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Der Ostrakismos in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr.

Ausdruck von Demokratie oder machtpolitisches Mittel?

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung

B. Hauptteil
1 Innenpolitische Situation in Athen
1.1 Allgemeine politische und gesellschaftliche Lage in Athen
1.2 Kleisthenes
1.2.1 Reformen
1.2.2 Einführung des Ostrakismos
2 Ostrakismos
2.1 Phasen
2.2 Zugehörigkeit der Kandidaten und Kommentare auf den Scherben

C. Schluss

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Man sagt, die Wiege der Demokratie liegt im antiken Griechenland und dort im Besonderen in Athen.[1]

Die vorliegende Arbeit beleuchtet die innenpolitische Situation in Athen am Ende des sechsten und im fünften Jahrhundert v. Chr. im Hinblick auf das neu eingeführte politische Instrument, den Ostrakismos. In Kraft trat es durch die Reformen des Kleisthenes und fand bis ins Jahr 416 v. Chr. immer wieder Anwendung. Wer nach dem sogenannten „Scherbengericht“, einer Volksabstimmung, ostrakisiert wurde, musste die Stadt für zehn Jahre lang verlassen. Eine Straftat musste man hierfür nicht begangen haben, es reichte aus, einflussreich und bekannt zu sein, um den Zorn des Volkes auf sich zu ziehen.

Der Kern der Arbeit stellt sich die Frage, ob es wirklich nur die Absicht war, eine erneute Tyrannis zu verhindern, die das Scherbengericht ins Leben gerufen hatte – oder ob es ein willkommenes Instrument im politischen Machtkampf war, um unliebsame Gegner zu beseitigen.

Beschränkt ist die Untersuchung inhaltlich - neben einem kurzen Überblick über die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen - auf die dominierenden Parteien und Persönlichkeiten der athenischen Führungsschicht. Was den Ostrakismos betrifft, so werde ich ihn nach Phasen untersuchen, auf die Zugehörigkeit der Betroffenen zu einer bestimmten Gruppe eingehen und die Kommentare und Beizeichen auf den einzelnen Ostraka berücksichtigen, um zu erkennen, ob es sich bei den Verurteilten um Opfer der gegnerischen Propaganda handelt. Der zeitliche Rahmen umfasst das sechste und fünfte Jahrhundert v. Chr., genauer gesagt endet er 416 v. Chr., dem Jahr der letzten Ostrakisierung.

