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Bedeutungswandel im Italienischen

Analysiert durch das Prisma der Political Correctness

von Thomas Fischer (Autor)

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Zum Begriff „Political Correctness“

3. Bedeutungswandel
3.1 Psychologisch-assoziative Basis für den Bedeutungswandel
3.2 Motive für innovativen Bedeutungswandel
3.3 Motive für reduktiven Bedeutungswandel

4. Ausgewählte Lemmata NEGRO, DONNA, OMOSESSUALE
4.1 Analyse

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. Einleitung

I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: ‘ We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal. “

(Martin Luther King, Jr., Auszug aus der Rede am 28. August 1963)

Dieser Satz aus der Rede des großen Kämpfers für Menschenrechte und gegen den Rassismus Martin Luther King Jr. ist mittlerweile legendär geworden. Die Rede gilt als Meisterwerk der Rhetorik. Martin Luther King sprach darin Gegebenheiten an, die heute selbstverständlich sind: Menschenrechte, Gleichheit eines Jeden, unabhängig von Hautfarbe, Religionszugehörigkeit und Nationalität. Kaum vorstellbar, dass es vor 50 Jahren in der größten Demokratie der Welt, in den USA, noch Gruppen von Menschen gab, die weniger „wert“ waren, als die anderen Gruppen. Martin Luther King war einer von denen, die damals ihre Leben dem Kampf gegen jegliche Ungleichheit in der Welt opferten. Nelson Mandela, Mahatma Ghandi sind einige der bekanntesten Vertreter der Unabhängigkeitsbewegungen aus unterschiedlichsten Ländern der Welt.

Heute haben sich die Gesetzgeber in vielen Ländern an diese eigentlich selbstverständlichen Werte angepasst. Aus Verfassungen aller westlichen Staaten verschwanden alle Gesetze, die jegliche Art von Diskriminierung zuließen und wurden durch neue ersetzt. Das Rechtssystem ist insofern eine Institution die sich vom Menschen beeinflussen lässt. Das Denken der Menschen kann man aber nicht unter Kontrolle halten. Das Denken ist seinerseits eng mit der Sprache verbunden. Es verändert sich nicht mit der Einführung einer bestimmten Rechtsnorm, weil es ganz anderen Gesetzen unterliegt. Strukturalistische Sprachforschung und Semiotik versteht ein sprachliches Zeichen als eine Einheit aus dem abstrakten Bezeichneten und dem abstrakten Bezeichnenden, die zusammen eine Referenz in der dinglichen Welt besitzen. Sprachliche Zeichen sind auf einer höheren psychologischen Ebene miteinander verbunden und jedem Menschen bekannt. Eine bestimmte Vorstellung (das Bezeichnete) korreliert mit einer bestimmten Lautform (das Bezeichnende). Diese Vorstellung ist unmotiviert und untrennbar von der Lautform. Aus dieser kurzen Beschreibung des Zeichenbegriffs wird ersichtlich, dass ein bestimmtes Konzept mit einem bestimmten Zeichen wiedergegeben wird. Die Konzepte, die laut Gesetz nicht mehr existierten (wie Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung zum Beispiel) bezeichnete man jedoch weiterhin mit demselben sprachlichen Zeichen, was von der betroffenen Gruppe zurecht als diskriminierend empfunden wurde. In dieser Zeit entsteht in den USA das Phänomen der „Political Correctness“(zum Teil als deutsche Lehnübersetzung „Politische Korrektheit“, zum Teil als ein nicht assimiliertes Syntagma aus dem US-amerikanischen Sprachgebrauch zu finden)(vgl. Wierlemann, 2002, S.10) im folgenden als PC abgekürzt. Stark verallgemeinert kann man die PC als eine Bewegung gegen die diskriminierende Ausdrucksweise in sprachlichen Äußerungen bezeichnen (mehr zum Begriff der „Political Correctness“ im Kapitel 2).

In der vorliegenden Arbeit wird versucht anhand eines diachronen Sprachvergleichs die Einflussnahme von PC auf die Sprache und dadurch auf die Arbeit von Lexiko- graphen aufzuzeigen. Zu diesem Zweck nehme ich ein einsprachiges deskriptives Wörterbuch bzw. mehrere Ausgaben eines Wörterbuchs von Nicola Zingarelli, das Vocabolario della Lingua Italiana, im weiteren Verlauf der Arbeit als „ Zingarelli “ abgekürzt. Folgende Fragestellungen stehen dabei im Vordergrund: Hat das

Phänomen „PC“ einen Einfluss auf die italienische Sprache genommen? Wie sehen die lexikalischen Veränderungen im Einzelnen aus? Hat die Lexikographie auf die sozialen Veränderungen reagiert? Hat dieser Wandel einen Einfluss auf Lexikographie als Zweig der Linguistik gehabt?

