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Das Frauenideal im grimmschen Märchen. Unbewusste Beeinflussung der Kinder?

Kinder und Jugendliteratur in der Pädagogik

Essay 2013 7 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

„Es war einmal...“ - eine Floskel die wohl jeder von uns kennt, denn jeder kennt

Märchen und jeder kennt wohl mindestens ein Märchen auswendig. Kinder wachsen heute mit den verschiedensten Erzählungen aus dieser Gattung der Literatur auf. Doch was ist nun ein Märchen? Zunächst einmal gibt es diese in allen Kulturkreisen und sie wurden häufig mündlich überliefert, ehe sie schriftlich festgehalten wurden. Es gibt zwei Arten von Märchen: Volks- und Kunstmärchen. Erstere wurden mündlich und zumeist anonym überliefert. Häufig unterscheiden sie sich auch regional. So ist die Erzählung von Rotkäppchen1oder Dornröschen in Frankreich eine andere als hier zu Lande. Die Kunstmärchen bilden den Gegensatz zu den Volksmärchen. Bekannt sind hier die Erzählungen von Hans Christian Andersen, so zum Beispiel das hässliche Entlein oder die kleine Meerjungfrau. Der Autor dieser Geschichten ist immer bekannt und die Verbreitung sowie der Ausbau der Erzählung erfolgte nicht mündlich, vielmehr wurde sie gezielt verfasst und publiziert.

Die wohl berühmteste Märchensammlung ist die, der Brüder Grimm die Anfang des 19. Jahrhunderts entstand. Allerdings muss uns bewusst sein, dass wenn wir von den grimmschen Märchen sprechen, diese keineswegs von ihnen erdacht wurden. Sie haben lediglich Volkserzählungen gesammelt und festgehalten. An einigen Stellen haben sie diese zudem angepasst und vereinheitlicht.2

Zur Zeit der Entstehung der grimmschen Märchen, war die Gesellschaft dem Wandel ausgesetzt. In Europa war vieles geschehen und die Gesellschaft war im Wandel. Nach der französischen Revolution übernahm Napoleon die Macht in Frankreich und versuchte seinen Herrschaftsbereich in den folgenden Jahren weiter in Europa auszudehnen. Auch Deutschland3blieb davon nicht verschont. So kam es dann nicht nur zur offiziellen Auflösung des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation (HRRdN) 1805, sondern auch zur Verbreitung der Ideale, welche sich durch die Französische Revolution gebildet hatten. Das Bürgertum erlebte eine Blütezeit und in einigen Ländern auf deutschem Gebiet wurde der Code Napoléon4installiert. Auch das Frauenbild änderte sich zu diesem Zeitpunkt. Ausgehend von der Aufklärung wurde der Begriff der Familie völlig neu definiert.

„Die Kinder gewannen für die Eltern an Bedeutung und wurden in den Vordergrund der bürgerlichen Familie gestellt. Parallel zur Begrenzung der Familie auf die Eltern und ihre Kinder entfaltete sich eine individualistische Familienmentalität.“5

Allerdings gilt zu wissen, dass dies nicht die bürgerliche Wirklichkeit war, sondern eher eine Denkweise. Die Literatur dieser Zeit, war ein vorrangiger Werbeträger für diese neuen Familienideale. „In der Biedermeierzeit erreichte die Verklärung des neuen Frauenbildes ihren ersten Höhepunkt und das Familienleben erlangte eine große Bedeutung.“6Was meint dieses Frauenbild, welches bis heute noch in Teilen populär ist? Es war Jean-Jacaques Rousseau der an die Mütterlichkeit und der natürlichen Bestimmung der Frau zur Mutter appellierte.7Mutter-sein und Mütterlichkeit waren Ideale die sich Anfang des 19. Jahrhunderts in den Vordergrund drängten innerhalb der bürgerlichen Ideologien. Die Frau wurde idealisiert zu einer Art Heiligen welche in ihrer Rolle als Mutter und Gattin aufging. Frauen sollten sich um die Erziehung der Kinder kümmern und den Haushalt führen. „Die gute Frau war eine gute Mutter, ehrbar, verheiratet, fruchtbar, und vor allen Dingen fromm, gehorsam, keusch und schweigsam.“8Sollte eine Frau nicht diesem Ideal entsprechen und auch nicht in ihrer Mutterrolle aufgehen so wurde sie meist moralisch von der Gemeinschaft verurteilt. Es galt schon fast als anormal oder gar böswillig in der bürgerlichen Gesellschaft. Die gute Mutter ist lieb, zärtlich und warm. Ihr Gegenteil, also die schlechte Mutter, ruft Empfindungen der Lieblosigkeit, Grausamkeit, Bösartigkeit und Kälte hervor. In Märchen gibt es auch diese zwei Arten von Müttern. Die schlechte Mutter wird dann aber als Stiefmutter bezeichnet. Diese Mütter entsprechen nicht dem Frauenideal des 19. Jahrhunderts.

[...]


1 Das deutsche „Rotkäppchen“ endet damit das das Mädchen am Ende aus dem Leib des Wolfes befreit wird. In Frankreich bleibt das Rotkäppchen verschlungen. Ist ist anzunehmen das dies geschieht um den erzieherischen Wert zu verdeutlichen. So steht das Rotkäppchen wohl für leichtfertig Mädchen und der Wolf für den Verführer. Wenn das Rotkäppchen also verschlungen bleibt ist dies eine weitaus dramatischer Möglichkeit vor dummen Entscheidungen auf dem Lebensweg zu warnen.

2 Vgl.: Blaha-Peillex, N.: Mütter und Anti-Mütter in den Märchen der Brüder Grimm. Tübingen 2008, S. 40.

3 Deutschland war zu diesem Zeitpunkt noch nicht als ein Einheitsstaat zu verstehen. Bis 1805 exsitierte das HRRdN. Es gab also einen Kaiser, der das Staatsoberhaupt bildete. Allerdings waren die einzelnen Staaten des Reichs (z.B. Preußen; Bayern) eher autonom. Eine wirkliche Änderung hin zum Einheitsstaat sollte es erst 1871 geben.

4 Der Code Napoléon bezeichnet zwei Gesetzbücher die unter der Herrschaft Napoléons in Frankreich entstanden. Berühmt ist vor allem der Code civil (Zivilgesetzbuch). Die Forderungen der französischen Revolution wurden hier umgesetzt (Liberté, Egalité, Fraternité - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und allen männlichen Bürgern garantiert.

5 Blaha-Peillex 2008, S. 14.

6 Ebd. S. 15.

7 Ebd. S. 18.

8 Thurer, S.: Mythos Mutterschaft. Wie der Zeitgeist das Bild der guten Mutter immer wieder neu erfindet. München 1995, S. 232.

Details

Seiten
7
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656573708
ISBN (Buch)
9783656573654
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v267051
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Pädagogik
Note
1,7
Schlagworte
Märchen Frauenbild Pädagogik grimmsche Märchen Schneewittchen Frauenideal Rousseau

Autor

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