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Teen[r]age Wasteland: Amoklauf und School Shootings

Studienarbeit 2012 41 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

Wenn die Schule zum Tatort wird

1.) Von den Inseln in die Großstädte - Was ist Amok und wo kommt es her?

2.) Die Tat I - Der typische Verlauf

3.) Teenage Wasteland - Probleme des Jugendalters
3.1) Anforderungen an Heranwachsende - Development tasks
3.2) Entwicklung von Körper und Psyche
3.3) Wertvorstellungen und Identität

4.) Das Umfeld der School Shooter
4.1) Soziodemographische Hintergründe
4.2) Das Soziale Umfeld
4.3) Die Peer-Group

5.) Run for cover - Einflussfaktoren des School Shootings
5.1) Leises Gewaltpotenzial
5.2) Faszination der Gewalt - der Einfluss der Medien.
5.3) Die neuen Totems und die Männlichkeit
5.4) Sex, Gewalt und Fantasie
5.5) I don’t like mondays - Mädchen und Amok

6.) Die Tat II - Brüten, Planen und Vorwarnen.
6.1) Rachefantasien werden Realität
6.2) Letzte Warnung

7.) Was die Schule zum Tatort macht
7.1) Der Leistungskampf
7.2) Der Lehrer als Feindbild?!

8.) Gemeinsam Dagegen - Prävention und Intervention.

9.) Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Internetquellen

Wenn die Schule zum Tatort wird

So wie es Sonny Sandoval, Sänger der Rockband P.O.D, im Song „Youth Of The Nation“ beschreibt, hat es sich schon allzu oft zugetragen.

Ein gewöhnlicher Schulmorgen, Schüler strömen mehr oder weniger motiviert in ihre Klassen, ihre Gedanken kreisen sicher teilweise um Klausuren, wie oben im Songtext auch eine erwähnt wird.

Doch statt konzentriert in die Fragestellung des vorliegenden Aufgabenblattes vertieft zu sein, heißt es für die Schüler, an diesem Tag weniger um ihre Zensur als um ihr Leben fürchten zu müssen.

Denn irgendjemand ist ausgerastet und zerstört dadurch nicht nur die tägliche Routine sondern sogar eine ganze Reihe von Leben inklusive seines eigenen.

Wie bisher in jedem beschriebenen Fall eines Amoklaufs kam dieser offenbar aus dem Nichts.

1.) Von den Inseln in die Großstädte - Was ist Amok und wo kommt es her?

Die ersten Überlieferungen von Amokläufen führen uns nach Südostasien, genauer nach Malaysia.

Der Begriff Amok leitet sich aus der dortigen Sprache ab und bedeutet soviel wie “in blinder Wut angreifen und töten”.

Der Ethnologe und Psychoanalytiker Georges Devereux berichtet von Männern, die offensichtlich nach einer Zeit des Grübelns oder “Brütens[1]” mit einem Dolch bewaffnet aus dem Haus stürmten und wahllos Passanten angriffen, die sich in ihrer Nähe befanden.

Dabei sei der Amokläufer in einer Art Rauschzustand gewesen und hätte nur durch, oft tödliche, Gewaltanwendung gestoppt werden können.

Um in diesen Rauschzustand zu geraten, muss bei dem Täter irgend ein “Schalter umgelegt worden sein“, er also eine Veränderung seines psychischen Zustandes durchlaufen haben.

Worin genau diese Veränderung, Dissoziation genannt, besteht. wird an späterer Stelle geklärt werden.

Tatsache ist, dass der Amokläufer offenbar zuvor unter enormem psychischem Leidensdruck gestanden haben muss, der in seiner Tat ein Ventil gefunden hat und sich entladen kann.

Deswegen findet man im Zusammenhang mit Amokläufen auch den Begriff der Ventilsitte[2]. Der Amoklauf kann als eine solche angesehen werden.

Götz Eisenberg berichtet uns, dass in Malaysia der Amok als Ritual zur Verteidigung der Ehre des Täters durchaus eine gewisse (Hoch)achtung erfahren hat.

Da man jedoch keinem Täter gestatten konnte, zahllose weitere Menschen mit in den Tod zu reißen, stellte man an den Straßenecken Lanzen[3] zur Verfügung, mit denen sich die Bevölkerung gegen den Dolch bewehrten Amokläufer zur Wehr setzen konnte.

Die Tatsache von einer Lanze durchbohrt zu sein, hinderte, so die Angaben in der Literatur, den Amokläufer nicht immer daran, den Amoklauf zu beenden.

