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Das Radio: Analoge Insel im Meer digitaler Angebote? Die Zukunft des Hörfunks im Zeitalter des Internets

Masterarbeit 2013 106 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

III. Abkürzungsverzeichnis

1. Problemstellung, Methodik und Aufbau der Arbeit

2. Über das Radio
2.1. Definition des Radiobegriffs
2.2. Die Entwicklung des Radios in Deutschland
2.3. Daten zur aktuellen Radionutzung in Deutschland
2.3.1. Die Media-Analyse Radio (ma Radio)
2.3.2. Ergebnisse der ma Radio 2013 I und Daten zur analogen Radionutzung
2.4. Alleinstellungsmerkmale des analogen Radios
2.5. Zusammenfassung der Erkenntnisse

3. Die Digitalisierung des Hörfunks
3.1. Digitalisierungstechniken der Radioübertragung
3.1.1. Digital Audio Broadcasting
3.1.2. Audio-Streaming
3.1.3. Satelliten- und Kabelübertragung
3.2. Distributionswege und Hörfunkformate im Internet
3.2.1. Simulcasts
3.2.2. Webcasts
3.2.3. Daten zur Nutzung von Simulcast und Webcast
3.2.4. Podcasts
3.3. Radionutzung mittels digitaler Endgeräte
3.3.1. Digitalradio (DAB+)
3.3.2. W-LAN Radio
3.3.3. Smartphone
3.4. Senderwebseiten und Soziale Netzwerke
3.4.1. Begriffsdefinition und Beispiel
3.4.2. Daten zum Nutzungsverhalten

4. Besonderheiten der digitalen Hörfunknutzung
4.1. Potenziale der digitalen Hörfunkangebote
4.2. Nutzung digitaler Hörfunkangebote

5. Das Radio als konvergentes Medium
5.1. Definition des Konvergenzbegriffes
5.2. Modell des konvergenten Hörfunks

6. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Radionutzung ma 2013 Radio I

Abbildung 2: Radionutzung im Tagesverlauf (nach Berufstätigkeit)

Abbildung 3: Tätigkeiten während des Radiohörens

Abbildung 4: Radioperformance im Vergleich

Abbildung 5: Programmvielfalt und -bindung

Abbildung 6: Haushaltsausstattung mit Radiogeräten

Abbildung 7: Typen der Radiogeräte in den Haushalte

Abbildung 8: Anteil der Gerätetypen an der Radiohördauer

Abbildung 9: Mediennutzung im Tagesverlauf

Abbildung 10: Radio-Stundenuhr am Beispiel von HIT RADIO FFH

Abbildung 11: 1LIVE Webradio

Abbildung 12: MDR Sputnik Webcast

Abbildung 13: Das Angebot von Webcast und Simulcast

Abbildung 14: Nutzung von klassischem UKW-Programm und Webradio

Abbildung 15: Das WDR Podcast Angebot auf iTunes

Abbildung 16: DAB+ Empfangsgerät Typ "ALBRECHT DR 333”

Abbildung 17: Die Applikation Elchradio für das iPhone

Abbildung 18: Homepage WDR3

Abbildung 19: Konvergenzmodell für den Hörfunk

III. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung, Methodik und Aufbau der Arbeit

Seit dem Aufkommen des Internets und den in den vergangenen Jahren populär gewordenen Techniken des Social Web, haben sich neue Möglichkeiten für die Medienpraxis ergeben. Derartige Aussagen haben längst einen Status der Selbstverständlichkeit erreicht. Umso verwunderlicher ist es, dass die einschlägige wissenschaftliche Literatur das Medium Radio unbeachtet von dieser Tatsache belässt.

Allgemein hat das Medium Internet bedingt durch den initiierten Mediennutzungswandel bei Lesern, Zuschauern und Zuhörern unlängst einen hohen Stellenwert eingenommen. Für die Ausrichtung auf die Zielgrößen Auflage, Quote, Verweildauer oder Reichweite ist die Berücksichtigung des Distributionskanals Internet ein zentraler Faktor. Abseits von der ursprünglichen Kernkompetenz soll auch der Hörfunk in der Medienpraxis gemäß diesem Prinzip agieren, mahnte Dr. Thomas Gruber bereits im Jahr 2006:

„Radio droht zu einer analogen Insel in einem Meer digitaler Angebote zu werden. Gelingt der digitale Umstieg nicht, wird Radio als Gattung in einer zunehmend digitalen Welt langsam untergehen, weil es gestiegenen Nutzererwartungen nicht mehr entsprechen kann.“ (vgl. Priebe 2006: 111)

Der Medienwissenschaftler und ehemalige Chef des bayerischen Rundfunks attestierte dem Hörfunk in Deutschland zu diesem Zeitpunkt Defizite hinsichtlich der Nutzung der internetbasierten Medientechnologien und eine undefinierte digitale Ausrichtung der Sender (vgl. ebd.).

Die vorliegende Masterarbeit widmet sich der Beantwortung der Forschungsfrage, welchen Stellenwert das Radio gegenwärtig im Zeitalter des Internets besitzt und welche Funktionen des Mediums durch die Einführung digitaler Hörfunkangebote neu verhandelt werden. Dabei soll außerdem herausgefunden werden, welche Perspektiven die digitalen Erweiterungen des Radioprogramms im Hinblick auf die aktuelle Radionutzung eröffnen. Das Ziel der medienwissenschaftlichen Arbeit ist es, sich dem gegenwärtigen Begriff und Verständnis von Radio anzunähern und mögliche Perspektiven für gegenwärtige sowie zukünftige Funktionen und Formen von Radio aufzuzeigen.

Im Kontext der medienwissenschaftlichen Forschung und im Vergleich zu anderen Massenmedien besitzt das Radio generell einen untergeordneten Stellenwert. Die wissenschaftliche Betrachtung des Mediums erlangte zwischen Ende der 1920er und 1950er Jahre ihren Höhepunkt. Nach dem Wandel vom Leit- zum Begleitmedium wurden radiotheoretische Bemühungen nahezu eingestellt. Der gegenwärtige Radiobegriff steht definitorisch noch immer in der Tradition dieser frühen Erkenntnisse. Die oben genannten Umstände machen jedoch ein Umdenken notwendig.

Die meist aus der Praxis initiierten Ansätze der Radioforschung erheben in regelmäßigen Abständen Angaben zur Nutzung von analogen sowie digitalen Audiomedien. In quantitativen und qualitativen Studien liegen Daten zur Nutzung des analogen Radioprogramms (z.B. Media-Analyse Radio), zur Nutzung von Online-Radio in Form von Web- und Simulcast-Angeboten (z.B. Webradiomonitor; R@diostudie) sowie zum Gebrauch von Podcasts (z.B. ARD/ZDF-Onlinestudie) oder von RadioApplikationen für mobile Endgeräte (z.B. Radio der Zukunft / Radio Plus) vor. Es besteht jedoch eine Forschungslücke, wenn es darum geht die vorliegenden Ergebnisse vor dem Hintergrund eines zeitgemäßen Radiobegriffs zu deuten. An dieser Stelle knüpft diese Masterarbeit an.

