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Migration im Care-Umfeld. Aspekte der Beschäftigung von Migrantinnen im Care-Bereich

Transnational - Europäisch - Global

Masterarbeit 2013 91 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Moderne Sklaverei
1.2 Zur Terminologie
1.2.1 Care – Sorgearbeit
1.2.2 Migration – Transmigration
1.2.3 Neoliberalismus – Globalisierung

2 Globale Schieflagen
2.1 Situationsbeschreibungen von Care-Migrantinnen in Deutschland
2.2 Beschäftigungsverhältnisse von Care-Migrantinnen in Deutschland
2.2.1 Illegale Beschäftigung
2.2.2 Scheinselbstständigkeit
2.2.3 Legale Beschäftigung
2.3 Politischer Rahmen in Europa
2.3.1 Europäische Verträge: Hegemonie ökonomischer Interessen
2.3.2 Deutsche Sozialpolitik: Verwaltung von Mängeln
2.3.3 Alternativen europäischer Nachbarn: Nicht immer gut, aber oft besser
2.4 Zur Situation in Afrika, Amerika und Asien
2.5 Zwischenfazit

3 Deutungsmodelle
3.1 Historische Entwicklungen
3.1.1 Über die Rolle des Patriarchats
3.1.2 Über die Rolle des Kapitalismus
3.1.3 Von der Subsistenzwirtschaft zum Ernährermodell
3.1.4 Vom Ernährermodell zur Bedarfsgemeinschaft mit Familieneinkommen
3.2 Migrationstheoretische Grundlagen
3.2.1 Ursachen für Transmigration
3.2.2 Feminisierung von Migration
3.3 Dichotomie der Sphären
3.4 Ansätze eines intersektionellen Blickwinkels
3.4.1 Zur Frage des Geschlechts: Genderspezifisches
3.4.2 Zur Frage der Herkunft: Ethnizität
3.4.3 Zur Frage der Klasse: Prekarisierungen in Zeit und Raum
3.5 Herkunftsländer – Zielländer: Zu den Folgen von Care-Migration

4 Fazit
4.1 Moderne Sklavinnen einer entfesselten Ökonomie
4.2 Ein persönliches Wort zum Schluss oder cui bono?

Stichwortverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vorwort

Migration im Care-Umfeld – der Titel der vorliegenden Arbeit klingt zunächst fast lapidar. Genau besehen werden in diesem Text jedoch mit Migration und Care zwei überaus umfangreiche und komplexe Themengebiete menschlicher Gegenwart untersucht. Konkret geht es dem Verfasser um Darstellung, Analyse und Deutung der aktuellen Entwicklungen beider Themenbereiche - insbesondere ihrer Schnittmengen - vor dem Hintergrund verfehlter Sozialpolitiken und damit einhergehender Ausbeutungstendenzen im Hinblick auf geschlechtsspezifische Wanderungserscheinungen.

Zugegeben: Das Label „Moderne Sklaverei“ klingt zunächst provokant. Weshalb der Verfasser dennoch das erste Kapitel mit einem Abschnitt dieses Titels beginnt, wird angedeutet und an verschiedenen Stellen im Text aufgegriffen, wobei dargelegt wird, weshalb sich tatsächlich die eine oder andere Parallele zum historischen Sklavenhandel zeigt – wenn auch nicht so offensichtlich, wie dieser einst betrieben wurde. In derlei Zusammenhängen bilden, bezogen auf die Gegenwart, Begriffe wie Sorgearbeit, Care, Reproduktion von Arbeitskraft, aber auch Migration, Transmigration und ihre sozialräumlichen Aspekte und nicht zuletzt die wirtschaftlichen Grundlagen, die sich hinter den Trends des Neoliberalismus und der in den vergangenen Jahren viel bemühten Globalisierungsdebatte verbergen, zentrale Termini des Textes und werden daher vorab grundlegend gegeneinander abgegrenzt und in einen ersten Bedeutungszusammenhang mit der Gesamtproblematik gestellt.

Es folgt dann im zweiten Kapitel eine Beschreibung der Situation von Care-Migrantinnen. Beispielhaft für deutsch-europäische Verhältnisse kommen auch Vertreterinnen selbst zu Wort. Allerdings sind es Determinanten politischer (und ggf. juristischer) Art, in deren Rahmen sich die Thematik bewegt. Wie und mit welchen Folgen sich diese Bedingungen in Bezug auf die deutsche Gegenwart und die Situation osteuropäischer Migrantinnen manifestieren, wird in diesem Kapitel behandelt, das ebenso die arbeitsrechtliche Realität wie die politisch-juristische Genese darlegt. Beim globalen Vergleich von Care-Bedingungen wird allerdings offensichtlich, dass die Prozesse, die sich am Beispiel der Beschäftigung osteuropäischer Frauen in deutschen Haushalten mit Pflegebedarf zeigen, keineswegs ein rein deutsches oder innereuropäisches Problem darstellen. Vielmehr handelt es sich um eine Problematik, die sich unter ähnlichen Vorzeichen weltweit verorten lässt – Untersuchungen und Beispiele aus Asien, Afrika und den Amerikas belegen eindrücklich, dass dem Phänomen eine globale Relevanz innewohnt.

Bei der Untersuchung von Hintergründen und der Suche nach Erklärungen geraten zwei große historische Stränge ins Blickfeld: Das Patriarchat, als Paradigma für die biologistisch motivierte Unterdrückung eines Geschlechts auf der einen Seite und der Kapitalismus, in seiner durch Globalisierung und Neoklassik verschärften gegenwärtigen Form auf der anderen Seite. Vor diesem Hintergrund werden im dritten Kapitel sozialwissenschaftliche Deutungsansätze herausgearbeitet und verhandelt. Ausgehend von der geschichtlichen Entwicklung gesellschaftlich-ökonomischer Strukturen, über die Diskussion zeitgenössischer Denkansätze zur Care-Problematik aus der Sicht von Feminismus und Sozialwissenschaft, wird erneut auch das zweite große Feld des Themenkreises einbezogen - nämlich die einschlägige Migrationsforschung, soweit sie im gegebenen Zusammenhang relevant erscheint.

