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Sirene, Hexe, Femme fatale. Der Wandel des Loreley-Sujets in der deutschen Literatur

Seminararbeit 2012 42 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung der Arbeit
1.2 Allgemeine Vorgehensweise

2 Forschungsüberblick
2.1 Ältere Forschungen
2.2 Jüngere Forschungen.

3 Vom Fels zum Mythos – Genese einer Kunstfigur
3.1 Brentanos Schöpfung – Gestaltung des Loreley-Motivs
3.1.1 Die verführerische Schönheit der Loreley
3.1.2 Die Loreley-Landschaft
3.1.3 Stereotype Stoffelemente des Loreley-Motivs
3.2 Mögliche literarische Einflüsse
3.2.1 Adaptionen
3.2.2 Kontamination – Brentanos Verarbeitung literarischer Vorbilder

4 Die Loreley – Ein Kind der Romantik
4.1 Brentanos Zu Bacharach am Rheine
4.1.1 Die Lore Lay-Ballade im Kontext des Godwi
4.1.2 Die „Lore Lay“
4.1.3 Verarbeitung und Bedeutung des Echomythos
4.2 Brentanos Rheinmärchen
4.2.1 Die Figur der Frau Lureley im Kontext des Märchens
4.2.2 Frau Lureley – eine Loreley-Gestalt
4.3 Die Lorelei Eichendorffs
4.3.1 Die „Hexe Lorelei“ in dem Gedicht Waldgespräch
4.3.2 Verarbeitung des Loreley-Motivs in der Figur der Gräfin Romana
4.3.3 Die Dichotomie von Natur (Weiblichkeit) und Kultur (Männlichkeit)

5 Von der romantischen Allegorie zum Klischee – Der Wandel des Loreley-Motivs
5.1 Die romantische Allegorie
5.1.1 Die allegorische Funktion Romanas in Eichendorffs Ahnung und Gegenwart
5.1.2 Der Weg zum Klischee
5.2 Heines Ich weiß nicht was soll es bedeuten
5.2.1 Die Lore-Ley
5.2.2 Intentionen und ihre Fehldeutungen
5.3 Ironisierung und Politisierung der Loreley-Gestalt
5.3.1 Kästner stellt die Loreley auf den Kopf
5.3.2 Politisierung des Sujets bei Erich Kästner

6 Abschließende Bemerkungen

1 Einleitung

Das an Sagen und Geschichten reiche Rheintal bietet bereits seit Jahrhunderten eine Vielzahl an Stoffen, die geeignet zur Legendenbildung sind. Das wohl bekannteste Beispiel einer solchen Mystifizierung ist ein am Rhein gelegener, 132 Meter hoher Schieferfels nahe St. Goarshausen, welcher um 1800 aus dem Geist der Rheinromantik heraus von Clemens Brentano (s)eine Stimme erhielt. Was alter Sagenwelt zu entstammen scheint, ist jedoch eine literarische Erfindung des Dichters Brentano. Er personifizierte den für sein Echo bekannten Fels „Lurley“ oder Elfenstein zu einer „sie“ und schenkte somit der Literatur das neue Sujet der Loreley-Gestalt.[1]

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Komposition des Loreley-Themas als literarisches Motiv und dessen Wandel in der deutschen Literatur auseinander. Exemplarisch für den Verlauf der Motivkette vom romantischen Thema hin zur Gestaltung eines Klischees werden verschiedene wichtige literarische Verarbeitungen des Sujets vorgestellt, um die manifestierten Wesensfacetten der Loreley bestimmen zu können.

1.1 Zielsetzung der Arbeit

Für diese Ausarbeitung soll nicht zentral die Herkunft des Loreley-Themas sein, denn entgegen älterer Forschungstradition lässt sich keine Loreley-Version finden, welche vor der Brentano-Ballade Zu Bacharach am Rheine, entstanden um 1800, geschaffen wurde.[2] Vielmehr soll auf die Genese, auf den Formungsprozess des Motivs zu einer Kunstfigur näher eingegangen werden, um darauf aufbauend den Wandel des Themas beispielhaft zu erläutern.

