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Die Usurpation des Films im Dritten Reich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

I. Einführung

II. Die Struktur des Films im Dritten Reich
II.I Institutionelle und ökonomische Ebene
II.II Inhaltliche Ebene
II.II.I Genrefilme mit unterhaltender Funktion
II.II.II Propagandistische Filme

III. Der italienische Film im Faschismus im direkten Vergleich mit dem Film im Dritten Reich

IV. Resümierender Vergleich des Usurpationsgrades beider Systeme

V. Abbildungen

VI. Literatur

I. Einführung

Die Tatsache, dass die Nationalsozialisten ihre Ziele sowie die Beeinflussung und Willfährigkeit der Bevölkerung zu einem großen Part durch Kommunikationsmittel, deren persuasive Effekte sie (aus)nutzten, zu erreichen suchten, ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Neben Medien wie dem Radio, Reden und Ansprachen war es insbesondere der Film, den die Machthaber des Dritten Reichs, allen voran Joseph Goebbels, der dem „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ bevorstand, in den geradezu unermesslichen Propaganda­apparat der NSDAP integrierten.[1]

Die Usurpation des Films fand im Dritten Reich auf sämtlichen Ebenen statt, die es im Folgenden zu erläutern gilt. So soll nun dargestellt werden, welcher institutioneller und ökonomischer Maßnahmen sich die Macht­haber des Dritten Reichs bedienten, um die Filmindustrie, die in den 1920er Jahren in Deutschland florierte, gleichzuschalten. Des weiteren wird auf die inhaltliche Struktur des deutschen Films zwischen 1933-45 einzugehen sein.

Inwiefern man während der faschistischen Zeit in Deutschland von einer Usurpation des Films, folglich einer gewaltsamen Inbeschlagnahme, sprechen kann, soll im Fazit aufgezeigt werden. War dieses Phänomen einer Be- und Ausnutzung des Films durch ein faschistisches System auf Deutschland beschränkt? Oder waren auch andere dem Faschismus zum Opfer gefallenen Länder davon betroffen? Und inwieweit lassen sich Parallelen zwischen den deutschen Maßnahmen zur Gleichschaltung der Filmindustrie und der Vorgehensweise in anderen totalitären Staaten ziehen? Um all diesen Fragen nachzugehen, soll nach der Analyse des Films im Dritten Reich exemplarisch die Filmindustrie in Italien unter der Diktatur Mussolinis vorgestellt werden, wobei auf diese weniger intensiv als auf die deutsche Situation eingegangen werden soll. Leider ist es im Rahmen einer solchen Seminararbeit nicht möglich, alle Aspekte en Detail zu bearbeiten, jedoch können beim direkten Vergleich hoffentlich einige

Gemeinsamkeiten und die wichtigsten Unterschiede zwischen der italienischen Filmkultur und der deutschen aufgezeigt werden.

II. Die Struktur des Films im Dritten Reich

II.I Institutionelle und ökonomische Ebene

Zur vollständigen Durchdringung der deutschen Bevölkerung mit ihrer NS- Ideologie schien den Ministern und Hitler selbst jedes Mittel recht, doch besonders konzentrierten sie sich auf das Massenkommunikationsmittel Film, um den Geist jedes einzelnen damit zu infiltrieren. Insbesondere Joseph Goebbels, die „Zentrale Figur des nationalsozialistischen Filmes“[2], erkannte die Vorteile, die der Film versprach, und verkündete daher im Februar 1934 vor der Reichsfachschaft Film: „Wir sind der Überzeugung, daß der Film eines der modernsten und weitreichendsten Mittel zur Beeinflussung der Massen ist, die es überhaupt gibt. Eine Regierung darf deshalb den Film nicht sich selbst überlassen.“[3] Demzufolge leiteten er und Hitler Schritte ein, um das Kino nicht sich selbst, sondern der Regierung und ihren Ministerien zu überlassen. Die Maßnahmen können zeitlich in drei Hauptphasen unterteilt werden, wobei die erste Phase von 1933-37 dauerte, in der zunächst eine „institutionelle Umstrukturierung und Konsolidierung“[4] stattfand, in der der Film gleichgeschaltet werden sollte.

