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Die Pest im Peloponnesischen Krieg - Soziale, politische und militärische Folgen für Athen

Seminararbeit 1997 13 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Pest in Athen

3. Soziale Folgen

4. Politische Folgen

5. Militärische Folgen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Wie groß war der Einfluß der Pest in Athen wirklich? Inwiefern verschlechterte sich dadurch die Ausgangslage der Stadt im Krieg gegen Sparta? Mit diesen Fragen wird sich diese Arbeit beschäftigen. Im zweiten Kapitel gebe ich einen einleitenden Abriß über die Lage in Athen zum Ausbruch der Pest und werde mich kurz mit der wissenschaftlichen Diskussion zu diesem Thema beschäftigen. Im dritten Kapitel werde ich aufzeigen, welches die sozialen Folgen für das mit Flüchtlingen überfüllte Athen waren und beziehe die Ergebnisse in die weitere Untersuchung in den folgenden Kapiteln über die Einflüsse der Pest auf die politische Kultur sowie auf die Kriegsführung Athens mit ein. Oft läßt sich eine eindeutige Klassifizierung der Folgen in eine dieser drei Sparten jedoch nicht vornehmen, infolgedessen ließen sich Überlappungen nicht vermeiden. Eine Zusammenfassung und die Schlußfolgerung aus meinen Ergebnissen findet sich im Fazit auf Seite 11.

2. Die Pest in Athen

Im zweiten Jahr des Peloponnesischen Krieges, Ende Mai/ Anfang Juni 430 v.Chr. [1], brach in Athen eine Epidemie aus. Ob es wirklich die Pest war, ist zweifelhaft, dies wird lebhaft diskutiert. Die Rede ist von Masern oder Typhus, einer kombinierten Fleckfieber- und Pockenepidemie, der Lungen- oder der orientalischen Bubonenpest.

Es bestehe jedoch eine ,,strong possibility that the disease described by Th. has either died out or (if it still exist) has drastically changed its form," faßt Simon Hornblower den Diskussionsstand zusammen[2]. Wenn auch nicht genau geklärt ist, was für eine Krankheit es war - die Auswirkungen auf die Bevölkerung in Athen waren verheerend: 4.400 Hopliten und 300 Reiter starben an der Seuche[3] sowie etwa 20.000 Zivilisten[4]. Da Athen zur Zeit des ersten Auftretens der Pest mit Menschen gefüllt war, die vor den einfallenden Peloponnesiern hinter Athens Mauern Schutz gesucht hatten, kann diese Zahlenangabe nur ungefähr sein. Die meisten Historiker beschränken sich darauf, die Opfer als ein Drittel der anwesenden Zivilbevölkerung anzugeben.[5] Die Pest wütete 430 und 429, um dann nach einer 1½jährigen Unterbrechung 427 neu aufzuflammen. Erst Ende 426 hatten die Athener die Seuche überstanden.

3. Soziale Folgen

Infolge des Kriegsplan des Perikles´ war Athen 430 mit Flüchtlingen aus Attika überfüllt. Es waren nicht genug Häuser vorhanden, deswegen hausten viele der Flüchtlinge, wo immer sie unterkamen: In ,,stickig-heißen Hütten", in den Tempeln oder zwischen den großen Mauerschenkeln Athens. Das Klima war gespannt, die in ständigem Kontakt stehenden Menschenmassen boten der Ansteckung und der Verbreitung der Krankheit Vorschub.[6]

Mit der Seuche überfiel die Menschen Mutlosigkeit, sie ,,überließen sich gleich der Verzweiflung, gaben sich vollends auf und leisteten keinen Widerstand." Viele vermieden aus Angst, einander zu besuchen, so daß viele alleine und verlassen umkamen, ohne daß jemand für sie sorgte.[7] Die Pest war für Athen ,,der Anfang der Sittenlosigkeit,"[8] so Thukydides: Das Übel der Krankheit ließ die Menschen ,,an Gebeten und Weissagungen zweifeln, gegen das Leid ihrer sterbenden Verwandten stumpf werden, macht sie gegen heiliges und weltliches Recht gleichgültig; [...] die Krankheit ist Ursache der sittlichen Verwilderung."[9] Jedwede Ordnung in der Stadt ging verloren: Tote und Sterbende lagen übereinander, wälzten sich auf den Straßen und in den Brunnen, sogar die Tempel waren voller Leichen der dort Verstorbenen, berichtet Thukydides. ,,Birth and death within a temple was sacrilege, and the present passage is proof of the extreme demoralization caused by the plague,"[10] stellt Hornblower dazu fest.

