Städtetag 2007) angestrebt?

Ersteres würde dem Gedanken der Assimilation im Rahmen der Möglichkeit zur Binnenin- tegration und einer Verhinderung solcher dauerhaften Strukturen bzw. ethnischer Segregation gleichkommen, letzteres dem Gedanken des Multikulturalismus in Bezug auf eine Akzeptanz solcher Strukturen.

Zunächst werde ich in Kapitel 2, trotz „konzeptioneller Unschärfen“ (Hoffmann-Nowotny 1990: 15) in den Theorien, die grundlegenden Modelle zur Integration darlegen. Diese Darstellung ist im Hinblick der Komplexität dieses Themas nur als eine Art „Übersicht“ mit zentralen Auffassungen zu verstehen.

Danach (Kap. 3) erfolgt in Form einer Betrachtung der Segregation eine Übertragung dieser Theorien und Modelle auf den städtischen Raum. Neben den sozial-räumlichen Ursachen sollen Auswirkungen und Tendenzen, die das Phänomen aktuell und zukünftig verschärfen bzw. verschärfen werden, verdeutlicht werden.

Zuletzt werden (in Kap. 4), nach einem kurzen Abriss zur Verdeutlichung des angesprochenen Paradigmenwechsels, anhand von insgesamt 28 gesichteten Konzepten drei Einordnungskategorien festgelegt und exemplarisch an drei städtischen Integrationskonzepten der Umgang der Kommunalpolitik mit Segregation analysiert.

2. Integrationstheoretische Ansätze und Modelle

Etymologisch bedeutet integrieren in Anlehnung an das aus dem 18. Jahrhundert stammenden Wort „integrare“ „ergänzen, vervollständigen, sich zusammenschließen, in ein größeres Ganzes eingliedern“ (Kluge 2000: 585), wobei Integration folglich auf das Wort „integratio“ für Zusammenschluss, Eingliederung oder Vereinigung steht (Broszinsky-Schwabe: 1).

Der Begriff beschreibt zum einen den Prozess, also die Integration von Teilen in ein größeres Ganzes (Sackmann 1997: 47), und zum anderen den Zustand, also das Ergebnis der Zusam- menführung zu einer neuen Einheit. Der Gegenbegriff ist die Desintegration, worunter die Auflösung dieser Einheit verstanden wird, als Einteilung in die beiden Begriffe Segregation und Exklusion (ebd.: 2), was im Verständnis jedoch nicht dem, im weiteren Verlauf der Ar- beit erläutertem, Multikulturalismus entspricht. Hartmut Esser hingegen definiert Segmentati- on als den Gegenbegriff (Esser 2000: 262). Im Multikulturalismus hingegen wird Integration als gleichberechtigtes Nebeneinander in einer Gemeinschaft durch eine Mehrzahl von Zuge- hörigkeiten zu unterschiedlichen Teilsystemen verstanden (Neubert et al. 2008: 14ff.).

Letztendlich ist der Begriff vage und unbestimmt, was eine wissenschaftliche Untersuchung schwierig macht (Friedrichs & Jagodzinski 1999: 11).

Ferner fallen unter den vielmals neu definierten Begriff in unterschiedlichsten interdisziplinä- ren Ansätzen verschiedenste Konzepte und dies führt folglich zum Verlust einer gewissen Trennschärfe. Dennoch ist er eng mit dem Begriff der Migration verknüpft (Michalowski 2007: 34f.).

Migration bedeutet eine international dauerhafte oder zumindest längerfristige Verlagerung des Lebensmittelpunktes, bei der unterschiedliche nationale Grenzen überschritten werden müssen. Somit versteht sich die Migration als das Ergebnis einer Wohnsitzverlagerung. Der Migrant ist dabei die Person, die dieses Ereignis veranlasst hat (Fassmann 2011: 64f.).