Wer oder was ist die Loreley, und wie gelang es Clemens Brentano, mit seiner Schöpfung einen Mythos zu kreieren, welcher trotz unzähliger Adaptionen immer noch in seinen Wesenszügen erkennbar bleibt? Welche Einflüsse wirkten vor und während des Entstehungsprozesses unter Rücksichtnahme auf die romantische Herkunft, und wie stellt sich die epochenübergreifende Entwicklung durch unterschiedliche Verarbeitungen und Auffassungen des Themas dar? Was macht die Loreley für Dichter der letzten zwei Jahrhunderte so attraktiv, und wie mutiert das romantische Bild der schönen, blonden Frau auf dem Felsen zu einem überbeanspruchten Stoff?

In der folgenden Arbeit werden Bemühungen angestellt, diesen Fragen auf wissenschaftliche Art und Weise nachzugehen.

1.2 Allgemeine Vorgehensweise

Nach einem kurzen Forschungsüberblick wird auf die Entstehung und Gestaltung des Loreley-Motivs bei Clemens Brentano eingegangen. Vor allem soll aufgezeigt werden, wie es Brentano gelang, Stoffe aus verschiedenen Quellen so zu assimilieren, dass seine Loreley der von ihm angestrebten Ursprünglichkeit gerecht wurde. Sowohl die Ballade Zu Bacharach am Rheine als auch die Ballade in dem Märchen von dem Hause Starenberg und den Ahnen des Müller Radlauf werden im jeweiligen Romankontext hinsichtlich des Loreley-Motivs betrachtet und analysiert. Die Weiterentwicklung des Sujets soll dann anhand von Adaptionen Eichendorffs und Heines exemplarisch verdeutlicht werden. Im Hinblick auf die romantische Herkunft wird der Fokus hierbei auf die Wandlung des Motivs von der romantischen Allegorie zur Ironisierung desselbigen gelegt. Beachtung soll hierbei den Fehldeutungen des Heine-Gedichts Ich weiß nicht was es soll bedeuten zukommen. Abschließend befasst sich die vorliegende Arbeit mit der Politisierung der Loreley-Gestalt als Nationalsymbol und deren kritische und satirische Verarbeitung in Erich Kästners Handstand auf der Loreley.

Wird in der nachfolgenden Arbeit, ohne Bezug auf einen bestimmten Autor, auf die literarische Gestalt verwiesen, so wird dies unter dem Namen Loreley geschehen. Die favorisierten Schreibweisen der einzelnen Autoren werden nur dann übernommen, wenn ausdrücklich von der jeweiligen Loreley-Gestalt die Rede ist.

Der textuelle Umfang dieser Ausarbeitung liegt in der Anzahl der aufgeführten direkten Zitate und Quellen sowie der Verwendung der Fußnoten-Zitation begründet.

2 Forschungsüberblick

Die Forschungen zum Loreley-Sujet und die dazugehörige Forschungsliteratur lassen sich in die ältere, positivistische Forschung und die jüngere, verständnisorientierte Forschung differenzieren. Beide Ansätze sollen nun näher erläutert werden.

2.1 Ältere Forschungen

Im Zuge der Romantik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erweckte die Kreation Brentanos reges Forschungsinteresse. Das Hauptaugenmerk der meist positivistisch orientierten Germanisten fiel hierbei nahezu ausschließlich auf die Frage nach der Herkunft der Loreley. Besonders Heinrich Heines 1823 entstandene, berühmte Verszeile vom Märchen aus alten Zeiten (I, 3)[3] wurde sowohl von den meisten Forschern als auch von der Leserschaft wörtlich genommen. Das tiefe Bedürfnis der Romantik, die Existenz einer poetischen Seele des Volksmundes nachzuweisen[4], ließ die Forschung darauf beharren, die Loreley entstamme der deutschen Sagenwelt und habe in der Volkssage ein lange Tradition. Brentano hatte mit seiner Schöpfung den Zahn der Zeit so genau getroffen, dass es kaum jemand wagte, den volkstümlichen Ursprung des Stoffes anzuzweifeln. Sehr zügig fand das Motiv Anwendung in einer Vielzahl von Werken romantischer Dichter. Auch Clemens Brentanos erneute poetische Verarbeitung des Sujets in seinen 1846 veröffentlichten Rheinmärchen trug zur Festigung jener Überlieferungsthese bei. So lobt G. BAUR 1847 in einer Rezension:

