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Bedeutung der Jugendphase im Prozess der Bildung von Identität

Bachelorarbeit 2013 53 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Kapitel
Zentrale Aspekte der Jugendphase
1.1 Wandel der Jugendphase
1.2 Aus Sicht der Soziologie
1.3 Aus Sicht der Psychologie
1.4 Aus Sicht der Pädagogik
1.5 Zwischenfazit

Kapitel
Bedeutung des Begriffes Identität
2.1 Interaktionstheoretisches Identitätsmodell
2.2 Psychologisches Verständnis von Identität
2.3 Aktuelle Identitätsforschung

Jugend und Identität – eine abschließende Zusammenführung

Literaturverzeichnis

Quellen aus dem Internet

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Idealtypische Darstellung der Entwicklungsaufgaben, in Anlehnung an Hurrelmann/Quenzel 2012, S.41. 1.2.1

Abbildung 2: Körperliche Veränderungen in der Pubertät, in Anlehnung an Grob/Jaschinski 2003, S. 34

Abbildung 3: Ausschnitt aus dem Phasenmodell von Erikson, in Anlehnung an Erikson 2007, S. 150

Abbildung 4: Einige Kennzeichen der vier Identitätszustände nach Marica 1980, in An lehnung an Oerter/Montada 2002, S. 297

Abbildung 5: Konstruktion der Identitätsarbeit, Keupp 2006, S. 218

Einleitung

Bücher zum Thema Identität, wie der Bestseller von Richard David Precht, „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ sind in den letzten Jahren immer mehr auf dem Büchermarkt vertreten. Die Frage nach der eigenen Identität und was dieser Begriff zu bedeuten hat, erlebt eine „bemerkenswerte Konjunktur“,[1] sowohl in der Wissenschaft als auch in der Populärliteratur. Gleichzeitig wird Identität zum „Inflationsbegriff Nr. 1“,[2] welcher immer unübersichtlicher zu werden scheint. Aber was genau bedeutet der Begriff der Identität? Ist es möglicherweise nur die schlichte Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ oder steckt doch mehr dahinter?

Der Bereich der Identitätsforschung betrifft in erster Linie die Sozialwissenschaften. Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, einen Überblick über dieses umfangreiche Themengebiet zu schaffen und einen Einblick in die verschiedenen Aspekte der Identität zu geben. Um dies zu ermöglichen, werden Konzepte aus den Disziplinen der Psychologie, Soziologie und Erkenntnisse der aktuellen Forschung vorgestellt.

Neben Identität wird sich diese Arbeit auch mit der Lebensphase der Jugend beschäftigen. Wurde dem Lebensabschnitt der Jugend noch vor einigen Jahren die „Zeit des Sturmes und Dranges“[3] im Prozess der Identitätsentwicklung zugesprochen, verschiebt die aktuelle Identitätsforschung den Blick stärker auf die Lebensphase des Erwachsenseins. Trotz alledem, spielen Entwicklungen in der Jugend und die Phase an sich, nach wie vor eine wichtige Rolle für die Bildung und Entwicklung einer Identität. In ihr wird die Basis der späteren Biographie gelegt.[4] Daher ist der Blick auf die Jugendphase auch hilfreich, um den Begriff Identität und die tägliche Identitätsarbeit besser verstehen zu können. Außerdem spielen die spezifischen Bewältigungsaufgaben des Jugendalters eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung einer Identität.

Das erste Kapitel wird daher einen Überblick über die Entwicklungsphase der Jugend geben und sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Kapitel zwei wird sich mit der Frage auseinandersetzen, was Identität bedeutet, bevor in Kapitel drei eine Zusammenführung der beiden dargestellten Bereiche stattfindet und auf die Frage der Bedeutung der Jugendphase im Prozess der Identitätsentwicklung eingegangen wird.

Am Ende dieser Arbeit sollte sowohl ein besseres Verständnis für die Phase der Jugend, als auch für den Begriff der Identität stehen.