Das Modell der Push- und Pull-Faktoren besagt, dass die potenziellen Migranten die Her- kunfts- und Zielregionen beobachten, dabei die Attraktivität beider Regionen bewerten und erst bei einer positiven Summe, der als positiv empfunden Standortfaktoren hinsichtlich der Zielregion, ihren alten Standort verlassen. Dabei werden jedoch ebenfalls die Wanderungs- kosten und -risiken abgewogen und in Beziehung zur bewerteten Attraktivität gesetzt. Die Risiken der Wanderung und auch die Wanderungskosten sinken, wenn sich die gleiche ethni- sche Gruppe bereits in einer großen Zahl in der Zielregion befindet, denn so wird die Aufnahme im Zielland gesichert (ebd.: 72f.).

Grob lassen sich die verschiedenen Modelle und Konzepte zur Integration, zwar nicht unabhängig von den verschiedensten Autoren bzw. Theoretikern, unter den zwei Begriffen Assimilation und Multikulturalismus, die im Folgenden erläutert werden, zusammenfassen.

Da die verschiedenen Begrifflichkeiten der Integrationstheorie, wie schon erwähnt, zum einen einer einheitlichen Verwendung mangeln und zum anderen eine beliebige Verwendung derselben Begriffe für unterschiedliche Phänomene zu Missverständnissen führt (Caballero 2009: 38), bietet es sich zur Reduktion zunächst an, zwei Ebenen nämlich die strukturelle und kulturelle Integration zu unterscheiden (Häußermann et al. 2008: 315). Diese Sichtweise stellt eine Anlehnung an PETERs ursprünglich dreistufiges Modell dar.

Demnach kann zwischen der strukturell-funktionalen Integration als Eingliederung von Personen in die Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung, Politik usw. und zwischen der kulturellidentifikatorischen Integration als das Bewusstsein kultureller und emotionaler Zugehörigkeit zum Gesamtsystem verstanden werden. Bei der strukturellen Integration ist das äußere Verhalten, beispielsweise die Teilhabe am Arbeitsmarkt, ein wichtiges Kriterium wohingegen bei der kulturellen Integration die inneren Einstellungen, wie beispielsweise kollektive aber auch kulturelle Werte, von großer Bedeutung sind (Löffler 2011: 18f.).

2.1 Die Assimilation

Die vorliegenden Konzeptionen zur Assimilation sind äußerst komplex. Oft wird die Assimilation auf den kulturellen Teil (auch „kulturelle Assimilation“) der Integration beschränkt (Sauer 2009: 19f.), andere Konzepte hingegen sehen in ihr eine Art „Idealform“ der Integration, bestehend aus beiden Teilen (struktureller und kultureller Integration) hin zu einer Art vollständigen Integration (Gordon 1964: 64f.).

Assimilation ist ein Angleichungs- oder Verschmelzungsprozess (Hans 2010: 45), der meist einseitig verstanden wird, indem sich gleichmäßig jede Einwanderergeneration in kultureller Hinsicht ein Stück weiter an die Aufnahmegesellschaft anpasst und dabei in entsprechendem Maße ihre Herkunftskultur aufgibt (Sauer 2009: 17). Die eingewanderten Individuen über- nehmen, Werte, Normen, Traditionen, Bräuche, Lebensstile aber vor allem die Sprache und geben diesbezüglich ihre eigene ethnische Identität spätestens mit der zweiten Generation allmählich auf (Löffler 2011: 91). Betont ist die Einseitigkeit, weshalb auch der Begriff „mo- nistische Assimilation“ (Caballero 2009: 49) gebraucht wird.

GORDON erweitert dieses Verständnis zum einen um die strukturelle Ebene, worunter sich eine Platzierung auf dem Arbeitsmarkt oder im Schulsystem versteht, und zum anderen um die emotionale Ebene, worunter er vor allem eine Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft als die neue Heimat versteht (Gordon 1964: 64f.).