Was die Forschungslage zum Ostrakismos angeht, so ist zu allererst zu erwähnen, dass die bis heute ausgegrabenen Scherben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben und immer wieder neue Funde ausgegraben werden.[2] Die ersten Forschungen zu diesem Thema reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, mit dem Ergebnis, dass zwar die Absichten im demokratischen Sinne seien, jedoch in der Praxis eher das Gegenteil bewirken.[3] 1853 und 1870 wurden die ersten Scherben veröffentlicht, was die Vermutung bekräftigte, dass es sich dabei um Ton- und nicht um Muschelscherben handelt und die Quellensituation an Anzahl und Art verbesserte. K. Lugebil kommt in seinem Aufsatz von 1861 zu dem Ergebnis, dass weder eine Tyrannis verhindert, noch eine Demokratie durch den Ostrakismos gesichert werden konnte. Ferner würde es die stärkste Partei und deren Anführer nur noch mehr unterstützen.[4] Mit der Veröffentlichung der von Aristoteles verfassten Athenaion Politeia im Jahre 1891, einer Schrift über Athen und den Ostrakismos, wurde erstmals Kleisthenes als derjenige erwähnt, der dieses Instrument einführte. Laut Aristoteles sei der Grund für die Einführung eines Scherbengerichts die Verhinderung einer Tyrannis gewesen. Außerdem beinhaltet die Schrift eine genaue Abfolge der ersten Opfer des Scherbengerichts und wird als Basis für die weitere Forschung zu diesem Thema angesehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählt man schon 62 Ostraka. Ebenfalls als Grundlage wird L´Ostracisme Athénien (Paris 1935) von J. Carcopino gezählt, nicht zuletzt wegen der ausführlichen Diskussion der bis dahin vorhandenen Quellen in dieser Monographie. Zwischen 1965 und 1969 wurden in Kerameikos, einem Stadtteil in Athen, 9.000 weitere Ostraka ausgegraben, etwa sechsmal so viele wie bis dahin vorhanden waren. Durch die gesamte Forschung hindurch zieht sich die Frage, ob Kleisthenes (wie in der Athenaion Politeia dargestellt) wirklich der Urheber des Ostrakismos war oder nicht. Zu diesem Thema wurde von R. Thomsen eine Monographie mit dem Titel The Origin of Ostracism. A Synthesis.[5] veröffentlicht, allerdings konnte die Frage dort nicht abschließend geklärt werden. Ein 1982 publizierter Aufsatz von D. J. Phillips (Athenian Ostracism) berücksichtigt umfassend die vorliegenden Quellen sowie belegtes Wissen im Vergleich zu Hypothesen zu immer wieder umstrittenen Problemfragen und zählt unter den neueren Erscheinungen zu den besten Überblicksarbeiten.[6] Bei Veröffentlichung des Werkes Ostrakismos Testimonien I im Jahre 2002 betrug die Zahl aller ausgegrabenen Scherben etwa 11.000 Stück, auf der Homepage eines der Autoren, Dr. Stefan Brenne, ist im Jahr 2007 die Rede von etwa 1600 Stimmscherben.[7] Herr Brenne hat neben diesem Werk unter anderem noch Ostrakismos und Prominenz in Athen[8] verfasst. Der vorliegenden Arbeit liegen diese beiden Werke zugrunde. Die Veröffentlichung der Scherben aus Kerameikos wurde erst teilweise vorgenommen, als 2004 das Deutsche Archäologische Institut das Projekt der abschließenden Drucklegung der Grabungen startete; unter anderem beinhaltet es einen Katalog aller vorhandenen Ostraka. Es umfasst zwei Bände unter dem Titel Kerameikos. Ergebnisse der Ausgrabungen und ist 2007 erschienen.

B. Hauptteil

1 Innenpolitische Situation in Athen

1.1 Allgemeine politische und gesellschaftliche Lage in Athen

In den letzten Jahren des sechsten Jahrhunderts v. Chr. herrschte in Athen noch die Diktatur des Hippias, Mitglied der Peisistratiden, deren Herrschaft 50 Jahre andauerte. Obwohl Solon 594 v. Chr. demokratische Reformen erlassen hatte, konnten diese eine Tyrannei nicht verhindern. Als Solon von der politischen Bühne verschwand, entstand ein Vakuum und letztendlich nutzen 561/60 v. Chr. die Peisistratiden dies für sich. Gestürzt wurde Hippias 511/510 v. Chr. aufgrund eines Orakelspruchs. Da ein Sturz aus eigener Kraft nicht erfolgreich war, brachten verbannte Adelige aus Athen, allen voran die Familie der Alkmeoniden, das Orakel von Delphi dazu, den Spartanern aufzutragen, die Stadt von der Tyrannei der Peisistratiden zu befreien. Im Gegenzug dazu bauten sie den Tempel in Delphi wieder auf.[9]

Nach Abschaffung der Tyrannei brach ein Wettstreit um die Macht zwischen den rivalisierenden Adelsfamilien aus. Die Lykomiden (die Familie des Themistokles) und Anhänger des Gestürzten mit Isagoras an der Spitze, sowie die Familie der Alkmeoniden um Kleisthenes wollten ihren Einfluss in Athen vergrößern und die jeweils andere Partei entmachten.[10] Kleisthenes war im Begriff, Reformen einzuführen und dem Volk mehr Macht in die Hand zu geben. Diese Bestrebungen allerdings missfielen nicht nur seinen politischen Gegnern in Athen. Isagoras, politisch ins Abseits gedrängt, bat bei Kleomenes[11] um Unterstützung. Dieser marschierte mit einen kleinem Heer in Athen ein und verbannte nicht nur Kleisthenes, sondern auch 700 weitere athenische alkmeonidische Familien. Als Grund hierfür diente ihnen der Vorwurf, die Alkmeoniden wären noch immer durch den „kylonischen Fluch“ beschmutzt[12]. Als jedoch der Rat Athens aufgelöst und Isagoras und seine Anhänger als alleinige Herrscher eingesetzt werden sollten, widersetzte sich dieser. Isagoras und Kleomenes flüchteten sich in die Akropolis, von wo aus Kleomenes Athen verlassen durfte. Das Volk berief Kleisthenes und die anderen Verbannten zurück nach Athen und erkannte ihn als seinen Anführer an.

