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Die Heiler in der Musiktherapie außereuropäischer Kulturen

Seminararbeit 2013 10 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Systematik, Eingrenzungen und Quellenlage

3. Heiler und Bewusstseinsveränderungen

4. Schlusswort und Ausblick

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Skript-Quellen aus weiterführenden Lehrveranstaltungen der MedUni Wien

1. Einleitung

„Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin, die zur Arzt-Patient-Beziehung zwar wortreiche Lippenbekenntnisse ablegt, sich praktisch jedoch kaum um sie kümmert, messen alle Methoden nichtmedizinischen Heilens eine dieser Beziehung große Bedeutung bei. [...] Die Ansicht, dass Krankheiten durch Eingreifen übernatürlicher Kräfte verursacht und geheilt werden können, reicht bis ins früheste Altertum zurück und bleibt, wenngleich oft in abgeschwächter Form, in den meisten modernen Kulturen bedeutsam. Patienten aus ethnischen Gruppen, die noch den Glauebn an Übernatürliches hegen, dürfen ihre Krankheiten öfter auf übernatürliche Kräfte zurückführen, als sie dem Arzt gegenüber zuzugeben bereit sind.“[1]

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Heiler als Schamane, sein Status, sein Umfeld, seine Mittel und seine Rituale. Im Spannungsverhältnis von wissenschaftlicher Medizin, medizinhistorischen Erkenntnissen und musikwissenschaftlicher Forschung aus dem Bereich der Ethnomusikologie werden an Hand einiger Beispiele Universalien im Bereich der Schamanenrituale evident werden, wie auch die Bedeutung der Musik in diesen Kontexten untersucht werden. Wie lassen sich Krankheiten bei indigenen Völkern verstehen? In welchem Verhältnis stehen Emotionen, Musik und veränderte Bewusstseinszustände? Sind die Heilungen nur Gaukeleien oder steckt da mehr dahinter? Welche Bedeutung haben Heilzeremonien in Gruppen? Diese Fragen sollen im Folgenden eruiert werden. Den Beginn soll die Wirkungsweise von Musik markieren.

2. Systematik, Eingrenzungen und Quellenlage

In den zwei historischen Kategorien nach Bruhn[2], die sich bis heute in unterschiedlichen Kontexten wiederfinden, wird die Wirkungsweise[3] der Musik wie folgt eingeteilt:

1) Musik als magisch-mythisches Werkzeug

Über alttestamentarische, ägyptische Papyrusrollen und chinesische Quellen zur Musik in der Therapie ist rekonstruiert worden, dass der Musik eine übersinnliche Kraft zugesprochen worden ist und teils heute noch in einer Nähe zu Religiösem und Esoterischem zugesprochen wird. Als weitere Quellen werden auch Opern und Singspielwerke wie bspw. von Mozart als eine Art biographisch-gesellschaftlicher Spiegel angeführt.[4] Er fasst für diese Kategorie zusammen, dass „[a]llen diesen Methoden gemeinsam [ist,] dass sie aus rudimentären wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet und als pädagogische Methode kommerzialisiert wurden. [...]“[5]

1*) Musik als Abbild kosmischer Ordnung

Diese Vorstellung ist vornehmlich aus antiken bzw. hellenistischen Quellen abzuleiten. Aufgrund fehlender Beweise in der Analogie ist dieses Konzept als Unterkategorie zu 1) zu verstehen.[6]

2. Musik als Medikament

In dieser Kategorie ist zu unterscheiden zwischen der Iatromusik, welche zwar eine Wirkung[7] auf den menschlichen Organismus besitzt, jedoch ihre Mechanismen selbst nicht nachgewiesen werden können und dem Versuch musikalische Wirkungsweisen im Rahmen medizinisch-empirischer Studien näher bestimmen zu wollen, wie bspw. bei der lokalen Anästhesie von heute.

An dieser Stelle soll eine Eingrenzung und Fokussierung auf den zu eruierenden Bereich stattfinden: Diese Kategorien sind epochengeschichtlich nachzuvollziehen in 1)[8] prähistorischer Zeit[9] und die alten Hochkulturen, Antike, Mittelalter, Renaissance und 2) Vom 17. Jahrhundert bis heute, wobei aus 1) in dieser Arbeit die „Naturvölker“[10] eine besondere Berücksichtigung in der Untersuchung der Heilergestalt, im Bereich des Schamanismus erfahren soll:

„In manchen außereuropäischen Kulturen hat der Einsatz von Musik in der Therapie einen ähnlichen geschichtlichen Verlauf wie in Europa genommen [...]. Gerade in den Kulturbereichen, die von der westlichen Zivilisation und Industrialisierung noch nicht so umfassend geprägt sind, erhält Musik als Teil therapeutischer Zeremonien jedoch überwiegend eine magisch-mythische Bedeutung [...]. Im Zentrum steht immer eine einzige Person (Schamane, Medizinmann, Derwisch), die als Mittler zwischen den Menschen und übernatürlichen Kräften (Geistern) angesehen wird. Durch ein wechselvolles Zusammenspiel aller sensorischen Bereiche (außer Musik auch visuelle, taktile, olfaktorische und gustatorische Reize) werden Bewusstseinsveränderungen hervorgerufen. Sie können in Richtung auf Ekstase (sensorische Deprivation mit Halluzination) oder Trance (Überstimulierung mit anschließender Amnesie) führen“[11]