Kapitel 1
Zentrale Aspekte der Jugendphase

Die Kindheits- und Jugendphase sind wichtige Phasen in der Entwicklung eines jeden Menschen. Mit dem Beginn der Adoleszenz erleben junge Menschen biologische, psychologische wie auch soziale Entwicklungsprozesse. Sie müssen lernen, sich damit auseinanderzusetzen, diese zu verstehen, zu bewältigen und so ihre eigene Persönlichkeit reifen zu lassen.[5] Ging man früher davon aus, dass diese Prozesse vor allem in der Jugendphase, zwischen 14-17, stattfinden, geht die heutige Jugendforschung von einer Vorverlegung der Jugendphase aus. „Neun-, Zehn-, Elfjährige zeigen heute Verhaltensweisen, die man früher gemeinhin der klassischen Jugendphase […] zugeschrieben hat“.[6] Neben der Verfrühung findet man auch Merkmale, die auf eine Verschiebung des Erwachsenenalters schließen lassen, wodurch die Jugendphase verlängert wird. Beispiele, die auf eine Verlängerung hinweisen, sind längere Ausbildungsphasen oder spätere Heirat und Familiengründung.[7] Verhaltensweisen und altersspezifische Bewältigungsaufgaben dieser Phase sind beispielsweise die Ablösung von den Eltern, Aufbau von Beziehungen außerhalb der Familie und zu Gleichaltrigen, Akzeptanz des eigenen Körpers, Selbständig werden, Umgang mit Sexualität, Entwicklung der eigenen Identität und die Übernahme bestimmter Rollen in der Gesellschaft.[8] Um den komplexen und kontrovers diskutierten Begriff der Jugendphase ansatzweise verstehen zu können, benötigt man den Blick der verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, da sich diese teilweise gegenseitig ergänzen oder Bezug aufeinander nehmen können. Außerdem muss man bei wissenschaftlicher Betrachtung den Zusammenhang, in dem man den Begriff einbettet, klar herausstellen.[9] Die drei Disziplinen, von denen hier die Rede ist, sind Psychologie, Soziologie und Pädagogik, welche jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Betrachtung des Identitätsbegriffs legen. Beschäftigt sich die Psychologie hauptsächlich mit emotionalen und kognitiven Prozessen, welche durch biologische Veränderungsprozesse während der Pubertät in Gang gesetzt werden, betrachtet die Soziologie die Jugendphase „im Kontext der gesellschaftlichen Ordnung“.[10] Wohingegen die Pädagogik unter anderem Fragen nach Bedingungen und Folgen von altersgerechtem Lernen, Erziehung, Bildung und Sozialisation nachgeht.[11] Trotz der verschiedenen Schwerpunkte und Ansätze, gibt es auch einen großen Bereich der Übereinstimmungen und Schnittpunkte, weshalb es nicht immer möglich ist, die drei Disziplinen klar voneinander zu trennen. In diesem ersten Kapitel geht es im Folgenden darum, die Aspekte der drei verschiedenen Wissenschaften genauer zu betrachten und deren Sicht auf die altersspezifischen Bewältigungsaufgaben zu zeigen. Die Shell-Studie, eine Langzeitstudie, die seit dem Jahr 1953[12] durchgeführt wird, soll dabei helfen, am Ende jeder der einzelnen Teildisziplinen, die Sicht der Jugendlichen auf den jeweiligen Bereich mit einzubeziehen. Einleitend beginnt dieses Kapitel mit einem Blick auf den Wandel der Jugendphase, welcher in den letzten ca. Jahren 100 Jahren zu beobachten war.

