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Das Auseinandertreten von Gesetz und Evangelium. Zentrale Neuerungen in der Theologie Martin Luthers und ihre Folgen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 16 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Das Auseinandertreten von Gesetz und Evangelium bei Martin Luther

Werkgerechtigkeit, Synergismus und Antinomismus: Klassische Probleme im Verständnis von Gesetz und Evangelium

Die Folgen Luthers theologischer Entdeckung für das Verständnis von Gesetz und Evangelium

Schluss

Quellen

Literatur

Einleitung

In der nachfolgenden Arbeit soll das Auseinandertreten von Gesetz und Evangelium im Verständnis Martin Luthers betrachtet werden. Diese theologische Neuerung, auch als reformatorische Entdeckung oder Wende bezeichnet, hat allerdings historische Wurzeln und Ausläufer, die es ebenfalls zu betrachten lohnt. Da wären zum Einen das synergistische Menschenbild des Katholizismus, welches dem Menschen Mitwirkung am Heilsgeschehen zugesteht, und zum Anderen das Verständnis der Antinomer, welche jede bindende Kraft des Gesetzes nach der „Entdeckung“ des Evangeliums ablehnten, die sprichwörtliche „Freiheit des Christenmenschen“ also absolut setzen wollten.

Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium berührt also den Punkt der menschlichen Werkgerechtigkeit. Dieser Problempunkt war auch für Martin Luther so zu sagen der Einstieg ins Thema. Denn er selber neigte zu einer negativen Sichtweise seiner persönlichen Bemühungen, und konnte sich so seines eigenen Heils nicht gewiss sein. Dabei hatte er schon ein klösterliches Leben gewählt, und trotzdem musste er erkennen, dass auch im guten Streben sein Tun letztlich vom Eigennutz mitbestimmt wurde. Wenn er unter „Gerechtigkeit Gottes“ also lediglich die Gerechtigkeit eines urteilenden Richters sah, so konnte er sich seines eigenen Heils nicht nur nicht gewiss sein, sondern er musste sich vielmehr seines eigenen Unheils gewiss werden.

Vor dem Hintergrund dieser beklemmenden Situation wandte Luther sich wieder der Schrift zu, um eine Antwort zu finden. Um diese Antwort und ihre Folgen soll es im Anschluss gehen, wobei das Augenmerk auf der ideengeschichtlichen Entwicklung liegt und biographische Geschehnisse oder andere historische Begebenheiten nur dort Beachtung finden, wo sie zur Klärung der zugrundeliegenden Fragestellung beitragen können. Zuerst soll dabei auf die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium eingegangen werden, die besonderen Umstände und Neuerungen werden im einzelnen betrachtet. Daran anschließend werden die Wurzeln und Ausläufer des Themas betrachtet, der katholische Synergismus und die antinomistische Position, sowie im abschließenden Teil die jeweiligen Folgen für die Entwicklung des Themas.

Das Auseinandertreten von Gesetz und Evangelium bei Martin Luther

Mit dem Auseinandertreten von Gesetz und Evangelium vollzog sich bei Luther eine der entscheidenden Wenden im protestantischen Denken. Dieses ist im Zusammenhang mit der so genannten „reformatorischen Wende“ zu sehen, wobei hierunter oftmals das aus Luthers Beschreibungen als „Turmerlebnis“ bekannt gewordene Geschehen verstanden wird. Auf die näheren Umstände des Turmerlebnisses, die umstrittene Datierung[1] der reformatorischen Wende, oder die originäre Entwicklung des sola gratia- Grundsatzes soll an dieser Stelle nur näher eingegangen werden, wo sie das Kernproblem der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium berühren. Diese Unterscheidung von Gesetz und Evangelium aber ist es, die von einigen Autoren als eigentlicher Kernpunkt der lutherischen Theologie gesehen wird[2]. Wenn in einigen Darstellungen[3] die Entdeckung der Gerechtigkeit Gottes und die Entwicklung des sola gratia- Grundsatzes als Kernpunkt der reformatorischen Wende beschrieben wird, ist das sicherlich nicht falsch, führt aber zu der Frage, worin die Gerechtigkeit Gottes denn besteht oder bestehen kann.