Basis und Legitimation für die Übernahme der Filmindustrie durch die Nazis war - wie bereits erwähnt - das „Reichministerium für Volks­aufklärung und Propaganda“, welches nur zwei Monate nach der Macht­übernahme durch Hitler, am 13.März 1933, eingerichtet wurde.[5] Als Minister wurde Joseph Goebbels berufen, dessen Kompetenzbereich in realiter jedoch weit über die Propaganda hinausging. Vielmehr war das

Reichspropagandaministerium ein Kulturministerium, das alle Bereiche des öffentlichen kulturellen Lebens - von Film, Literatur über Theater, Musik bis Rundfunk - kontrollierte.[6]

Als zweite Hauptinstitution wurde im September 1933 durch das „Reichskulturkammergesetz“ die „Reichskulturkammer“ gegründet (Abb. 1).[7] An diesem Beispiel kann man deutlich erkennen, dass die Nationalsozialisten ihre fragwürdigen, totalitären Einrichtungen stets durch neu ins Leben gerufene Gesetze zu legitimieren und zu rechtfertigen suchten. Die Reichskulturkammer bestand aus sieben halbautonomen Kammern, darunter auch die Reichsfilmkammer, die sämtliche filmbezogene Berufe vereinte und in der alle Filmschaffenden Mitglied sein mussten, um weiterhin tätig zu sein.[8] Regisseure, Produzenten und Schauspieler, die nicht der NS-Ideologie entsprachen, wurden ausgegrenzt, womit nicht-arischen Personen de facto ein Berufsverbot in der Filmbranche erteilt wurde.[9] Im Zuge dessen kam es zu einem regelrechten Exodus vieler partiell sehr begabter jüdischer, kommunistischer oder nicht-systemkonformer Künstler, wodurch der deutsche Film um einiges ärmer wurde.[10]

Im darauffolgenden Jahr 1934 wurde eine neue Version des bereits bestehenden „Lichtspielgesetzes“ verabschiedet, welche die Grundlage der faschistischen Filmzensur im Dritten Reich darstellen sollte, indem eine Filmprüfstelle und der Reichsfilmdramaturg Filme einer Präventivzensur und ab 1935 auch einer Nachzensur unterziehen sowie vorab auf Drehbücher einwirken konnten.[11]

Ebendiese Filmprüfstelle war es auch, die Prädikate für Filme vergab und durch Titel von „künstlerisch (besonders) wertvoll“ über „politisch (besonders) wertvoll“ bis zur Ehrenauszeichnung „Film der Nation“ die Filmindustrie unter Druck setzte, denn Produktionen, die mit diesen Auszeichnungen prämiert wurden (etwa ein Drittel aller Spielfilme, die im

Dritten Reich gedreht wurden), konnten steuerlich bevorzugt bzw. von allen Steuern befreit werden.[12]

So kam es dazu, dass die meisten Regisseure und Produzenten aus Hoffnung auf Prädikate, aus Angst vor Zensur und damit vor ökonomischen Misserfolgen und davor, bei der Filmkammer in Misskredit zu fallen, oft jegliche Elemente, die gegen die NS-Ideologie sprachen, in ihren Filmen nicht tangierten und systemkonforme Stories umsetzten. So waren es von den circa 1100 während der NS-Diktatur in Deutschland produzierten Spielfilmen nur knapp 30, die gänzlich verboten wurden.[13] Unmittelbar nach der Verabschiedung des Gesetzes wurde die Filmkritik partiell abgeschafft, was eine erhebliche Maßnahme war und - wie viele andere Methoden der Nazis - gegen sämtliche Paragraphen unseres heutigen Grundgesetzes verstößt, bevor Goebbels im November 1936 die Befassung mit der Kunstkritik gänzlich verbot.[14] Durch diese Anweisung wurde die Einsatz- und Einflussmöglichkeit des Films als Propagandainstrument gesichert, „da es jetzt niemanden mehr gab, der einen Film öffentlich hätte kritisieren können“[15] und dies in Kombination mit den Zensuroptionen dazu führte, dass nur system- und ideologiekonforme Filme gezeigt und diese auch nicht in Frage gestellt werden konnten.