1.1 Wandel der Jugendphase

Um den Wandel und die Bedeutung der Jugendphase verstehen zu können, ist ein Blick auf die Veränderungen unserer Gesellschaft und der Stellenwert von Kindern in ihr unabdingbar.[13] So galten noch bis ins 19. Jahrhundert Kinder als Absicherung und Reichtum für Familien „in der ländlichen und handwerklichen Bevölkerung“.[14] Sie mussten von klein auf Aufgaben in Familie und Betrieb übernehmen. Von einer Kinderbetreuung oder gar einer Ausbildung, war man zu dieser Zeit noch weit entfernt. Dies sollte sich in der Zeit der Industrialisierung, Mitte des 19. Jahrhundert, nach und nach ändern. Durch das Aufkommen erster Sozialversicherungen und Versorgungssysteme, waren Kinder zur Absicherung des Alters immer weniger von Belang. „Im Gegenteil: Ihr Unterhalt kostete sehr viel Geld, und ihre Erziehung verlangte den Eltern erhebliche Einschränkungen und Disziplinierungen ab“.[15] Was einer der Gründe dafür war, dass die Anzahl von Kindern und Personen, die zusammen in einem Haushalt lebten, abnahm. Werden die Motive für eine Entscheidung für Kindern in der heutigen Gesellschaft betrachtet, so lassen sich noch größere Kontraste erkennen. Laut Hurrelmann entscheiden Eltern nicht mehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten für oder gegen Kinder, sondern danach, ob sie eine persönliche Bereicherung durch das Zeugen von Kindern erwarten. Zusätzlich lassen weitere Faktoren, wie beispielsweise Verhütung, eine weitaus individuellere Familienplanung als noch vor 50 Jahren zu.[16] Dies wird z.B. im Datenreport des Statistischen Bundesamtes von 2011 sichtbar. Dieser zeigt einen deutlich steigenden Trend von kinderlosen Paaren in den letzten Jahren, ganz besonders bei Paaren mit akademischen Abschlüssen.[17]

Was sind die Folgen einer nachlassenden gesellschaftlichen Relevanz von Kindern und welche Bedeutung hat das für die Phase der Jugend? Folgen, bei Betrachtung der demografischen Struktur, sind auf der einen Seite der zahlenmäßige Rückgang von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft und auf der anderen Seite ein Anstieg der Personengruppe über 65 Jahren. Betrug im Jahre 1950 der Anteil der jungen Menschen unter 20 Jahren noch 30%, so liegt er heute bei 18%. Wohingegen die Gruppe der über 65 Jährigen von 10% auf über 20% gestiegen ist.[18] Hatte unsere Gesellschaft noch vor 50 Jahren die Struktur einer Pyramide, so geht ihr bei heutiger Betrachtung das Fundament verloren. Die Konsequenzen für die Sozialpolitik sind weitreichend. Durch die Vergrößerung der Gruppe von Älteren und Kinderlosen verändert sich auch deren Einfluss auf die Politik, wodurch Familien und junge Menschen zunehmend um Gehör kämpfen müssen. All diese Entwicklungen haben in den letzten Jahren zu stetigen Neuorientierungen und Umstrukturierungen der verschiedenen Lebensphasen und so auch der der Jugendphase geführt. Die Autoren Hurrelmann und Quenzel verdeutlichen diese Veränderung, indem sie die letzten hundert Jahre in drei Zeitspannen unterteilt haben:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehen sie die Gesellschaft noch in zwei große Gruppen geteilt, Kinder und Erwachsene, zu welchen bis 1950 die der Jugend und der Senioren hinzugekommen sind. Stellten diese beiden neuen Gruppen anfänglich relativ kurze Lebensabschnitte dar, haben sie zunehmend an Bedeutung, wie auch an Jahren gewonnen. Gründe hierfür finden sich bei den Senioren unter anderem durch steigende Lebenserwartung und Absicherung.[19]