Aus methodischer Perspektive handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Metaanalyse von quantitativen und qualitativen Studien, die sich mit den analogen und digitalen Erscheinungsformen des Radios befassen. Aus der Reflexion und dem Vergleich vorhandener Daten aus der angewandten Hörfunkforschung wird ein Rückschluss auf die Essenz des gegenwärtigen und zukünftigen Hörfunks und seine Funktionen gegeben.

Zu Anfang dieser Arbeit wird im zweiten Kapitel mit der Ermittlung eines pragmatischen Radiobegriffs die essentielle theoretische Grundlage gelegt. Zur Einordnung und Definition der Eigenschaften des analogen Radios wird die historische Entwicklung des Mediums skizziert. Desweiteren wird der zugrundeliegende Radiobegriff auf Basis aktueller Daten zur Radionutzung in Deutschland ermittelt. Gemessen an der Nutzung und medienhistorischen Entwicklung des Radios werden folglich die Alleinstellungsmerkmale des analogen Radios sowie der Stellenwert des Mediums im Medienvergleich analysiert und dargestellt.

Im Anschluss daran werden im dritten Kapitel die digitalen Hörfunkangebote thematisiert. Einleitend wird eine Übersicht über die Digitalisierungstechniken (siehe Kapitel 3.1.) gegeben. Diese dienen als Grundlage für die Darstellung der Distributionswege (siehe Kapitel 3.2.) sowie der digitalen Endgeräte (siehe Kapitel 3.2. ), welche im Anschluss jeweils vorgestellt, definiert und anhand von Beispielen veranschaulicht werden. Zentraler Bestandteil des dritten Kapitels ist darüber hinaus die Analyse der Daten zur Nutzung der diversen digitalen Hörfunkangebote. Insgesamt werden quantitative und qualitative Studienergebnisse zur Nutzung von Simulcasts und Webcasts (siehe Kapitel 3.2.3.), von Podcasts (siehe Kapitel 3.2.4.2.), von Digitalradios (siehe Kapitel 3.3.1.2.), von W-LAN Radiogeräten (siehe Kapitel 3.3.2.2.), von Smartphone-Apps (siehe Kapitel 3.3.3.2.) sowie zur Nutzung der Senderwebseiten und Fanpages im sozialen Netzwerk Facebook (siehe Kapitel 3.4.2.) analysiert. Anhand dieser umfangreichen Betrachtung werden die gesamten digitalen Hörfunkangebote der Radiosender hinsichtlich der Nutzung durch die Rezipienten abgebildet.

Auf dieser Basis erfolgt im vierten Kapitel eine Zusammenfassung von den Besonderheiten der digitalen Hörfunknutzung, die in die Darstellung der Potenziale (siehe Kapitel 4.1.) und die Darstellung der tatsächlichen Nutzung (siehe Kapitel 4.2.) der digitalen Hörfunkangebote untergliedert ist. Es wird zusammengefasst welche der neuen Hörfunkangebote, wie intensiv und von welcher Zielgruppe genutzt werden und inwiefern diese Ergebnisse einen Funktionswandel für das Medium Radio bedeuten.

Die Erkenntnisse dieser Untersuchung werden abschließend unter Berücksichtigung des nutzerorientierten Konvergenzbegriffes nach Hasebrink und Schuegraf (siehe Kapitel 5.1. ) zusammengeführt und in einem Modell zum konvergenten Hörfunk (siehe Kapitel 5.2. ) angewendet und zusammengefasst.

Im ersten Teil der Arbeit geht es folglich um die Ermittlung und Darstellung des grundsätzlichen Verständnisses des analogen Hörfunks in Deutschland. Der zweite Teil der Arbeit behandelt die digitalen Zusatzangebote sowie das Potenzial und die Nutzung dieser Anwendungen und Geräte. Im dritten Teil erfolgt dann die Zusammenführung des klassischen Radiobegriffs und der digitalen Erweiterungen vor dem Hintergrund des für die Arbeit zentralen Konvergenzbegriffes.

Zum Abschluss dieser Einleitung werden ergänzend noch kommunikative bzw. stilistische Hinweise zur vorliegenden Arbeit gegeben:

Mit ,einfachen Anführungsstrichen‘ werden Begrifflichkeiten betont, die hervorgehoben werden sollen, die umgangssprachlich sind oder bei denen es sich um Fachtermini handelt, die erläutert werden müssen. in der Regel wird nach der ersten Nennung des jeweiligen Begriffs auf zusätzliche Kennzeichnungen verzichtet.

Mit „doppelten Anführungsstrichen“ werden Zitate aus der Literatur bzw. den elektronischen Quellen gekennzeichnet, welche anhand des Literaturverzeichnisses überprüft werden können.

Mit kursiv gesetzten Textelementen werden Eigennamen, wie zum Beispiel die Namen von Radiosendern oder die Namen der Studien aus der angewandten Hörfunkforschung gekennzeichnet.

Mit Hilfe der fett gesetzten Textelemente werden die Schlüsselkategorien gekennzeichnet, die nach der Metaanalyse in der vorliegenden Arbeit gebildet werden.

Auf verwendete Abkürzungen wird entweder im Text oder zusätzlich im entsprechenden Abkürzungsverzeichnis hingewiesen.

2. Über das Radio

2.1. Definition des Radiobegriffs

Aus technologischer Perspektive betrachtet werden bei der analogen Hörfunktechnologie auditive Reize, wie Sprache, Musik, Töne und Geräusche über Mikrofone in elektromagnetische Wellen umgewandelt. Die Signale werden anschließend radial über Sendeantennen in umliegende Sendegebiete verteilt. Mithilfe von Empfangsgeräten, für die sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Mediums ebenfalls die Bezeichnung ,Radio‘ durchgesetzt hat, werden die elektrischen Signale empfangen und wiederum für den Rezipienten in akustische informationen umgewandelt (vgl. Gehring 1997: 285-287). Im Vergleich zu dieser skizzierten technischen Funktionsweise ist die Definition eines expliziten Radiobegriffs deutlich komplexer:

„Radio zählt offensichtlich zu den anwachsend zahlreichen Termini, die wir ständig verwenden, die aber kaum definierbar sind, weil ihre Konturen verschwimmen [...]. Dazu kommt, dass Radio (anders als Fernsehen) ein Weltbegriff ist, der in vielen Sprachen verwandt wird, dabei aber transkultureller Differenz unterliegt und keineswegs Identisches beschreibt. Das Vorhaben, den Begriff so zu definieren, dass er allseits akzeptierbar ist, erscheint folglich kaum realisierbar.“ (Kleinsteuber 2012: 15)

Aufgrund der von Kleinsteuber beschriebenen begrifflichen Komplexität ist es erforderlich, den Radiobegriff, welcher der Masterarbeit zugrunde liegt, einzuordnen und abzugrenzen.