Fassen wir den Totaleindruck dessen, was er [=Brentano] auf diesem Gebiete geleistet, mit einigen Hauptzügen zusammen, so ist es zunächst das volkstümliche Element, was in diesen Märchen freundlich uns anspricht: nicht blos, daß er seine Stoffe meist aus Volksmärchen entlehnt, sondern er zeigt, daß er in den Kreisen des Volkes, namentlich in reichsstädtischem Markt- und Straßenleben heimisch ist, und wie er für das Treiben des Volkes ein offenes Auge hat, so weiß er es auch mit Liebe und Freundlichkeit auf’s lebendigste und heiterste darzustellen. [5]

Die Frau Lureley, eine Weiterentwicklung der Lore Lay Brentanos und eine der Hauptfiguren der Rheinmärchen, bleibt bei BAUR gänzlich unerwähnt.

Nur wenige kritische Stimmen erhoben sich gegen das Mythologisieren der Loreley. Alexander KAUFMANN erklärt im Vorwort seiner Mainsagen: Daß die Lorelei nicht volksthümlich, sondern ein poetisches Erzeugniß Brentano’s, ist wohl mit vollster Gewißheit anzunehmen.[6] Die Beachtung dieser und ähnlicher Aussagen führte oftmals zu einer Flut von „Beweisen“ für das hohe Alter der angeblichen Sagengestalt. Weder die Fülle der Verarbeitungen des Loreley-Motivs, noch deren Bedeutung innerhalb des jeweiligen Werkkontextes fanden Aufmerksamkeit.

2.2 Jüngere Forschungen

Die jüngere Forschungsliteratur verabschiedet sich Ende der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts von der positivistischen Überlieferungsthese und wendet sich unter anderem einer textimmanenten Interpretation des Sujets zu. Die Loreley, nun als Schöpfung Brentanos anerkannt, wird in ihrer Entwicklung zum literarischen Motiv betrachtet. Man verfolgt verständnisorientierte Interpretationen des romantischen Kunstprodukts, welche sich zunächst auf die Lore-Ley Heines beziehen.[7] Heinz WETZEL führt diese Tradition mit seinem 1970 erschienenen Aufsatz Heinrich Heines Lorelei: Stimmungszauber oder Bewußtseinsbildung? fort, mit dem Unterschied, dass er erstmals in der Forschungsliteratur auf die Ironie Heines in dessen Loreley-Verarbeitung eingeht. Diese Ironie komme aufgrund der Fraglichkeit der romantischen Stimmungslyrik zustande und gebe somit dem Gedicht die Aufgabe, das Verhältnis des Dichters zur Romantik […] figurativ darzustellen.[8]

Weiterhin zur jüngeren Forschung des Sujets soll der Aufsatz Orient – Italien – Rheinlandschaft. Von der dreifachen 'Heimat alles Wunderbaren'. Zu Clemens Brentanos 'Lore Lay' von Bernhard GAJEK genannt werden. Dieser fokussiert die Stellung der Ballade im Kontext von Brentanos Roman Godwi oder das steinerne Bild der Mutter – Ein verwilderter Roman und zieht wichtige Rückschlüsse auf die Genese der Kunstfigur, welche auch in späteren Forschungsbeiträgen bearbeitet werden. Hervorgehoben wird hier, in Anlehnung an Werner BELLMANNS Aufsatz aus dem Jahre 1978 Die Lore Lay-Ballade und der antike Echo-Mythos, der Einfluss der Metamorphosen von Ovid und Tassos Epos Das befreite Jerusalem auf Brentanos Schöpfung.[9]

In den letzten zwei Jahrzehnten widmete sich die Forschungsliteratur ebenfalls dem Zusammenhang zwischen den festzustellenden Veränderungen in der Auffassung des Themas und den Wandlungen des Dichtungsbegriffs der Epoche [10] und der symbolisch-ideellen Funktion der Loreley in der deutschen Kultur.[11]

Wie es Clemens Brentano gelang, nicht nur ein für die Literatur neues Motiv, sondern auch einen Mythos zu schaffen, soll im nächsten Abschnitt der Arbeit aufgezeigt werden.