Zu Luthers Zeiten war die Richterfunktion Gottes ein zentraler Aspekt der zeitgenössischen Gotteswahrnehmung, Gott als Richter am Jüngsten Tag war Zentrum des religiösen Hoffen und Bangens. Die Angst vor Gottes Urteil und die Verzweiflung im Angesicht der eigenen Schuld und Sündhaftigkeit ist auch, dank seiner Selbstzeugnisse, an Luther selbst zu beobachten. Betrachtet man Gott als Richter am Jüngsten Tag, so stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung Gott über den Menschen urteilt, juristisch gesprochen ist dies die Frage nach der gesetzlichen Legitimation Diese Grundlage war auch in Luthers Verständnis das Gesetz, also vornehmlich die Zehn Gebote und deren Erweiterung und Vertiefung durch Jesus, besonders durch die Bergpredigt[4]. Vergegenwärtigt man sich weiterhin den Vorrang, den göttliches Gericht vor weltlichen Dingen hatte[5], wird verständlich, warum die Problematik für Luther derart dringlich war.

Im spätmittelalterlichen Verständnis waren die Zehn Gebote von Jedermann zu befolgen, die diese vertiefenden evangelikalen Räte wurden stellvertretend von Mönchen und Nonnen in Klöstern erfüllt[6], da schon erkannt worden war, dass die darin formulierten Anforderungen über das Maß hinausgehen, welches mit einer Fortführung des Lebens in gewohnten Bahnen kombinierbar war. Die Externalisierung der durch Jesu Beispiel vertieften Forderungen des Dekalogs in das klösterliche Leben stellte also eine ehr pragmatische Lösung des Problems dar, die aber bei Luther als Mönch zu einer Verschärfung des Grundproblems führte. Er fragte sich, was Gott fordert[7], und erkannte die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, beziehungsweise, dass sogar sein Bemühen im Grunde verderbt ist[8]. Das Bemühen sei ein Versuch des Menschen, sich selbst zu rechtfertigen, durch fromme Werke versucht der sündige Mensch sich seine Rechtfertigung selbst zu schaffen, wodurch das eigentlich gute Werk durch Eigennutz korrumpiert wird. Die Frage nach Gesetz und Evangelium berührt die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes und nach der Rechtfertigung des Sünders, denn als solcher musste Luther sich auch in seinem Bemühen immer wieder erkennen[9]. Gemessen an der Gerechtigkeit Gottes war das durch menschliche Bemühungen erreichbare Maß an Gerechtigkeit unzureichend, Luther konnte sich nie sicher sein, ob er Sünder (peccator) oder Gerechter (iustus) war. Wohl um das in diesem Zusammenhang etwas unpassende, aber gebräuchlichere Wort Teufelskreis zu vermeiden, wird dieses ständige Hinterfragen auch als „Endlosschleife[10] “ bezeichnet. Luthers Denken und Handeln, letztlich auch sein Entschluss zum Eintritt ins Kloster, waren vom Bemühen um persönliche Heilsgewissheit motiviert[11]. Diese, so stellte er fest, war auf dem eingeschlagenen Weg nicht zu erlangen, bei ehrlicher Betrachtung des eigenen Handelns und der dahinter stehenden Motive blieb stets ein nicht unerheblicher Zweifel am eigenen Gnadenstand. Luther musste sich selbst als Sünder erkennen, trotz seines klösterlichen Lebenswandels und all seiner Bemühungen. Es war ihm, gemäß der verbreiteten katholischen Lehre, welcher er als Mönch anhing, nicht möglich, sich als Gerechten (iustus) zu verstehen, während er sich doch selbst als Sünder (peccator) erkannte.

Der Schritt, sich selbst als „simul iustus et peccator[12] “ zu sehen war ein weiter, da sich dies Wortpaar als Gegensatz scheinbar unvereinbar gegenüberstand, die Sichtweise des Menschen als „peccator in re, iustus in spe[13] “ kann als Schritt über diesen weiten Graben der Erkenntnis gesehen werden. Die Leistung Luthers ist sowohl theologischer als auch sprachlicher Natur, denn um Gesetz und Evangelium zu trennen, musste das Evangelium erst als eine völlig andere Art des Sprechaktes verstanden werden, als es das Gesetz ist. Die radikale Neuartigkeit von Luthers Entdeckung lässt sich auch daran ablesen, dass man bisher ehr zwischen Altem und Neuem Gesetz als zwischen Gesetz und Evangelium unterschieden hatte.[14]