Das abschließende vierte Kapitel bildet dann das Konzentrat des Textes, fasst Ergebnisse und Erkenntnisse zusammen, filtert, verdichtet und überführt Analysen und Diskurse zur Synthese, abgerundet durch einen aufgrund der Einsichten notwendigerweise pointierten Schlusskommentar des Verfassers.

Machen wir uns also auf den Weg, wird es doch eine Reise durch allerhand Disziplinen und über mehrere Kontinente, über Berge und Täler, entlang von Schluchten und Abgründen…

1 Einleitung

1.1 Moderne Sklaverei

Sklaverei gibt es noch immer. Sie existiert heute anders, subtiler – aber sie existiert. Moderne Sklaverei zeigt sich in erzwungener Migration und darin, Menschen zu nötigen, ihre individuell begrenzt verfügbare Lebenszeit an ihnen fremden Orten und mit ihnen fremden Menschen zu verbringen. Es ist ein Dasein von Dienstmägden, meist erweitert um den intimen Bereich pflegerischer Handreichungen, das – insofern man das gängige ethische und arbeitsrechtliche Wertesystem der Zielländer als Maßstab zugrunde legt – nicht selten den klassischen Ausbeutungstatbestand erfüllt. Diese moderne Form der Sklaverei wird nicht mehr mit brachialer physischer Gewalt erzwungen, wohl aber mit den subtilen Mitteln struktureller Gewalt, häufig aus ökonomischen Zwängen resultierend. Doch auch diese Gewalt wirkt, wie einschlägige Statistiken belegen. Freiheit und Gerechtigkeit im Kapitalismus sind, wie vieles andere mehr, nur die zu erfahrenden Werte derer, die sie sich leisten können.

Das zeigt sich besonders eindrücklich im Umfeld von Pflege und Fürsorge für andere Menschen. Der ökonomistische Geist, der sich stets gern als allzuständig begreift, der sich, gleich einer totalitären Ideologie, in allen Lebensbereichen der westlichen Welt eingenistet hat, überlässt auch dies einer „unsichtbaren Hand des Marktes“, die alles zum Besten regeln soll. Leider gilt auch in unserem Zusammenhang: Die Regelung „zum Besten“ erfolgt lediglich im Sinne von Kapitaleignern und zur Maximierung ihrer Profite, nicht aber im Sinne der Menschen oder des wie auch immer gearteten Gemeinwesens. Leidtragende sind die Betroffenen: Familien, die unter erheblichen Anstrengungen und Mühen versuchen, die Pflege und Versorgung ihrer Angehörigen in einem mangelbehafteten System sicher zu stellen, stehen auf der einen Seite. Und als direkte Folge andererseits die Menschen, die infolge wirtschaftlicher Not gedrängt sind, die eigene Heimat und die Familie zu verlassen, um andernorts aufklaffende Mängel gegen einen noch immer kargen Lohn zu kompensieren (und sich dabei bisweilen mit Bedingungen konfrontiert sehen, die sich kaum zutreffender als Ausbeutung bzw. Sklaverei beschreiben lassen).

Damit ist die Systemfrage benannt. Es sind entscheidende Ungleichheitsverhältnisse, die der entfesselte Kapitalismus schafft. Die Geschlechterfrage benennt ein weiteres Ungleichheitsverhältnis: Im Allgemeinen sind es die Frauen, denen die moralische Pflicht auferlegt wird, die Versorgung von Angehörigen sicher zu stellen; und es werden nahezu ausschließlich Frauen zu Care-Migration gezwungen, um sozialpolitische Löcher in den Gesellschaften der Zielländer unter prekären Bedingungen zu stopfen. Um die Untersuchung dieser Phänomene und der zugrunde liegenden Strukturen wird es in der vorliegenden Arbeit gehen.

1.2 Zur Terminologie

Wer sich mit Care und Migration auseinander setzt, kommt um die regelmäßige Verwendung bedeutungsmächtiger Begriffe nicht herum. Schon die zentralen Termini „Care“ und „Migration“ bedürfen einer gewissenhaften Präzisierung und Ausdifferenzierung, wie wir sehen werden; sind sie doch längst nicht so eindeutig, wie ihr sorgloser Gebrauch bisweilen vermuten lässt. Vergleichbares gilt auch für den Begriff des Neoliberalismus, gerade weil er in den vergangenen Jahrzehnten einem erheblichen Bedeutungswandel unterlag. Nichtsdestotrotz ist es gerade dieser Begriff (in seiner aktuellen Bedeutungsform), der für den Versuch einer Erklärung der aufgezeigten Entwicklungen wesentlich ist. Um Rezipient_innen den möglichst reibungsarmen Zugang zu später dargelegten Argumentationsketten zu ebnen, bedarf es also vorab entsprechender Justierungen. Oder, um es im Hinblick auf die internationalen Aspekte unserer Thematik mit den Worten von Frigga Haug auszudrücken: „Kurz, die einfache Übernahme von Worten einer anderen Kultur hindert am eigenen Denken“ (Haug 2011: 348, in der Fußnote).

1.2.1 Care – Sorgearbeit

Sorgearbeit, Sorgetätigkeiten, Pflege, Fürsorge, Reproduktionstätigkeiten, Domestic Work, Care, Haushaltsarbeit, persönliche Dienstleistungen, Familienarbeit… ein buntes Wirrwarr, ja eine geradezu inflationäre Vielfalt von Begriffen kennzeichnet je nach Autor_in den Bereich von Care, der so immens wichtig für das gesellschaftliche Fortbestehen ist. Ebenso weit und heterogen ist die Bandbreite der Disziplinen, die sich über mehrere Kontinente hinweg direkt oder indirekt mit diesem Thema befassen: Demokratieforschung, Ökonomie, Feminismus, Soziologie, Migrationsforschung, Soziale Arbeit, Ethik, Pflegewissenschaft, Pädagogik, Geschichtswissenschaft, Sozialpolitik und viele andere mehr. Nicht zuletzt dürfte in dieser Breite auch einer der maßgeblichen Gründe für die begriffliche Vielfalt liegen.