Schon vor der Abschaffung der Tyrannis zeichneten sich in der Gesellschaft demokratische Tendenzen ab. Im Bereich der Kriegsführung lag seit Einführung der Phalanx, die auch aus nichtadeligen Hoplitenkämpfern bestehen konnte, der Schwerpunkt auf der Anzahl und Gleichheit ihrer Mitglieder. Es ging weniger um herausstechende adelige Heroen, wie Homer sie beispielsweise in der Odyssee oder der Ilias erwähnt, sondern um eine Einheit aus gleichwertigen Kämpfern. Jedem, der sich eine Rüstung leisten konnte, war es erlaubt dort einzutreten, die Vererbung solcher Berechtigungen innerhalb des Adels verlor also zugunsten von Wohlstand an Bedeutung. Athens Wirtschaft florierte durch Handel und Geldwirtschaft und machte auch Familien außerhalb des Adels reich. Grundbesitz trat in den Hintergrund und aufgrund der neuen Aufstiegsmöglichkeiten bekam die Oberschicht immer mehr Konkurrenz aus dem einfachen Volk. Wegbereiter hierfür war Solon, als er schon zu Beginn des sechsten Jahrhunderts v. Chr. während seines Archontats unter anderem das „Timokratische Prinzip“, also die Herrschaft von erworbenen oder vererbten Vermögen (im Gegensatz zu vererbbaren Titeln) einführte und die Schuldknechtschaft, sowie alle anderen öffentlichen wie privaten Schulden beseitigte.[13] Außerdem durfte derjenige über 18 Jahren, der ein bestimmtes Einkommen vorweisen konnte und zudem im Heer diente, an der Volksversammlung teilnehmen und die Staatsbeamten wählen. Obwohl daneben die alten Strukturen der Adelsschicht (die als eingeschworene Gemeinschaft aufstrebende Emporkömmlinge kaum in der Führungsschicht akzeptierten) noch immer in Gang waren, konnte das Volk zumindest in grundlegenden Angelegenheiten des Staates mitbestimmen.[14]

[...]


[1] http://www.abendblatt.de/vermischtes/journal/article211494/Athen-hier-stand-die-Wiege-der-Demokratie.html

[2] Peter Siewert (Hrsg.): Ostrakismos Testimonien I. Stuttgart 2002, S.32

[3] Ostrakismos Testimonien I, S. 26.

[4] Ostrakismos Testimonien I, S.

[5] R. Thomsen: The Origin of Ostracism. A Synthesis. Kopenhagen 1972.

[6] D. J. Phillips: Athenian Ostracism. In: Hellenika. Essays on Greek Politics and History. 1982, S. 68-72.

[7] http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/altertum/klassarch/forschung/einzelforschungen/die-ostraka-der-kerameikosgrabung-in-athen (letzter Absatz)

[8] Stefan Brenne: Ostrakismos und Prominenz in Athen. Attische Bürger des 5. Jhs v. Chr. auf den Ostraka. Supplementband III. Wien 2001.

[9] Aristotle: The Athenian Constitution. Adelaide 2012, Chapter 19.

[10] P.J. Bicknell: Themistokles, Phrynichos, Aischylos, Ephialtes und Perikles: Political Dimensions of Attic Tragedy. In: Ancient History 19 (1989), 120 – 130, hier: S. 120.

[11] König von Sparta.

[12] Kylon und seine Anhänger wurden durch Alkmeoniden in einem Tempel gesteinigt. (Herodot: Historien 5.71.1).

[13] Auch bekannt unter „Seisachtheia“.

[14] Werner Dahlheim: Die griech.-röm. Antike I (Aufl. 3). Paderborn 1992, S. 146.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656558026
ISBN (Buch)
9783656558019
Dateigröße
1002 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266072
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften
Note
1,00
Schlagworte
Ostrakismos Athen Scherbengericht Demokratie Kleisthenes Ostraka Scherben Alkmeoniden Peisistratiden

Autor

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Titel: Der Ostrakismos in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr.