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Die Botschaft des Terrorismus

Wie können demokratische Gesellschaften ihr erfolgreich entgegenwirken?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 32 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Das Phänomen „Terrorismus“
1.1 Historische Entwicklung
1.2 Allgemeine Definition
1.2.1 Wesentliche Merkmale
1.2.1.1 Wer sind die Täter?
1.2.1.2 Die Opfer terroristischer Anschläge
1.2.1.3 Welcher Mittel bedienen sich Terroristen?
1.2.1.4 Der Terrorismus als „Kommunikationsstrategie“

2. Reaktionen auf Terrorismus
2.1 Staatliche Reaktionen
2.1.1 Internationale Kooperation im Kampf gegen den Terror
2.1.2 Politisches Dilemma: Sicherheit versus Freiheit
2.2 Mediale Antworten auf terroristische Botschaften
2.2.1 Symbiose zwischen „Medien“ und „Terrorismus“
2.2.2 Gezielter Kommunikationskanal der Terroristen
2.2.3 Spannungsfeld: sachliche Informationsvermittlung versus
Sensationsjournalismus

3. Alternative Reaktions-Modelle
3.1 Das Resilienz-Konzept
3.2 Benjamin Barbers Idee der „Starken Demokratie“

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

„Schlachten des Islam werden nicht mit Kanonen-

kugeln gewonnen, sondern indem man Angst

in das Herz des Gegners pflanzt.“

Anwar Aziz, Selbstmordattentäter

Einleitung

Der immer schneller voranschreitende Prozess der Globalisierung hat unsere Welt innerhalb der letzten Jahrzehnte tiefgreifend verändert. Ruhte der Fokus hinsichtlich politischer, kultureller sowie gesellschaftlicher Aspekte nach dem Ende des zweiten Weltkrieges noch stark auf den einzelnen Nationalstaaten, so sind wir heute Teil einer „kosmopolitischen Gesellschaft“ (Kaschner 2008: 228). Dieser Entwicklung verdanken wir wichtige positive Wirkungen – verbesserte internationale Zusammenarbeit, dichte technische Vernetzungen, schneller Informationsaustausch; sie stellt uns aber gleichzeitig vor die Herausforderung, mit wachsenden und meist folgenschweren Problemen erfolgreich umzugehen. Beispiele hierfür sind die weltweit wachsende Kluft zwischen armen und reichen Nationen, die Problemlage internationaler Migrationsbewegungen, die zahlreichen Auswirkungen des Klimawandels und schließlich die Entwicklung eines global agierenden Terrorismus (Wilkinson 2006: 158).

Besonders das Phänomen „Terrorismus“ hat „auf unser aller Leben in den letzten 35 Jahren Einfluss genommen“ (Schiller 2007: 99). Zahlreiche Experten erklären den Anschlag auf eine Gruppe israelischer Athleten während der olympischen Spiele 1972 zur Geburtsstunde des internationalen Terrorismus (Meckel 2008: 251). Seit diesem Vorfall haben die Anzahl, das Ausmaß sowie die Komplexität terroristischer Bewegungen weltweit stark zugenommen. Einen Höhepunkt, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind, fand diese Entwicklung am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Anschläge auf das World Trade Center gaben dem Terrorismus selbst, aber auch den politischen, medialen, gesellschaftlichen Reaktionen darauf ein neues Gesicht (Lindner 2011: 117). Nicht nur die USA als direkt betroffene Nation, sondern auch zahlreiche weitere westliche Staaten sahen sich in den folgenden Monaten mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, angemessen auf diesen terroristischen Angriff zu reagieren.