Was die Quellenlage zum Schamanismus betrifft, so sind die Forschungen von Hubenstorf von der Wiener Medizinuniversität hervorzuheben, welche neben der Festlegung des klassischen Literaturkanons auch internationale Symposien mit methodologischen Beurteilungen der Fachbereiche von sozialwissenschaftlich orientierter Forschung bis hin zu naturwissenschaftlich-medizinischen Herangehensweisen beinhalten. Auch in Bezug auf die Zusammenlegung der Recherchedatenbanken Medline und Histline zur Medizingeschichte[12] sind Neuerungen zu beachten. Enzyklopädisch[13] zusammengefasst, lässt sich Schamanismus als Verbund aus religiösen Gruppen fassen, die sich durch eine spezifische, mehr oder weniger reglementierte[14], rituelle Praxis auszeichnen. Die HeilerInnen bzw. SchamanInnen auch sog. primitivste Ethnien, trotz räumlicher oder zeitlicher Trennung voneinander zur spontanen Entwicklung einheitlicher kultureller ´Elementargedanken´ in der Lage seien. Bastians Theorie stand im Widerspruch zu der durch den Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904) formulierten Konvektionstheorie, die jede spontane Entwicklung kultureller Elementargedanken ablehnte und an ihre Stelle ausschließlich einen räumlichen (Nachbarn) oder historischen (Vorfahren) Kulturkontakt setzte. Für und wider beide Theorien gibt es bis heute starke Argumente.“ Eckart, 1998, S.8

[...]


[1] Frank,1992, S.79/80

[2] Vgl. Bruhn, 2000, S.9 ff.

[3] „Erfolgreich ist die musiktherapeutische Arbeit bei psychovegetativen Störungen (Schweißausbrüche, nervöse Herzbeschwerden, Atembeklemmungen), funktionellen Störungen des Organismus (Kreislaufprobleme, Verdauungsbeschwerden, Spannungskopfschmerzen) oder psychosomatischen Krankheiten (Magengeschwür, Asthma [...])“ Bruhn, 2000, S.5

[4] Vgl. Bruhn, 2000, S.9

[5] Bruhn, 2000, S.10

[6] „Es ist jedoch leider nicht nachweisbar, dass zwischen physikalischer Welt und menschlichem Erleben tatsächlich Analogien bestehen. Weder lassen sich die Proportionen der platonischen Sphärenmusik in der irdischen Musik wiederfinden, noch gibt es die Übereinstimmung zwischen Emotionen und Musikrichtungen [...] Somit stellt sich heraus, dass auch die Vorstellung von einer ordnungsstiftenden Kraft der Musik im Prinzip eine magisch-mythische Vorstellung ist.“ Bruhn, 2000, S.10/11

[7] Bruhn, 2000, S.11 Abbildung

[8] Der Autor der vorliegenden Arbeit hat an dieser Stelle die Systematik nach Bruhn, 2000, S.13 ff. durch die detailreichere (historische) Systematik von Echkart, 1998, IX - XII erweitert. Eine ältere Systematisierung wäre von Inglis (1965) zu nichtmedizinischer Heilkunst, aufgelistet nach ihrer wachsenden Entferung zur wissenschaftlichen Medizin bei Frank, 1992, S.78; die Entscheidung in der Arbeit gegen Inglis (PSVortrag vom 22.11.11) geht mit der differenzierteren Begriffsverständnis von „wissenschaftlicher Medizin“ einher: Eine „Entfernung zur wissenschaftlichen Medzin“ ist methodologisch kritisch zu hinterfragen und an dieser Stelle nicht haltbar: Es wird eher eine Kategorisierung vom Körperlichen über das Geistige zum Religiös- Esoterischen vollzogen! Vgl. Frank, 1992, S.78

[9] „Vieles von dem, was wir heute über die Heilkunde und über Heilkunde in prähistorischer Zeit mutmaßen (magisch-animistische Medizin, Fetisch-Glaube, einfache Empirie) ist letztlich kaum mehr als der historisch problematische Analogieschluß von uns bekannten zeitgenössischen Formen der vorrationalen (primitiven) Medizin auf die Situation in prähistorischen Gesellschaften. Versuche dieser Art gehen zurück auf die Anwendung und Erweiterung von Adolf Bastian (1826-1905) formulierten ethnokulturellen Konvergenztheorie. Der Begründer der modernen Völkerkunde meinte beobachtet zu haben daß alle Völker

[10] „Die Untersuchung der religiösen Heilkunst in den sogenannten primitiven Gesellschaften und der westlichen Gesellschaft erhellt gewisse Aspekte menschlichen Verhaltens, die für Psychotherapie von Belang sind. An den übernatürlichen Heilmethoden wird deutlich, wie dicht die Wechselbeziehung zwischen Annahmensystemen und Gefühlszuständen ist und wie eng das Verhältnis beider zu Gesundheit und Krankheit. Sie lassen außerdem die Parallele zwischen dem inneren Gestörtsein und den gestörten Beziehungen zur eigenen Gruppe, im Rahmen einer sich folgerichtigen Annahmenwelt, die Heilung bewirken kann. [Vgl. ´Tabuverletzung als Krankheitsauslöser - Strafe und Krankheit´ bei Eckard,1998, S.10 ff. ]. In manchen Eigenschaften schließlich weisen die Heilrituale primitiver Gesellschaften zu den naturalistischen Psychotherapien interessante Ähnlichkeiten auf, die dazu beitragen können, beide besser verständlich zu machen.“ Frank, 1992, S.79

[11] Bruhn, 2000, S.18

[12] Hubenstorf, 2013, LV

[13] Brockhaus, 1992, S.281

[14] Schmidhofer, 2010, S.252

Details

Seiten
10
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656577546
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267381
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Heiler Schamane Medizinmann Ethnomusikologie Medizingeschichte Rituale Massenpsychologie veränderte Bewusstseinszustände Tabuverletzungen Charisma Musiktherapie Krankheit Gesundheit

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Titel: Die Heiler in der Musiktherapie außereuropäischer Kulturen