Mit GORDONs Verständnis kann somit die Assimilation mit Integration gleichgesetzt werden. Dies wird jedoch dann problematisch, wenn eine Person als gut integriert angesehen wird, sofern sie beispielsweise in ihrer Erwerbstätigkeit ein hohes Einkommen erzielt. Dies bedeutend wäre eine Assimilation also eine Angleichung des Einkommens an die Aufnahmegesellschaft. Genau genommen hieße dies jedoch auch, dass wenn das Einkommen der Aufnahmegesellschaft gering wäre, eine Angleichung nach unten möglich wäre, was jedoch im eigentlichen Verständnis der Integration nicht wünschenswert ist (Hans 2010: 47f.).

Insofern ist unter Assimilation nicht, wie oft unterstellt oder verstanden, die vollständige An- gleichung bis zur Unkenntnis gemeint, sondern eher eine vollzogene „ethnische Gruppenzu- gehörigkeit“, die beispielsweise nicht in Vorurteilen endet, sondern eher zu einer gleichbe- rechtigten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Teilhabe führt (ebd.: 45). D.h., dass die Assimilation zu einer Gesellschaft „ohne ethnische Distinktionen“ führen sollte (ebd.: 49).

2.1.1 Frühe assimilatorische Ansätze

Die ersten theoretischen Erklärungsversuche zur Assimilation wurden rein deskriptiv mithilfe von Sequenz- und Zyklenmodellen unternommen (Han 2005: 44f.). PARK und BURGESS der Chicago-School nahmen zuerst eine systematische Abgrenzung des Assimilationskonzeptes von anderen Konzepten und Begriffen vor und gehen damit über die bis dato kursierenden Sequenzmodelle hinaus (ebd.: 44). In den fünf zyklischen Phasen des Modells des „race rela- tion cycle“ kommt es zu einer Reihe von sozialen Interaktionen zwischen der Einwanderung- und Aufnahmegesellschaft, sodass als einziger möglicher Endzustand die völlige Assimilation vollzogen ist (Han 2006: 18-26). Die Phasen verlaufen nacheinander ablösend und irreversi- bel progressiv (ebd.: 9). Somit wird in diesem Fall die Assimilation als wechselseitiger An- passungsprozess begriffen und schon PARK versteht darunter nicht die vollständige Auflösung kultureller Besonderheiten, sondern einen Prozess an dessen Ende eine homogene Gesell- schaft steht (Gestring et al. 2006: 13). Am schnellsten verläuft Assimilation jedoch über so- genannte Primärgruppeninteraktionen, worunter sich beispielsweise Kontakte zwischen Familien verstehen lassen (Hans 2010: 45).

Das Modell des „race relation cycle“ ist auf Deutschland, oder auch auf den europäischen Raum, nur sehr begrenzt übertragbar und gilt als „historischer Sonderfall“ (Hans 2010: 50). So war für viele Migranten der Gastarbeiterbewegung, die anfänglich nach Deutschland ka- men, die Rückkehr in ihr Heimatland eine Option. Folglich fehlte die Zwangsläufigkeit einer kulturellen Integration. Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen (Treibel 2003: 115f.) spielt vor allem das unterschiedliche Sozialsystem eine immense Rolle. Daher erlaubt Deutschland mit der Sozialhilfe als eine Art „Grundsicherung“ zumindest in Teilen den Voll- zug der strukturellen Integration, wohingegen in den USA durch die begrenzte soziale Siche- rung gegebenenfalls erhöhte Anstrengungen durch die Migranten zur Etablierung auf dem Arbeitsmarkt und damit zur strukturellen Integration getätigt werden müssten.

Mit dem wechselseitigen Anpassungsprozess, den PARK beschreibt wird auch der Begriff des „Melting Pott“, also des Schmelztiegels, verstanden. Mit dieser gemeinten „fusionistischen Variante“ spielt auch die biologische Verschmelzung mit ein (Löffler 2011: 98). An dieser Stelle sind die Grenzen zwischen der später beschriebenen Akkulturation, einer abgewandel- ten Form, der so genannten „interaktionistischen Assimilation“, und der von PARK beschrie- benen Assimilation fließend und können nicht voneinander abgegrenzt werden. So beschreibt die interaktionistische Assimilation den gegenseitigen Angleichungsprozess als eine Interak- tion und Kommunikation zwischen der aufgenommenen Minderheitsgesellschaft und der auf- nehmenden Mehrheitsgesellschaft, darunter ebenfalls die Idee des „Melting Pott“ verstehend (Caballero 2009: 50).