In erster Linie waren es demokratische Staaten, die sehr schnell erkennen mussten, dass die Leitgedanken ihrer Regierung – eine offene Gesellschaft, geschützte Freiheiten für Bürgerinnen und Bürger, ein großer Bewegungsfreiraum im eigenen Land – sie für Terroristen zum leichten Ziel und damit sehr verwundbar machten (Wilkinson 2006: 194). Daraus folgend ergab sich, zusätzlich zu der Gefahr von außen, zunehmend ein zentraler innerstaatlicher Konflikt. Es galt für die demokratischen Gesellschaften die Frage zu beantworten, welchem Aspekt sie in Zeiten wachsender und kaum vorhersehbarer Bedrohungen mehr Bedeutung beimaßen – Sicherheit oder Freiheit (Becht 2010: 177). Auf welche Weise sollten sie auf terroristische Botschaften antworten? War es ratsam, eine „konventionelle kriegerische Antwort“ (Barber 2003: 114) zu wählen wie es die Vereinigten Staaten von Amerika taten? Oder sollte man primär versuchen, dem internationalen Terrorismus mit einer intensiven Stärkung demokratischer Werte und so schließlich mit einer„Demokratisierung der Welt“ (Barber 2003: 114) zu begegnen?

Bis heute haben zahlreiche Akteure derartige Überlegungen aus einem politischen, wirtschaftlichen, medialen und wissenschaftlichen Blickwinkel erörtert. Dabei gaben immer wieder Meldungen über aufkommende Sicherheitsbedrohungen, wie beispielsweise der Fund einer Kofferbombe am Bonner Hauptbahnhof im vergangenen Jahr, Anstoß zu neuen Reflektionen (Carstens 2012).

Mit meinen nachfolgenden Ausführungen möchte ich an diese Reflektionen anschließen und dazu die Frage beantworten, ob es offenen Gesellschaften heutzutage überhaupt möglich ist, sich erfolgreich dem Kommunikationsmodell „Terrorismus“ zu entziehen und ob sie es in der Vergangenheit bereits getan haben. Um diese Fragestellung umfassend zu erörtern, bedarf es in meinen Augen der präzisen Darstellung folgender drei Themen: des Phänomens „Terrorismus“ an sich, derjenigen Reaktionen auf terroristische Anschläge, die sich sowohl auf politischer als auch auf medialer Ebene in den letzten Jahren beobachten ließen, und schließlich denkbarer Alternativ-Modelle, mit denen demokratische Gesellschaften terroristischen Bedrohungen begegnen können.

Aufgrund seiner hohen Komplexität werde ich mich in einem ersten Abschnitt zunächst auf das Wesen des Terrorismus konzentrieren. Existiert heute eine profunde Definition dieses Phänomens und wenn ja, welche Aspekte umfasst sie? Wo liegen die historischen Ursprünge des Terrorismus? Wer sind die Opfer terroristischer Handlungen, wer die Täter? Inwiefern können wir Terrorismus als „Kommunikationsstrategie“ (Waldmann 2001: 13) bezeichnen?

Diese Fragen sollen zunächst ausführlich beantwortet werden, um im zweiten Teil meiner Arbeit die bisherigen Reaktionen auf terroristische Anschläge zu analysieren. Welche Form der „Risikokommunikation“ (Kaschner 2008: 166) ließ sich international bisher beobachten? Welche Maßnahmen wählten gerade demokratische Staaten, um einen Ausweg aus dem „Spannungsfeld zwischen Rechtsstaatlichkeit und Terrorbekämpfung“ (Kaschner 2008: 259) zu finden? Dabei möchte ich mich gezielt darauf fokussieren, welche Rolle die Politik sowie die mediale Berichterstattung spielten. Inwieweit haben sie Terroristen durch ihr Verhalten möglicherweise in die Hände gespielt (Weichert 2007: 86)?

Im Anschluss an diese Überlegungen werde ich mich im letzten Teil meiner Ausführungen schließlich denjenigen Modellen zuwenden, die man im Kontext eines erfolgreichen Umgangs mit Terrorismus besonders in den letzten Jahren intensiv erörtert hat. Es handelt sich dabei um die folgenden zwei Ansätze: das Resilienz-Konzept und Benjamin Barbers Gedanken zur „Starken Demokratie“ (Barber 1994: 99). Können demokratische Gesellschaften mit Hilfe dieser theoretischen Entwürfe tatsächlich einen Weg finden, um terroristischen Botschaften furchtlos begegnen zu können? Ermöglichen diese Modelle im Gegensatz zu bisherigen Antworten auf Terrorismus „eine gesunde Balance zwischen Sicherheit und Freiheitsrechten“ (Kaschner 2008: 300)?