Die Aussage des Gesetzes ist einfacher und intuitiv verständlich als die des Evangeliums, es fordert vom Menschen Beachtung und Einhaltung. Im Verständnis Gottes als Richter liefert das Gesetz den Rahmen, an den es sich zu halten gilt. Der Mensch wird an seiner Beachtung des Gesetzes gemessen und verurteilt. Das Szenario des Gerichts liefert allerdings auch ein Beispiel für die unterschiedliche Art und Natur von Sprechakten: Werden die Verfehlungen des Menschen aufgezählt und zusammen-getragen, handelt es sich lediglich um einen als feststellend zu beschreibenden Sprechakt. Kommt es aber zum Urteil, schafft der Richter im Moment des Urteils einen Sachverhalt; nach dem Schuldspruch ist jemand schuldig, davor war er nur verdächtig schuldig zu sein. Es handelt sich um einen Sprechakt, der im Moment der Erklärung neue Fakten schafft, einen deklarativen Sprechakt. Für Luther bestand die Gnade Gottes in genau so einem Sprechakt, nämlich der – unverdienten und nicht zu erwartenden- Gerechtsprechung im Jüngsten Gericht. Die Gnade Gottes ist vom Menschen durch eigene Taten nicht zu verdienen und angesichts seiner zahlreichen Verfehlungen auch nicht zu erwarten, dennoch spricht Gott den Sünder gerecht. Hierfür wird von Luther auch das Beispiel eines Kranken angeführt, der zugleich krank und gesund sein kann:

„Es ist nämlich ähnlich wie mit einem Kranken, der dem Arzt, der ihm aufs gewisseste die Gesundheit verspricht, glaubt und seiner Vorschrift gehorcht in der Hoffnung auf die versprochene Genesung und sich inzwischen dessen enthält, was ihm verboten ist, um nicht die zugesagte Gesundheit zu gefährden und die Krankheit zu steigern, bis der Arzt erfüllt, was er zugesagt hat. Ist dieser Kranke nun etwa gesund? Er ist vielmehr zugleich krank und gesund. Krank in Wirklichkeit, gesund aber nach der gewissen Zusage des Arztes, dem er glaubt; der ihn schon für gesund beurteilt, weil er dessen gewiss ist, dass er ihn heilen wird, weil er schon begonnen hat, ihn zu heilen, und ihm die Krankheit nicht zum Tode angerechnet hat.“ [15]

[...]


[1] Kaiser, B.: Luther und die Auslegung des Römerbriefes. Eine theologisch-geschichtliche Beurteilung Pretoria, Univ. Diss., 1991

[2] Bring, R.: Die paulinische Begründung der lutherischen Theologie., in: Zimmermann, W., Lau, F., Schlyter, H.,Pfeiffer, J.: Luthertum. Schriftenreihe, Bd. 17, Lutherisches Verlagshaus Berlin. 1. Aufl. 1955, S. 18- 43, hier S. 19f.

[3] z.B.: Wikipedia, Martin Luther, Abschnitt reformatorische Wende, siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther#Reformatorische_Wende, Zugriff am 29.3.2012.

[4] Leonhardt, R.: Grundinformation Dogmatik. Ein Lehr- und Arbeitsbuch für das Studium der Theologie, 4. durchgesehene Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 335.

[5] S. Lutter, C.: Sünderinnen und Bräute Christi. Geschlecht als Markierung in religiösen Symbolen und kulturellen Mustern des 12. Jh., in: Mommertz, M., Opitz- Belakhal, C.: Geschlecht des Glaubens, Religiöse Kulturen Europas zwischen Mittelalter und Moderne, S. 49- 70, hier S. 63.

[6] Bayer, O.: Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung. Siebeck, Tübingen 2003, S. 258.

[7] Barth, H.- M.: Luther, Gesetz und Evangelium, S. 233.

[8] Ebd., S. 238.

[9] Lexutt, A.: Luther. Böhlau Verlag, Köln 2008, S. 42.

[10] Ebd., S. 43

[11] Leonhardt: Grundinformation Dogmatik., S. 317.

[12] Härle, W.: Dogmatik. 3., überarb. Aufl., Walter de Gruyter, Berlin 2007, S. 163.

[13] Lexutt: Luther, S. 51.

[14] Leonhardt, Dogmatik, S. 335.

[15] Luther, (56,272/3-20) zitiert nach: Lexutt, Luther, S. 51.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656565314
ISBN (Buch)
9783656565307
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266502
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Theologische Fakultät
Note
1,5
Schlagworte
auseinandertreten gesetz evangelium zentrale neuerungen theologie martin luthers folgen

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