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Intermedialität im Theater

Theater als intermediales Geschehen

Hausarbeit 2011 26 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

1. EINLEITUNG
1.1 THEMENRELEVANZ UND AUFBAU DER ARBEIT

2. DAS THEATER ALS INTERMEDIALES GESCHEHEN
2.1 IST DAS THEATER EIN MEDIUM?
2.2 IST DER KÖRPER EIN MEDIUM?
2.3 DAS PERFORMATIVE THEATER

3. DIE ROLLE DES ZUSCHAUERS IM THEATER
3.1 ZUSCHAUER UND THEATER
3.2 INTERMEDIALITÄT UND REZIPIENT

4. IRINA RAJEWSKYS INTERMEDIALITÄTSBEGRIFF
4.1 DREI SUBARTEN DES INTERMEDIALITÄTSBEGRIFFS
4.1.1 ERKENNTNISZIELE
4.2 SZENENHAFTE ANALYSE DES MUSICAL-THEATERS ‚WICKED – DIE HEXEN VON OZ‘ NACH IRINA RAJEWSKYS INTERMEDIALITÄTSBEGRIFF

5. SCHLUSSWORT

6. LITERATURVERZEICHNIS
6.1 BIBLIOGRAPHIE
6.2 BESUCHTE AUFFÜHRUNG

7. ANHANG
7.1 HANDLUNG ZUM MUSICAL-THEATER ‚WICKED – DIE HEXEN VON OZ‘

1. Einleitung

1.1 Themenrelevanz und Aufbau der Arbeit

„Der Begriff der Intermedialität ist in den letzten Jahren zunehmend gebräuchlicher geworden (vgl. bspw. Prümm 1988; Eicher 1994). Er soll der immer offenkundigeren Tatsache, daß Medien nicht für sich alleine bestehen, sondern immer schon in komplexen medialen Konfigurationen stehen und dadurch stets auf andere Medien bezogen sind, Rechnung tragen.“[1]

Jens Schröter, 2008

Unsere Wahrnehmung in einer immer stärker analogisierten und digitalisierten Welt ist geprägt von medialen Einflüssen. Besonders im Zeitalter der Globalisierung, gewinnen vor allem die Kommunikationsmedien an Bedeutung. Durch die Technisierung unserer Zeit, erfuhr jedoch auch das Theater in den letzten Jahren einen sich stetig ausdifferenzierenden Wandel. Das Theater „erforscht den Raum, den Körper in Bewegung, die inszenierte Stimme“[2]. Einhergehend mit einem immer höheren technischen Level, aber auch seitjeher, ist das Theater ein Ort des intermedialen Geschehens. Es vereinigt die jeweiligen Künste, wie Computertechnik, Plastik, Malerei, Musik usw. miteinander und weiß sie für sich zu nutzen. In der heutigen Theaterlandschaft findet somit ein ganzes Kaleidoskop an medialen Darstellungsformen Verwendung. Irina Rajewsky beschreibt den Begriff der Intermedialität als „Mediengrenzen überschreitende Phänomene, die mindestens zwei konventionell als distinkt wahrgenommene Medien involvieren“.[3] Ein so dargelegter Intermedialitätsbegriff rechtfertigt sich dabei anhand der „Dynamik der medialen Transformation oder Transmission, die in und zwischen Medien stattfindet“.[4] Rajewsky beruft sich hinsichtlich ihres Intermedialitätsbegriffs dabei auf eine mittlerweile oftmals generalisierte Definition Werner Wolfs, der ich mich in dieser Arbeit anschließen werde:

„Analog zur Intertextualität, die eine in einem Text nachweisliche Einbeziehung mindestens eines weiteren (verbalen) Textes bezeichnet, lässt sich I. [Intermedialität] definieren als eine intendierte, in einem Artefakt nachweisliche Verwendung oder Einbeziehung wenigstens zweier konventionell als distinkt angesehener Ausdrucks- oder Kommunikationsmedien.“[5]