1. Das Phänomen „Terrorismus“

Spricht man heute vom „internationalen Terrorismus“, so ruht der Fokus primär auf Terrororganisationen mit religiös-fundamentalistischen Ideologien. Dabei agieren die Vertreter derartiger Vorstellungen weltweit und kämpfen offensiv gegen westliche Demokratien wie die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien oder Deutschland. Der Terrorismusbegriff selbst hat sich jedoch in der Vergangenheit immer wieder verändert und so an Komplexität gewonnen. Daher möchte ich zunächst die wichtigsten historischen Entwicklungsphasen beschreiben.

1.1 Historische Entwicklung

Betrachtet man die Geschehnisse der vergangenen 13 Jahre - zunächst die Terroranschläge 2001 in den USA, dann jene in Indonesien, Spanien, Großbritannien und schließlich die zahlreichen vereitelten terroristischen Aktivitäten wie jüngst in Deutschland – so scheint der Terrorismus ein „integraler Bestandteil [...] der Moderne [zu sein, A.L.]“ (Kaschner 2008: 300). Die Ursprünge dieses Phänomens reichen jedoch bis in die Zeit der Französischen Revolution zurück. So prägte der damalige Revolutionsführer Maximilien de Robespierre den Begriff auf entscheidende Weise (Meckel 2008: 247). Mit Hilfe seines „Régime de Terreur“ versuchte Robespierre damals die französische Gesellschaft grundlegend zu verändern. Dabei konnotierte er dieses anfängliche Modell des Terrorismus in keiner Weise negativ. In seinen Augen diente der Begriff als wichtiges Symbol politischer Tugend und Vollkommenheit. Während seiner grausamen Herrschaft betonte er daher immer wieder, dass „der Terror nicht ein besonderes Prinzip der Demokratie [ist, A.L.], sondern sich aus ihren Grundsätzen [ergibt, A.L.], welche dem Vaterland als dringendste Sorge am Herzen liegen müssen“ (Meckel 2008: 248). Bereits zu diesem Zeitpunkt kennzeichneten „zwei Schlüsseleigenschaften“ (Hoffman 2003:16) das „Régime de Terreur“, die mit der gegenwärtigen Ausprägung des internationalen Terrorismus übereinstimmen. Die von Robespierre durchgeführten Maßnahmen waren gut organisiert und folgten einer eigenen Rationalität. Zudem legitimierte man das rigide Vorgehen der Herrscher mit dem Ziel, „eine neue und bessere Gesellschaft [zu schaffen, A.L.]“ (Hoffman 2003: 17).

Am Ende der Französischen Revolution verlor der Terrorismus seine positive Konnotation und wurde zunehmend kritisch betrachtet (Hoffman 2003: 18). Außerdem hatten die Geschehnisse in Frankreich einen förderlichen Nährboden für weitere terroristische Strömungen in ganz Europa geschaffen. So riefen besonders die wachsende Vorstellung einer neuen Nationalstaatlichkeit sowie weitreichende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen „eine neue Ära des Terrorismus hervor, in der das Konzept viele seiner bekannten revolutionären, staatsfeindlichen Aspekte von heute gewann.“ (Hoffman 2003: 18).

Während des 19. Jahrhunderts agierten vornehmlich in Russland und heutigen südost-europäischen Staaten zahlreiche Gruppierungen, die versuchten, sich mit Hilfe terroristischer Handlungen gegen die bestehende Herrschaft aufzulehnen (Hoffman 2003: 26).

Der nächste entscheidende Bedeutungswandel innerhalb der Geschichte des Terrorismus lässt sich auf die Jahre zwischen 1930 und 1945 datieren, als autoritäre Regime zahlreiche europäische Länder kontrollierten (Hoffman 2003: 27). Während dieser Zeit fasste man unter dem Begriff „Terrorismus“ vorrangig diejenigen Formen der Massenunterdrückung zusammen, die „durch totalitäre Staaten [...] gegen ihre eigenen Bürger angewandt [wurden, A.L.]“ (Hoffman 2003: 27). Die Regierungen selbst distanzierten sich jedoch deutlich von dieser Definition und wehrten sich gegen jede Gleichsetzung ihrer Politik mit terroristischen Handlungen (Hoffman 2003: 28). Auch innerhalb der Wissenschaft besteht bis heute eine Unstimmigkeit darüber, ob sich die damaligen Regime wirklich als Formen des „Terrorismus“ definieren lassen (Waldmann 2001: 10).