Gleichzeitig spricht der Autor Ulrich Beck[20] noch von zwei neu aufgekommenen Phänomenen: der „Enttraditionalisierung“ und einer steigenden „Individualisierung“, welche alle Lebensphasen betreffen. Unter „Enttraditionalisierung“ versteht der Autor, nicht das Wegfallen von Traditionen, sondern dass diese bewusst gewählt und erarbeitet werden müssen. Sie sind also nicht mehr fest vorgegeben von außen. Institutionelle Einrichtungen, Berufs- und Geschlechterrollen und soziale Milieus verlieren somit an Orientierungshilfe. Durch diesen Wegfall müssen sich junge Menschen stärker individuell entscheiden und sind mehr von Institutionen abhängig, welche die Biographie steuern, wie beispielsweise der Arbeitsmarkt oder Bildungseinrichtungen.[21] Durch diese beiden Phänomene verschwimmen die Grenzen zwischen den verschiedenen Lebensphasen immer stärker, was eine neue Gestaltungsvielfalt mit sich bringt. Jeder kann heute prinzipiell seine Lebensphase bewusst mitgestalten und ist nicht mehr an fest vorgegebene biografische Abläufe gebunden, auch wenn es in der Realität oftmals anders aussieht. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen: Ein Jugendlicher hat heutzutage die Möglichkeit, seine Jugendphase durch Reisen, das Studium oder Ähnliches zu verlängern. Paare mittleren Alters können sich bewusst gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Aber nicht nur die Phase der Jugend oder des Erwachsenseins ist hier betroffen. Auch den Senioren eröffnen sich neue Bereiche, so hat beispielsweise ein 60-Jähriger noch die Chance, eine Firma zu gründen. Somit ergeben sich für viele Menschen neue Chancen und Möglichkeiten, da „Alter, Herkunft, Religion und Geschlecht“[22] an Bedeutung, Notwenigkeit und Verbindlichkeit bei der Lebensplanung verloren haben.[23]

Aber wieso treffen solche Prozesse auch auf die Jugendphase zu und betreffen nicht nur die Erwachsenen? Einer der Gründe ist ihre starke Ausdehnung an Jahren. Besondere gesellschaftliche Strukturen haben dies begünstigt. Einer der wichtigsten Faktoren war, damals wie heute, der Ausbau der allgemeinen Schul- und Berufsausbildung zum Ende des 19. Jahrhunderts hin.[24] War die Ausbildungsphase anfänglich noch eine relativ kurze Zeitspanne, gewann sie immer mehr an Zeit und somit auch an Bedeutung. In der heutigen Zeit und Gesellschaft kann sie bereits eine Lebensspanne von 10 bis zu 20 Jahren und mehr einnehmen.[25] Diese Phase der Ausbildung ist gekennzeichnet durch die Ablösung von der Familie, hin zu einer Eingliederung in die berufliche Welt. Die zunehmende Zeit der Ausbildung ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die „Jugend zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Kategorie“[26] geworden ist, welche von den Jugendlichen nicht nur durchlebt, sondern heute auch aktiv mitgestaltet wird und, wie schon erwähnt, auch eine steigende Individualisierung erlebt.[27] Dadurch erhält die Jugendphase eine zunehmende Eigendynamik und gerät immer stärker in den Prozess der Biografisierung mit hinein, indem Jugendliche stärker beteiligt und gefordert werden. Sie bewegt sich weg von einer „separierte[n] Sonderphase“, hin zu einem „sozial früh erfassten Teil des Lebenslaufs“.[28] Dennoch bleibt die Jugend als eine Art „Statuspassage“[29] bestehen in der sich Kinder von der unselbstständigen Kindheit hin zu der selbstständigen Phase des Erwachsenseins entwickeln. Dabei nimmt der Grad der Verselbstständigung immer stärker zu und gipfelt schließlich in der Selbstständigkeit von zwei Bereichen. Dem Bereich der Berufstätigkeit und dem der eigenständigen privaten Lebensführung.[30] Spannungen können in diesem Prozess entstehen, wenn Jugendlichen von verschiedenen Seiten unterschiedliche Selbstständigkeiten zugeschrieben werde.

Die Phase der Jugend stellt also ein Konstrukt unserer Gesellschaft dar,[31] ein „historisch entstandenes soziales Phänomen“.[32] Gesellschaftliche Veränderungen haben immer auch einen Einfluss auf die Gestaltung der Jugendphase. Doch welchen Herausforderungen und Bewältigungsaufgaben sehen sich junge Menschen heute gegenüber gestellt? Das nächste Kapitel beginnt mit der Sicht der Soziologie auf die Phase der Jugend und ihren altersspezifischen Bewältigungsaufgaben.

1.2 Aus Sicht der Soziologie

Bevor es sich um die altersspezifischen Bewältigungsaufgaben aus der Sicht der Soziologie handeln wird, geht es zuerst allgemein um den Begriff der Sozialisation, auch wenn dieser Begriff sowohl der Soziologie als auch der Pädagogik zugeschrieben werden kann. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von jungen Menschen im Kontext der Gesellschaft.