Die wissenschaftliche Ableitung des Radiobegriffs erweist sich bei dem Vorhaben das analoge Radio und seine Eigenschaften zu beschreiben als ungeeignet. Aus medienwissenschaftlicher Perspektive werden die Entwicklung sowie die Eigenschaften des Mediums kaum oder höchstens oberflächlich betrachtet. So konstatiert der Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug:

„innerhalb der neueren und boomenden Medien- und Kommunikationswissenschaften nimmt der Hörfunk seit Langem eine Randposition nahe der Nichtbeachtung ein. Zwischen dem riesigen Angebot und der dauerhaften Nutzung einerseits sowie der wissenschaftlichen Wahrnehmung andererseits besteht eine riesige - und keineswegs unbekannte - Kluft.“ (Krug 2010: 7-8)

Der Medientheoretiker Rainer Leschke bestätigt diesen Eindruck und stellt fest, dass radiotheoretische Bemühungen schon frühzeitig und trotz der stetigen Entwicklung des Mediums eingestellt wurden:

„Die Radiotheorie bleibt im Gegensatz zu den recht regelmäßig auftauchenden Wogen neuer filmtheoretischer Konzeptionen eher ein vorübergehendes Ereignis. Sie begleitet die vergleichsweise knapp bemessene Phase, in der das Radio als Leitmedium fungiert. Diese Phase beginnt mit der massenwirksamen Etablierung des neuen Mediums Ende der 20er Jahre und endet wieder relativ abrupt mit der sukzessiven Durchsetzung des Fernsehens gegen Ende der 50er Jahre.“ (Leschke 2003: 130)

Vielzitierte Radiotheorien wie etwa die wahrnehmungspsychologischen Erkenntnisse über das Radio von Rudolf Arnheim aus dem Jahr 1936 (vgl. Arnheim 1979) oder die ideal typischen Forderungen sowie medien- und gesellschaftskritischen Theoriefragmente von Bertolt Brecht aus den Jahren 1927 bis 1932 (vgl. Brecht 1967: 119-134), beschäftigen sich darüber hinaus mit spezifischen Aspekten des Radios (vgl. Schätzelein 2012: 42) und werden somit für eine grundlegende und zeitgemäße Definition des analogen Radios als ungeeignet betrachtet. Gleiches gilt beispielsweise auch für die jüngere Radiotheorie von Werner Faulstich (vgl. Faulstich 1981), die sich bei der Definition des Gegenstands Hörfunk und der Analyse der Charakteristika des Radios auf das Hörspiel The War of the Worlds aus dem Jahr 1938 bezieht. Es wird deutlich, dass der Radiobegriff und die Bedeutung des Mediums für den Rezipienten demnach in der Tradition veralteter wissenschaftlicher Sichtweisen auf das Medium stehen.

Auch in der internationalen Forschung nehmen die Radiotheorie sowie die wissenschaftliche Betrachtung des Mediums keinen hohen Stellenwert ein. So beschreibt Tacchi das Radio ebenfalls als größtenteils unbeachtetes Forschungsobjekt:

„[...] it is seen as a secondary medium, not just by the academic world but by many producers of radio and by consumers. [...] Radio is ubiquitous, but quietly so; it is invisible. Radio is cheap to produce and has been around for a long time - it is the oldest of the time-based media in the home. Radio has become naturalized - so much so that it is difficult to establish its significance.” (Tacchi 2000: 290)

Die Arbeiten zur Entwicklung des britischen Rundfunks und dessen Eigenschaften vom englischen Radioforschers Andrew Crisell (vgl. Crisell 1995) sowie die Ausarbeitung von Hugh Chignell zu diesem Thema (vgl. Chignell 2009) stellen dabei die Ausnahme dar.

Demnach lässt sich insgesamt konstatieren, dass die Radiotheorie aktuell keinen zeitgemäßen Radiobegriff anbietet, der die Charakteristika des analogen Radios in Deutschland beschreibt und auf den sich somit in der Ausgangslage dieser Arbeit gestützt werden kann. Als Konsequenz daraus wird in diesem Kapitel ein pragmatischer Radiobegriff hergeleitet.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich der Begriff ,Radio ‘ gegenüber der Bezeichnung ,Hörfunk‘ für das Medium durchgesetzt. Die zwei Begriffe werden allgemein, zusammen mit dem Medium Fernsehen, unter dem Oberbegriff ,Rundfunk‘ zusammengefasst. In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe ,Radio‘ und ,Hörfunk‘ synonym verwendet. Der Begriff ,Radio‘ bezeichnet demnach nicht nur das technische Empfangsgerät.

Gemäß des Rundfunkstaatsvertrags wird der Hörfunk als ein „linearer Informationsund Kommunikationsdienst“ (§ 2 Abs. 1 15. RÄStV) definiert, der „für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmte Veranstaltungen und Verbreitung von Angeboten in [...] Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen“ (ebd.) sendet. Das Programm des Mediums beinhaltet „eine nach einem Sendeplan geordnete Folge von Inhalten“ (§ 2 Abs. 2 15. RÄStV). Diese Definition schließt an das Grundverständnis vom klassischen Radiobegriff an, der dieser Arbeit zugrunde liegt. Daran orientiert wird das Radio in dieser Masterarbeit folglich als Programmmedium mit publizistischem Charakter und redaktionellen Inhalten sowie unterhaltenden Elementen verstanden. Darüber hinaus bildet das Radio in seiner rein analogen Form, welches im weiteren Verlauf auch synonym als ,klassisches‘- oder ,UKW‘-Radio bezeichnet wird, die Ausgangslage dieses Textes. Weiterhin ist zu beachten, dass in dieser Arbeit die Unterscheidung von privaten oder öffentlich-rechtlichen Hörfunk in Deutschland als redundant erachtet wird. Der Fokus wird anstatt dessen auf die gemeinsame bzw. gesamte Mediengattung des Radios in Deutschland gelegt.

Auf Basis dieser Definition erfolgt im weiteren Verlauf die Annäherung an die Charakteristika des analogen Radios mittels der Analyse der alltäglichen Nutzungsweisen der Rezipienten. Der erste Schritt ist dabei die Skizzierung der Entwicklung des Radios in Deutschland.

