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Rassenwahn und NS-Ideologie - Die "Vergiftung" der deutschen Sprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Sprache im Dritten Reich
2.1. Veränderungen innerhalb der deutschen Sprache
2.2. „Vergiftung“ der Sprache
2.2.1. „Blut und Boden“
2.2.2. Rassenwahn und Fachtermini aus den Naturwissenschaften
I. Hitlers „Mein Kampf“
II. Rosenbergs „Mythus des XX. Jahrhunderts“
III. Sprachwörterbücher im Nationalsozialismus
2.3 Die Sprache der SS

3. „Vergiftung“ durch die Sprache: Ein Rück- und Ausblick

Bibliographie

1. Vorwort

Sicherlich war der Nationalsozialismus mit seinen politischen Ritualen und Symbolen, die um die Begriffe von Nation und Volk, Größe und Macht kreisten, Teil einer gemeineuropäischen Entwicklung, die als „Nationalisierung der Massen“ bezeichnet wurde: Diese bediente sich der Formen einer politischen Liturgie und romantisch – frühzeitlicher Mythen, um das Volk scheinbar an der Politik teilhaben zu lassen. Nicht in der parlamentarischen Rede und im gelehrten Gespräch, sondern in einer symbolischen Kommunikation, durch Zeichen und Rituale, teilten die nationalen Bewegungen ihre Botschaften mit. Wenn das gesprochene Wort eingesetzt wurde, dann diente es weniger der rationalen Auslegung einer Ideologie, sondern war Teil eines Zeremoniells, das sich meist pseudoreligiöser Formen bediente.

Die Auslegung der Ideologie des Nationalsozialismus und die Verbreitung und Stärkung des Rassenwahns aber bleiben dem geschriebenen Wort vorbehalten. Hier werden neue Weltbilder geschaffen, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel gemein haben. Der gesellschaftliche und kulturelle Fokus wird immer weiter verengt, die Sprache immer roher und gewaltverherrlichender. Durch ein Forcieren der eigenen „Literatur“ und der Zensur alles „undeutschen“ oder „unvölkischen“ wird den Menschen die Möglichkeit genommen, andere Informationsquellen als die des Regimes zur eigenen Bildung zu nutzen. Die Intelligentia der Weimarer Republik wird – sofern sie nicht in die Partei Adolf Hitlers eintritt – verdrängt oder vernichtet.

Das deutsche Volk soll „gleichgeschaltet“ werden – auch im Bezug auf die geistige Ausbildung.

Die geistige Vergiftung der Deutschen dieser Zeit geht einher mit der Vergiftung der Sprache. Die Vergiftung der Sprache wiederum trägt zur Vergiftung des Geistes bei. Die „Motoren“ dieses Teufelskreises sind vor allem zwei Werke, deren Auflagen Millionen zählen. Zum einen Adolf Hitlers „Mein Kampf“, zum anderen Alfred Rosenbergs „Mythus des XX. Jahrhunderts“. Beide Bücher waren bereits lange vor der Machtergreifung käuflich – und trugen somit sicherlich auch zum Ziel der Machtübernahme der NSDAP bei.

„Mein Kampf“ und der „Mythus“ sollen aus diesem Grunde die Hauptwerke bei einer Untersuchung auf „Gift im Text“ darstellen. Danach soll mit Hilfe von drei Sprachwörterbüchern geprüft werden, ob der dort verwendete Sprachgebrauch nur von den Autoren genutzt, oder ob er tatsächlich in den Wortschatz des Deutschen eingeflossen ist. Ebenso soll nachgewiesen werden, welche – für den NS – Sprachgebrauch typische – Wörter bereits vor der Machtergreifung existent waren, und welche nach dem Untergang des Dritten Reiches weiterhin bestehen blieben.

Ein kleiner Einblick in die Sprache der SS soll dann verdeutlichen, wie stark die Vergiftung des Geschriebenen sich in der Vergiftung des Gesprochenen niederschlägt.

Das letzte Kapitel dieser Hausarbeit befaßt sich dann mit „Gift und Text“, was mit einer „Vergiftung durch Text und Sprache“ substituiert wird. Dieses Kapitel soll weniger empirisch – wissenschaftlichen, sondern mehr sozialpolitischen und erörternden Inhalts sein und eine Begründung suchen, wie ein Volk unter anderem durch Text so „vergiftet“ werden konnte.