Sozialisation bezeichnet den Prozess, bei dem Personen in eine Gesellschaft integriert werden. Verbunden mit dieser Integration, steht das Erlernen gesellschaftlicher Normen und Handlungsmuster, um junge Menschen „auf die Übernahme von verantwortungsvollen gesellschaftlichen Mitgliederrollen vorzubereiten“.[33] Im weiteren Sinne sind alle Lern- und Erziehungsprozesse darunter zu verstehen, die einem Menschen dabei helfen sollen, innerhalb einer Gesellschaft mit deren spezifischen Kultur und Bräuchen am sozialen Leben teilhaben zu können.[34] Hurrelmann versteht unter diesem Prozess folgendes:

„Sozialisation bezeichnet [...] den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt“.[35]

Oder anders formuliert: Sozialisation ist die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen und sozialen Umwelt. Sozialisation bezieht also immer beides mit ein, die einzelne Person und die Gesellschaft als Ganzes, welche in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen.

Zum Einen möchte eine Gesellschaft durch gezielte Bildungs- und Erziehungsprozesse ihre gesellschaftlichen Strukturen, Traditionen, Bräuche, Werte, Normen usw. aufrechterhalten und an nachfolgende Generationen ‚weitervererben‘. Zum Anderen soll dem Individuum dabei geholfen werden, eine selbstständige und aktiv handelnde Person innerhalb dieser Gesellschaft zu werden, um die eigene Rolle in ihr zu finden und diese einzunehmen. Dabei geht Sozialisation über Bildungs- und Erziehungsprozesse innerhalb von gesellschaftlichen Institutionen hinaus, da sie überall dort zu finden ist, wo eine „aktive Auseinandersetzung mit der sozialen und materiellen“[36] Welt stattfindet. Sozialisation findet ein Leben lang statt, dennoch hat sie gerade in der Kindheits- und Jugendphase eine besondere Relevanz. Das liegt unter anderem daran, dass sie in diesen Phasen „eine einzigartige Dichte“[37] an Interaktionsprozessen zwischen Individuum und Gesellschaft erreicht wird und erste prägende Schritte stattfinden. Junge Menschen entwickeln sich aus der Phase der Kindheit, in welcher sie weder verantwortungsvolle Aufgaben, noch tragende Rollen der Gesellschaft verinnerlicht haben, hin zu erwachsenen Personen, die für ihre Handlungen die volle Verantwortung tragen müssen. Die Jugend wiederum stellt eine Phase des Erlernens und Experimentierens dar, was sich beispielsweise im deutschen Jugendstrafgesetzbuch widerspiegelt, in welchem den Jugendlichen eine besondere Stellung eingeräumt wird. Dabei laufen erste Prozesse der Verantwortungsübernahme in gesellschaftlichen Bereichen zwischen Kindheit und Jugendphase schleichend ab, wie etwa in den Bereichen „Bildung (Schulabschluss), Konsum (Besitz von Gütern) und Partizipation (Übernahme eines Ehrenamtes)“.[38] Durch diese schleichenden Übergänge wird es schwer, die Phasen zeitlich eindeutig festzulegen und zu definieren. Mit dem Übergang von der Kindheits- in die Jugendphase hängt sowohl ein stetig wachsender Handlungsspielraum, welcher eine „Vergrößerung der Rollenvielfalt mit sich bringt“,[39] als auch zunehmende Erwartungen und Verpflichtungen gegenüber dem sozialen Umfeld, zusammen. Am Ende dieses Prozesses sollte die Übernahme gesellschaftsrelevanter Rollen stehen.[40]