Eine andere Betrachtungsweise liegt der schon erwähnten monistischen Assimilation als einseitiger Anpassungsprozess zu Grunde und bezieht sich auf die Assimilation an die so genannte „WASP-Kultur“, also an die weiße, angelsächsische und protestantische Kultur (Löffler 2011: 97). Im Zusammenhang mit dem Wort der „Amerikanisierung“ bekam diese Ansicht jedoch einen zunehmend „bitteren Beigeschmack“ und verlor an Bedeutung (Gordon 1964: 85). Infolgedessen wird der „Melting Pott“- Metapher vorgeworfen, dass sie lediglich eine rigoros betriebene Politik der Assimilierung an eine US-amerikanische Hegemonialkultur verdecke (Löffler 2011: 99). Letztere monistische Sichtweise wird deshalb teilweise auch als „anglo conformity“ (Hans 2010: 55) bezeichnet.

2.1.2 Neuere assimilatorische Ansätze

Neuere Ansätze beschreiben die Assimilation als einen partiellen, in verschiedenen Bereichen unterschiedlich verlaufenden Prozess (Gestring et al. 2006: 12). Dazu gehören unter anderem die Modelle von EISENSTADT (1954) und GORDON (1964), die eine unterschiedlich verlaufende Assimilation in unterschiedlichen Bereichen zulassen (Treibel 2003: 110f.). Im deutschsprachigen Raum ist die Theorie von ESSER (1980; 2001), neben denen von HOFFMANN-NOWOTNY und HECKMANN, die bekannteste.

Hartmut Esser versteht unter Integration den Zusammenhang von Teilen in einem systemi- schen Ganzen (Esser 2001: 1). Diesbezüglich versteht er unter der Sozialintegration die Ein- beziehung von Akteuren in das bestehende System und unter Systemintegration den Zusam- menhalt des ganzen Systems, wobei beide miteinander einhergehen, jedoch nicht müssen (ebd.: 3).

In Tab.1 sind die vier verschiedenen möglichen Konstellationen der Sozialintegration darge- stellt.

Assimilation ist demnach die „Angleichung der Akteure bzw. Gruppen in gewissen Eigen- schaften an einen bestimmten Standard“ (Esser 2006: 90), den die Aufnahmegesellschaft be- stimmt. Sie versteht sich als einseitiger Vorgang, also die Anpassung der Migranten an die Aufnahmegesellschaft (Gestring et al. 2006: 12). Darunter ist, wie erwähnt, auch bei ESSER, nicht die vollständige Auflösung aller Unterschiede zwischen den Akteuren gemeint, sondern eher eine Angleichung in Faktoren wie beispielsweise Einkommen oder Bildung (Esser 2001: 74). Im Vordergrund stehen Wahrnehmungen und Bewertungen der Umwelt durch die Akteu- re, also in diesem Fall der Migranten, die aus einer Vielzahl von Ihnen zur Verfügung stehen- den Handlungsmöglichkeiten auswählen und sich dadurch ggf. assimilieren (Esser 1980: 8- 14). Sie wählen dabei stets die Möglichkeiten, die sie als förderlich zum Erreichen ihrer eige- nen Ziele erachten (ebd.: 14). Dabei kommt jedoch der Aufnahmegesellschaft eine entschei- dende Rolle zu, denn je mehr Handlungsopportunitäten dem Einwanderer durch die Aufnah- megesellschaft, beispielsweise durch das Fehlen von Diskriminierungen, Vorurteilen oder Beschränkungen, eingeräumt werden, desto eher führt dieser assimilative Handlungen aus (Esser 1980: 211f.). Assimilation ist ein sehr langer Prozess über weit mehr als drei bis sechs Generationen, was die empirische Erforschung schwer macht (Caballero 2009: 51).