Die Gleichschaltung und Verstaatlichung wurden schon früh auch auf ökonomischer Ebene vollzogen: So wurde im Juni 1933 die Filmkreditbank GmbH konstituiert, welche mit einem Kapital von 200 000 Reichsmark und Kreditzusagen in Höhe von 10 000 000 Reichsmark[16] der Filmbranche neue finanzielle Ressourcen bereitstellte, sie jedoch damit auch in wirtschaftlicher Hinsicht von dem totalitären Staat abhängig machte und unter dessen Kontrolle brachte - und das bereits vor Drehbeginn.[17] Nur zwei Jahre später finanzierte die Filmkreditbank schon 70% aller

Spielfilme.[18] Die ökonomische Konzentration brachte auch eine gewisse Konsolidierung der Filmindustrie mit sich, die sich die Nazis gönnerhaft auf ihre Fahnen schrieben.[19]

Der Focus auf den finanziellen Aspekt sorgte dafür, dass kleine Produktionsfirmen kaum mehr konkurrenzfähig waren und sich die bereits Ende der 1920er Jahre einsetzende Konzentrationstendenz zusehends verstärkte, sodass die vier größten Filmstudios - UFA, Tobis, Bavaria und Terra - in den Jahren 1935/36 insgesamt bereits über 80% aller Spielfilme produzierten.[20]

In Anbetracht der Tatsache, dass diese erste Phase in jeglicher, insbesondere aber in institutioneller Hinsicht, den Grundstein für alle weiteren Schritte der Nationalsozialisten in puncto Film legte, war sie unbestritten die wichtigste.

Die zweite Phase dauerte laut Sabine Hake von 1937- 42 und stand ganz im Zeichen „weitere(r) wirtschaftliche(r) Konzentration und Expansion als Teil der Kriegsanstrengungen“[21]. Nachdem der deutsche Film 1936/37 eine finanzielle Krise erlebt hatte, die nicht zuletzt auf eine rasche Rezession der Auslandsverkäufe deutscher Produktionen nach dem immer evidenter werdenden Einfluss der NS-Ideologie auf die Filmstoffe zurückzuführen war, griff der totalitäre Staat, der sich in dieser Situation in absoluter Selbstverherrlichung als Retter des deutschen Films darstellte, weiterhin intensiv in das wirtschaftliche Schaffen der Studios ein.[22] Die Tobis GmbH beispielsweise wurde aufgrund der rückläufigen Exporteinnahmen und steigender Produktionskosten gewissermaßen dazu gezwungen, inoffizielle Darlehen des Propagandaministeriums anzunehmen und wurde dadurch dem faschistischen Regime auch auf inhaltlicher Ebene willfährig. Auch die UFA konnte sich der staatlichen Hilfe bzw. finanzieller Eingriffe nicht entziehen: Da sie 1937 Verluste im zweistelligen Millionenbereich verzeichnen musste, wurden über 70% ihrer Aktien durch die Holding der Cautio Treuhandgesellschaft gekauft. Auch andere Produktionsfirmen waren auf derlei Geschäfte angewiesen, weshalb sie ab 1937/38 größtenteils in staatlicher Hand waren.[23] Besonders das inhaltliche Level der Plots wurde ausgenutzt, um die Volksgemeinschaft auf die kommenden Kriegsanstrengungen einzuschwören (s. Kapitel II. II.).[24] So kam es in dieser zweiten Phase, während der 1938 der Einmarsch ins Sudetenland stattfand und ein Jahr später der Zweite Weltkrieg ausbrach, dazu, dass durch ebendiesen immense Exportmärkte gegen Nachbarländer geöffnet wurden und die großdeutsche Filmbranche zur viertgrößten Industrie des Deutschen Reichs aufstieg.[25]