2.2. Die Entwicklung des Radios in Deutschland

Ergänzend zur bisherigen Definition und Erfassung des Radiobegriffs wird an dieser Stelle, in Form einer kurzen medienhistorischen Übersicht und Einordnung, der Entwicklungsprozess des Mediums Radio skizziert. Mit diesem Schritt wird ein Überblick über die bisherigen Funktionen des Radios gegeben.

Der deutsche Physiker Heinrich Hertz sowie der italienische Forscher Guglielmo Marconi hatten mit ihren Erfindungen großen Anteil an der Entdeckung und Entwicklung der Hörfunktechnologie (vgl. Schäffner 2004: 275-276). Die Grundlage für die drahtlose Übertragung von Funksignalen erbrachte Hertz im Jahr 1884 mit seinem Nachweis von elektromagnetischen Wellen (vgl. Koch/Glaser 2005:8). Marconi hingegen errichtete die erste Sendeantenne und ermöglichte die erste Funkübertragung über den Ärmelkanal sowie kurze Zeit später über den Atlantik (vgl. Schäffner 2004: 276). Mit der ersten gesprochenen Botschaft, die im Jahr 1906 in den USA übermittelt wurde, begann die Übermittlung von Nachrichten per Funk (ebd.). Daraufhin wurde die Technik vorerst als Kommunikationsmittel im Schiffsverkehr genutzt, ehe sie weiter optimiert wurde und schließlich im ersten Weltkrieg vom Militär als „drahtloser Kriegsnachrichtendienst“ (Koch/Glaser 2005: 8) ihre neue Verwendung fand. Erstmals bekam die Funkübertragung dabei eine publizistische Funktion, da über den Funk neben Militärnachrichten auch Musikstücke und Lesungen übertragen wurden (Dahl 1983: 13). In Deutschland setzte sich der Elektrotechniker Hans Bredow für die Etablierung des Hörfunks ein. Mit der Sendestelle Berlin Voxhaus Welle 400 strahlte, auch dank der Unterstützung des Radioförderers, am Abend des 29. Oktober 1923 der erste Radiosender in Deutschland sein Programm aus (vgl. ebd.: 9-11).

In seiner folgenden Entwicklung erfüllte der Hörfunk in Deutschland mehrere unterschiedliche Funktionen und durchlief über die Jahre hinweg diverse Entwicklungsstufen. Zur Zeit der Weimarer Republik und somit kurz nach Beginn des regelmäßigen Sendebetriebs hatte es als „Unterhaltungsrundfunk“ (Koch/Glaser 2005: 11) die hauptsächliche Aufgabe die Bevölkerung von den wirtschaftlichen und politischen Krisen abzulenken (vgl. ebd.). Übertragungen von Konzerten, Hörspielen, Opern sowie ein Bildungsprogramm mit Lesungen aus den Bereichen Kultur und Wissenschaft waren neben Nachrichten und übertragenen Sportereignissen die elementaren Bestandteile dieses frühen Radioprogramms (vgl. Diller 1997: 314-316). Signifikant war zu diesem Zeitpunkt die staatliche Kontrolle des neuen Mediums: Die Vergabe von Sendelizenzen durch die Reichspost und das Innenministerium erfolgte nur unter der Bedingung, dass die Sender dem Staat Bestimmungs- und Mitspracherechte bewilligten (vgl. ebd.: 314-320). Ebendiese Kontrolle des Staates über das Medium sowie sinkende Anschaffungskosten und ansteigende Begeisterung für das Medium in der Bevölkerung (vgl. ebd.: 320) ermöglichte es den Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung den Hörfunk als Instrument für Propaganda einzusetzen. Als „Sprachrohr des Nationalsozialismus“ (ebd.: 325) wurde mit dem Volksempfänger ein kostengünstigeres Empfangsgerät eingeführt, welches die Ideologie der NSDAP in der gesamten Bevölkerung verbreiten sollte. Medienforscher wie Gerhard Schäffner schlussfolgern deswegen: „Das Radio als , elektronischer Gast‘ und allgegenwärtiges Unterhaltungsmedium hat sich also in Deutschland unter NS-Regie endgültig durchgesetzt“ (2004: 278). Inhaltich wurde das Programm während des zweiten Weltkriegs von propagandistischen Kriegsberichten und einem unterhaltendem Wort- und Musikprogramm bestimmt, welches für eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung sorgen sollte (vgl. Diller 1997: 330). Erst mit der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 begann für den Hörfunk in Deutschland eine neue Ära.

Die Besatzungsmächte entwickelten den Hörfunk in Deutschland nach der Instandsetzung der Sendeanlagen zum wichtigsten Nachrichtenübermittler und nutzten das Medium zur Denazifizierung sowie zur Vermittlung demokratischer Werte in der deutschen Bevölkerung (vgl. ebd.: 331-332). Darüber hinaus erfolgte, initiiert von Seiten der westlichen Alliierten, eine Umstrukturierung des Hörfunksystems mit der Zielsetzung ein unabhängiges Medium der Meinungsbildung zu schaffen (vgl. ebd.: 333). Mit der folgenden Einführung des öffentlich-rechtlichen Organisationsmodells sowie dem Modell inhärenten nichtstaatlichen Kontrollorganen wurde diese Zielsetzung erfüllt (vgl. ebd.: 336). Die damals entwickelten Programmgrundsätze und Richtlinien wurden 1987 im sogenannten Rundfunkstaatsvertrag festgehalten und haben bis heute Gültigkeit. Elementar für den Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist dabei der übergeordnete Stellenwert einer unabhängigen sowie wahrheitsgemäßen und ausgewogenen Berichterstattung (vgl. ebd.: 334-335).