Umso wichtiger ist es für unseren Zusammenhang, eine klare Abgrenzung und Definition der Begriffslage zu etablieren. Obschon der Autor die unreflektierte Verwendung von Anglizismen tendenziell kritisch sieht, hält er den Begriff „Care“ im Vergleich mit den deutschen Begriffen „Sorgearbeit“, „Pflege“ oder „Fürsorge“ für die günstigere Wahl. Während Sorgearbeit durch die Mehrdeutigkeit des Wortbestandteils „Sorge“ im Deutschen mit Problemen und Schwierigkeiten konnotiert ist, verengt sich der Begriff der „Pflege“ im deutschsprachigen Raum rasch auf die Fachdisziplin der Kranken- und Altenpflege. Die Fürsorge wiederum ermöglichte zwar eine einigermaßen treffende Umschreibung unseres Themenfeldes, ist aber historisch vorbelastet (nicht nur im dritten Reich!) und/oder mit an sozialpolitischer Verwaltung und Bürokratie orientierten Aktivitäten assoziiert.

Nur die „Reproduktionstätigkeit“ kann, wie wir später sehen werden, ggf. als Pendant in Sinngehalt, Umfang und Anspruch an wissenschaftliche Präzision mithalten, um die zentrale Thematik befriedigend exakt zu beschreiben.

Also Care: Doch was steht hinter diesem Begriff? Hier kann Margrit Brückner hilfreich beitragen, indem sie damit den „gesamten Bereich weiblich konnotierter, personenbezogener Fürsorge und Pflege, d.h. familialer und institutionalisierter Aufgaben der Versorgung, Erziehung und Betreuung“ meint, der „sowohl eine auf asymmetrischen Beziehungen beruhende als auch eine ethische Haltung“ darstelle (Brückner 2010: 43). Allerdings verlässt die von Margrit Brückner vorgeschlagenen Definition durch den Hinweis auf die „weibliche Konnotation“ sogleich den Boden der Geschlechterneutralität. Dies ist im Hinblick auf den Status Quo zwar korrekt und unbestritten, schließt aber hoffnungsvolle Entwicklungen für die Zukunft aus, weshalb wir die – ebenfalls von Brückner angeführte, aber weiter gefasste – Beschreibung von Care als „eine spezifische Zugangsweise zur Welt im Sinne einer alle Menschen einschließenden, fürsorglichen Praxis“ präferieren (Brückner 2010 n. Tronto; ebd.) - oder noch etwas präziser die Definition von Helma Lutz, die da feststellt: „Als Care-Arbeit gilt die gesamte Breite von Sorge- und Pflegetätigkeiten im Lebenszyklus von der Kindheit bis zum Alter“ (Lutz 2010: 29). Was in diesem Zusammenhang der Realität entspricht und damit auch de facto gilt, soll an dieser Stelle doch explizit betont werden: Die von Lutz genannten Sorge- und Pflegetätigkeiten schließen in aller Regel die gesamte Hauswirtschaft und damit alle reproduktiven Tätigkeiten im Haushalt mit ein.

Vergleichbares gilt für den Begriff der Reproduktion: Unter der Sphäre der Reproduktion im weiteren Sinn werden alle „unter den jeweiligen kapitalistischen Bedingungen zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Tätigkeiten“ subsumiert, schreibt Gabriele Winker. Dies schließt neben Ernährung, Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen (als neue Generationen von Arbeitskräften), die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft und der anderer Erwerbspersonen ebenso mit ein, wie die Sorge um das Wohlbefinden ehemaliger Arbeitskräfte, also die Versorgung unterstützungsbedürftiger alter Menschen (Winker 2011: 333) – demnach alles, was sich synonym im internationalen Begriff „Care“ ausdrückt.

1.2.2 Migration – Transmigration

Seit es eine menschliche Kulturgeschichte gibt, gibt es auch Migrationsbewegungen – die Formen von Migration[1] haben sich aber im Lauf der Zeit stets verändert. Bereits vor 100 - 120 Tausend Jahren lassen sich Wanderungsbewegungen ausmachen, die den anatomisch modernen Menschen, den Homo sapiens, vom afrikanischen Kontinent über die Sinai-Halbinsel in den arabischen Raum und von dort aus auf alle Kontinente führten (Oltmer 2012: 8). Die Entwicklungen reichen durch die Zeiten von Ackerbau und Viehzucht, die Nomaden- und Völkerwanderungen bis in die Neuzeit, mit der „…unfreiwilligen Massenauswanderung der Arbeitskräfte aus Afrika nach Nordamerika (Sklavenhandel im 17. und 18. Jahrhundert) und der freiwilligen Massenauswanderung der Arbeitskräfte aus dem indischen Subkontinent in die Kolonialgebiete und der transatlantischen Massenauswanderung der Europäer im 18. und 19. Jahrhundert nach Nordamerika“ (Han 2010: 5). Interessant dabei ist allerdings, dass sich die Sozialwissenschaften, trotz der Existenz von Migrationen seit Menschheitsbeginn, erst recht spät mit diesem Thema befasst haben – nämlich erst seit den 1920er Jahren, als an der Universität von Chicago die ersten systematischen soziologischen Migrationsforschungen angestrengt wurden (ebd). Immerhin hat sich zumindest die klassische Migrationsforschung mit der Veröffentlichung von Ernest George Ravenstein unter dem Titel „The Laws of Migration“ bereits 1885/89 konstituiert (ebd.: 37).

Doch bereits der Begriff „Migration“ ist bei weitem nicht so eindeutig, wie er zunächst erscheinen mag. So erfassten beispielsweise die United Nations (UN) in ihren Statistiken bis 1950 einen Wohnortwechsel erst dann als Form der Migration, wenn er länger als ein Jahr andauerte, ab 1960 sogar erst ab der Dauer einer Wohnortverlegung von mindestens fünf Jahren. Erst ab dem Jahr 1998 wurde dann für die statistische Erfassung zum Ein-Jahres-Zeitraum zurück gekehrt. In Deutschland wird dagegen bereits dann von Migration ausgegangen, wenn es sich um einen „tatsächlichen Wohnsitzwechsel“ unabhängig von seiner Dauer handelt; an diese deutsche Begriffsbestimmung lehnen sich denn auch die Sozialwissenschaften an (Han 2010: 6).

Es lässt sich eine erhebliche Bandbreite von Migrationsformen ausdifferenzieren, der auch die Migrationssoziologie inzwischen vermehrt Rechnung trägt. Schon die Ursachen für Migration entspringen einer immensen Vielzahl von Beweggründen und Zwängen „…kultureller, politischer, wirtschaftlicher, religiöser, demographischer, ökologischer, ethnischer und sozialer Art…“ (ebd.: 7) und werden in der Regel als komplexes Zusammenspiel mehrerer Ursachen verhandelt. Stets lassen sich jedoch Faktoren ausmachen, die auf das Herkunftsland[2] bezogen sind und die die Menschen dazu zwingen, eine Emigration (Auswanderung) ins Auge zu fassen – die sogenannten „Push-Faktoren“. Andererseits lassen sich bezogen auf das Zielland[3] (auch bezeichnet als Aufnahmeland) jeweils entsprechende Anreize ausmachen, die zu einer Sog-Wirkung führen und die Immigration (Einwanderung) motivieren - die sogenannten „Pull-Faktoren“. Beide Faktorengruppen werden „vor dem Hintergrund der modernen Informations-, Kommunikations- und Transportmöglichkeiten wachsende Bedeutung für die individuelle Migrationsentscheidung erhalten“ (Han 2010: 13). Nichtsdestotrotz trügt die schlichte Aufrechnung von Push- und Pull-Faktoren leicht darüber hinweg, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht oder nicht ausschließlich nach primitiv-rationalen Abwägungen treffen, sondern dass auch soziale und emotionale Bindungen, Bildungsvoraussetzungen, Interessenlage und viele andere Faktoren, welche sich kaum in dieses vereinfacht-polarisierte Schema einordnen lassen, eine ganz wesentliche – ja, bisweilen die entscheidende - Rolle spielen (ebd.: 37 f).

Für den Zusammenhang mit dem Bereich Care von ausschlaggebender Bedeutung und damit von entsprechender Relevanz ist allerdings eine Spezialform der Migration, die Transmigration. Transmigration (von einigen Autoren auch „Pendelmigration“ genannt) „…bezeichnet eine Wanderungsform, bei der die Wandernden ihren Wohnsitz im Herkunftsland behalten, aber regelmäßig und für unterschiedlich lange Zeiträume über die Grenze wechseln, um dort Geschäften oder Arbeit nachzugehen“ (Düvell 2006: 130). Es ist ein charakteristisches Merkmal von Transmigrant_innen „…soziale Beziehungen in der Heimat, wie auch an ihrem Arbeitsort aufzubauen und miteinander zu verflechten. Dadurch entsteht ein ‚transnationaler Raum‘, welcher die Besonderheit der Beziehungsformen zu erfassen versucht, die über Grenzen hinweg gepflegt werden und der auf Dauer angelegt ist. […] Sie suchen den Arbeitsort flexibel und variabel auf, geben dabei ihren Herkunftsort als Familien- und Wohnort aber nicht auf“ (Neuhaus et al. 2009: 33). Das Phänomen der Transmigration wurde erstmals zu Beginn der 1990er Jahre angesichts sogenannter zirkulierender Migrant_innen zwischen karibischen Ländern, Mexiko und den Philippinen einerseits sowie den USA andererseits thematisiert, die sich immer wieder zwischen Herkunfts- und Zielland hin und her bewegten. So waren sie weder als permanent noch als temporär Einwandernde im herkömmlichen Sinn einzuordnen (Han 2010: 61). Die Besonderheit dieser Wanderungsform liegt in der Aufrechterhaltung zweier Sozialräume über nationale Grenzen hinweg – eine Konstellation, die von Care-Migrantinnen aus Osteuropa in deutschen Haushalten in ähnlicher Weise angestrebt wird, der aber diverse Widrigkeiten entgegenstehen, die letztlich zu zerrissenen Sozialräumen führen, wie sich in Kapitel 2 zeigen wird.

Migration ist stets mit Entwurzelung und soziokultureller Entfremdung verbunden, mit Abbruch von Beziehungen im Herkunftsland und den Schwierigkeiten bei einer Niederlassung und Integration im Zielland. Die Phänomene treten analog – wenn auch in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung – bei allen Migrationsformen auf, auch bei Transmigrantinnen, um die es im vorliegenden Zusammenhang gehen wird.

Ob Migration im Einzelfall legal oder irregulär (illegalisiert) ist, hängt primär vom Grad der Restriktionen der Einreise-, Aufenthalts- und Arbeitsbestimmungen des jeweiligen Ziellandes ab. Besonders strikte Bedingungen und effiziente Kontrollen, wie sie beispielsweise in Europa für Immigrant_innen herrschen, helfen zwar zunächst den Umfang der Einwanderung zu kontrollieren, führen aber vermehrt zu klandestinen Aufenthalts- und Arbeitsverhältnissen (vgl. Düvell 2006: 142 f.). Oft führt dies in der Folge dazu, dass die Aufnahmeländer ihre Einwanderungspolitik noch restriktiver gestalten, was angesichts eines global steigenden Migrationsdrucks zu einem weiteren Anstieg irregulärer Migrant_innenzahlen führt, dem wiederum eine Verschärfung der Einwanderungspolitiken folgt… es entsteht ein Circulus vitiosus (Han 2010: 116 ff).

Dass überhaupt von irregulärer oder „illegaler“ Migration gesprochen werden kann, ist angesichts der langen Migrationsgeschichte der Menschheit eine recht neue Entwicklung. Erst in den Jahren 1849 – 1905 mit ersten spezifischen Ausländergesetzen in Niederlande, USA, Kanada und Großbritannien und in der Folge zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Einführung der ersten allgemeinen Ausländergesetze, konnte im Zusammenhang mit Wanderungsbewegungen von „Illegalität“ gesprochen werden; irreguläre Migration ist also grundsätzlich sozial bzw. politisch-juristisch konstruiert (Düvell 2006: 148).

Aus irregulärer Migration infolge restriktiver Einwanderungsgesetze ergeben sich zwangsläufig weitere Probleme: Menschenschmuggel und Menschenhandel. Während allerdings der Schmuggel von Menschen unmittelbar in illegalisierte Migration mündet, führt auch der Menschenhandel meist mittelbar zu illegalisierter Migration, weil regelmäßig Menschen aus weniger entwickelten Regionen auf gesetzwidrigem Weg in wohlhabendere Industrieländer eingeschleust und „verkauft“ werden. Hierbei sind die Grenzen bisweilen fließend und der Schritt zur Sklaverei ist nicht weit. Petrus Han merkt dazu an, dass bei näherer Betrachtung „der Schmuggel bzw. die illegale Einschleusung von Menschen eine Vorstufe des Menschenhandels“ darstellt, wobei der Menschenhandel – oft unter Androhung von Gewalt – zu menschenrechtswidriger Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen führt (Han 2010: 117). Hier liegt der Begriff der Sklaverei nun ganz nahe, denn es sind Erscheinungen wie Zwang, Betrug, Gewalt und Ausbeutung, die mit diesen unfreiwilligen Migrationsformen einher gehen (ebd). Mit diesem Aspekt werden wir uns an anderer Stelle noch auseinander setzen…

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nehmen die Migrationsbewegungen überall auf dem Globus signifikant zu. Die Ursachen dafür liegen vorrangig in steigenden strukturellen Ungleichheitsverhältnissen wirtschaftlicher Art quer über alle Kontinente (Han 2010: 152), die von rasanten Entwicklungen moderner Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien (schnelle und kostengünstige Mobilität!) flankiert werden. Dies fördert insbesondere die Transmigration, da „… der Transfer von Kapital, Waren, Technologien, technischem und unternehmerischem Wissen sowie qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften relativ unabhängig von den nationalstaatlichen Grenzen stattfindet. Dieser Transfer erfolgt dabei flexibel nach der sich schnell verändernden Nachfrage und den Erfordernissen des Marktes […]. Transnationale Migration und Transmigranten entstehen […] durch die Globalisierung der Wirtschaft“ (Han 2010: 67).

An vorderster Front spielen daher wirtschaftliche Entwicklungen eine herausragende Rolle – und zwar sowohl für die Care-Problematik, als auch als vorrangige Ursache für Migration -, weshalb gerade die ökonomischen Entwicklungen einer Auseinandersetzung bedürfen. Im Mittelpunkt unserer Betrachtungen steht dabei besonders die vorherrschende Wirtschaftsform des Kapitalismus mit seinen aktuellen Ausprägungen in Form von Neoliberalismus und Globalisierung.

1.2.3 Neoliberalismus – Globalisierung

Unbestritten hat sich der Terminus „Neoliberalismus“ in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Kampfbegriff entwickelt, der sich, allerdings weniger als gemeinhin angenommen, von seiner ursprünglichen Bedeutung entfernt hat. Nichtsdestotrotz lässt sich die Verwendung des Begriffs nicht umgehen, will man sich ernst- und gewissenhaft mit den Themen Care und Migration auseinander setzen. Nicht zuletzt deshalb muss verhandelt werden, inwiefern der Neoliberalismus - und damit auch die mit den einschneidenden Transformationen der Wohlfahrtsregime der westlichen Welt parallel stattfindende Globalisierung der Arbeitsmärkte – als Auswuchs einer neoklassischen Denkrichtung der Ökonomie, ein zentrales Element bei der Klärung von Ursachen und Folgen von Migration im Care-Umfeld darstellt.

Ursprünglich war der Neoliberalismus eine „gemäßigte Form“ des ökonomischen Liberalismus. Dessen gesellschaftszersetzende und kriegstreibende Auswirkungen hatte während und in der Folge der industriellen Revolution in massive soziale Verwerfungen und eine völlige Verarmung breiter Bevölkerungsschichten geführt, die in die Weltwirtschaftskrise von 1929/32 und letztlich sogar in zwei Weltkriege mit vielen Millionen Toten mündeten. Unter dem Eindruck der katastrophalen Folgen eines liberalistisch entfesselten Kapitalismus wendete man sich wirtschaftspolitisch ab den 1930er Jahren zunächst den Ideen von John Maynard Keynes zu, der die Auffassung vertrat, dass dem Staat eine makroökonomisch fundierte wirtschaftslenkende Funktion zukomme, die mittels öffentlicher Investitionen die Gesamtnachfrage stützen, stabilisieren und lenken solle (Willke 2003: 30). Entgegen der (neo-)klassischen Vorstellung von einer „magischen Hand“ des Marktes, die selbstregulierend alles zum Besten ordne, ist der Kapitalismus, so die Erkenntnis der Keynesianer, ohne „...umfangreiche wie systematische wirtschaftspolitische Eingriffe nicht in der Lage, das ihm zur Verfügung stehende Produktionspotenzial auszuschöpfen“ (Ptak 2008: 18). In der Folge, blühte der Keynesianismus in der westlichen Welt zunächst auf (bspw. in Form einer sozialdemokratisch orientierten Reformpolitik).

Doch ganz so leicht gaben sich die Apologeten der marktgläubig - liberalökonomischen Ideologie nicht geschlagen. Als Reaktion auf interventionistisch orientierte Wirtschaftspolitiken entwickelte sich als Gegenbewegung bereits in den 1930er Jahren eine – nunmehr neo -liberale – ökonomische Denkrichtung: Es waren Wirtschaftsliberale um Milton Friedman (Chicago), Ludwig von Mises (Wien, New York), Friedrich August von Hayek (Wien, Freiburg) oder in Deutschland Walter Eucken, Alfred Müller-Armack, Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke (auch als „Freiburger Schule“ bezeichnet; vgl. Ptak 2008: 21), die zwar neuerdings anerkannten, dass ein starker Staat vonnöten war (bis hin zur Akzeptanz einer „befristeten Diktatur“[4] ) – versehen aber mit dem Auftrag, „den Einflussbereich des Parlaments durch eine Trennung der beiden Sphären Wirtschaft und Gesellschaft massiv zu begrenzen und so wirtschaftspolitische Eingriffe zur Beeinflussung der Marktprozesse und ihrer Ergebnisse zu unterbinden“ (Ptak 2008: 20). Damit war die neoliberale Denkrichtung geboren, die sich in Deutschland vor allem in einer ordnungspolitisch-orientierten Form des Neoliberalismus, dem sogenannten Ordo-Liberalismus, manifestierte.

In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg, während die Gesellschaft in der Bundesrepublik unter Ludwig Erhards Sozialer Marktwirtschaft[5] wirtschaftlich erstarkte, arbeiteten die marktradikalen Vordenker - zunächst in noch „wenig einflussreichen akademischen Zirkeln“ (Ptak 2008: 13) - weiter an ihrem „neoliberalen Projekt“ (Willke 2003: 28 ff.). Parallel begann zu dieser Zeit allmählich ein, dem neoliberalen Projekt zupass kommender Marktoptimismus zu keimen. Mitte der 1970er Jahren sah man in Chile die Chance gekommen, erstmals einen nach neoliberalen Prinzipien gestalteten Großversuch zu starten: Unter dem blutrünstig agierenden Diktator Pinochet konnten dort die „Chicago Boys“, eine Gruppe neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler der University of Chicago um Milton Friedman, erheblichen Einfluss gewinnen und ihre marktradikalen Vorstellungen unter diktatorischen Bedingungen unbehelligt umsetzen (Ptak 2008: 13); das neoliberale Experiment endete in einer schweren Krise und blutigem Chaos: Den anfänglichen Achtungserfolgen (ein wenig nachhaltiger Scheinboom) folgte eine heftige Rezession im Jahr 1982, die mit Massenarbeitslosigkeit und blutigen Unruhen einher ging[6]. Der neoliberale Großversuch in Chile fand mit der sukzessiven Rücknahme der marktradikalen Maßnahmen sein vorläufiges Ende.

Nichtsdestotrotz gelang es den neoliberalen Glaubensanhängern, die Vorstellung von mehr Markt und weniger Staat, von freiem Handel und einem Abbau von Regularien, ab Ende der 1970er Jahre unter Margret Thatcher in Großbritannien und ab 1981 unter Ronald Reagan in den USA verstärkt umzusetzen und ihren Einfluss auszubauen. Massiv verschärft hat sich der marktfundamentalistische Einfluss dann etwa ab den 1990er Jahren, die weltweit – mit regionalen bzw. nationalen Unterschieden – mit einem massiven Abbau sozialer Sicherungssysteme und einer weitreichenden Privatisierung zuvor öffentlicher Aufgaben einher ging.

Mit dem globalen Siegeszug der neoliberalen Ideologie ging auch die Anforderung an die Menschen einher, vor allem flexibel und mobil sein zu müssen, wenn sie denn auf den deregulierten Arbeitsmärkten bestehen wollen. Unter dem Stichwort der Globalisierung wurde seitens der Unternehmen im Zuge der Neoliberalisierung ein knallharter Wettbewerb um die niedrigsten Lohnkosten auf allen Ebenen etabliert. Der Glaubenssatz einer unbedingten und unreflektierten Reduktion von Lohnkosten gilt für die Beziehungen der Arbeitskräfte eines einzigen Unternehmens untereinander, ja innerhalb einer Abteilung, ebenso, wie für die Menschen innerhalb von Volkswirtschaften oder auch zwischen den Volkswirtschaften auf globaler Ebene. Die Kolonne der multinationalen Konzerne zieht mit ihren Produktionsstandorten, wenn immer möglich, dorthin, wo die Arbeits- und damit die Produktionskosten am niedrigsten sind; implizit oder explizit wird das unter den Stichworten Mobilität und Flexibilität auch von den Beschäftigten erwartet. Dies führt zu drastisch angestiegenen „…Anforderungen hinsichtlich Verfügbarkeit, Belastbarkeit und Flexibilität, dass sie einem betrieblichen Totalzugriff auf die Person gleichkommen“ (Schneider 2005: 92). Die Folge immer globaler agierender „Märkte“ ist mit einem signifikanten Anstieg der Migrationszahlen verbunden, der auch vor dem Care-Bereich bzw. den Beschäftigten in Privathaushalten nicht halt macht und gerade dort zu deutlichen Verwerfungen führt.

Bemerkenswerterweise hat sich die neoliberale Theorie unterdessen quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche zu einer allumfassenden Ideologie mit omnipräsenten Wirkungsmodellen und Allzuständigkeiten entwickelt, einer Quasi-Religion, die ihr marktradikales Gedankengut in alle wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Disziplinen infiltriert hat. Trotz der durchweg negativen Erfahrungen mit neoliberalen Transformationen von Volkswirtschaften, wie z. B. der katastrophalen Auswirkungen in Chile (also entgegen besseren Wissens), hat sich am geradezu stoisch vertretenen Glauben an den Markt auch unter dem Eindruck der globalen Finanzkrise ab 2008 nichts geändert. Dies zeigt anschaulich, wie weitgehend neoliberale Apologeten bereits die Macht an sich gerissen haben und wie sie ihren Einfluss mittels neoliberaler Think-Tanks und Lobbyverbände weiter stabilisieren und ausbauen[7].