„Politial Correctness“ ist, also, ein hypothetischer Auslöser vom lexikalischen

Wandel. Der lexikalische Wandel ist allerdings ein linguistischer Prozess, der von linguistischen „Gesetzen“ gelenkt wird. PC verursacht ihn, umgesetzt werden die lexikalischen Veränderungen aber durch linguistische Gesetzmäßigkeiten. Deswegen bildet die theoretische Grundlage, das Instrumentarium, für diese Arbeit die Bedeutungswandeltheorie, die im dritten Kapitel vorgestellt wird. Das Hauptanliegen dieser Arbeit ist der Versuch der Analyse der lexikalischen Veränderungen unter Berücksichtigung der Hauptideen der PC-Bewegung und unter Anwendung der Bedeutungswandeltheorie.

2. Zum Begriff „Political Correctness“

Das im US-amerikanischen Raum bekannte und oft verwendete Merriam-Webster ’ s Collegiate Dictionary definiert den Begriff „politically correct“ folgendermaßen:

„conforming to a belief that language and practices which could offend political sensibilities (as in matters of sex or race) should be eliminated “. Tatsächlich entstand der Begriff der PC in den 70er-Jahren in den USA. Weite mediale Verbreitung findet der Begriff in den 90er-Jahren. Große Vielfalt an Verwendungsweisen des Begriffs erschwert die Definition des Begriffs „Politcal Correctness“. Im Laufe der Zeit wurde das Konzept von PC von vielen Gruppen für eigene Zwecke benutzt oder missbraucht, angefangen in den 70ern mit linken republikanischen Abgeordneten, die die Terminologie des Marxismus-Leninismus parodierten (vgl. Ellis, 2004), über ein Instrument zur Sensibilisierung der Menschen in Bezug auf diskriminierende Bezeichnungen bestimmter Gruppen, bis hin zu einem Mittel zur Diskreditierung von politischen Gegnern. Wierlemann formuliert 6 Thesen und Vorwürfe, auf Grundlage deren der Terminus „Political Correctness“ diskutiert und aus der Diskussion welcher die Bedeutung der PC verständlich gemacht werden kann:

[…] die Auseinandersetzung mit dem kontrovers diskutierten Thema „Political Correctness“ soll auf der Prüfung bestimmter Vorwürfe und der Diskussion folgender Thesen basieren : 1. “PC“ referiert im aktuellen Sprachgebrauch auf etwas Positives (Sprachkritik), allerdings mit negativer Beurteilung (Indoktrination, Kontrolle, Zwang).

2. „PC“ dient im aktuellen Sprachgebrauch als Distanz- und Kritikvokabel.

3. „PC“ ist begriffsgeschichtlich durch eine Pejorisierung und „Begriffsbesetzung“ gekennzeichnet.

4. „PC“ ist eine bewusste Manipulation, um sprachliche und emanzipatorische Entwicklungen in der Gesellschaft durch negative Konnotationen zu diskreditieren. 5. „PC“ ist kein geeigneter Begriff, um sprachwissenschaftlich fundierte Sprachkritik zu bezeichnen.

6. „PC“ zeigt, dass Sprachkritik ein bedeutender Faktor der Sprachwissenschaft ist und durch ihren interdisziplinären Wissenschaftsansatz zu einem wichtigen Erkenntnisgewinn beiträgt. (Wierlemann, 2002, S. 17)

Wie man sieht, ist PC ein Thema, das sich nicht primär mit den sprachwissenschaftlichen Fragestellungen befasst und inhaltlich sehr facettenreich und komplex beschaffen ist. In dieser Arbeit ist deswegen, soweit die inhaltliche Seite des Begriffs PC angesprochen wird, lediglich der Versuch die Sprecher auf jegliche diskriminierende Bezeichnungen von bestimmten Gruppen aufmerksam zu machen und der Wandel der Bedeutungen betroffener Lemmata aufgrund der Kritik an mangelnder politischer Sensibilität gemeint. In einschlägiger Literatur ist von „Sensibilisierung“ der Sprecher die Rede.

Diese Arbeit ist primär sprachwissenschaftlich angelegt, deswegen werden hier die Aspekte der PC, die mit gesellschaftspolitischen oder sozialen Bereichen zusammenhängen nur soweit wie nötig dargestellt.

Zwar ist PC kein „geeigneter Begriff um sprachwissenschaftlich fundierte Sprachkritik zu bezeichnen“, bedarf es dessen in dieser Arbeit auch nicht. Da diese Arbeit primär sprachwissenschaftlich ist und es darauf abzielt die Veränderungen, die aufgrund des PC-Phänomens in der Sprache entstanden sind zu beschreiben, wird die PC im Sinne dieser Arbeit als abstrakte Sprachkritik verstanden. In diesem Sinn :

„Eine sprachkritische Äußerung macht folglich von der metasprachlichen Funktion dadurch Gebrauch, dass etwas mit Sprache über Sprache ausgesagt wird, und sie gibt zusätzlich noch eine Bewertung desjenigen sprachlichen Gegenstandes ab, über den die Aussage gemacht wird. […] Die Sprachkritik also wertet Bestehendes, die Sprachwissenschaft beschreibt das Bestehende“ (Schiewe, 1988, S. 18)