Mit der Gründung der Bundesrepublik wurden die Programmanstalten wieder zurück in die Verantwortung deutscher Radiomacher gegeben. Diese vertraten die Auffassung, dass auch unterhaltende Hörfunkelemente wieder im Programm berücksichtigt werden sollten:

„‘Bunte Abende‘, Unterhaltungsmusik und unterhaltsame Familienserien fanden eine Aufmerksamkeit wie heute Samstagabend-Shows im Fernsehen. Der Hörfunk behauptete in den fünfziger Jahren ein Gutteil jener Funktionen, die er in der Besatzungszeit für das Alltagsleben der Bevölkerung übernommen hatte. Er spielte damit eine ähnlich große Rolle wie in der NS- Zeit - nur unter völlig anderen Vorzeichen.“ (Halefeldt 1999: 213)

Das Medium wurde zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit der Familie sowie in den Abendstunden genutzt (vgl. Kiefer 1999: 428-430). Dieses Nutzungsverhalten änderte sich mit der zunehmenden Weiterentwicklung des Mediums Fernsehen und dem Sendebeginn des ^^D-Fernsehprogramms im Jahr 1952 sowie des Zweiten Deutschen Fernsehens im Jahr 1961. Die Zuschauer zeigten die gleichen Erwartungen an das Fernsehprogramm und wollten von dem audiovisuellen Medium speziell am Abend unterhalten werden (vgl. ebd. 432-433). Die Folge war, dass die Hör- und Verweildauer des Radios sanken und die Nutzung am Abend abnahm:

„Aus der Sicht seines Publikums hatte er [der Hörfunk, d. Verf.] vor allem als Medium der Unterhaltung [...] gegenüber dem Fernsehen deutlich verloren. [...] Es war klar, daß [sic!] das Fernsehen wesentliche Funktionen des Hörfunks beim Publikum übernommen hatte. Der Hörfunk mußte [sic!] eine neue Rolle finden, wenn er der Konkurrenz des neuen Bildmediums widerstehen wollte.“ (ebd.: 434)

Mit der folgenden Umstrukturierung des Hörfunkprogramms und der Konzentration auf Morgen- und Mittagsmagazine wurde sich erfolgreich neu orientiert sowie gegenüber dem Fernsehprogramm abgegrenzt. Henning Wicht vom Hessischen Rundfunk fasste die funktionale Reorganisation mit vier Begriffen zusammen:

„1. Aktualisierung (mehr Nachrichten und Information, Magazine), 2. Typisierung (jedes Programm erhält bestimmten durchgehenden Charakter), 3. Personalisierung (Moderatoren, Diskjockeys, Telefonkontakte, Quizspiele), 4. Spezialisierung (Service-Programme und - Sendungen für Minoritätengruppen)“ (Halefeldt 1999: 217, zit. n. Wicht 1969: 63-90)

Gemäß Halefeld erfolgte somit für das Medium Radio eine neue Positionierung im Mediensystem:

„Der Besinnung auf die eigenen Stärken, vor allem die unübertreffliche Beweglichkeit und Schnelligkeit in der aktuellen Berichterstattung sowie die konkurrenzlose Breite des Musikangebots, folgte also tatsächlich eine ,Renaissance‘ des Radios beim Publikum.“ (Halefeldt 1999: 219)

Die Einführung des dualen Rundfunksystems im Jahr 1984 war der letzte signifikante Einschnitt in der deutschen Radiolandschaft. Die Einführung gestattete fortan die Ausstrahlung von privaten Rundfunkprogrammen. Mit Radio Schleswig Holstein strahlte 1986 der erste private Radiosender sein Programm aus (vgl. ebd.: 222-224). Das duale System hat bis heute Bestand und erhöht in Konkurrenz zu den öffentlichrechtlichen Sendern das Programmangebot sowie die Informationsvielfalt der deutschen Radiolandschaft.

Aufgrund der diversen skizzierten Funktionswandel des Mediums lässt sich konstatieren, dass das Radio ein anpassungsfähiges Medium ist, welches sich in seiner historischen Entwicklung flexibel an den Wandel des Rezeptionsverhaltens sowie generell an die Veränderungen des Medienmarktes angepasst hat. Es erweist sich somit als vielversprechend wissenschaftlich zu überprüfen, inwiefern das Radio beim gegenwärtigen Veränderungsprozess des Mediennutzungsverhaltens wiederholt einem Funktionswandel unterliegt. Abermals wird das Radio von einem anderen Medium, in diesem Fall dem Internet, einem Anpassungs- und Veränderungsdruck ausgesetzt. Der Beantwortung der Frage, ob und inwiefern diese Tatsache erneut einen Perspektivwechsel für den Hörfunk auslöst, wird sich in der vorliegenden Masterarbeit angenähert.

Im nächsten Kapitel wird unter anderem auf Basis der Media-Analyse Radio die aktuelle Radionutzung in Deutschland analysiert. Diese Erkenntnisse wiederum stellen die Grundlage für die Ermittlung der Alleinstellungsmerkmale des analogen Radios dar.

2.3. Daten zur aktuellen Radionutzung in Deutschland

2.3.1. Die Media-Analyse Radio (ma Radio)

Das gegenwärtige Nutzungsverhalten des Mediums Radio in Deutschland wird im folgenden Teil der Arbeit anhand von aktuellen Erhebungen zum Rezeptionsverhalten beschrieben. Bemessungsgrundlage sind die Ergebnisse der Media-Analyse Radio von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (kurz: ag.ma). Die ag.ma ist ein Zusammenschluss von Werbeunternehmen in Deutschland. Sie verfolgt das Ziel einen wissenschaftlichen Beitrag zur Situation und Nutzung der Massenmedien zu leisten. Regelmäßig werden Untersuchungen für Plakat-, Print- und Onlinemedien sowie für das Medium Radio durchgeführt. Die Erhebungen der Media-Analyse Radio wurden im Zeitraum von 1972 bis 1999 mittels face-to-face Interviews durchgeführt. Seit der ma 2000 Radio wird die Nutzung des Hörfunks mittels computergestützter Telefoninterviews gemessen. Mehr als 65.000 Interviews stellen die Basis für die repräsentative Befragung dar. Die Grundgesamtheit der Erhebung ist die deutschsprachige Gesamtbevölkerung ab zehn Jahren. Die Stichprobenbasis wurde mit der ma 2008 Radio II sowie der ma 2010 Radio I geändert bzw. den Bevölkerungszahlen des statistischen Bundesamtes angepasst. In den Jahren zuvor basierte die Auswahl auf Deutschen, die 14 Jahre oder älter sind (vgl. ma Radio Methoden 2013). Per systematisierter Zufallsauswahl erfolgt die Zusammenstellung der Befragten, die zuvor nach Bundesland und Region sortiert werden (vgl. ebd.). Mit Befragungen im Frühjahr und im Herbst gibt es pro Jahr zwei Erhebungen, die insbesondere im Hinblick auf die Vermarktung von Werbezeiten für die Radiosender eine hohe Relevanz besitzen. Anhand der Befragungen wird somit das Werbebudget der Sender bestimmt. Weiterhin werden die erfragten zielgruppenspezifischen Erkenntnisse über Bedürfnisse und Gewohnheiten der Hörerinnen und Hörer für die inhaltliche Ausrichtung des Programms genutzt.

Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle jedoch auch die Kritik an der ma Radio berücksichtigt werden. Der Hauptkritikpunkt ist, dass sich die gewonnenen Daten auf dem Erinnerungsvermögen der Befragten stützen. Verglichen mit der Zuschauerquote für den Fernsehmarkt werden die Informationen also nicht technisch erfasst (vgl. Seibel-Müller/Müller 2005). Folglich konstatierte Hermann Stümpert, der ehemalige Programmdirektor von Radio Schleswig-Holstein, bereits Ende der 80er Jahre:

„Es ist nicht wichtig, wie viele Leute uns wirklich hören. Wichtig ist, dass sich möglichst viele an unseren Sender erinnern können, wenn sie von Marktforschern danach gefragt werden.“ (ebd.)

Getreu dieses Leitsatzes wird auch heute noch ein Großteil des Etats für Gewinnspiele und Werbemaßnahmen in den Erhebungszeiträumen der Media-Analyse ausgegeben. Laut Kritiker würde so versucht die Gedächtnisleistung der Rezipienten zu beeinflussen, weswegen Zweifel am Erinnerungsvermögen als Basis für die Befragung bestehen. Insgesamt sei die Bemessung zu unpräzise, so die Kritiker weiter (vgl. ebd.). Als Alternative wird deswegen eine Einführung elektronischer Messungsmethoden nach dem Vorbild des Radiomesssystems Radiocontrol (vgl. Radiocontrol 2013) gefordert. In der Schweiz wird dieses System bereits seit dem Jahr 2001 zur Bestimmung der Reichweite genutzt. Eine digitale Armbanduhr zeichnet mittels eines integrierten Mikrofons in regelmäßigen Abständen die Umgebungsgeräusche auf. Nach einer Abgleichung mit den aufgezeichneten Radioprogrammen in einer Datenzentrale erkennt das System welches Radioprogramm die Probanden zu welchem Zeitpunkt gehört haben (vgl. ebd.). Gemäß Seibel-Müller und Müller erschweren zu hohe Kosten sowie die abweichende organisationsform der deutschen Radiobranche die Einführung der elektronischen Erhebung. So könnte das System beispielsweise aufgrund des identischen Mantelprogramms der NRW-Lokalradios nicht eindeutig identifizieren welcher Sender gehört wird (vgl. Seibel-Müller/Müller 2005). Ungeachtet der Kritik und Optimierungsvorschläge wird die Media-Analyse von den Hörfunkanstalten und Sendern in Deutschland als valide betrachtet. Aufgrund des repräsentativen Charakters, des hohen Stellenwerts für die Medien- und Radiopraxis sowie der langen Tradition der Erhebung erweist sich die ma Radio somit als ideale und zitierfähige Grundlage der vorliegenden Arbeit.

2.3.2. Ergebnisse der ma Radio 2013 I und Daten zur analogen Radionutzung

Anhand der aktuellen Daten der ma Radio 2013 I wird dargelegt wer, zu welcher Zeit und wie das analoge Radioprogramm nutzt. Besonders relevant sind hierbei die Kennziffern der Kategorien Tagesreichweite, Hördauer sowie Verweildauer. Die Tagesreichweite gibt an welche bzw. wie viele Personen im Tagesverlauf, zwischen fünf und 24 Uhr, während mindestens eines Zeitintervalls (15 Minuten) Radio gehört haben (vgl. ARD-Werbung 2013). In der Kategorie Hördauer wird festgehalten wie viel Zeit pro Tag die Bevölkerung im Durchschnitt Radio hört. Bei der Verweildauer hingegen wird gemessen wie viele Minuten die Hörer eines Senders durchschnittlich bei dem Sender verweilen. Der Unterschied zwischen Hör- und Verweildauer ist folglich, dass bei der Verweildauer die gesamte Minutenzahl nur durch die Anzahl der Hörer dieses Programms geteilt wird (vgl. ebd.).

Die Ergebnisse der ma Radio 2013 I zeigen, dass 79,7 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahren Radio hören (vgl. ma Radio 2013 I). Täglich entspricht das über 58 Millionen Hörerinnen und Hörern. Insgesamt liegt die Verweildauer bei durchschnittlich vier Stunden und sieben Minuten pro Tag (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Radionutzung ma 2013 Radio I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die jüngere Zielgruppe der 14- bis 29-jährigen kommt auf eine Tagesreichweite von 73,2 Prozent und befindet sich auch mit einer Verweildauer von 212 Minuten unter dem Gesamtdurchschnitt. Eine Erklärung dafür ergibt sich bei der Betrachtung der Radionutzung im Tagesverlauf (vgl. Abbildung 2; vgl. Abbildung 8). Die höchste Reichweite hat das Radio werktags in der Zeit zwischen sechs und zehn Uhr am Morgen. Speziell Schülerinnen und Schüler können in diesem Zeitraum kein oder zumindest nicht lange Radio hören. Im Vergleich dazu verringert sich die Reichweite in der Gruppe der Berufstätigen erst kontinuierlich im weiteren Tagesverlauf. In der Zeit ab 18 Uhr sinkt die Gesamtreichweite rapide auf unter zehn Prozent und steigt erst wieder in den Morgenstunden des nächsten Tages an (vgl. ebd.). Mit einer Tagesreichweite von 60,8 Prozent wird Radio etwas häufiger Zuhause gehört, als außer Haus. Unterwegs beträgt die Tagesreichweite insgesamt 50,8 Prozent, jedoch beträgt die Verweildauer 184 Minuten und ist somit 13 Minuten länger als bei der Radionutzung im Haus (vgl. AS&S-Radio 2013).

Abbildung 2: Radionutzung im Tagesverlauf (nach Berufstätigkeit)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Erhebungsergebnisse aus dem Jahr 2010 zeigen, dass knapp die Hälfte der Rezipienten Radio während des Essens oder der Hausarbeit hören (vgl. Abbildung 3).

Jeder Dritte wiederum hört während der Körperpflege Radio und jeder Fünfte während der Arbeit Zuhause (vgl. ebd.). Außer Haus wird das Radio hauptsächlich im Auto eingeschaltet (76 Prozent), erst danach folgt das Radiohören am Arbeitsplatz (33 Prozent) (vgl. ebd.).

Abbildung 3: Tätigkeiten während des Radiohörens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Vorjahresvergleich mit der ma 2012 Radio II bleibt die Tagesreichweite bei der ma 2013 Radio I konstant auf einem Niveau (plus 0,1 Prozent). Insgesamt erreicht die Tagesreichweite damit das zweithöchste Niveau seit sieben Jahren (vgl. ma 2013 Radio I). Einen leichten Anstieg gab es in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49Jährigen (plus 0,9 Prozent) und bei der Zielgruppe unter 30 Jahren (plus 0,4 Prozent). Ein Rückgang ist jedoch bei der Verweildauer in der gesamten Zielgruppe festzustellen, im Vergleich zum Vorjahr sinkt die tägliche Zeit, die die Nutzer mit Radio verbringen um drei Minuten (vgl. ma 2013 Radio I).