Es ist sogar von Amokläufern die Rede, welche bereits mit einer Lanze im Körper weiterhin auf die umstehenden Anwesenden losgegangen sein sollen.

Der Amoklauf stellt sich somit als gefährliche Extremsituation dar, in welcher der Täter eigenen Schaden bis hin zu seinem Tod in Kauf nimmt.

Wie uns Elsa Pollmann in ihrer Facharbeit[4] aufzeigt, ist Amok nicht gleich Amok[5].

Wir kennen den Amoklauf aus den Medien vor allem in Form einer Gewalttat, welche von einem einzigen, meist jugendlichen Täter begangen wird.

Diese Form des Amoks hat mittlerweile ihren eigenen Namen erhalten. Diese Amokvariante wird als School Shooting bezeichnet und enthält bereits in sich Informationen über Täter, Tatort und Art der verwendeten Waffen.

Stellt sich die Frage, wer denn da scheinbar die Kontrolle verliert.

2.) Die Tat I - Der typische Verlauf

Sobald der Amokläufer, ausgestattet mit den ihm zugänglichen Waffen und fest entschlossen seinen mörderischen Plan in die Tat umzusetzen, das Schulgelände betritt, nimmt das Geschehen für gewöhnlich einen vergleichbaren Verlauf. Vom ersten Schuss bis zur letzten Gedenkfeier verlaufen Amoktaten nahezu immer nach dem gleichen Muster.

Wie uns verschiedene Vorfälle von der Amoktat von Volkhoven[6] bis zu den Tragödien an der Columbine Highshool oder School Shootings, die noch kürzer zurückliegen, aufzeigen, ist Amok nicht auf eine bestimmte Personengruppe beschränkt.

Der meist männliche Jugendliche lebt nach außen hin in geordneten Verhältnissen. Die Familie entstammt meist der Mittelschicht, seine Schulnoten sind durchschnittlich, im Mittelmaß angesiedelt und der spätere Täter selbst eher unauffälliger Natur.

Doch hinter der Fassade scheint es zu brodeln. Er erlebt in seiner Familie keine Wärme oder Nähe, Geschwisterkinder werden ihm vielleicht vorgezogen oder sogar ständig als gutes Beispiel wiederholt vor Augen geführt. Außerhalb der Familie sieht es nicht besser aus. Er hat kaum bis keine Freunde, was sich im Verlauf durch seinen weiteren Rückzug aus dem sozialen Leben weiter verschlechtert. Er hat keine Erfahrung im Umgang mit Menschen, insbesondere dem Umgang mit dem anderen Geschlecht. Die Interessen der Anderen teilt er nicht oder vermag nicht, sich anderen Gleichaltrigen diesbezüglich anzuschließen.

Verstärkend kann hier noch ein “unansprechendes” Äußeres, wie Übergewicht oder Akne oder andere Handicaps, wie z.B. ein Sprachfehler hinzukommen. Diese negativen Attribute erschweren ihm nicht nur die Kontaktaufnahme zu Anderen, sondern machen ihn mitunter auch zu deren Zielscheibe für Spott und Späße auf seine Kosten.

Entsprechend übt er sich durchweg in Zurückhaltung, wird von niemandem wahrgenommen, weder von seiner Familie, noch Lehrerern oder Mitschülern. Von Mitgliedschaften in Clubs und Vereinen ganz zu schweigen, denn dafür fehlt es ihm an Selbstsicherheit, sich daran überhaupt zu beteiligen.

Wo andere Jungs in seinem Alter erste Erfahrungen mit Mädchen machen, durchaus auch sexueller Art, bleibt ihm dafür nur der Klick im Internet.

Und die ihm dort dargebotene Pornographie verzerrt, mangels für ihn erreichbarer Gegenbeispiele seinen Blick auf die Bereiche, Körper, Liebe, Sexualität und gaukelt ihm vor, dass Sex nur dann Sinn macht, wenn er im Kontext mit Gewalt steht. Neben der gewaltbehafteten Sichtweise auf Sex zieht mehr und mehr Gewalt auch in anderen Bereichen in sein Leben ein.