Die in der Leichenrede des Perikles gerühmte moralische Überlegenheit der Stadt, all die dort genannten Tugenden der Athener - durch den Extremfall der Pest wichen sie der menschlichen Natur und fielen der Krankheit zu Opfer. Die wenigen, die sich durch die Gefahr nicht beeindrucken ließen und trotzdem halfen, mußten einen hohen Preis bezahlen: "Diejenigen, welche Verpflichtung zum Einsatz und Schamgefühl in sich spüren, sind dadurch dem Tod geweiht."[11]

Thukydides berichtet, daß die Krankheit ihren Weg von Äthiopien über Ägypten durch Libyen und weite Gebiete des Großkönigs genommen habe[12]. Für die Athener war die Seuche jedoch nicht rational erklärbar, sondern ,,divine aid for Sparta [] the plague was seen as divine punishment."[13] Grund für diese Annahme war ein Orakelspruch, in dem vorausgesagt wurde, daß mit dem dorischen Krieg eine Seuche kommen werde. Thukydides kritisiert diese Vermutung: Es habe in dem Vers der Alten ,,Hunger", nicht ,,Seuche", geheißen - nur die Situation und menschliche Schäche hätten die Athener zum Verdrehen der Voraussage verleitet.[14] Die Verkehrung des Orakels bedeutete jedoch gleichzeitig, daß die Bürger nun glaubten, durch den Krieg gegen göttliches Gebot verstoßen zu haben und somit nicht nur gegen die Spartaner, sondern ebenso gegen höhere Gewalt anzutreten. Die Überlegung, die Götter könnten hiermit nichts zu tun haben, kam der Bevölkerung nicht: ,,The Athenians have assumed that if evil befell them in connection with the oracle, it would result from their disregard of it; they interpret their subsequent trials accordingly. They resist considering that the gods might be either less just or less powerful than they would wish them."[15] Trotz des Sakrilegs, Tote in den Tempeln zu belassen, blieb somit eine unterschwellige Frömmigkeit erhalten.

Trotzdem wirkte sich dies nur auf den Aberglauben und nicht auf die Behandlung der Toten aus:

,,Alle Bräuche, an die sie sich früher bei Begräbnissen gehalten hatten, wurden in der allgemeinen Verwirrung erschüttert; jeder begrub, wie er konnte. Viele kamen auf eine ganz schamlose Art der Bestattung aus Mangel an dem Nötigsten, da ihnen schon so viele vorher gestorben waren: auf einen fremden Scheiterhaufen legten sie ihren Toten, bevor noch die, die ihn aufgeschichtet, dazukamen, und zündeten ihn an; andere warfen die Leiche, die sie trugen, auf eine schon brennende obendrauf und gingen fort."[16]

[...]


[1] Zeitangabe nach Kagan, Donald: The Archidamian War; Thukydides, II 47: ,, ...zu Sommersbeginn"

[2]... ,,hohe Wahrscheinlichkeit, daß die von Th. beschriebene Krankheit entweder ausgestorben ist oder (sodenn es diese noch gibt) ihre Form drastisch verändert hat." - Hornblower, Simon: A commentary on Thucydides, Seite 316 [gibt ebenfalls viele Literaturhinweise zu diesem Thema]

[3] Thukydides, III 87

[4] Meier, Christian: Athen, Seite 546

[5] z.B. Bengston, Hermann: Griechische Geschichte, S. 200, oder Kagan: The Archidamian War, S. 71 -vgl. Beloch, Julius: Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, S. 86: ,,Athen aber kann, den Peiraeus eingerechnet, zu Perikles` Zeit nicht mehr als 100 - 150.000 Einwohner gehabt haben."

[6] Thukydides, II 51

[7] Th., II 51

[8] Th., II 53

[9] Schneider, Christoph: Information und Absicht bei Thukydides, S. 120f

[10] Geburt und Tod mithin eines Tempels war ein Sakrileg, die vorliegende Passage ist Beweis der extremen Demoralisierung durch die Seuche" - Hornblower: A commentary on Thucydides, S. 325

[11] Stahl, Hans-Peter: Thukydides, S. 80

[12] vgl. Thukydides, II 48

[13] göttliche Hilfe für Sparta [...] die Seuche wurde als gottverfügte Strafe angesehen" - Cawkwell, George: Thucydides and the Peloponnesian War, S.3f

[14] vgl. Th., II 54

[15],,Die Athener haben angenommen, daß, falls sie in Verbindung mit dem Orakel von Üblem befallen würden, es ein Ergebnis ihres Nichtbeachtens dessen [des Orakels] sei; sie interpretieren die folgenden Prüfungen dementsprechend. Sie erwägen nicht, daß die Götter möglicherweise weniger gerecht oder nicht so mächtig, wie sie [die Athener] sie sich wünschen würden, sein mögen." - Orwin, Clifford: The Humanity of Thucydides, S. 89

[16] Th., II 52

Details

Seiten
13
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638116152
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2675
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Seminar für Alte Geschichte
Note
gut
Schlagworte
Pest Peloponnesischen Krieg Soziale Folgen Athen Proseminar Antike

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Titel: Die Pest im Peloponnesischen Krieg - Soziale, politische und militärische Folgen für Athen