Ein langfristiger Vergleich der Radionutzung der vergangenen Jahre ist aufgrund der veränderten Erhebungsmethode sowie der unterschiedlichen Stichprobe der Grundgesamtheit (vgl. Kapitel 2.3.1.) nur bedingt realisierbar. Ein Vergleich ohne Veränderung hinsichtlich der Grundgesamtheit ist erst ab dem Jahr 2010 möglich. Die Gegenüberstellung der ma 2010 Radio II mit der ma 2013 Radio I attestiert in der Gesamtzielgruppe eine konstante bis leicht ansteigende Tagesreichweite, bei leicht sinkender Hör- und Verweildauer (vgl. Abbildung 4). Einen signifikanten Anstieg gab es in diesem Zeitraum bei den 10- bis 29-Jährigen. Die Tagesreichweite steigerte sich um 2,4 Prozent (vgl. ma Radio 2013 I).

Abbildung 4: Radioperformance im Vergleich

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Ungeachtet der veränderten Erhebungsbasis wird auch anhand des Vergleichs der Daten der vergangenen zehn Jahre die Tendenz erkennbar, dass die Tagesreichweite konstant bleibt, während Hör- und Verweildauer sinken (vgl. Abbildung 4). Zudem ist auch die Radionutzung im Tagesverlauf nahezu identisch geblieben (vgl. ma 2013 Radio I). Bedingt durch die unterschiedliche Basis der Studien kann diese vermutete Tendenz hinsichtlich Tagesreichweite, Hör- und Verweildauer nicht endgültig anhand der ma Radio verifiziert werden. Die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation bestätigt jedoch diesen Eindruck eines Mediennutzungswandels und den damit einhergehenden verstärkten Internetkonsum auf Kosten der Nutzungszeit der klassischen Massenmedien (vgl. Ridder 2011: 184).

Eine weitere Entwicklung, die sich anhand der ma Radio konstatieren lässt ist, dass die Zahl der Radiosender in Deutschland in nahezu jedem Jahr kontinuierlich gewachsen ist. Gegenwärtig werden mit 383 Radiosendern so viele Radiosender von der MedienAnalyse erfasst wie nie zuvor (vgl. Abbildung 5). Insgesamt gibt es in Deutschland 63 öffentlich-rechtliche Sender von neun Rundfunkanstalten und 226 private Radiosender sowie 94 sonstige Radiosender, zu denen hauptsächlich nichtkommerzielle Lokalsender (offene Kanäle, Freie Radios, Campusradios), Militärsender und ausländische Sender zählen (vgl. AS&S Radio 2013). Durch die Verteilung der Rundfunkanstalten und Radiosender in Deutschland gibt es somit flächendeckend Radioprogramme, die ihre Berichterstattung zum Großteil explizit auf Regionen (z.B. Westdeutscher Rundfunk und Südwestrundfunk), Landkreise (z.B. Radio MK) oder Städte (z.B. Radio Köln 107,1) ausrichten und dementsprechend im jeweiligen Gebiet ausgestrahlt werden. Bemerkenswert ist dabei, dass die Anzahl der im Durchschnitt gehörten Sender pro Hörer konstant bleibt. In den vergangenen 13 Jahren wurden durchschnittlich 1,5 bzw. 1,6 Radiosender von den Hörerinnen und Hörern genutzt (vgl. Abbildung 5).

Abbildung 5: Programmvielfalt und -bindung

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Die Media-Analyse Radio hat weiterhin die Haushaltsausstattung mit Radiogeräten in Deutschland ermittelt (vgl. Abbildung 6). Mit 98 Prozent der Haushalte war im Jahr 2010 nahezu jeder Haushalt in Deutschland im Besitz eines Radiogerätes. Das Ergebnis zeigt, dass in über der Hälfte der Haushalte sogar vier oder mehr Gerätetypen vorhanden waren (vgl. ebd.). Besonders häufig ist dabei auch die Verbreitung der Autoradios. In fast acht von zehn Autos ist ein Radiogerät installiert (vgl. ebd.).

Abbildung 6: Haushaltsausstattung mit Radiogeräten

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Im Haushalt kommt das Radio entweder als stationäres- oder als mobiles Gerät vor (vgl Abbildung 7). Besonders häufig ist das Radio als Teil einer Stereoanlage (69,3 Prozent) oder eines CD-Player/Kassettenrecorders (49,6 Prozent) vorhanden (vgl. ebd.). Noch vor dem Handy oder MP3-Player mit Radiofunktion (28,8 Prozent) sind weitere stationäre Radiogeräte im Haushalt auffindbar: Der Radiowecker (44,6 Prozent), das Radio ohne CD-Player/Kassettenrecorder (35,2 Prozent) sowie das Küchenradio (29,9 Prozent) sind weitere gängige stationäre Typen von Radiogeräten (vgl. ebd.).

Abbildung 7: Typen der Radiogeräte in den Haushalte

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Weiterführende Erkenntnisse über den Anteil der Hördauer der einzelnen Geräte ergeben sich aus der Funkanalyse Bayern (vgl. Funkanalyse Bayern 2012), die seit 1989 im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (kurz: BLM) und der privaten Rundfunkanstalten in Bayern durchgeführt wird.

Bei den Radios, die zum Haushalt gehören, besitzen die feststehenden Radios als Teil einer Stereoanlage (27,6 Prozent) sowie ohne Zusatzfunktion (17,7 Prozent) den größten Anteil an der Hördauer (vgl. Abbildung 8). Das Autoradio (23,4 Prozent) hat ebenfalls einen großen Anteil an der Radiohördauer und befindet sich noch vor dem tragbaren Radio (insgesamt 16,8 Prozent) (vgl. ebd.). Handys mit UKW-Empfang (0,5 Prozent) oder MP3-Player mit Radio (0,8 Prozent) werden in bayerischen Haushalten nur marginal benutzt und haben kaum Anteil an der Hördauer (vgl. ebd.).

Abbildung 8: Anteil der Gerätetypen an der Radiohördauer

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Aufgrund mangelnder Forschungsergebnisse aus anderen Bundesländern können die letztgenannten Befunde nur für das Bundesland Bayern festgehalten werden. Gemessen an der Einwohnerzahl vermitteln die Ergebnisse der Funkanalyse Bayern zumindest einen vergleichbaren Eindruck von der Geräteausstattung und der Verteilung der Hördauer in der Bundesrepublik Deutschland.