Mit dem Aufstieg des Neoliberalismus ist so, nicht nur im Hinblick auf ökonomisch ausgelöste und beeinflusste Wanderungsbewegungen, sondern auch bezüglich einer Kommodifizierung[8] von Care und Care-Arbeit in der westlichen Welt, die ideologische Basis geschaffen. Nur vor diesem ideologischen Hintergrund lassen sich die vielfältigen Prozesse verstehen, die heute maßgeblich zur sich weltweit manifestierenden ausbeutungsähnlichen Situation von Migrantinnen im Care-Bereich beitragen. Um diese Prozesse zu verdeutlichen, erscheint es sinnvoll, sich zunächst ganz konkret mit der Situation von Betroffenen auseinander zu setzen. Der folgende Abschnitt gewährt einen solchen Blick auf die Lebenssituation und den Alltag osteuropäischer Transmigrantinnen in deutschen Privathaushalten…

2 Globale Schieflagen

Ausgehend von einem jüngst durchgeführten Forschungsprojekt geht es an dieser Stelle zunächst konkret um die Situation von Menschen mit Care-Bedarf und insbesondere um die Situation jener, die diese gesellschaftlich unverzichtbare Fürsorgearbeit in Deutschland leisten. Es wird ein Ausflug zu den Mängelsystemen der Kinder- und Altenpflege, zu deren Voraussetzungen und ihren Folgen in und für Deutschland und Europa. Nichtsdestotrotz ist das schwierige Verhältnis aus Care und Migration nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt; viele damit einhergehende Erscheinungen zeigen sich weltweit. Daher folgt im weiteren Verlauf des Kapitels ein Blick über Europas Grenzen hinaus. Doch zunächst zu den deutsch-europäischen Care-Realitäten der Gegenwart…

2.1 Situationsbeschreibungen von Care-Migrantinnen in Deutschland

In einem Forschungsprojekt aus dem Jahr 2012 wurden Care-Migrantinnen zu ihrer persönlichen Situation im Kontext der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern und im Zielland (Deutschland) befragt. Daraus ergeben sich typische Erkenntnisse über ihre jeweiligen Lebensumstände, die die Grundthemen Care und Migration aus der subjektiven Sicht von Betroffenen veranschaulichen können.

Sie heißen Palmira, Melinda, Daria, Kalina, Oxania, Mariana und Kalyna[9] und sie stammen aus Polen, Rumänien, Serbien, Litauen und der Ukraine. Die Namen stehen stellvertretend für weit mehr als hunderttausend Frauen, die aus Osteuropa nach Deutschland immigrieren, um hier in Privathaushalten zu arbeiten. Und sie stehen stellvertretend für Millionen von Migrantinnen, die in Privathaushalten weltweit Care-Tätigkeiten verrichten, die aber dieses Care-Potential ihren eigenen Familien und den Herkunftsgesellschaften entziehen. Und sie stehen stellvertretend für unzählbar viele Frauen, die sich un- oder unterbezahlt um Alte, Kinder und Haushalte kümmern – ihre eigenen oder die von Fremden. Im letzteren Fall verlassen sie regelmäßig ihre Familie und ihr Land und werden zu Migrantinnen bzw. zu Trans-Migrantinnen, die in mehr oder minder großen zeitlichen Intervallen an ihren Herkunftsort zurück kehren und dann zwischen hier und dort immer wieder hin- und hergerissen sind.

Sieben narrativ-biografische Interviews bilden die Grundlage der folgenden Beschreibungen. Interviewt wurden Frauen aus Litauen, Polen (3), der Ukraine, Serbien und Rumänien. Alle arbeiteten im Untersuchungszeitraum zwischen September und November 2012 in deutschen Privathaushalten, wo sie alte Menschen versorgten, die aufgrund körperlicher Einschränkungen und / oder dementieller Erkrankungen der Unterstützung und Pflege bedürfen. Ihre Einsatzorte befinden sich in einem infrastrukturell schwach ausgestatteten ländlichen Raum, dem Donnersbergkreis in der Westpfalz. Die Frauen pendelten jeweils in Zeiträumen von vier Wochen bis zu drei Monaten (Touristenvisum!) zwischen Einsatzort und ihrer Heimat in Osteuropa.

Keines der untersuchten Arbeitsverhältnisse war im formaljuristischen bzw. arbeitsrechtlichen Sinne legal gestaltet. Somit genoss keine der Frauen einen sozialversicherungsrechtlichen Schutz bei Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit und Beiträge in eine Rentenkasse wurden auch nicht entrichtet. Obwohl im Zuge der europäischen Freizügigkeitsregelungen und mit den erfolgten Klarstellungen der Bundesregierung zur Grundpflege spätestens im Jahr 2011 die Voraussetzungen für eine mehr oder minder unbürokratische und legale Beschäftigung geschaffen waren, spiegelt die Situation der befragten Migrantinnen die tatsächlichen Verhältnisse der Realität insofern wieder, dass die wenigsten der in deutschen Privathaushalten eingesetzten Haushaltshilfen nicht in der „Schattenwirtschaft“ beschäftigt sondern ordnungsgemäß und sozialversicherungspflichtig angemeldet werden (Neuhaus et al. 2009: 37; zu den irregulären Beschäftigungsmodellen vgl. auch Kapitel 2.2).

Familiäre Strukturen bilden in den jeweiligen Herkunftsländern eine wesentliche Basis für die eigene Identifikation und Verortung. Der Begriff der Familie wird meist über die eigentliche Kernfamilie hinaus gefasst und umfasst vorrangig zwei bis drei Generationen einschließlich mehrerer Kinder, welche nicht selten gemeinsam unter einem Dach leben – ein Familienmodell, das insbesondere dann gilt, wenn die Migrantinnen auch im Herkunftsland in ländlichen Gebieten leben. Diese sind oft verheiratet (bzw. bereits verwitwet) und haben teils erwachsene Kinder sofern sie das entsprechende Lebensalter erreicht haben. Wenn Bedarf an Versorgung von Familienmitgliedern daheim besteht, sind es vor allem Angehörige, die zurück gebliebene und hilfsbedürftige Verwandte versorgen (z.B. kranker Ehemann, Kinder, bedürftige Eltern oder Großeltern)[10].