Er konsumiert brutale, auch indizierte Filme, hört Musik der härteren, aggressiven Metalgenres und verbringt den Großteil seiner Freizeit vor dem PC. Entweder auf der Suche nach neuen Medieninhalten, die seinen Durst nach Gewalt stillen oder er still ihn selbst durch entsprechend gewalthaltige Computerspiele. Dabei zieht er sich mehr und mehr in seine eigene Welt zurück, wo er die Verletzungen und Verluste des Alltags verdrängen und sich als Sieger fühlen kann. Irgendwann wächst dann auch sein Interesse an (Schuss)Waffen und vielleicht auch paramilitärischer Spiele, wie Paintball oder er beschließt, einem Schützenverein beizutreten. Das große Problem bei dieser Entwicklung ist, dass sein Wandel niemandem auffällt, er zwischen all seinen lauten, auffälligen Mitmenschen untergeht. Vielleicht auch deshalb, weil er sich eben nicht so extrem präsentiert, wie es unter anderem Hans-Peter Waldrich recht plakativ darstellt[7]. Die Schützen von Littleton Harris und Klebold haben schließlich auch bewiesen, dass Jeans, T-Shirt, Baseball Cap und ein Halstuch für ein Massaker ausreichen und es keinem schwarzen Trenchcoat dafür bedarf, wie es die Bilder der Schulüberwachungskameras dokumentiert haben. Ebenso bemerkt niemand, dass er seine Tat bereits seit langem plant, denn spontan ist im Fall eines Amoklaufs nur die Tat an sich, der eigentliche Höllentrip beginnt von der Anhäufung von Rückschlägen bis zu Tatphantasie und Planung bereits früher.

Doch der Wandel ist da. Ganz gleich, wie er zustande kam, letztlich soviel sei an dieser Stelle schon gesagt, tragen alle Teilbereiche, wie Bindungen, Familie, Gleichaltrige, Identitätsfindung, erlittene Verluste und die Medien ihren Teil dazu bei, dass irgendwann aus einem vergleichbar kleinem Anlass wie einer schlechten Note oder einer Kränkung auf dem Schulhof oder schlimmer durch ein Mädchen, der Funke die Zündschnur trifft und die eigentlich Tat startet. Die vorbereiteten Waffen im Gepäck betritt er die Schule. Einen Ort, den er mit viel persönlichen Verlusten verbindet und beginnt das Töten. Das Ende dieser menschlichen Katastrophe markiert für den School Shooter meist dessen Tod, entweder durch Suizid oder die Polizei und für die Überlebenden die Aufgabe, jetzt die Scherben aufsammeln zu müssen.

Im Folgenden wird dieser typische Verlauf jetzt in seinen Einzelkomponenten genauer betrachtet, um so näher an die Thematik der School Shooting heran zu kommen.

3.) Teenage Wasteland - Probleme des Jugendalters

Die meisten School Shooter befinden sich zum Zeitpunkt ihrer Tat mitten in der Pubertät.

Pubertät steht für die Übergangszeit vom Jugend- zum Erwachsenenalter.

Einer Zeitspanne, welche von vielerlei Veränderungen, physischer wie psychischer Natur, geprägt ist. Werfen wir doch zuerst einmal einen Blick darauf, was die Pubertät für Veränderungen mit sich bringt und was sie den Heranwachsenden abfordert.

3.1) Anforderungen an Heranwachsende - Development tasks

In den 30er und 40er Jahren entwickelte diesbezüglich Robert Havighurst sein Konzept der Entwicklungsaufgaben (development tasks) an der Universität von Chicago.