3 Vom Fels zum Mythos – Genese einer Kunstfigur

Wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde, bot die sagenumwobene Rheinlandschaft für die Autoren der Romantik genügend Anlass zur literarischen Verarbeitung. Es ist anzunehmen, dass auch Clemens Brentano vor der Entstehung seiner Lore Lay bereits um die Legenden und Geschichten jenes auffälligen und für sein Echo berühmten Felsens wusste und sich inspirieren ließ.

3.1 Brentanos Schöpfung – Gestaltung des Loreley-Motivs

Als Dichter der Romantik wurde Clemens Brentano nicht allein durch bereits existierende Sagen zur Entwicklung und Gestaltung des Loreley-Themas bewegt. In poetischer Hinsicht erwiesen sich die ihm bereits bekannten Namen Bacharach und Loreley als äußerst fruchtbar. So ist im Vorwort des ersten Bandes der Gesammelten Schrifte n Brentanos zu lesen:

Die Sage von der Lurlei, welche Clemens Brentano erfand in der Ballade

(Godwi II. Seite 392):

„Zu Bacharach am Rheine

Wohnt eine Zauberin,

Sie war so schön und feine

Und riß viel Herzen hin“ usw.

(Gesammelte Schriften II. Seite 391)

und an den Namen Lurlei, den ein vorspringender Schieferberg (Lei) führt, angeknüpft hat, ist seitdem in die Sagendichtung der rheinischen Lande übergegangen und, als wenn es ein alter Stoff wäre, vielfach von Anderen bearbeitet worden. [12]

Einen weiteren Beleg für den Ursprung der Motivation zur Konzeption des Sujets lieferte 1862 der Historiker Johann Friedrich BÖHMER, welcher in einem Brief an Alexander Kaufmann schrieb:

Daß er die Lorelei auf keine andere Grundlage als den Namen Lurlei erfunden habe, hat mir Clemens Brentano gesagt. [13]

Die eigentliche, wörtliche Bedeutung des Namens muss dem Dichter also bekannt gewesen sein. Es handelt sich hierbei laut JESKE um ein verdunkeltes Kompositum, welches mit großer Wahrscheinlichkeit seit langer Zeit ein Flur- bzw. Wasserflurname gewesen ist. Das Determinatum ley gehört dem semantischen Wortfeld des Mineralbereichs an und bedeutet Fels/ Schiefer. Das Determinans hingegen verweist auf akustisch wahrnehmbare Eindrücke wie summen/rauschen, so dass die Übersetzung des Namens als der Fels, wo es summt (rauscht) mehr als stimmig scheint.[14]

Brentano schuf seine Ballade und das daraus hervorgehende Motiv der Loreley ganz im Sinne der romantischen Programmatik der Volkstümlichkeit und der damit verbundenen Suche nach einem Kulturzustand der Naivität.[15] Die Poetisierung elementarer Wirklichkeit war so überzeugend, dass, wie bereits erwähnt, seine Urheberschaft lange Zeit von der Forschung ignoriert oder gar abgestritten wurde. Durch das Adaptieren, Modifizieren und Verschmelzen einer großen Anzahl von poetischen Gebilden und anderen Quellen war es dem Dichter möglich, nicht nur der Literatur eine neue, authentische Gestalt, sondern auch der Welt einen neuen Mythos zu schenken. Mögliche literarische Vorbilder, intertextuelle Bezüge, sowie die Art und Weise ihrer Verarbeitung durch Brentano werden in dieser Arbeit zu einem späteren Zeitpunkt noch näher erläutert. Zunächst sollen die äußere Erscheinung, die Landschaft und die Stoffelemente der Loreley aufgeführt werden.