Als tragende Institutionen der Sozialisation sind nach wie vor die Familie, Bildungseinrichtungen, Freunde, Peer-Groups, Vereine, Medien usw. anzusehen, wobei die Familie nach wie vor einen hohen Stellenwert und eine Schlüsselrolle einnimmt.[41] So legt sie nicht nur erste Grundsteine der Sozialisation und Wissensvermittlung in der Kindheit, sondern dient auch als „wichtiger Ort des Rückhalts“[42] im weiteren Verlauf des Lebens. Hier lernen junge Menschen erste intime und persönliche Beziehungen kennen. Sie erfahren, was es bedeutet, diese sowohl aufzubauen, als auch in ihrem täglichen Leben zu praktizieren. Die Familie übernimmt zwar eine wichtige Rolle, so reicht sie dennoch nicht aus, um junge Menschen auf eine zunehmend komplexe Welt vorzubereiten.[43] Mit steigendem Alter nehmen daher auch außerfamiliäre Einrichtungen an Relevanz und Bedeutung zu, zu denen sowohl staatliche Bildungseinrichtungen, wie auch Einrichtungen freier Träger, Kirchen und Jugendverbände zählen. Sie eröffnen jungen Menschen nach und nach Chancen, neue Bereiche der Gesellschaft und ihrer Persönlichkeit zu entdecken und ihnen auf ihrem Weg zu eigenverantwortlichen und selbständig handelnden Personen professionell zur Seite zu stehen, sie anzuleiten und zu unterstützen. Dabei nimmt die Schule die wichtigste Rolle ein, was an der verpflichtenden Teilhabe eines jedes Kind und der Zeitspanne von mindestens 9 Jahren liegt. Neben den Sozialisationsaufgaben gibt sie außerdem einen Ausblick auf die darauffolgenden Bereiche des Bildungs- und Berufswesens. Schüler sollen darauf vorbereitet werden, sich für einen Weg von vielen zu entscheiden.

Eine besondere Relevanz nimmt die Schule für junge Menschen ein, welche aufgrund ihrer familiären Situationen soziale Ungleichheit erleben. Diese soziale Ungleichheit kann möglicherweise zu ungleichen Teilhabechancen in der Gesellschaft führen. Aus diesem Grund fordert die Schulpolitik, solche Ungleichheiten durch eine stärkere Unterstützung der Jugendlichen und ihrer Familien, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Schulsystems, auszugleichen.[44]

Damit Jugendliche den Bewältigungsaufgaben der Jugendphase aus dem Bereich der Soziologie positiv gegenüberstehen, ist eine erfolgreiche Sozialisation notwendig. Sie müssen die Normen und Werte der Gesellschaft kennen und verstehen, um in bestimmen Bereichen deren Ansprüchen und Forderungen gerecht zu werden. Doch welche Aufgaben müssen sie lösen, um dieses Ziel zu erreichen? Klaus Hurrelmann hat diese Aufgaben in vier Dimensionen aufgeteilt, bei denen es um das Erlangen von verschiedenen Kompetenzen geht, um deren Lösung zu ermöglichen.[45]

Die erste Dimension stellt die der „Qualifizierung“ dar. Junge Menschen müssen Kompetenzen in Bezug auf ihr späteres Berufsleben erlenen. Es geht um fachspezifisches Wissen, sowie „kognitive und soziale Fähigkeiten“.[46] Am Ende sollte mit deren Hilfe die erfolgreiche Übernahme einer Berufstätigkeit stehen, um wirtschaftlich unabhängig zu sein. Die zweite Kompetenz ist die der „Bindung“. Dabei geht es um die Ablösung von der Familie, hin zu einem erfolgreichen Aufbau von Freundschaften mit Gleichaltrigen, Entdeckung der eigenen Sexualität und schließlich das Eingehen einer intimen Beziehung und der Gründung und Verantwortungsübernahme für eine eigene Familie.

Eine weitere Kompetenz ist die des verantwortungsvollen „Konsums“. In einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf den Konsum von Gütern baut, ist das Erlangen von Kompetenzen für einen angemessenen Umgang mit Gütern und deren Nutzen unabdingbar. Auch die Planung der eigenen finanziellen Mittel hängt mit dieser Kompetenz zusammen und ist die Voraussetzung für junge Menschen, in der Lage zu sein, einen eigenen Haushalt führen zu können. Die letzte Kompetenz bezeichnet Hurrelmann, als „Partizipation“, um sich an der Gestaltung der Gesellschaft mit beteiligen und eigene Interessen und Ansichten vertreten zu können. Voraussetzung für eine solche Teilhabe ist der Aufbau eigener Ansichten, Werte und Normen in „ethischen, religiösen, moralischen und politischen“[47] Belangen.[48]