Zwischen 1950 und 1970 entstanden neue Dimensionen des Begriffes. Zusätzlich zu den bisherigen Aspekten zählte man nun auch die international zu beobachtenden Aufstände einheimischer Bevölkerungsgruppen gegen ihre Kolonialmächte zum Terrorismus. So gehören seitdem „nationalistische und ethnisch separatistische Gruppen außerhalb kolonialer oder neokolonialer Strukturen sowie auch radikale [...] ideologisch motivierte Organisationen“ (Hoffman 2003: 31) eng zum Phänomen Terrorismus.

Besonders während der 90er Jahre gewann der Begriff weiter an Komplexität, da sich zu dieser Zeit international neue Strömungen formierten, welche man als terroristische Bewegungen anerkannte (Hoffman 2003: 32). So kam es schließlich zu einer letzten signifikanten Bedeutungsverlagerung des Terrorismus „von einem Einzelphänomen subnationaler Gewalt [hin, A.L] zu einem unter mehreren Elementen [...] von nichtstaatlichen Konflikten“ (Hoffman 2003: 34).

Es lässt sich festhalten, dass sich der Begriff „Terrorismus“ in seiner Komplexität bis in die heutige Zeit gesteigert hat. Es überrascht daher nicht, dass er sich schwerlich tiefgreifend erfassen lässt (Lindner 2001: 68). So stehen zahlreiche intensive Bemühungen, eine „einheitliche und konsensuell verwendete Definition im öffentlichen Raum“ (Gerhards et. al 2011: 13) zu finden, immer wieder im politischen, akademischen und medialen Fokus. Bisher war es allen Akteuren jedoch nicht möglich, eine allgemein anerkannte Definition zu formulieren (Waldmann 2001: 10).

Im folgenden Abschnitt möchte ich mich auf dieses Dilemma konzentrieren. Dabei werde ich wichtige Gründe aufzeigen, die eine erfolgreiche Definitions-Genese bisher verhinderten. Wenn auch eine umfassende Bestimmung des Phänomens bis heute fehlt, so konnte sich die internationale Gemeinschaft doch auf einige Kernelemente des Terrorismus einigen. Daher möchte ich auch diese Merkmale im Folgenden darlegen.

1.2 Allgemeine Definition

Zusätzlich zu den historischen Entwicklungen bilden die Anhänger terroristischer Gruppierungen selbst ein wesentliches Hindernis für eine eindeutige Terrorismusdefinition. So lehnen sie es immer wieder vehement ab, ihre Aktivitäten als Terrorismus zu klassifizieren (Hoffman 2003: 35). Vielmehr streben sie nach einer Bezeichnung als „Widerstands- oder Freiheitskämpfer“ (Weichert 2007: 87). Bereits mehrmals neigten sowohl die Politik als auch die Medien dazu, das von den Gruppierungen selbstgewählte Charakteristikum in zahlreichen Kontexten zu verwenden. Auch dieser Aspekt ließ die Unklarheiten innerhalb der vergangenen Jahre anwachsen (Hoffman 2003: 45) und machte den Terrorismus zu einem höchst komplexen Phänomen.

Die internationalen politischen und wissenschaftlichen Bemühungen zur Definitionsfindung werden des weiteren durch die Tatsache erschwert, dass keine eindeutige Form terroristischer Aktivitäten existiert (Waldmann 2001: 184), sondern dass sich inzwischen vier Hauptausprägungen unterscheiden lassen – der „Staatsterrorismus“, der „ethno-nationale Terrorismus“, der „ideologisch-weltanschauliche Terrorismus“ sowie schließlich der „religiös-fundamentalistische Terrorismus“ (Lindner 2011: 69). Jede dieser Erscheinungsformen zeichnet sich durch spezifische Charakteristika, wie beispielsweise die agierenden Täter, die Zielsetzung oder die Ausmaße ihrer Anschläge, aus. So bezeichnet der Staatsterrorismus „gewaltvolle Aktionen, die von einem Staat und dessen Institutionen gegen die Bürger ausgehen und somit deren Rechte missachten“ (Lindner 2011: 69). Als Beispiele hierfür gelten faschistische sowie diktatorische Regierungen.