„Aber meine Oma braucht auch Hilfe. So meine Mutter nicht komme. Aber ich komme – und gestern waren es zwei Monate hier“ (Palmira aus Litauen berichtet, dass ursprünglich ihre Mutter nach Deutschland kommen wollte)

Entsprechend eng sind denn auch die Bindungen zu den Ihren im Herkunftsland. Diese Verbindungen werden versucht, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufrecht zu erhalten. Der Kontakt wird regelmäßig gepflegt – mindestens wöchentlich, meist jedoch täglich per Telefon und SMS. Regelmäßige Kontakte via Skype / Voice-over-IP sind jedoch eher eine Ausnahme, weil weder in Deutschland (ländliche Haushalte, ältere Menschen), noch im Herkunftsland die notwendige technische Infrastruktur gegeben ist (Computer, Breitband-Internet). Je nach Zielland (bspw. Serbien, Ukraine) sind aufgrund hoher Verbindungskosten und wirtschaftlich angespannter Situation aber bisweilen nur wöchentliche Kontakte mit den Daheimgebliebenen möglich.

„Telefonieren und SMS. Nicht jeden Tag. So viel, das kostet viel. So einmal die Woche. Die SMS ist billiger. Telefonieren ist sehr teuer.“ (Oxania aus der Ukraine über ihren Kontakt mit daheim)

Alle Interviewten geben primär wirtschaftliche Gründe für die Migration bzw. die Aufnahme einer Pflegetätigkeit in einem deutschen Haushalt an. Allerdings verortete sich die wirtschaftliche Situation auf unterschiedlichen Niveaus. Genannt wurden familiäre Notlagen (Ehemann schwer erkrankt; Hausbau nicht fertig, Mann in Frührente), Altersteilzeit, Arbeitslosigkeit, zu niedrige Alterssicherung, aber auch geringe Chancen auf einen angemessen entlohnten Arbeitsplatz im jeweiligen Herkunftsland.

„Ich habe Plan zuhause machen, ich brauche Geld. Ich muss mein Haus fertig machen. Mein Mann ist krank und hat Krankenrente und ich arbeite.“ (Kalina aus Polen über die Gründe für ihren Arbeitseinsatz in Deutschland)

„Und das Geld, [das] mein Mann verdient, reicht nicht. Das ist, so was [für] ein Monat 250 Euro. Und wenn ich nicht arbeite, für neun Monate ich bekommen Geld aus Arbeitslosenkasse. Aber das ist auch 130 Euro. Das ist alles.“ (Melinda, ungarisch-stämmig aus Serbien über ihre wirtschaftliche Situation und die Absicherung bei Arbeitslosigkeit)

Es überrascht nicht, dass durchweg auch die soziale bzw. wirtschaftliche Situation im Herkunftsland für die Entscheidung zur Migration mitverantwortlich gemacht wird: Niedrige Altersversorgung, marginale soziale Absicherung, geringe Chancen auf einen Arbeitsplatz trotz zum Teil hohem Ausbildungsniveau oder auch ein niedriges Lohnniveau sind Gründe, die genannt wurden.

„Dreißig Jahre arbeiten als Therapeutin. Nicht viel Rente – meine Rente ist 290 Euro. Polen ist katastrophal. Katastrophal, schlimm, schwer.“ (Daria, studierte Physiotherapeutin aus Polen über ihren Rentenanspruch)

[...]


[1] Das Wort „Migration“ leitet sich ursprünglich vom lateinischen „migrare“ ab und bedeutet so viel wie „wandern“ oder „wegziehen“

[2] Manchmal auch als (Ent-)Sendeland oder (Ent-)Sendegesellschaft bezeichnet

[3] Bisweilen auch als Empfängerland/-gesellschaft oder Aufnahmeland/-gesellschaft bezeichnet

[4] Rüstow forderte tatsächlich im Jahr 1932, also quasi am Vorabend der Machtergreifung, eine solche „befristete Diktatur […] mit Bewährungsfrist“ (vgl. Ptak 2008: 20, sowie ebd., Fn. 18)

[5] Die Soziale Marktwirtschaft war gewissermaßen eine Mischform aus interventionistischen Elementen keynesianischer Prägung und dem Ordoliberalismus, der einen mehr oder minder eng gesteckten Ordnungsrahmen postulierte, in dem sich die Marktkräfte frei entfalten sollten

[6] In diesem Jahr noch hatte Milton Friedman nicht ohne Stolz vom „Wunder von Chile“ gesprochen

[7] In Deutschland sind dies bspw. Verbände und Stiftungen, wie die Bertelsmann-Stiftung oder auch die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM), aber auch der weitaus größte Teil der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die mit teilweise massiver Lobby- und PR-Arbeit ihren Einfluss auf öffentliche Meinung und Politik ausüben

[8] Kommodifizierung = „Zur-Ware-Werden“; vgl. hierzu besonders Chorus 2013: 15ff.

[9] Alle Namen im Text wurden zum Schutz der Migrantinnen geändert

[10] Aus der einschlägigen Literatur ist allerdings bekannt, dass das entstandene Defizit in den Herkunftsländern auch mit Migrantinnen aus noch ärmeren Regionen kompensiert wird – es entstehen dann sogenannte „Care-Chains“ oder „Sorgeketten“, die in den folgenden Kapiteln noch näher beschrieben werden (vgl. dazu u. a. Kontos 2010, Ehrenreich / Hochschild 2002)

Details

Seiten
91
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656570424
ISBN (Buch)
9783656570431
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266441
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
Migration Care Pflege Arbeitsmigration Feminismus Privathaushalt Kapitalismuskritik Migrationssoziologie

Autor

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Titel: Migration im Care-Umfeld. Aspekte der Beschäftigung von Migrantinnen im Care-Bereich