Die physische Vergiftung in Konzentrationslagern schließlich wird bewußt ausgelassen, da über dieses Thema schon etliches geschrieben wurde, und der Rahmen dieser Arbeit dadurch gesprengt werden würde.

Heiko Wenzel, Tübingen, den 16. September 2003

2. Sprache im Dritten Reich

2.1. Veränderungen innerhalb der deutschen Sprache

Die Macht aber, die die großen historischen Lawinen religiöser und politischer Art ins Rollen brachte, war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Wortes.“ (Hitler, 1939, S. 116)

Wie kein anderer Demagoge vor ihm, hatte Hitler die Macht des Mediums „Sprache“ erkannt und für sich zu nutzen gesucht. Nicht nur die „Bierkellerreden“ der frühen 20er Jahre sind hier gemeint – vielmehr eine Umwälzung des Sprachgebrauchs, der Wortwahl, der Wortbedeutungen, die mit Hilfe von Rundfunk, Zeitung, Fernsehen und nicht zuletzt durch erziehende Menschen (wie Lehrer, Eltern usw.) stattgefunden hat. Der Weg dieses Diktators zur Macht war z.T. über die Sprache möglich geworden. Unermüdlich zogen Joseph Goebbels und Adolf Hitler durch das Deutsche Reich, um dessen Bevölkerung zu umgarnen. Kaum waren dann auch die finanziellen Mittel vorhanden, kaufte die NSDAP den „Völkischen Beobachter“ auf. Mit einem Schlag konnten die Verführer nun - noch vor der breiten Verteilung der „Volksempfänger“ - auf fast alle Menschen via Druck zugreifen.

Doch der Besitz einer Zeitung und demagogische Hetzreden allein können kaum ausschlaggebend für die frenetische Umjubelung Hitlers oder Goebbels’ gewesen sein. Hitler selbst, der sich als Meister der Redekunst bezeichnet (Hitler, 1939, S. 522), gibt in seinem Buch „Mein Kampf“ eine Erklärung für die Erfolge seiner Reden. Erstens solle sich der Redner auf die Stufe des Niveaus seines primitivsten Zuhörers stellen; zweitens soll er die Gedanken so langsam und vorsichtig aufbauen, dass auch der Schwächste folgen kann; und drittens soll der Redner – so er das Gefühl hat, die Menge sei nicht überzeugt – seine Gedanken so oft erneut und mit neuen Beispielen vortragen, bis die auch die letzten Zweifler „kapitulieren“. (Hitler, 1939, S. 527) Eine absolute Vereinfachung und eine ständige Wiederholung bilden also die Grundlage des Erfolges – und werden somit Grundlage eines Umbruchs der deutschen Sprache.

Die Veränderung des Wortschatzes im Dritten Reich zeichnet sich nicht so sehr durch Neologismen aus. Vielmehr erfahren einige Wortgruppen starke Sinnveränderungen, Änderungen von Wortwerten und Worthäufigkeiten. Die Ideologie des Nazismus verbreitete sich in der Volksmenge wie ein schleichendes Gift; die Einzelworte, Redewendungen, die Satzformen, die millionenfachen Wiederholungen wurden mechanisch und unbewusst aufgenommen. Diese Sprache zeichnete sich darin aus, dass sie die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem aufhebt. Sie gliedert den einzelnen in die Masse ein, versucht seine Persönlichkeit zu betäuben um ihn schließlich zum gedanken- und willenlosen Stück einer in eine bestimmte Richtung getriebenen Herde zu machen.

2.2. „Vergiftung“ der Sprache

2.2.1. „Blut und Boden“

„Eines stärkt und stählt das andere. Mit Schwert und Pflug für Ehre und Freiheit lautet also notwendig der Schlachtruf eines neuen Geschlechts, das ein neues Reich errichten will […]“

(Rosenberg, 1943, S. 534)

Die Sprache des Naziregimes wird oftmals gleichsam mit einer sogenannten „Blut- und Bodenideologie“ genannt. Tatsächlich hat diese Thematik stark verändernd in den deutschen Wortschatz eingegriffen. Damit verbunden waren die Wiederbelebung von Archaismen (Österreich wurde zur „ Ostmark “), eine Vielzahl von Komposita mit Rasse-, Volk- und Blut-, sowie einige Neuprägungen. (Arbeiterrasse, Volksempfinden etc.). Interessant dabei erscheint, dass der Nationalsozialismus jedem Begriff solcher Art einen gegensätzlichen Begriff liefert. Der Volksgenosse steht dem Judengenosse, das Kulturvolk der Sklavenkolonie gegenüber.