Am Ende der Jugendphase, welche den Eintritt in das Erwachsenenalter darstellt, sollte laut Hurrelmann eine erfolgreiche Einnahme von vier Rollen, welche im Zusammenhang mit den jeweiligen Kompetenzen stehen, stattfinden. Die „Berufsrolle[…], Partner- und Elternrolle[…], Konsumentenrolle […] und die Rolle als politischer Bürger“,[49] um das Fortbestehen der Gesellschaft, sowohl wirtschaftlich als auch biologisch zu garantieren. Werden diese Rollen erfolgreich übernommen, ist die Übergangsphase der Jugend aus soziologischer Sicht abgeschlossen. Die Altersspanne, in der dieser Prozess vollzogen wird, ist von Person zu Person unterschiedlich, wodurch eine feste zeitliche Definition nicht möglich ist. Abbildung 1 bietet zur Veranschaulichung noch einmal einen grafischen Überblick über den Prozess der Übergangsphase.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Idealtypische Darstellung der Entwicklungsaufgaben, in Anlehnung an Hurrelmann/Quenzel 2012, S.41. 1.2.1

Sicht der Jugendlichen

Um die Ansichten der Jugendlichen zu diesem Bereich darstellen zu können, helfen die Shell Jugendstudien. Im Jahr 2010 ist die bereits 16te Studie veröffentlicht worden. Diese 16te Studie arbeitet mit einer repräsentativen Stichprobengröße von 2.604 Jugendlichen im Alter von 12- 25 Jahren, die zu ihrer „Lebenssituation und zu ihren Einstellungen und Orientierungen persönlich befragt“[50] worden sind. Dabei handelt es sich sowohl um quantitative als auch qualitative Untersuchungen. Herausgeber der Studien ist das Energieunternehmen Shell. Die nachfolgenden Kapitel werden den Blick der Jugendlichen anhand der Shell Studien verdeutlichen

Welche Fragen könnten den Zusammenhang der Sicht von Jugendlichen und der soziologischen Sicht auf Jugend verdeutlichen? Wenn die Familie eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen ist, könnte eine Frage die Frage nach dem persönlichen Stellenwert der Familien für die Jugendlichen sein. Welche Relevanz spielt diese aus ihrer Sicht? Der Wunsch eine eigene Familie zu gründen, was zum biologischen Fortbestand der Gesellschaft beiträgt, könnte den Gegenstand einer weiteren Frage darstellen.

Die Ergebnisse der Studien aus den Jahren 2002 bis 2010 zeigen, dass Jugendliche der Familie einen hohen Stellenwert zuschreiben, mit steigender Tendenz in den letzten Jahren. Auf die Frage, ob zum Glücklichsein eine Familie notwendig sei, haben 76% der Jugendlichen mit einem Ja geantwortet, wobei weibliche Befragte einen deutlich höheren Wert aufwiesen.[51] Dabei handelt es sich sowohl um die Gründung einer eigenen Familie, als auch um dem Bezug zur eigenen Herkunftsfamilie, welche „[i]n Zeiten hoher Anforderungen in Schule, erste beruflicher Ausbildung […] zu einem sicheren sozialen Heimathafen“[52] wird. Dies spiegelt sich unter anderem darin wider, dass mehr als 90% der Jugendlichen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern angeben, nur 2% geben an, ein schlechtes Verhältnis zu den eigenen Eltern zu haben.[53] 73% würden ihre eigenen Kinder wieder genau so oder ähnlich erziehen. Wobei hier deutliche Unterschiede zu den unteren sozialen Schichten[54] sichtbar sind, bei denen nur 40% ihre Kinder genau so oder ähnlich erziehen würden.[55] Den Wunsch nach der Gründung einer eigenen Familie, haben der Studie zufolge 69% der Jugendlichen, wobei hier ein leichter Aufwärtstrend zu sehen ist. Bei der Gründung der Familie liegt nach wie vor die Anzahl von zwei Kindern auf Platz 1 der Vorstellungen.[56] Dennoch gibt es Unterschiede zwischen dem Stellenwert der Herkunftsfamilie und dem Kinderwunsch der Befragten. Zwar äußert die Mehrheit den Wunsch nach Kindern, sieht aber im Hinblick auf das eigene Lebensglück eigene Kinder nicht an erster/gleicher Stelle, wie den Stellenwert der eigenen Herkunftsfamilie und Partnerschaft.[57] Ein weiterer anhaltender Trend ist der späte Auszug von Jugendlichen aus den Familien. Etwa 73% der Jugendlichen leben bis zum Alter von 25 Jahren noch bei ihren Eltern, wobei 46% sich eine eigene Wohnung nehmen würden, wenn sie die finanziellen Mittel dazu hätten.[58]