3.1.1 Die verführerische Schönheit der Loreley

Für die äußere Erscheinung und für die bezaubernde, verführerische Aura der Loreley konnte Clemens Brentano auf eine Vielzahl an möglichen literarischen Vorbildern zurückgreifen, denn das Bild der betörenden, anmutig wirkenden Frauengestalt, die Männer ins Verderben stürzt, ist ein literarischer Topos mit äußerst langer Tradition. Dementsprechend schwierig erweist es sich, die scheinbar übernatürliche Schönheit der Loreley auf eine spezifische literarische oder mythologische Quelle zurückzuführen. Einen Versuch unternimmt LENTWOJT dennoch, indem er auf die Rolle der Frau in der christlich geprägten Mythologie eingeht. Beginnend mit der alttestamentarischen Eva, scheint die Frau der Hölle meist näherzustehen als der Mann.[16] Ebenfalls erwähnenswert sind die Anführungen Gabriele BRANDSTETTERS über die Vielfalt dämonischer Verführerinnen in der antiken Mythologie. Sie beschreibt die schöne Helena aus Homers Ilias, die aufgrund ihrer Verführungskunst den trojanischen Krieg ausgelöst haben soll und die Zauberin Kirce der Odyssee, die Männer mit Sirenengesang in ihren Bann zieht, als mögliche Vorbildgestalten der Loreley.[17] Als standardisiertes, optisches Merkmal weist die Loreley stets langes, meist blondes Haar auf, welches sie oftmals mit einem Kamm frisiert. In einigen späteren Adaptionen begleitet sie ihren betörenden Gesang mit einer Lyra oder Laute. Einsamkeit, Trauer, Sehnsucht und Wehmut gehören aber ebenso zum Wesen der Loreley, wie ihre verführerische Schönheit.

Wann immer die Loreley in der Literatur in Erscheinung tritt, tut sie dies in einer bestimmten Gestalt und meist auch in einer bestimmten, durch auffällige Merkmale gekennzeichneten Landschaft.

3.1.2 Die Loreley-Landschaft

Peter LENTWOJT beschäftigt sich in seinem 1998 erschienenen Werk Die Loreley in ihrer Landschaft mit dem Zusammenspiel der stereotypisierten Wesenszüge der Loreley-Gestalt und der immer wiederkehrenden Landschaft, in welcher sie sich bewegt. Der Merkmalkatalog LENTWOJTS umfasst den Rhein bei St. Goarshausen/St. Goar, den Loreley-Felsen, das Echo, ein oder mehrere Schiffer im Kahn am Fuße des Felsens, Abenddämmerung oder Mondschein und die Loreley-Gestalt selbst auf dem Gipfel des Felsens sitzend.[18] Das in den Rheinmärchen Brentanos auftauchende Schloss der Frau Lureley kann als Variation oder Metapher für den Felsen gesehen werden. Diese Aufstellung lässt ebenfalls erkennen, dass die Loreley-Gestalt selbst ein fester Bestandteil der Loreley-Landschaft zu sein scheint. Naturerscheinungen und Frauengestalt korrespondieren und verschmelzen miteinander. In vielen Loreley-Adaptionen bescheint der Mond den Felsen, den Wasserstrom und das Haar der Loreley, wodurch eine visuelle Farbharmonie zustande kommt, welche durch den Gesang und das Rauschen des Flusses akustisch ergänzt wird.[19]

3.1.3 Stereotype Stoffelemente des Loreley-Motivs

Trotz vielfältiger literarischer Verarbeitung des Themas, können dem Loreley-Sujet generell einige wichtige Handlungskomponenten und Stoffelemente zugeschrieben werden. Diese weisen zwar häufig Erweiterungen oder Umwandlungen durch die jeweiligen Verfasser auf, bleiben aber in ihren Grundzügen deutlich erkennbar. Die vorliegende Arbeit soll dies, anhand von späteren Analysen exemplarisch ausgewählter Verarbeitungen des Motivs, aufzeigen.

Als typische Komponenten des Geschehens- und Handlungsmusters können vor allem das Moment der unglücklichen Liebe, der erotischen Hingabe und des religiösen Glaubens als sich ständig reibende Gegensätze gelten. Gabriele BRANDSTETTER bezeichnet Letzteres als Muster von Verführung und Bekehrung.[20] Diese Form der inneren Zerrissenheit zeigt sich sowohl in der Loreley-Gestalt selbst, welche trotz übernatürlicher Schönheit den einen Mann, den sie wirklich liebt und begehrt, nicht für sich allein gewinnen kann, als auch in der Rolle des Mannes, welcher sich zwischen heidnischer Verführung und religiöser Frömmigkeit entscheiden muss. In späteren Adaptionen des Loreley-Stoffs werden diese Grundelemente nicht mehr in ihrer intendierten Form präsentiert. Unter dem Schleier der Ironie sind sie noch erkennbar, doch ist ihre Funktion innerhalb und außerhalb des Werkes eine andere, wie es in Kapitel 5.3 der Arbeit deutlich gemacht werden soll.