Die weltweit bekanntesten Vertreter der zweiten Erscheinungsform sind dieEuskadi Ta Askatasuna(ETA)in Spanien oder diePalestine Liberation Organization (PLO)in Palästina, deren terroristische Aktivitäten die Autonomie einzelner Bevölkerungsgruppen nach sich ziehen sollen (Lindner 2011: 69). Die Anhänger des ideologisch-weltanschaulichen Terrorismus hingegen kämpfen für ein anderes Ideal. Sie möchten den Status Quo in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern und die Zukunft eines Landes nach ihren Prämissen gestalten (Lindner 2011: 69). Ein Extremfall dieses Terrorismus innerhalb der deutschen Vergangenheit waren die Anschläge derRoten Armee Fraktion (RAF).

Seit dem 11. September 2011 ist jedoch besonders die vierte Ausprägung, der religiös-fundamentalistische Terrorismus, international von großer Bedeutung. Die exorbitante Reichweite seiner Ziele (Lindner 2011: 69) sowie seine zahlreichen Netzwerke machen diesen Terrorismus zu einer erheblichen Bedrohung für die internationale Staatengemeinschaft.

Die große Vielzahl dieser unterschiedlichen Strukturen hat den Terrorismus heute zu einem hochkomplexen Phänomen gemacht, das sich kaum hinreichend definieren lässt. Ungeachtet dieser Tatsache beschäftigen sich zahlreiche Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Medien sowie der Wirtschaft seit Jahren intensiv mit möglichen Definitionsansätzen. Besonders die internationale Politik ist auf eine fundierte Definition angewiesen, auf die sie sich stützen kann. So forderte bereits der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan 2005, eine weltweit anerkannte theoretische Erklärung,

„die deutlich macht, dass es sich bei all jenen Handlungen um Terrorismus handelt, die die Absicht haben, den Tod oder schwere körperliche Schäden bei Zivilisten und nicht Kämpfenden herbeizuführen, mit dem Ziel die Bevölkerung einzuschüchtern oder eine Regierung oder eine internationale Organisation dazu zu zwingen, etwas zu tun oder zu unterlassen.“ (Uni Kassel 2010).

Mittlerweile existieren diverse Ausarbeitungen von Terrorismusdefinition, die sich durch eine ähnliche Komplexität auszeichnen wie das zu beschreibende Phänomen selbst. Dabei macht besonders ein Vergleich auf nationaler Ebene deutlich, wie unterschiedlich einzelne Staaten die Frage nach essentiellen Aspekten des internationalen Terrorismus beantworten. Je nach Vorstellungen der Regierung sowie entscheidenden Institutionen fokussieren die ausgearbeiteten Definitionen nur ganz bestimmte Aspekte (Hoffman 2003: 48). Als ein bekanntes Bespiel hierfür dienen häufig die amerikanischen Sicherheitsbehörden, die für jede Abteilung eine andere Bestimmung ausgearbeitet haben – je nach Interessen und Arbeitsfokus (Hoffman 2003: 48). Aufgrund dieser bestehenden Problematik scheint es kaum möglich, innerhalb der internationalen Gemeinschaft „definitionsübergreifende Übereinstimmungen“ (Gerhards et. al 2011: 16) zu finden, die das Phänomen Terrorismus umfassend beschreiben. In Anbetracht der Bedrohung, die innerhalb der letzten Jahre von terroristischen Gruppierungen ausging, sahen sich gerade die westlichen Staaten, wie die USA und die europäischen Nationen, jedoch gezwungen, eine gemeinsame Vorstellung über die wesentlichen Merkmale des internationalen Terrorismus zu entwickeln.

So gilt der Terrorismus heute schließlich als „planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund“ (Waldmann 2001: 10). Dabei intendieren alle terroristischen Aktivitäten „allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft [zu, A.L] erzeugen“ (Waldmann 2001: 10). Innerhalb meiner Arbeit werde ich mich an dieser Definition des Terrorismusexperten Peter Waldmann orientieren. So zeigt in meinen Augen der Rückblick auf die vergangenen 13 Jahre deutlich, dass sich der internationale Terrorismus durch die genannten Aspekte auszeichnet.