So entsteht ein Schwarz-Weiß, bzw. Freund-Feind-Muster, das die nationalsozialistische Ideologie in Schlagwörter rastert – es entsteht ein Weltbild, das nur aus Kontrasten und Extremen besteht.

Die „Blut- und Bodenideologie“ wurde hauptsächlich von zwei Menschen geprägt: Zum einen von Heinrich Himmler, „Reichsführer – SS“, dessen Hang zu „Landwirtschaft“ und „Rassenauslese“ den Genozid erst in seinem ganzen, schrecklichen Umfang beginnen ließ; und zum anderen Alfred Rosenberg, der schon in den 20iger Jahren mit seinem Werk „Mythus des XX. Jahrhunderts“ den Grundstein zur NS-Ideologie und der Rassenkunde als diskriminierende Scheinwissenschaft legte.

Als sich Himmler zu Beginn der 20iger Jahre - die NSDAP war damals noch zu bedeutungslos, um ihm die Möglichkeit zu bieten, seine völkische Bauernpolitik zu verwirklichen – den Artamanen[1] anschloß, lernte er auch den Mann kennen, der den Vorurteilen des völkischen Bauernpolitikers erst den ideologischen Schliff gab und sie in das System einer Rassenlehre einordnete: Richard Walther Dareé. Dieser künftige Argrarexperte der NSDAP nahm Himmler in die Schule. Nach einer späteren SS – Publikation Dareés, von Himmler in Auftrag gegeben, sei das Problem der Landwirtschaft in erster Linie keine Wirtschaftsfrage, sondern eine „Frage des Blutes“. Das Bauerntum habe „immer die allein tragfähige blutliche Grundlage unseres Volkes gebildet“. Mithin sei es Aufgabe des Staates, die bäuerliche Blutsgrundlage zu verbreitern (durch Siedlungspolitik, Geburtenförderung etc.). Entscheidend komme es darauf an, die „die besten Blutsgrundlagen unseres Volkes so schnell wie möglich mit dem Boden unlösbar zu verbinden“.[2] (Anm.: Darreé wurde von Himmler später in die Schutzstaffel geholt und bekam die Leitung des „Rasse- und Siedlungsamtes“ übertragen)

Im Gegensatz zu Himmlers kindlichen Ideen eines deutschen Bauernvolkes in schwarzer Uniform steht Alfred Rosenberg. Der später in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher hingerichtete ehemalige Leiter des außenpolitischen Amtes der NSDAP war nicht nur Mitbegründer der „Blut- und Bodenideologie“, sondern überhaupt der Vater der nationalsozialistischen Weltanschauung. Allerdings bezieht sich Rosenbergs Blut- und Bodenideologie nicht wie bei Himmler und Dareé auf Landwirtschaft, Landflucht und eine Stärkung des deutschen Bauerntums. Denn nicht nur der Intellekt Rosenbergs übertrifft den Reichsführer – SS um ein vielfaches, sondern auch seine Auffassung, sein Weltbild und seine Rassenlehre überragen den Kleingeist Himmler um einiges. Der „Mythus des XX. Jahrhunderts“ ist demnach auch keine „kleine Rassenlehre“ oder „Das kleine abc des Nationalsozialisten“, wie ein Buch Goebbels‘ heißt. Im „Mythus“ werden Staat, Kunst, Architektur und Religion – immer mit Blick auf die sog. „Rassenseele“ – analysiert und bewertet. Beginnend mir der „Vorzeit“ und endend mit der „heutigen Erneuerungsbewegung“ (Anm.: des dritten Reiches) verfälscht Rosenberg historische Tatsachen, archäologische Daten und philosophische Schriften, um die Vormachtstellung der „arischen“ Rasse und des „Germanentums“ scheinbar logisch und geschichtlich zu begründen.

Nicht der „Boden“, sondern das „Blut“ erhält höchste Priorität. Neben kraftvollen Ausdrücken, ständigen Herabwürdigungen anderer Kulturen und herben Beschimpfungen, fällt ebenso die überaus häufige Wiederholung von „Blut“ und damit gebildeten Komposita ins Auge.