Das Theater stellt dementsprechend Bühne und Raum dar, auf der/in dem sich unterschiedliche Künste begegnen können, um miteinander in Interaktion zu treten. So wie Intermedialität hieraus eine Mannigfaltigkeit, ein ‚Inter‘ bildet, setzt es des Weiteren neue Kommunikationsformen. Der rezeptive Verstand wird hier zur aktiven Teilhabe aufgefordert[6], sodass es zu einer stärkeren Emotionalisierung und Einbindung des Zuschauers kommt: „The physical barrier between the performer and spectator disappears, as the spectator becomes a participant.“[7]

Man könnte behaupten, dass sich ein „Schauspiel durch Medien“[8] etabliert hat. Das Theater als intermediales Geschehen begreifen zu können, ist Ziel dieser Arbeit. Dabei werde ich zunächst Fragen nach seiner Medialität erläutern, um dann aufzuzeigen, wie es gelingt mittels Intermedialität eine Brücke vom Rezipienten zum Bühnengeschehen zu schlagen. Anhand eines praxisorientierten Beispiels findet schließlich Irina Rajewskys Intermedialitätsbegriff Anwendung in einer szenenhaften Analyse des Musical-Theaters ‚Wicked – die Hexen von Oz‘. Abschließend möchte ich daraufhin ein kurzes Schlusswort zur Thematik verfassen.

2. Das Theater als intermediales Geschehen

2.1 Ist das Theater ein Medium?

Das symbiotische Verhältnis von Theater und Medien lässt sich bis in die Antike hinein zurückverfolgen. Um die Illusionsmöglichkeit des Theaters zu stärken, fand eine zusehend ansteigende Technisierung statt. So wurden technische Mittel beispielsweise dazu verwendet, Klanganlagen zu verbessern, Projektionsmöglichkeiten zu schaffen oder aber auch, um einen schnelleren Wechsel des Bühnenbildes herbeiführen zu können.[9] Aus diesen technischen Bezügen wiederum, lässt sich erneut die Dynamik medialer Transformation/Transmission erkennen.[10] Dies impliziert, dass Theater und Technologie/Medien nicht voneinander getrennt gedacht werden können. Das Theater als Schauplatz illusionistischer Darstellungsweisen besitzt a priori eine Dynamik der Transformation, welche allein in der Tatsache der gleichzeitigen Anwesenheit von Akteuren und Zuschauern besteht. Damit ist an dieser Stelle auch parallel dazu „dessen grundlegende intermediale Qualität benannt“[11]. Die theatralen Medien stehen also in einer unmittelbaren Beziehung zu Schauspieler und Rezipient. Dementsprechend antwortet die deutsche Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte hinsichtlich der Frage, ob Theater als ein Medium zu verstehen sei folgendes:

„Wird mit ihm [dem Medienbegriff][…] die Beziehung zwischen Technologie und menschlichem Körper und vor allem dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen bezeichnet, dann ist Theater durchaus als ein Medium aufzufassen.“[12]

2.2 Ist der Körper ein Medium?

Erika Fischer-Lichte beschreibt in diesem Zusammenhang, dass der Schauspieler im theatralen Prozess die Stellung eines Zeichenträgers, im Sinne einer Theatersemiotik, einnimmt. Er übersetzt die Intentionen des Regisseurs in gestische, mimische, proxemische, paralinguistische und linguistische Zeichen. Durch diese Zeichen und die Rezeption solcher durch den Zuschauer findet eine Bedeutungskonstitution statt.[13] Aus der Sicht eines solchen strukturalistischen Verfahrens wie der Semiotik, sind demnach alle Zeichensysteme Medien. Diese Darstellungsweise eines Zeichenträgers mutet dem antiken aristotelischen Begriff der Mimesis („Nachahmung“) an. Der Körper erscheint in diesem Sinne lediglich als Träger der Zeichensysteme. Es bleibt jedoch die Frage zu klären inwieweit der Einfluss des Schauspielers seine darzustellende Figur formt. Der Körper des Schauspielers ist nach ihrem Verständnis ein Zeichen, wobei er jedoch „niemals in seiner Zeichenfunktion auf[geht]“[14]. Dieser semiotische Körper kann also als Darstellungsinstrument objektiviert werden. Er dient auf diese Weise als materielles Zeichen für eine, in sprachlicher Form, verfasste Bedeutung. Eine entsprechende Darstellung funktioniert demnach umso besser, je größer der Grad an „Entkörperung“ ist.[15] Diese rein semiotische Funktionsweise des Körpers, wurde im Folgenden deutlich in Frage gestellt. Mit Beginn der Aufklärung brach man schließlich mit den vorherrschenden Konventionen und wandte sich letztlich der emotionalen Mehrdeutigkeit bzw. der Natürlichkeit zu.