Nach Havighurst, basiert die Entwicklung vor allem auf Lernprozessen, welche sich über die gesamte Lebensspanne erstrecken[8]. Er formuliert für jeden Lebensabschnitt entsprechende Anforderungen und Aufgaben, welche im dazugehörigen Zeitraum gut zu bewältigen seien. Allerdings stellt er auch bereits klar, dass es zu Problemen führen kann, wenn diese Anforderungen nicht oder ungenügend in der entsprechenden Zeit bewältigt werden können[9]. Scheitert ein Individuum an einer entsprechenden Aufgabe, kann daraus seine weitere Entwicklung beeinflusst werden, weil es zu den kommenden Aufgaben der nächsten Zeitspanne auch die Unverrichteten noch zu bewältigen hat. Diese “nicht fristgerechte” Bewältigung der Aufgaben könne sich zudem einerseits auf die Psyche der Betroffenen auswirken und andererseits seitens der Gesellschaft zu Missbilligung oder Ablehnung führen[10], da entsprechende Kompetenzen (noch) fehlen und kein angemessenes Interaktionsverhalten angenommen wird. Damit stellt er auch einen wichtigen Punkt bezüglich der development tasks heraus. Die Entwicklungsaufgaben bedingen das Vorliegend eines aktiv Lernenden innerhalb einer ebenfalls aktiven Umwelt. Entsprechend sind Entwicklungsaufgaben neben Alter und Person immer auch kulturabhängig. Sie basieren, so Havighurst, auf gesellschaftlichen Erwartungen. Darüber hinaus individuellen Zielsetzungen und Einstellungen sowie physiologischen Reifungsprozessen[11]. Die Aufgaben bedingen also die Tatsache einer Wechselbeziehung zwischen Individuum und Umwelt. Für das Jugendalter formuliert Havighurst die Aufgaben: Aufbau neuer und reiferer Beziehungen zu Gleichaltrigen des gleichen und anderen Geschlechts, Übernahme der weiblichen oder männlichen Geschlechterrolle, Akzeptanz und effektive Nutzung des eigenen Körpers, emotionale Unabhängigkeit gegenüber der Erwachsenenwelt erlangen, Vorbereitung auf Ehe, Familie und berufliche Karriere, Entwicklung eines eigenen Wertesystems als Leitfaden des eigenen Handels, sowie die Erreichung eines sozial verantwortlichen Verhaltens[12]. Dieser Aufgaben wurde von den Entwicklungspsychologen Dreher und Dreher um die Punkte Entwicklung einer Zukunftsperspektive, eines Selbstkonzepts sowie Identität und der Aufnahme intimer Beziehungen zu einem Partner erweitert[13]. Wie Havighurst verankert auch Göppel diese Aufgaben im Jugendalter und fasst zusammen, dass die Summe der erfolgreich absolvierten Entwicklungsaufgaben so etwas wie “Erwachsensein” ergibt[14]. Dabei weist er darauf hin, dass Jugendliche diese Aufgaben mehr oder weniger parallel und im Zuge entsprechender Themen, der individuellen Entwicklung absolvieren, es also keine vorgeschriebene Reihenfolge der Bearbeitung gibt.[15]

3.2) Entwicklung von Körper und Psyche

Nicht nur, dass das Jugendalter für die Heranwachsenden entsprechende Anforderungen im Bereich der Interaktion mit der Umwelt bereit hält, die offensichtlichsten Veränderungen durchlebt ein Jugendlicher im Bereich seiner Entwicklung im Rahmen der eigenen Psyche und Physis. Besonders letztere ist für einen Jugendlichen täglich beobachtbar. Der einsetzende Wachstumsschub ist sowohl für einen Jugendlichen, wie für sein Umfeld die ersten Anzeichen für die einsetzende Adoleszenz[16]. Die körperlichen Veränderungen erfolgen bekanntlich nicht über Nacht. Auffallend ist das schnellere Wachstum der Extremitäten, was zu den bekannten schlaksigen Bewegungen von Jugendlichen führt. Wo besonders Mädchen mit dieser Disproportionalität, sowie der zunehmenden Anlagerung von Körperfett klar kommen müssen, stehen vor allem männliche Jugendlichen vor dem Problem, was sie mit ihrer zunehmenden Körperkraft anfangen sollen.[17]

Entsprechend ist das Auftreten aggressiven Verhaltens auch zurückzuführen auf zu wenig körperliche Betätigung. Die Jugendlichen brauchen jetzt Bewegung, um ihre “überschüssigen” Kräfte sinnvoll kanalisieren zu können. Entsprechend beginnen viele Jugendliche sich vermehrt, sportlichen Aktivitäten zu widmen[18].

Nicht ganz so offensichtlich erfolgen die Veränderung im Bereich der sexuellen Reifung. Hormonelle Umstellung sorgt hier für die Ausbildung primärer wie sekundärer Geschlechtsmerkmale. Besonders einschneidende Erlebnisse sind hier für Jugendliche die erste Monatsblutung (Mädchen) bzw. die erste Ejakulation (Jungen), wo Oerter und Dreher das zeitlich unterschiedliche Einsetzen hervorheben[19]. Mädchen durchleben diese Entwicklung für gewöhnlich zwei Jahre eher als die Jungen. Die hormonelle Umstellung mit ihren Auswirkungen ist durchschnittlich nach vier Jahren abgeschlossen. Allerdings hat zwar der Körper die Veränderung angenommen, die Psyche mitunter noch nicht. Entsprechend kann es, vor allem durch die immer früher einsetzende Pubertät zu Problemen kommen.