1.2.1 Wesentliche Merkmale

Der gegenwärtige Definitionsversuch des Terrorismus umfasst vier zentrale Fragestellungen: Wo sind die Drahtzieher terroristischer Anschläge zu lokalisieren? Welche Botschaften sollen mit Hilfe solcher Bedrohungen kommuniziert werden? An wen sind sie primär gerichtet? Welcher Mittel bedienen sich die Terroristen, um ihre Ziele möglichst erfolgreich durchzusetzen? Um im weiteren Verlauf meiner Arbeit die unterschiedlichen Reaktionen auf terroristische Aktivitäten detailliert erörtern zu können, werde ich nun zunächst diese vier signifikanten Fragen beantworten. Dabei möchte ich mich besonders auf den Aspekt konzentrieren, inwieweit sich der Terrorismus als „Kommunikationsstrategie“ (Waldmann 2001: 13) darstellen lässt.

1.2.1.1 Wer sind die Täter?

Ebenso wie der Terrorismus an sich, zeichnen sich auch die Akteure terroristischer Bewegungen durch eine starke Heterogenität aus. Bis heute war es daher nicht möglich, ein eindeutiges und international übereinstimmendes Täterprofil zu definieren (Gerhards et. al 2011: 17). Vergleicht man jedoch die gegenwärtig einflussreichsten Terror-Organisationen – zu nennen wären die Al-Qaida, ETA oder die Hamas, so lassen sich einige Parallelen erkennen.

In den meisten Fällen werden Terroranschläge von „nicht- oder substaatlichen Akteuren“ (Gerhards et. al 2011: 17) durchgeführt. Dabei handelt es sich entweder um einzelne Mitglieder terroristischer Gruppierungen oder eine kleine Partei derselben. Die verbreitete Annahme, dass es sich bei Terroristen in erster Linie um männliche Personen handelt, stellt sich besonders beim Blick auf den religiös-fundamentalistischen Terrorismus als unhaltbar heraus. Denn gerade bei dieser Form terroristischer Bewegungen lässt sich immer häufiger beobachten, dass auch Frauen und Kinder als Täter agieren (Hoffman 2003: 54).

Auch die vorherrschende Meinung, bei Terroristen handle es sich ausschließlich um mittelslose, nicht oder nur schlecht gebildete Personen, hat sich bis heute als unhaltbar erwiesen. So zeugten in der Vergangenheit zahlreiche Attentate, wie beispielsweise die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten 2001 oder in London 2005, von einem hohen Bildungsstand der agierenden Täter (Hoffman 2003: 54). Internationale Sicherheitskräfte sowie Terrorismusexperten gehen aufgrund dieser Beobachtungen zunehmend von „gewalttätigen Intellektuellen“ (Hoffman 2003: 55) aus, die für Terroranschläge verantwortlich zu machen sind.

Der Erfolg terroristischer Organisationen geht häufig nicht aus der militärischen Stärke ihrer Mitglieder hervor, sondern durch eine wirksame Verheimlichungsstrategie (Waldmann 2001: 11). So stellen sich Terroristen öffentlich nicht als wehrhafte Gesamtheit dar; sie führen ihre Operationen vielmehr aus dem Untergrund (Hoffman 2003: 52). Die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 verdeutlichen diesen Aspekt sehr deutlich. Bis zum tatsächlichen Tag der Anschläge in den USA war es Al-Qaida möglich, alle notwendigen Vorbereitungen unbemerkt von der internationalen Gemeinschaft zu treffen und ihre Pläne zu realisieren. Dass sich alle Attentäter während ihrer Planungen lange Zeit in westlichen Demokratien aufhielten, zeigt deutlich, wie erfolgreich die „Verlegenheitsstrategie“ (Waldmann 2001: 11) der Terroristen tatsächlich ist.