Besonders auch Konstantin Sergejewitsch Stanislawski begreift schauspielerische Emotionalität nicht länger als allgemein codierte Affekte. Seine grundsätzliche Prämisse liegt vielmehr darin, dass rollenspezifische Empfindungen vom Schauspieler selbst und individuell empfunden, sowie vermittelt werden sollen.[16] Ein Medienbegriff der dadurch Definition findet, als das er sich auf die Funktion eines Vermittelns bezieht, wird dem Akteur hier folglich eine aktive Aufgabe der Übertragung zusprechen. Medien beeinflussen und bedingen in diesem Sinne ihren Übertragungsgegenstand, sodass die vermittelnde Funktion insbesondere auf den Körper als Medium/ in seiner Medialität zutrifft.[17] Betrachtet man die Vielzahl an möglichen Darstellungsvariationen, die dem menschlichen Körper bzw. dem auf der Bühne agierenden Individuum durch subjektive Erfahrungen eigen sind oder auch nicht, wird dies besonders deutlich. Es bleibt festzuhalten, dass „Körper medialisieren“[18].

2.3 Das performative Theater

Den Begriff der ‚Performativiät‘ prägte entscheidend der englische Philosoph John Langshaw Austin. Er entdeckte, dass sprachliche Äußerungen sowohl konstativer, also deskriptiv beschreibender, Natur sein können, als auch performativer. Performativ bedeutet in diesem Zusammenhang das Ausführen oder Konkretisieren einer Sprechhandlung (verfluchen, jemandem das „Ja-Wort“ geben). Prägnant ausgedrückt bedeutet die Unterscheidung von performativ und konstativ nichts anderes als die Differenzierung von Tun und Sagen. Diese performativen Aussagen entziehen sich im Grunde genommen einer Untersuchung auf ihren Wahrheitsgehalt hin, da sie weder falsch noch richtig sein können und damit selbstreferentiell sind.[19] „Solche Äußerungen sagen nicht nur etwas, sondern sie vollziehen genau die Handlung, von der sie sprechen.“[20] Dabei ungeachtet ist jedoch, dass derartige Aussagen aufgrund sozialer oder situativer Umstände sehr wohl missglücken können. Wenn beispielsweise eine andere Formel erforderlich ist als „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, um eine Eheschließung herbeizuführen. Hierdurch kann eine performative Äußerung indessen doch als wahr oder falsch gelten.

Die Merkmale einer Selbstreferentialität und Wirklichkeitskonstitution treffen laut Fischer-Lichte besonders auf Aufführungen zu. Dies wird mit Blick auf die etymologische Bedeutung des Begriffs der Performativität eindringlicher. Ursprünglich leitet er sich somit vom englischen ‚performance‘ ab, das sowohl

Durch- und Aufführung von etwas, wie auch Erfüllung und Leistung einer Pflicht bzw. darstellerische Leistung bedeutet.[21]

[...]


[1] Jens Schröter: Intermedialität: Facetten und Probleme eines aktuellen medienwissenschaftlichen Begriffs. In: Theorie der Medien. S. 1-14, hier S. 1 http://www.theorie-der-medien.de/dateien/07_2_Jens_Schroeter_Intermedialitaet.pdf ( 01.07.2011).