Denn wo die Physis bereits ausgereift ist, hat sich die Psyche noch nicht entsprechend umgestellt[20]. Ein Jugendlicher verfolgt alle Veränderungen an sich äußert aufmerksam und auch mitunter kritisch. Das eigene Aussehen nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein und man sucht immer wieder den Vergleich zu anderen. Infolgedessen wirkt sich diese intensivere Selbstbetrachtung und der stete Vergleich zu anderen auf die Stimmung und das Selbstwertgefühl der Jugendlichen aus. Hier liegt dann das bekannte, sogenannte schwierige Alter. Baacke erwähnt hier in diesem Zusammenhang Ängste, ambivalentes Verhalten bis hin zu sozialem Rückzug oder aggressivem Verhalten als Begleiterscheinungen des Jugendalters[21]. Jugendliche beobachten nicht nur intensiver, sondern reagieren auch entsprechend. Sie sind anfälliger als zuvor für Kritik, schneller gekränkt und leichter reizbar. Das verwundert nicht weiter, wenn man die Tatsache bedenkt, dass Menschen und vor allem Jugendliche sich vor allem über Äußerlichkeiten definieren. Schönheit und Attraktivität wirken sich positiv auf zwischenmenschlich Beziehungen aus. Entsprechend erleichtern sie auch die Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht. Im Gegensatz zur Grundschulzeit entstehen jetzt gemischtgeschlechtliche Freundschaften und auch erste intime Beziehungen zwischen den Geschlechtern[22].

In Folge dieser Entwicklungen und den ersten sexuell orientierten Gehversuchen nimmt jetzt auch die Umwelt näher Bezug auf die Jugendlichen, was uns zurück zu Havigshurts development tasks bringt. Die Gesellschaft erwartet im Zuge der Beschäftigung mit dem eigenen Körper und der Sexualität die Übernahme der männlichen, wie weiblichen Geschlechterrolle. Aufgabe der Jugendlichen ist es, die durchlebten Entwicklungen in das eigene Selbstbild zu integrieren.

3.3) Wertvorstellungen und Identität

Bisher waren alle Veränderungen biopsychologischer Art. Doch auch die kognitiven Fähigkeiten entwickeln sich. Für Jugendliche eröffnet sich durch die Möglichkeit in neuen, anderen Bahnen denken zu können, eine Art von neuer Welt. Um sich zukünftig außerhalb des bisherigen Umfelds bewegen zu können und als Vorbereitung auf Job und Familie (s.o.), ist dies auch unablässig. Neben der bekannten Familie werden nun andere Bezugsgruppen, speziell die Gleichaltrigen, für Jugendliche wichtig. Oerter und Dreher nennen in diesem Zusammenhang eine unmittelbare Erweiterung der Denkoperationen, qualitative Verbesserung der Informationsverarbeitungskapazität und Veränderung bewusstseinsbildender Prozesse[23] als notwendige Bedingungen, um nun zielgerichtet und reflektierend mit anderen in Interaktion treten zu können. Jugendliche vermögen nun flexibler und leistungsfähiger zu denken. Ebenfalls erhöht sich die Fähigkeit zur Abstraktion, was dazu führt, dass Heranwachsende nun auch Probleme und Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven betrachten können. Sie können nun genauer differenzieren zwischen idealen Sachverhalten und der mitunter abweichenden Realität. Der Erkenntnistheoretiker und Psychologe Jean Piaget merkt dazu an, dass Jugendliche im Allgemeinen nun differenzierter und (selbst-)kritischer sind, als noch im Kindesalter. Sie entwickeln nun eigene Wertvorstellungen, vor allem in Anlehnung an ihre Umwelt und eine eigene Ideologie. Havighurst hatte beides auch zu seinen Entwicklungsaufgaben gezählt.

Ziehen wir dazu einen weiteren Theoretiker heran, den Psychologen Lawrence Kohlberg. Kohlberg entwickelte ein Stadienmodell zur Aneignung von Wertvorstellungen. Jugendliche verlassen mit der Weiterentwicklung ihrer kognitiven Fähigkeiten Kohlbergs erstes, vorkonventionelles Stadium.