Das Erscheinungsbild, die Landschaft und die typischen Stoffkomponenten tragen gemeinsam zur Gestaltung des Loreley-Sujets bei, welches sich in der literarischen Tradition als konstant erweist, in zeitlich und räumlich getrennten Dichtungen wiederkehrt und somit der Definition eines Motivs gerecht wird.[21]

3.2 Mögliche literarische Einflüsse

Clemens Brentano schuf seine Lore Lay und das sich daraus entwickelnde Loreley-Motiv nicht nur aus eigener dichterischer Phantasie. Er bediente sich, wie bereits erwähnt, einer Vielzahl bereits vorhandener literarischer Stoffe, durch deren Verschmelzung die Kunstfigur der Loreley entstand. Die intertextuellen Bezüge der Loreley-Dichtung Brentanos, welche in jüngeren Forschungsbeiträgen viel Aufmerksamkeit erfahren haben, sollen an dieser Stelle aufgeführt werden.

3.2.1 Adaptionen

Der gefährliche und gleichzeitig betörende Gesang der Sirenen ist ein Thema, welches der Literatur bereits seit der homerischen Odyssee bekannt ist. Die Stimme der Frau wird zum Werkzeug der Lockung und Verführung. Durch die literarische Übernahme dieser antiken Vorlage gelingt es Brentano, das natürliche Element des Wassers zu mystifizieren und als Ort des möglichen Untergangs zu formen.[22]

Ein weiterer intertextueller Bezug ist direkt mit dem Gesang der Loreley verknüpft: das Echo. Dass der besagte Fels am Rhein für sein besonderes Echo berühmt war, dürfte auch Clemens Brentano bekannt gewesen sein. Werner BELLMANN weist in seinem Aufsatz Brentanos Lore Lay-Ballade und der antike Echo-Mythos auf Ovids Metamorphosen als literarisches Vorbild hin, dessen Einfluss an vielen Stellen des Godwi -Romans erkennbar ist.[23] Vor allem das Verwandlungsmotiv und die Geschichte der Nymphe Echo sind für die Lore Lay-Ballade Brentanos von Bedeutung. Eine detailliertere Beschreibung der Bedeutung des Echo-Mythos für das Loreley-Sujet findet an einer späteren Stelle dieser Arbeit statt.

Im Märchen von dem Hause Starenberg und den Ahnen des Müller Radlauf aus den 1846 erschienenen Rheinmärchen wurden auch andere, meist antike oder mythologische Stoffe adaptiert. So findet sich in den Rheinmärchen die Frau Lureley als Hüterin des Nibelungenhorts wieder und erhält, anknüpfend an die Melusinen-Thematik, in periodischen Abständen ihre Nixengestalt. Auch sind die Grundzüge des Starenberger-Fluchs, welcher die Familie seit Generationen plagt, bereits in der Stauffenberg-Sage angelegt.[24]

[...]


[1] vgl. http://www.rhein-lahn-info.de/geschichte/loreley/chronik.html (6.12.2011)

[2] vgl. Lentwojt (1998), S. 32f

[3] Heine Sämtliche Schriften I (1968), S. 107

[4] Lentwojt (1998), S. 43

[5] Baur (1847), S. 205

[6] Kaufmann (1853), S. XIV

[7] vgl. Arendt (1969), S. 18

[8] Wetzel (1970), S. 54

[9] vgl. Gajek (1988), S. 141ff

[10] Lentwojt (1998), S. 33

[11] vgl. Kramp/ Schmandt (2004), S. 5

[12] Brentano Gesammelte Schriften I (1852), S. 15

[13] Böhmer (1868), S. 379

[14] vgl. Jeske (1984), S. 115ff

[15] Brandstetter (1986), S. 156

[16] vgl. Lentwojt (1998), S. 116f

[17] vgl. Brandstetter (1986), S. 52f

[18] vgl. Lentwojt (1998) S. 228f

[19] vgl. Lentwojt (1998) S. 229

[20] Brandstetter (1986), S. 51

[21] vgl. Lurker (1991), S. 493

[22] vgl. Stuby (1985), S.75ff

[23] vgl. Bellmann (1978), S. 1f

[24] vgl. Lentwojt (1998), S. 164f

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Titel: Sirene, Hexe, Femme fatale. Der Wandel des Loreley-Sujets in der deutschen Literatur