Die Assimilation unterscheidet sich, im Übrigen auch unabhängig von ESSER, in vier ver- schiedenen Dimensionen (Esser 2006: 91f.; Riegel 2004: 67; Gruber 2010: 17f.): Die kulturelle Assimilation umfasst vor allem den Spracherwerb, Werte, Normen oder auch die Religion. Es geht zentral um Kompetenzen, die zum gesellschaftlichen Leben befähigen. Die strukturelle Assimilation beinhaltet u. a. den Erwerb von Bildungsqualifikationen und die Etablierung auf dem Arbeitsmarkt. Neben dem Erwerb von Rechten, was beispielsweise die Assimilation in den weiteren Bereichen beschleunigen kann (Bauböck 2001: 40f.), geht es um den gleichberechtigten Zugang zu gesellschaftlichen Einrichtungen und nicht zuletzt um eine Partizipation in vielerlei Hinsicht.

Die soziale Assimilation, worunter auch eine interethnische Heirat zu verstehen wäre, zeigt sich in der Existenz von Kontakten zur Aufnahmegesellschaft. Dies manifestiert sich in sozialen Netzwerken oder interethnischen Kontakten und Freundschaften.

Zuletzt versteht sich die emotionale Assimilation als eine Identifikation mit den Verhältnissen, beispielsweise auch mit der Kultur, des Aufnahmelandes. Die Letztere Variante wird auch als identifikatorische Integration bezeichnet und bezieht sich darüber hinaus auf eine Art Zugehö- rigkeitsgefühl und vor allem auf die Verinnerlichung von Werten und Normen (Sauer 2009: 21).

Die Inklusion und Exklusion, unabhängig von der Aufnahme- oder Herkunftsgesellschaft, beziehen sich auf Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation und sind identisch mit den vier Dimensionen (Esser 2010: 145).

Diese Unterscheidung könnte eine Reaktion auf die Kritik gewesen sein, dass sich Assimilation, nach ESSERs Verständnis, auf eine homogene Gesellschaft, wie beispielsweise in Deutschland in den fünfziger Jahren (Gestring et al. 2006: 13), beziehe. So hat sich die Gesellschaft beispielsweise durch die Globalisierung oder die fortschreitende Arbeitsteilung weitgehend differenziert und die „Vorstellungen von sozialer Integration in eine homogene Kultur überholt“ (Häußermann et al. 2008: 323). Dieser hier eingeschobene Einwand bedürfte, vor allem in kultureller Hinsicht, weiterer Ausführungen. Auf diese soll an dieser Stelle jedoch verzichtet werden und auf die Komplexität der Thematik hingewiesen werden.

ESSER verleiht der Platzierung, bei der es um Einkommen, Bildung, Rechte und institutionel- len Zugängen geht, einen vertikalen Charakter und betont damit in einer heraushebenden Be- deutungszuschreibung, dass diese Eigenschaften „andersartig und anderswertig“ (Esser 2010: 145) seien. Die anderen drei Dimensionen beschreibt er als horizontal und damit als „anders- artig, aber nicht anderswertig“ (ebd.: 145). Infolgedessen öffnet er, unter einem neuen Aspekt, sein Modell für eine differenzierte Gesellschaft, die sich unter dem Aspekt der horizontalen Eigenschaften in eine „ethnische Vielfalt“ differenziert. Diese „ethnische Vielfalt“ grenzt er von der „ethnischen Schichtung“ ab, worunter er Unterschiede in den vertikalen Eigenschaf- ten versteht (ebd.: 146).

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Details

Seiten
39
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656614166
ISBN (Buch)
9783656614074
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267590
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Geographisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Integrationstheorien Assimilation naiver und liberaler Mulltikulturalismus Segregation Quartierseffekte. Paradigmenwechsel in der Kommunalpolitik Integrationskonzepte

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Titel: Integration trotz Segregation. Kommunale Integrationskonzepte zwischen naivem Multikulturalismus und Assimilation