Dort waren sie, etwa bis zu ihrem neunten Lebensjahr, vor allem darum bemüht, Strafe seitens ihrer autoritären Bezugspersonen zu vermeiden und zwischenmenschlich Gegenseitigkeit im kleinen und kleinsten Rahmen zu erproben[24].Im folgenden konventionellen Stadium findet jetzt eine Orientierung am Umfeld statt. Die Jugendlichen erkennen die Moralvorstellungen der Personen im eigenen Umfeld und sind darum bemüht, diesen Vorstellungen und Ansprüchen gerecht zu werden. Beispielsweise werden erwünschte Verhaltensmuster adaptiert und in das eigene Verhalten integriert, um sich innerhalb der gegebenen Konventionen bewegen zu können, ohne anzuecken. Beeinflusst durch die Moralvorstellungen des Umfelds, maßgeblich orientiert an Gleichaltrigen Peers, bilden sich erste eigene Moralansichten aus und diese werden über die Grenzen der Bezugsgruppen hinaus, bis hin auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene abstrahiert. Im Anschluss daran sind nicht mehr nur die Moralvorstellungen der direkten Bezugsgruppen maßgebend, sondern diese müssen im positiven Kontext stehen mit Ordnung und Gesetzen, welche wiederum meist schriftlich niedergelegt, in scheinbar übergeordneter Form legitimiert sind.

Kohlberg hatte je Entwicklungsstadium zwei Unterstufen angenommen. Er und weitere Vertreter seiner Theorie überprüften dieses Stadienmodell vor allem in Interviews, indem sie Fallbeispiele zur Bearbeitung mit einfließen ließen[25]. Gemäß der Art wie ein Kind oder Jugendlicher mit den Fallbeispielen verfährt, lassen sich die Ergebnisse der jeweiligen Stufe des Stadienmodells zuordnen. So besteht die Möglichkeit, die Korrelation von Alter und moralischem Entwicklungstand messen zu können. Entsprechend lässt sich der Beweis für erhöhte kognitive Fähigkeiten mit Beginn des Jugendalters führen.

Das Ziel im Zusammenhang mit Havighursts Entwicklungsaufgaben markiert für jedes Individuum die Entwicklung einer eigenen Identität. Unter Identität sind zunächst einmal in ihrer Kombination einmalig vorkommende personenbezogene Daten zu verstehen[26], sprich Daten wie Name, Alter, Herkunft und Geschlecht, etc. wie wir diese in Identitätsdokumenten, wie dem Personal- oder Sozialversicherungsausweis finden. Aus psychologischer Sicht fällt weiterhin unter den Identitätsbegriff die einzigartige und unverwechselbare Persönlichkeitsstruktur eines Menschen.

Dabei tritt auch wieder die Wechselbeziehung zwischen Individuum und Umwelt auf. Nicht nur das subjektive Selbstbild ist entscheidend, sondern auch wie das soziale Umfeld dieses einschätzt, wahrnimmt und entsprechend reagiert.[27] Die Identitätsfindung verläuft ähnlich in Phasen, wie die Bearbeitung von Havighursts development tasks. Entsprechend führt auch hier Erfolg zur nächsten Phase weiter, wie Misserfolg Probleme für die nachfolgenden Phasen mit sich bringen kann. Der Psychoanalytiker Erickson hatte dieses Phasenmodell entwickelt und für das Jugendalter die Wichtigkeit bestimmter Bezugsgruppen als Orientierungspunkte aufgezeigt. Nach Erickson sind besonders Idole und Vorbilder, sowie die Gruppe der Gleichaltrigen für Heranwachsende von immenser Wichtigkeit[28], um sich in mitunter wechselnden sozialen Beziehungen zu erproben, sprich das eigene Selbstbild in Interaktionen auf seine Funktionalität zu überprüfen. Identität basiert auf Fragen, die jeder im Laufe seiner Entwicklung an sich selbst richtet. Im Zentrum dieser Fragen steht vor allem die Frage nach dem Selbst. Wer bin ich? Und da wir uns immer innerhalb von Beziehungen zu anderen Personen sehen, sind darüber hinaus Fragen bezüglich des interpersonellen Wechselspiels wichtig: Auf wen beziehe ich mich? Wer bezieht sich auf mich? Welche wieder den Bogen zum Selbst zurückspannen. Worüber definiere ich mich und was macht mich aus? George Herbert Mead, welcher ebenfalls die Annahme vertritt, dass Identität nicht aus dem isolierten Einzelnen heraus entstehen kann, spricht von drei notwendigen Ebenen, auf denen sich Identität entwickelt[29].