[...]


[1] Keupp/ Höfer (1997), S. 12.

[2] Brunner (1987), S. 63.

[3] Oerter/Montada (2002), S. 293.

[4] Vgl. Keupp (2009), S. 5.

[5] Vgl. Grob/Jaschinski (2003), S. 12ff.

[6] Böhnisch (1999), S. 123.

[7] Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 18f.

[8] Vgl. Böhnisch (1999), S. 154.

[9] Vgl. Ecarius/Eulenbach/Fuchs/Walgenbach (2011), S. 9.

[10] Scherr (2009), S. 18.

[11] Vgl. ebd. S. 18.

[12] Vgl. Shell- Studie: Homepage.

[13] Vgl. Scherr (2009), S. 19.

[14] Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 11.

[15] Ebd., S. 12.

[16] Vgl. ebd., S. 10 ff.

[17] Vgl. Datenreport 2011, S. 42.

[18] Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 14.

[19] Vgl. ebd., S. 15 f.

[20] Vgl. Beck (1998), S. 115 ff.

[21] Vgl. ebd., S. 115 ff.

[22] Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 17.

[23] Vgl. ebd., S. 16 ff.

[24] Vgl. Böhnisch (2008), S. 126 ff.

[25] Vgl. Scherr (2009), S. 21 ff.

[26] Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 22.

[27] Vgl. ebd., 20 ff.

[28] Böhnisch (2008), S. 143.

[29] Hurrelmann /Quenzel (2012), S. 40.

[30] Vgl. ebd., S. 41.

[31] Vgl. Scherr (2009), S. 21.

[32] Sanders/Vollbrecht (2000), S. 7.

[33] Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 34.

[34] Vgl. Hurrelmann (2006), S. 6 ff.

[35] Hurrelmann (2006), S. 6.

[36] Ecarius/Eulenbach/Fuchs/Walgenbach (2011), S. 9.

[37] Hurrelmann (2006), S. 7.

[38] Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 35.

[39] Ebd., S. 36.

[40] Vgl. Ebd., S. 36.

[41] Vgl. Ecarius/Eulenbach/Fuchs/Walgenbach (2011), S. 69.

[42] Ebd., S. 73.

[43] Vgl. ebd., S. 69 ff.

[44] Vgl. ebd., S. 73 ff.

[45] Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2012), S. 36 f.

[46] Ebd., S. 36.

[47] Ebd., S. 37.

[48] Vgl. ebd., S. 36 f.

[49] Ebd., S. 39.

[50] Vgl. Shell Studie: Homepage.

[51] Vgl. 16. Shell Jugendstudie (2010), S. 57.

[52] Ebd., S. 17.

[53] Vgl. ebd., S. 66.

[54] Für den quantitativen Teil der Studie werden die Befragten verschiedenen sozialen Schichten

zugeordnet. Diese werden anhand eines speziell entwickelten Indexes ermittelt. Dabei spielen die

Faktoren Schulabschluss des Vaters, Zufriedenheit mit der finanziellen Situation, Wohnsituation der

Eltern und Anzahl der Bücher im Haushalt eine Rolle.

[55] Vgl. ebd., S. 18.

[56] Vgl. ebd., S. 62.

[57] Vgl. ebd., S. 58.

[58] Vgl. ebd., S. 70.

Details

Seiten
53
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656594604
ISBN (Buch)
9783656594628
Dateigröße
949 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266870
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Schlagworte
Jugend Jugendphase Identität Identitätsprozess Keupp Erikson Mead Hurrelmann

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