In der dritten Phase (1942-45) schließlich wurde der deutsche Film gänzlich monopolisiert und es wurden alle filmischen Mittel für den Endsieg mobilisiert und damit missbraucht.[26]

Höhepunkt der nationalsozialistischen Konzentrationsbestrebungen und des Verstaatlichungsprozesses war die Schaffung der „UFA-Film GmbH“ (UFI), eines Anfang 1942 gegründeten, gigantischen, staatseigenen Trusts, der 138 Einzelfirmen aus sämtlichen Bereichen der Filmbranche schluckte, darunter u.a. die vormals größten Produktionsfirmen Bavaria, Tobis, Terra und natürlich die UFA.[27] Der UFI stand ein Staatssekretär des Propagandaministeriums bevor und sie kontrollierte bereits im Frühjahr 1942 praktisch die gesamte Produktion und übte auch auf die Kinos größten Einfluss aus.[28] Als Beweis für die neuen Erfolge der UFI verbuchten die Nationalsozialisten, allen voran der Propagandaminister Goebbels, die enorm gestiegene Anzahl verkaufter Kinoeintrittskarten gerne auf ihr Konto: Diese konnte sich innerhalb von vier Jahren - von 1939-43 - fast verdoppeln (von 624 Mio. auf 1,12 Mrd. verkaufter Tickets pro Jahr).[29]

[...]


[1] vgl. P. Cadars, F. Courtade: Geschichte des Films im Dritten Reich. München 1975, S. 22-25.

[2] S. Mannes: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film.Jud Süß und Der Ewigejude. Köln 1999, S. 12.

[3] G. Albrecht: Nationalsozialistische Filmpolitik. Eine soziologische Untersuchung über die Spielfilme des Dritten Reichs. Stuttgart 1969, S.22.

[4] S. Hake: Film in Deutschland. Geschichte und Geschehen seit 1895. Reinbek bei Hamburg 2004. S. 110.

[5] vgl. ebd., S. 113.

[6] vgl. Cadars, Courtade 1975, S. 22f.

[7] vgl. W. Becker: Film und Herrschaft. Organisationsprinzipien und Organisationsstrukturen der nationalsozialistischen Filmpropaganda. Berlin 1973, S. 50f.

[8] vgl. W. Faulstich: Filmgeschichte. Paderborn 2005, S. 91.

[9] vgl. Hake 2004, S. 113f.

[10] vgl. Faulstich 2005, S.91.

[11] vgl. Becker 1973, S. 67-85 und C. Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland, Italien und Spanien in den 1930er und 1940er Jahren. u.a. Wien 2007, S. 166f.

[12] vgl. Hake 2004, S.116f.

[13] vgl. F. Moeller: Der Filmminister. Goebbels und der Film im Dritten Reich. Berlin 1998, S. 322.

[14] vgl. Mannes 1999, S. 17f.

[15] ebd., S.18.

[16] vgl. http://www.filmportal.de/thema/die-filmkreditbank (abgerufen am 13.02.2013)

[17] vgl. R. Rother: Nationalsozialismus und Film. In: B. Heidenreich/ S. Neitzel (Hrsg.): Medien im Nationalsozialismus. Paderborn 2010. S. 128.

[18] vgl. S. Lowry: Pathos und Politik. Ideologie in Spielfilmen des Nationalsozialismus. Tübingen 1991, S. 9.

[19] vgl. Rother2010, S. 132.

[20] vgl. ebd., S. 132f.

[21] Hake 2004, S.110.

[22] vgl. Cadars, Courtade 1975, S. 28f.

[23] vgl. Hake 2004, S.120f.

[24] vgl. ebd., S. 121f.

[25] vgl. ebd., S. 121.

[26] vgl. ebd., S. 110.

[27] vgl. Cadars, Courtade 1975, S. 29f.

[28] vgl. ebd., S. 29.

[29] vgl. Hake 2004, S. 123.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656577423
ISBN (Buch)
9783656577416
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266974
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Film Usurpation Drittes Reich Filmpolitik Goebbels

Autor

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