Mit welchen Hoffnungen, Motivationen und Plänen terroristische Akteure ihr Handeln im Einzelfall begründen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine Generalisierung ist daher kaum möglich. Dennoch wiesen zahlreiche Terroristen in der Vergangenheit wichtige Übereinstimmungen auf. So erklärten sie in Bekennerschreiben, durch Videobotschaften und Internetseiten explizit, dass sie selbst als Altruisten agieren, die „von einer Bestimmung geleitet sind“ (Schneider, Hofer 2008: 157). Derartige Äußerungen lassen sich bis heute nur schwer dahingehend überprüfen, inwieweit sie tatsächlich den persönlichen Meinungen der Attentäter entsprechen. Denn oftmals resultiert dieses scheinbar unumschränkte Engagement aus einem wachsenden Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem einzelnen Terroristen und dem gesamten Netzwerk (Waldmann 2001: 166).

Ungeachtet der Tatsache, wer sich letztlich aktiv für den Terrorismus einsetzt – der Einzelne oder die Gruppe – ihre Aktivitäten sind stets von der Überzeugung geleitet, „einer guten Sache zu dienen, die darauf ausgerichtet ist, ein wertvolles Gut zu erlangen“ (Hoffman 2003: 55). Bis heute führte dieser vermeintlich förderliche Leitgedanke zum Tod zahlreicher Menschen. Diese wurden entweder im Vorfeld gezielt von terroristischen Organisationen ausgewählt, oder sie befanden sich einzig „zur falschen Zeit am falschen Ort“ (Gerhards et. al 2011: 16).

Besonders seit den Anschlägen des 11. September 2011 haben zahlreiche Terrorismusexperten nachgewiesen, dass ein enger Zusammenhang zwischen den Zielgruppen terroristischer Anschläge und den beabsichtigen Folgereaktionen besteht (Waldmann 2001: 29). Ich möchte mich daher nun auf diejenigen Menschen konzentrieren, die dem internationalen Terrorismus zum Opfer fallen.

1.2.1.2 Die Opfer terroristischer Anschläge

Ebenso wie die Bemühungen um ein eindeutiges Täterprofil, so gestaltet sich auch die Frage nach den Opfern terroristischer Anschläge zunehmend als eine große Herausforderung. So richten sich einige Aktivitäten gezielt gegen feindliche ethnische oder religiöse Gruppen, in anderen Fällen soll hingegen „ein ganzes Land, eine Regierung oder eine politische Partei oder die öffentliche Meinung im Allgemeinen“ (Hoffman 2003: 56) getroffen werden. Ungeachtet dieser komplexen Ausdifferenzierungen zeigten alle Terroranschläge der vergangenen Jahre jedoch eine Gemeinsamkeit. Bei den Menschen, die ihnen zum Opfer fielen, handelte es sich um einfache Zivilisten, die in keine Kampfhandlung verwickelt waren. Zudem blieb diesen Menschen aufgrund der unvorhergesehenen Bedrohung oftmals die Chance verwehrt, ihr erfolgreich zu entkommen (Gerhards et. al 2011: 16). Häufig fokussieren Terroristen im Rahmen ihres Vorgehens jedoch nicht nur die Gruppe der unmittelbaren Opfer. Vielmehr werden sie als Teil eines großen Publikums, „der eigentlichen Zielgruppe“ (Waldmann 2001: 29), gesehen. Dabei agieren die Terroristen nach folgendem Prinzip: Je größer die Anzahl derjenigen Menschen ist, die direkt oder indirekt von einem Anschlag betroffen sind, desto leichter lassen sich die Ziele terroristischer Bewegungen realisieren. So gelangte der amerikanische Terrorforscher Brian Jenkins bereits 1974 zu dem Urteil, dass „Terrorismus Theater [ist, A.L.]“ (Weichert 2007: 93) und mit Hilfe seiner zahlreichen Anschläge die Menschen weltweit erreichen will.

Auf welchem Weg ist es Terroristen jedoch möglich, dieses Ziel erfolgreich zu realisieren? Welcher konkreten Strategien bedienen sie sich, um die Weltbevölkerung immer wieder nachhaltig zu erschüttern? Welche grundsätzlichen Merkmale zeichnen die „Kommunikationsstrategie Terrorismus“ (Waldmann 2001: 13) aus? Auf explizit diese Fragen konzentriert sich der nun folgende Abschnitt.

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Details

Seiten
32
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656579175
ISBN (Buch)
9783656579168
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266988
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
Terrorismus Sicherheit Resilienz

Autor

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Titel: Die Botschaft des Terrorismus