[2] Klemens Gruber: Das intermediale Jahrhundert: Die Saison 1922/23

In: Theater und Medien. Theatre and the Media. Grundlagen – Analysen – Perspektiven. Eine Bestandsaufnahme. Hg. von Henri Schoenmakers, Stefan Bläske, Kay Kirchmann, Jens Ruchatz. Bielefeld: transcript Verlag 2008, S. 142.

[3] Irina O. Rajewksy.: Intermedialität. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag 2002 (= Uni Taschenbücher, Bd. 2261), S. 13.

[4] Kati Röttger: Intermedialität als Bedingung von Theater: Methodische Überlegungen. In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 117.

[5] Werner Wolf: Intermedialität. In: Metzler-Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Hg. von Ansgar Nünning. Stuttgart / Weimar: J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 2001, S. 284.

[6] Vgl. Chiel Kattenbelt: Multi-, Trans- und Intermedialität: Drei unterschiedliche Perspektiven auf die Beziehungen zwischen den Medien. In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 130.

[7] Liesbeth Groot Nibbelink: Kaleidoscopic Encounters. The actor, character and spectator in intermedial performances. In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 307.

[8] Wof-Dieter Ernst: Schauspiel durch Medien. Die verdeckte Funktion der Techne bei Konstantin Stanislawski und Alexander Moissi. In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 293.

[9] Vgl. Stefan Bläske: Theater und Medien. Exposé zum Thema und zu den Sektionen. In: Theater und Medien. VIII. Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft,

S. 1-13, hier S. 7. http://www.theater-medien.de/kongress/pdf/TK06_expose.pdf. 20.02.2006 (29.06.2011).

[10] Vgl. Röttger: Intermedialität als Bedingung von Theater: Methodische Überlegungen

In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 117.

[11] Röttger: Intermedialität als Bedingung von Theater: Methodische Überlegungen.

In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 119.

[12] Erika Fischer-Lichte: Theaterwissenschaft. In: Metzler-Lexikon. Theatertheorie. Hg. von Erika Fischer-Lichte, Doris Kolesch, Matthias Warstat. Stuttgart / Weimar: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 2005, S. 357.

[13] Vgl. Erika Fischer-Lichte: Semiotik des Theaters. Das System der theatralischen Zeichen. Tübingen: Narr Verlag 1983 (Bd. 1), S. 25 f.

[14] Erika Fischer-Lichte: Theater im Prozess der Zivilisation. Tübingen: Francke Verlag 2000,

S. 28 f.

[15] Andrea Kremser: Culture – Gender – Body: Cultural Studies in der Erziehungswissenschaft: Die Rolle des Koerpers bei der Konstruktion von Geschlechteridentitaeten (phaenomenaler Leib und semiotischer Körper), Uebung und Analyse in Gruppen. In: Universität Wien. S. 1-9, hier S. 3 f. http://www.unet.univie.ac.at/~a8806829/Docs/PAbschnitt2AK/CultureGenderBody/SE06KoerperVerstehen.ppt (01.07.2011).

[16] Vgl. Christine Eiche: Der Schauspieler im Medialsystem des Theaters. Studienarbeit. Nordstedt: Grin Verlag 2009, S. 11.

[17] Vgl. Röttger: Intermedialität als Bedingung von Theater: Methodische Überlegungen.

In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 118 f.

[18] Röttger: Intermedialität als Bedingung von Theater: Methodische Überlegungen.

In: Theater und Medien. Theatre and the Media, S. 119.

[19] Vgl. Erika Fischer-Lichte: Theaterwissenschaft. Eine Einführung in die Grundlagen des Faches. Tübingen / Basel: Narr Francke Attempto Verlag GmbH & Co. KG 2010 (= Uni Taschenbücher), S.28.

[20] Fischer-Lichte: Theaterwissenschaft, S. 28.

[21] Das große Oxford Wöterbuch für Schule und Beruf. Englisch – Deutsch / Deutsch – Englisch. Hg. Von Oxford University Press. Oxford: Cornelsen Verlag GmbH 2003, S. 456.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656586173
ISBN (Buch)
9783656586104
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267541
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für neuere deutsche und europäische Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Intermedialität Theater Irina Rajewski Hexen von Oz' Musical

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