Identität sei zum einen eine Beziehungsleistung[30], welche darin besteht, das eigene Ich in verschiedenen Beziehungskonstellationen zu erproben und zu etablieren. Besonders wichtig seien dabei die Gleichaltrigen, welche vor den gleichen Problemen stehen, etwa den gleichen Entwicklungsstand haben und vergleichbare Zukunftsaussichten und Chancen haben. Zudem geht man unter Gleichaltrigen meist wesentlich ungezwungener miteinander um, als dies bei Interaktionen mit Familienmitgliedern, Lehrern oder anderen Autoritätspersonen der Fall ist, wie man es im Alltag beobachten kann. Jugendliche nutzen unter Gleichaltrigen die Chance, Sichtweisen kennen zu lernen, welche oft von Schule und Elternhaus nicht in der gleichen Weise geteilt werden. Dadurch öffnet sich ihnen eine Welt außerhalb der bisher gekannten Grenzen. Damit dies allerdings weitestgehend reibungslos verlaufen kann, ist es wichtig, die eigene egozentrische Sicht abzulegen.

Diese Relativierungsleistung[31] ist die Einsicht, zu welcher ein Jugendlicher gelangen muss, die ihm vor Augen führt, dass er sich ständig in Relation zu anderen sehen muss. Das Umfeld hat schließlich auch Erwartungen und Ansprüche. Ständige Kontrolle und auch Zurücknahme sind die Folge. Es gilt nun nicht mehr “wie du mir so ich dir”, sondern die Beweggründe, das jeweilige eigene Verhalten und dass der anderen will und muss ergründet werden. Da Jugendliche nicht mehr wie zuvor in einzelnen Situationen und Augenblicken leben, ist auf der dritten Ebene die Kontinuität gefragt. Kontinuität meint hier das individuelle Bewusstsein darüber, dass man die Frage “bin ich der, der ich zu sein scheine[32]” für sich positiv beantworten kann. Und dies eben nicht an einer einzigen Situation gemessen, sondern über die gesamte bisherige Distanz der eigenen Entwicklung. Jugendliche empfinden Kontinuität, wenn sie die bisherigen Entwicklungsleistungen überblicken und als zusammengehörig erkennen mit dem Stadium ihrer Entwicklung, in dem sie sich gerade befinden, sowie den folgenden Stadien, auf die sie hin arbeiten. Dabei ist es unerlässlich, zu erkennen, dass man in der Wirklichkeit verankert ist und entsprechende Pläne und Ziele ebenso in der Wirklichkeit platziert sein müssen, statt in Fantasien.

Erst die Verbindung aller drei Ebenen Beziehungsleistung, Relativierungsleistung und Kontinuität führt dazu, dass das sog. “Self” aus “I” und “Me” entstehen kann[33].

Identität ist im Sinne Meads, die Summe der Komponenten Selbstbild (I), welches wir in uns erkennen, dem Fremdbild (Me), wie andere uns sehen und einschätzen und dem Ergebnis dieser Addition, dem Selbst (self).

Identität bedeutet also mehr, als die Daten in amtlichen Dokumenten. Vielmehr vereint Identität zwei gleichzeitige Beobachtungen. Einerseits die Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit und gleichzeitig die Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen[34].

Auf dem Weg zur Identität sind Jugendliche darauf angewiesen, mitunter zu experimentieren. Jeder Jugendliche führt dabei seine individuellen Kämpfe mit Eltern, Lehrern und anderen Autoritäten und Gleichaltrigen aus. Ebenso wie jeder Jugendliche um Akzeptanz und Anerkennung kämpft und sich in neue Beziehungen, auch zum anderen Geschlecht hin, begeben muss.

Jugendalter bedeutet einen Zeitraum der Unsicherheit und gleichzeitiger Verletzbarkeit. Auch eine Zeit des Nichtverstandenwerdens. Nicht selten bezeichnen Erwachsene Entscheidungen und Sichtweisen von Jugendlichen als unvernünftig oder irrational[35].

[...]


[1] Devereux: „Das Normale und das Abnorme“, (1982)

[2] Unter einer Ventilsitte versteht man ein Ritual, ein Verhalten, welches eines Gesellschaft ihren Mitgliedern zur Verfügung stellt um ihr psychisches Gleichgewicht, nach erlittenem Schaden, Mangel oder Verlust wieder herzustellen. Eingeführt wurde der Begriff durch den österreichischen Ethnologen Richard Thurnwald. Wo Amok eine extreme Form darstellt, gilt auch Prostitution oder sportlicher Wettkampf als Ventilsitte. Motto der Ventilsitte ist, wenn man so will, in geregelten Bahnen „die Zügel lockerer zu lassen“.