„Entweder steigen wir durch Neuerleben und Hochzucht des uralten Blutes, gepaart mit erhöhtem Kampfwillen, zu einer reinigenden Leistung empor, oder aber auch die letzten germanisch – abendländischen Werte der Gesittung und Staatenzucht versinken in den schmutzigen Menschenfluten der Weltstädte, verkrüppeln auf dem glühenden unfruchtbaren Asphalt einer bestialisierten Unmenschheit oder versickern als krankheitserregender Keim in Gestalt von sich bastardisierenden Auswanderern [...].“ (Rosenberg, 1943, S. 82)

Da einzig und alleine der Germane bzw. die nordische Rasse schöpferische Kraft besitze und die Kunst der Staatenbildung und –führung beherrsche, sei sie allein auserwählt, die Welt zu führen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn das Blut „rein gehalten“ wird. Die Vermischung eines solch „wertvollen“ Blutes aber wird, nach Rosenberg, unausweichlich die menschliche Spezies dem Untergang zuführen. Wie nun, und vor allem: warum wird dieses Blut gemischt? Schuld an allem, am Untergang großer Imperien, an Wirtschaftskatastrophen usw. ist nach Rosenberg „der Jude“! Die Hasstiraden gegen das jüdische Blut (= Volk) nehmen im „Mythus des XX. Jahrhunderts“ so groteske Züge an, wie sie wohl nie wieder in schriftlicher Form erreicht wurden.

„So sehen wir denn seit 2500 Jahren das ewig gleiche Bild. Gierig nach Gütern dieser Welt, zieht der Jude von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und bleibt dort, wo er am wenigsten Widerstand für geschäftige Schmarotzerbetätigungen findet. [...] Gaukelhaft halb und halb dämonisch, lächerlich und tragisch zugleich [...] zieht Ahasver als Sohn der Satan – Natur durch die Geschichte der Welt.“ (Rosenberg, 1943, S. 265)

In einem Unterkapitel, „Ackerboden und Freiheitsidee“ (Mythus, S. 533), veranschaulicht Rosenberg seine „Bodenideologie“, die von Himmlers leicht abweicht. Denn während der SS – Chef „nur“ das Bauerntum stärken will (was natürlich nur durch die Okkupation fremder Länder zu bewerkstelligen war), wittert Rosenberg eine „Charaktervergiftung“; denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts und mit der einsetzenden Industrialisierung steigen die Menschenmassen in den Städten auf Millionenhöhe an. Durch Not und Armut geschwächt, gerät der deutsche Proletarier „unter den Einfluß syrischer Verschwörer“ – die „Charaktervergiftung“ wird zur „Seelenvergiftung“.[3]

Seltsamerweise berührt Hitler hingegen die „Boden-“ Thematik in „Mein Kampf“ kaum. Lediglich im Kapitel „Ostorientierung und Ostpolitik“ („Mein Kampf“, S.726) schreibt er, daß der gegen das Judentum gerichtete deutsche Überlebenskampf eine Expansion erfordert. Denn nur ein angemessenes Verhältnis von Bevölkerungszahl und Bodenfläche kann das Überleben garantieren. Diese Gebietsausweitung aber würde in Richtung Osten stattfinden. Doch verrät diese Kapitel eher den Willen Hitlers zu einem Expansionskrieg aus Machtgelüsten, und mitnichten den Hang zu einer solchen Ideologie, wie sie Himmler und Rosenberg forcieren und mystifizieren.

2.2.2. Rassenwahn und Fachtermini aus den Naturwissenschaften

„Es ( Anm .: das deutsche Recht) wird sich das Wort Lagardes über die Juden zu eigen machen müssen, daß man Trichinen nicht erziehen kann, sondern so schnell als möglich unschädlich zu machen hat.“ (Rosenberg, 1943, S. 590f)

Im vorangegangenen Kapitel „Blut und Boden“ wurden bereits einige Andeutungen und Ausführungen zu dem Thema „Rassenwahn“ niedergeschrieben. Da die „Vergiftung“ der deutschen Sprache jedoch in diesem Bereich ihr größtes Ausmaß erreicht hat, soll und muß dem „Rassenwahn“ des dritten Reiches ein eigenes Kapitel angegliedert werden. Dazu gesagt werden muß aber auch, daß der Antisemitismus bereits in der Weimarer Republik in den Gedanken der damaligen Gesellschaft auf äußerst fruchtbaren Boden gefallen war.