Konkretere Angaben lassen sich über den Stellenwert des Radios im Vergleich zu den anderen Massenmedien feststellen. Bereits in der Analyse der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2010 attestiert Ridder dem Radio im Hinblick auf den Stellenwert im Medienvergleich eine insgesamt positive Entwicklung:

„Radio ist zusammen mit dem Fernsehen auch 2010 ein dominierendes Medium, wie die jüngste Welle der Langzeitstudie Massenkommunikation ausweist. Beide Medien verfügen mit Tagesreichweiten um die 80 Prozent über die höchste Durchdringung in der Gesamtbevölkerung. Das Internet ist zwar stark gewachsen, erreicht aber täglich immer noch weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung.“ (Ridder 2011: 196)

Die aktuellsten Daten der ARD/ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2012 bestätigen diese Tendenz. Der Hörfunk (191 Minuten/Tag) besitzt nach dem Fernsehen (242 Minuten/Tag) insgesamt die zweitlängste tägliche Nutzungsdauer. Erst danach folgt das Internet (83 Minuten/Tag) (vgl. ARD/ZDF-Onlinestudie 2012a). Diese Verhältnisse verschieben sich bei den sogenannten ,Digital Natives‘ (vgl. Prensky 2001), der internetaffineren Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen. Das Internet (150 Minuten/Tag) ist in der jüngeren Altersklasse das Medium mit der höchsten durchschnittlichen Nutzungsdauer - jedoch nimmt das Radio (146 Minuten/Tag) noch vor dem Fernsehen (138 Minuten/Tag) auch hier einen hohen Stellenwert ein (vgl. ebd.).

Im Vergleich zu anderen Medien hat das Radio im Zeitraum zwischen 5 und 16 Uhr die höchste Reichweite (vgl. Abbildung 9). In den Abendstunden erreicht das Fernsehen die meisten Rezipienten (vgl. ebd.). Das Internet hingegen wird gemäß der ARD/ZDF- Langzeitstudie Massenkommunikation 2010 relativ konstant im Tagesverlauf genutzt, jedoch auf einem niedrigeren Niveau, als das Radio und das Fernsehen (vgl. ebd.).

Abbildung 9: Mediennutzung im Tagesverlauf

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Unter Berücksichtigung dieser aktuellen Mediennutzungsdaten sowie anhand der zusätzlichen Betrachtung eines beispielhaften Programmschemas werden im folgenden Kapitel die Alleinstellungsmerkmale des analogen Radios erarbeitet.

2.4. Alleinstellungsmerkmale des analogen Radios

Der von Reeves geprägte Begriff der unique selling proposition (kurz: USP) aus der Marketing- und Werbetheorie beschreibt das Alleinstellungsmerkmal eines Produktes (vgl. Reeves 1961: 46-49). Dieses Alleinstellungsmerkmal gilt im Wettbewerb mit anderen Produkten als ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht sich von der Konkurrenz abzuheben (vgl. ebd.). Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit wird der Terminus jedoch nicht unmittelbar als ein Versprechen an den Nutzer oder an einen Kunden verstanden. Der Begriff soll vielmehr deuten, welche charakteristischen Eigenschaften des Mediums den Rezipienten dazu bringen das analoge Radio einzuschalten. Bezogen auf die Thematik der Arbeit werden daraus folgernd die Alleinstellungsmerkmale des analogen Radios analysiert. Diese Alleinstellungsmerkmale werden anhand der aktuellen Mediennutzungsdaten sowie anhand eines beispielhaften Programmschemas erarbeitet. Insgesamt wird also ein Eindruck davon vermittelt, wie und warum das analoge Radio genutzt wird und welche Eigenschaften für das Medium dabei zentral sind.

Die Ergebnisse der vergangenen Jahre der ma Radio zeigen, dass das Radio für viele Menschen in Deutschland das Medium ist mit dem sie in den Tag starten. Darüber hinaus wird ersichtlich, dass analoge Radiogeräte in unterschiedlichen Formen in den (medialen) Alltag des Rezipienten integriert sind: Der Radiowecker im Schlafzimmer, die Stereoanlage mit Radiofunktion am Frühstückstisch, das Autoradio auf dem Weg zur oder von der Arbeit, sowie das tragbare Radio im Büro. Aufgrund der anpassungsfähigen Einsatzmöglichkeiten einerseits im eigenen Zuhause sowie andererseits außer Haus, stellt das Radio für die Hörerinnen und Hörer ein geeignetes Tagesbegleitmedium dar, welches aufgrund seiner technischen Gegebenheiten schnell, live sowie aktuell über Themen und Geschehnisse berichten kann. Dabei profitiert das Medium außerdem von seiner Mobilität, die den Rezipienten eine flexible Nutzung ermöglicht. Weiterhin begünstigt die auditive Charakteristik des Radios die Möglichkeit dem Radioprogramm parallel zu anderen Tätigkeiten, wie beispielsweise dem Essen, der Körperpflege, dem Autofahren oder der Hausarbeit, zu folgen. Es ist keine Fokussierung auf das Medium notwendig, sodass aufgrund dieser Tatsache in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur auch oft vom Radio als ,Begleitmedium‘ oder ,Nebenbei-Medium‘ gesprochen wird (vgl. Leschke 2003: 130). Neuwöhner sieht darin eine zentrale Eigenschaft des Radios:

„Ein wesentlicher Punkt ist, dass das Radio seinen Nutzern von allen Medien das größte Maß an Freiheiten lässt. Im Gegensatz zum Fernsehen ,fesselt‘ das Radio sein Publikum nicht an das Empfangsgerät. Beim Fernsehen muss man ,zusehen‘, um das Medium voll auf sich wirken zu lassen. Zeitung und Zeitschriften setzten ebenfalls Blickkontakt voraus und verlangen Nutzeraktivität.“ (Neuwöhner 2008: 249)

Entsprechend der Definition vom Internet- und Usability-Experten Dr. Jakob Nielsen handelt es sich beim Radio um ein ,lean-back‘-Medium (vgl. Nielsen 2013), welches die Rezipienten überwiegend passiv, aber dafür mit einer breiteren Aufmerksamkeitsspanne über einen längeren Zeitraum, wahrnehmen. Die - auch im Vergleich zu dem Fernsehen und Internet - hohe Reichweite sowie lange Verweildauer des Radios bestätigen diese These.

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Details

Seiten
106
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656570738
ISBN (Buch)
9783656570691
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266619
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Radio Internet Digitalradio Internetradio Podcasts Simulcast Webcast DAB+ W-LAN Radio Facebook Soziale Netzwerke Medienkonvergenz digitaler Hörfunk Hörfunk Konvergenz Universität Siegen Brecht Radionutzung Social Web

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Titel: Das Radio: Analoge Insel im Meer digitaler Angebote? Die Zukunft des Hörfunks im Zeitalter des Internets