[3] Eisenberg: „Gewalt die aus der Kälte kommt“, (2002) S. 17f

[4] Pollmann: „Tatort Schule - wenn Jugendliche Amok laufen“, (2008) S. 16f

[5] Ähnliche Verhaltensweisen zum Amoklauf finden sich in historischen Berichten z.B. bei den Berserkern, welche im Mittelalter in Skandinavien zu finden waren und ebenfalls in einem Rauschzustand, in Schlachten auf ihre Feinde eingestürmt sind.Vergleichbares gilt auch für die japanischen Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg und die Flugzeugentführer, welche die Attentate des 11. Septembers 2001 zu verantworten haben.

[6] ein Beispiel ist der Amoklauf von Volkhoven am 11. Juni 1964 durch den Frührentner Walter Seifert, der mit einem selbstgebauten Flammenwerfer die dortige Volksschule stürmte und zwei Lehrerinnen sowie acht Kinder tötete, insgesamt erlitten 28 Kinder zum Teil schwere Brandverletzungen.

[7] vgl .Waldrich: In blinder Wut - Amoklauf und Schule, (2010) S.12f

[8] Havighurst - Development Tasks and Education, (1974) in Pollmann: Tatort Schule - Wenn Jugendliche Amok laufen, (2008) S. 42

[9] (ebd.)

[10] (ebd.)

[11] (ebd.) S. 43

[12] vgl. Havighurst - Development Tasks and Education (1974) in Pollmann: Tatort Schule - Wenn Jugendliche Amok laufen, (2008) S. 42

[13] vgl. Dreher/Dreher (1985) zit. n. Göppel - Das Jugendalter, (2005) in ) in Pollmann: Tatort Schule - Wenn Jugendliche Amok laufen, (2008) S. 44

[14] Göppel - Das Jugendalter, (2005) in ) in Pollmann: Tatort Schule - Wenn Jugendliche Amok laufen, (2008) S. 44

[15] (ebd.)

[16] vgl. Oerter/Dreher - Jugendalter, in Oerter/Montada - Entwicklungspsychologie, (2002) S. 269

[17] (ebd.) S. 276

[18] (ebd.) S. 276

[19] (ebd.) S. 278

[20] (ebd.) S. 280ff

[21] vgl. Baacke - Die 13 - 18 Jährigen, (2003) S. 101f

[22] vgl. Oerter/Dreher - Jugendalter, in Oerter/Montada - Entwicklungspsychologie, (2002) S. 315ff

[23] vgl. Oerter/Dreher - Jugendalter, in Oerter/Montada - Entwicklungspsychologie, (2002) S. 274

[24] (vgl.) Baacke, Dieter; Die 13-18 -Jährigen - Einführung in die Probleme des Jugendalters, (2009), S. 156ff

[25] Die gängige Verfahrensweise zur Überprüfung der jeweiligen Stufen waren moralische aufgeladene, fiktive Fallbeispiele. Diese von Kohlberg et al. entwickelten Dilemmata gaben Aufschluss über die moralische Entwicklung der untersuchten Kinder und Jugendlichen. Beispielsweise unter Verwendung des Heinz Dilemmas, hatten die Befragten die Aufgabe, das Verhalten des Protagonisten (Heinz) aus ihrer Sicht zu entscheiden, der sich innerhalb des Beispiels um seine todkranke Frau kümmern muss. Dabei steht er vor dem Problem, dass er nicht genug Geld für das richtige Medikament hat. Jüngere Befragte äußerten diesbezüglich, dass Heinz einfach das Medikament stehlen solle und rechtfertigten dies mit dem lebensrettenden Nutzen dieser Tat. Bei älteren Befragten waren jedoch bereits die Stufen 3 und 4 erkennbar, da sie die Rechtswidrigkeit und ihre möglichen Auswirkungen bereits in ihre Überlegungen mit einbeziehen.

[26] vgl. Oerter/Dreher - Jugendalter, in Oerter/Montada - Entwicklungspsychologie, (2002) S. 290f

[27] (ebd.) S. 290f

[28] Erickson: Identität und Lebenszyklus (1966) in Pollmann: Tatort Schule - Wenn Jugendliche Amok laufen, (2008) S. 52

[29] vgl. Mead: Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist, (1934) in Baa>

[30] (ebd.) s.202

[31] (ebd.) S.202

[32] (ebd.) S.203

[33] (ebd.) S 204

[34] Erickson: Identität und Lebenszyklus (1966) in Baa>

[35] vgl. Pollmann: Tatort Schule - Wenn Jugendliche Amok laufen, (2008) S. 53

Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656575276
ISBN (Buch)
9783656575283
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266843
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Poltikwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Winneden Schule

Autor

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Titel: Teen[r]age Wasteland: Amoklauf und School Shootings