Mit der Verschriftlichung des NS – Gedankengutes zur Rassenkunde wurden immer mehr Fachtermini aus den Naturwissenschaften – vorzugsweise der Biologie – für den Menschen und seine körperlichen und charakterlichen Eigenschaften verwendet. Dies trifft im Übrigen nicht nur auf die „minderwertigen“ Rassen zu. Auch der „Arier“ wurde in seinen Eigenarten über solche Fachbegriffe definiert. Daraus läßt sich ebenso schnell wie einfach schließen, wie wenig ein Mensch als lebendes und denkendes Individuum an Wert besaß. Die „Vergiftung“ der Sprache in diesem Teilgebiet zeigt genau: der Mensch im dritten Reich war entweder „Abfall“ oder Ressource, doch niemals ein eigenständiges, wertvolles Unikat.

Vorangestellt werden muß zudem, daß alleine das Wort „Jude“ in seinem semantischen Gehalt schon eine Abwertung enthielt. Als „Juden“ werden „Halblinge“ bezeichnet – „Bastarde aus dem Volk der Semiten“ (Rosenberg).

Im Folgenden nun sollen Hitlers „Mein Kampf“, Alfred Rosenbergs „Mythus des XX. Jahrhunderts“ sowie die gängigsten Sprachwörterbücher (nach S. Müller) der Zeit von vor 1933 bis hin zur neuesten Auflage (in diesem Falle das Jahr 1991) auf „Rassenwahn“ und Fachtermini aus den Naturwissenschaften untersucht werden.

I. Hitlers „Mein Kampf“

„Ich sah dann eine Lehre ( Anm.: des Judentums) vor mir, bestehend aus Egoismus und Hass, die nach mathematischen Gesetzen zum Sieg führen kann, der Menschheit damit aber auch das Ende bringen muß.“ (Hitler, 1939, S. 54)

In der Goldausgabe von „Mein Kampf“ aus dem Jahre 1939 (478. Auflage) finden sich im „Personen- und Sachverzeichnis“ unter der Schlagwort „Judentum“ ca. 60 Verweise (mit häufig mehr als zwei Seitenangaben pro Verweis). Unter den Stichworten „Rasse“, „Rassenhygiene“, „Rassestreit“ und „Rassesinn“ sind immerhin ca. 40 Verweise eingetragen. Mögen Rassenkunde und Antisemitismus auch gewiß nicht die grundlegenden Themen in „Mein Kampf“ sein, ihre wichtige Position in der „Weltgeschichte“ Hitlers und der Politik bleiben unübersehbar.

In den Kapiteln zehn und elf versucht der „Führer“ den historischen Werdegang des Judentums zu skizzieren. Er beginnt mit der „germanischen Staatenbildung“ und endet pamphletisch in der Gegenwart. Amüsanterweise kommen in der gesamten Darstellung Jahreszahlen niemals vor! Auch scheint „der Jude“ nur den „arischen Völkern“ schaden zu können, denn nur eben diese werden im Kapitel „Werdegang des Judentums“ in ihrer konträren Position genannt: „ Eine Entwicklung setzt ein, die immer dieselbe oder eine ähnliche war, wenn irgendwo Juden auf arische Völker stießen.“ (Hitler, 1940, S. 338) An Beleidigungen und Erniedrigungen wird nicht gespart. Juden werden mit der Pest verglichen (339), als „ewige Blutegel“ (339) bezeichnet und „Scheusale“ genannt (341). Hitler deutet die Geschichte nach seinem eigenen Machtwillen um – er reißt Versatzstücke aus ihren Zusammenhängen heraus und fügt sie in einen anderen Zusammenhang ein, den er nicht gefunden, sondern selbst konstruiert hat! Seine Deutung ist eine Entwicklungslinie vom Ursprung des Judentums bis zum Marxismus hin. Sprachlich zeigt sich dieser Rassimus in Neologismen mit dem Wortbestandteil „Jude“, einer verlogenen Eigenkreation der Geschichtsschreibung und dem Hang dazu, mit naturwissenschaftlichen Fachtermina zu arbeiten. Als Beispiel hierfür soll eine kleine Zusammenfassung der Seiten 357ff dienen.

[...]


[1] Deutsche Jugendbewegung vom völkischen Flügel, nationalistische Idealisten, die „auf eigener Scholle“ siedeln wollten, und deshalb Osteuropäische Landwirte vertreiben wollten.

[2] Nach: „Blut und Boden“, Teil I, S. 17, in: Heinz Höhne, Der SS-Staat, S. 49

[3] Mythus des XX. Jhds., S. 532f

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638289795
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26734
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Neuphilologikum
Note
1,7
Schlagworte
Rassenwahn NS-Ideologie Vergiftung Sprache

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