An dieser Stelle sei zusammenfassend festgehalten, dass PC im Sinne dieser Arbeit durch ihre sprachkritische und inhaltliche Beschaffung eine treibende Kraft für einen soziokulturellen Bedeutungswandel ausgewählter Lemmata dient. Um die Motivation, die hinter der Wahl der Beispiellemmata steckt, besser verstehen zu können muss man wissen, welche die „Hauptarbeitsfelder“ der PC sind. „Political Correctness“ hat ihren Anfang in der Civil Rights Movement (CRM), in der Bewegung, einer der Anführer deren Martin Luther King Jr. war. Die Minderheiten in den USA nahmen sich die CRM als Beispiel und so entstanden nach kurzer Zeit zahlreiche „Ableger“, die eine bestimmte Minderheit oder einen benachteiligten Bevölkerungsteil vertraten. Die bekanntesten sind die Women Liberation Movement und Lesbian and Gay Liberation Movement. (vgl. Wierlemann, 2002)

3. Bedeutungswandel

In diesem Kapitel wird versucht die Ansätze und Grundbegriffe der Bedeutungs- wandeltheorie zu erläutern. Des Weiteren basiert dieses Kapitel weitgehend auf den Arbeiten von Helga Thomaßen „ Lexikalische Semantik des Italienischen: eine Einf ü hrung “ und Andreas Blanks „ Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels am Beispiel der romanischen Sprachen “ von 1997. 2001 fasst er die Grundlagen aus diesem Buch in der „ Einf ü hrung in die lexikalische Semantik f ü r Romanisten “ zusammen.

Der Duden definiert Bedeutungswandel als „Veränderung der Wortbedeutung“. Blank bezeichnet Bedeutungswandel als „Hinzukommen einer neuen Bedeutung oder Wegfall einer Bedeutung, weil sie ungebräuchlich wird.“ (Blank 2001, S. 70). Die erste Konstellation bezeichnet man als innovativen Bedeutungswandel oder semantische Innovation, die zweite als reduktiven Bedeutungswandel. In dieser Hinsicht werden 2 Fragen vordergründig: 1) Warum eine semantische Innovation oder Reduktion vorgenommen wird? 2) Auf welcher psychologisch-assoziativer Basis die Innovation beruht und wie man die Relation zwischen der neuen und der alten Bedeutung beschreiben kann? (vgl. Blank 2001, S. 70)

Semantische Innovation entsteht in einer mehr oder weniger kleinen Gruppe von Sprechern. Im Falle einer Übernahme der Innovation von mehreren Sprechern kann es zur Lexikalisierung dieser Innovation als einer weiteren Bedeutung eines bestimmten Lemmas werden (sinng. Blank 2002, S. 71).

3.1 Psychologisch-assoziative Basis für den Bedeutungswandel

Dies sind die häufigsten und meist beschriebenen Grundprinzipien des Bedeutungs- wandels:

a) Metapher

Metapher gehört zu den meist beschriebenen Typen des Bedeutungswandel. Die Relevanz der Metapher für den Bedeutungswandel ist ebenfalls unumstritten von großer Relevanz. Das psychologisch-assoziative Grundprinzip der Metaphern- schöpfung basiert auf der rhetorischen Stilfigur bzw. literaturwissenschaftlichen Bedeutung der Metapher (die nachfolgenden Grundprinzipien basieren ebenfalls auf rhetorischen bzw. literaturwissenschaftlichen Bedeutungen der jeweiligen Be- zeichnung). Ein Konzept wird mit einem Wort bezeichnet, das ein Konzept aus einem anderen Bereich unseres Weltwissens bezeichnet. Die Innovation basiert auf einer meist subjektiv empfundenen Similarität der Konzeptbereiche. Die Similarität kann unterschiedlicher Natur und Intensivität sein.(Blank 2001, S.75)

b) Metonymie und Auto-Konverse

Die Basis für einen metonymischen Bedeutungswandel basiert auf einer gewissen Relation die zwischen dem „alten“ und „neuem“ Konzept besteht, und zwar „auf zeitlicher, räumlicher oder anderer Ebene in unserem Weltwissen“ (vgl. Blank 2001, S.79).

Das zunächst bereits versprachlichte Konzept z.B. der BOTE profiliert sich auf dem Hintergrund der von ihm zu überbringenden BOTSCHAFT. In unserem Weltwissen sind diese beiden Konzepte ohnehin schon durch eine prägnante Kontiguität verbunden. Im metonymischen Prozess kehrt sich die ursprüngliche konzeptuelle Struktur nun um und die BOTSCHAFT wird zur Figur. Während die Metapher die beteiligten Konzeptbereiche vor der metaphorischen Innovation nichts Verbindet außer eine mehr oder weniger starke Similarität, setzt Metonymie eine solche Verbindung geradezu voraus (Blank, 2001, S. 79).

c) Generalisierung und Spezialisierung

Die Charakterisierung dieser beiden Prozesse muss auf synchroner und diachroner Eben erfolgen.

Auf synchroner Ebene stellt man fest, dass Generalisierung und Spezialisierung in entgegengesetzte Richtungen wirken. Wenn bei Generalisierung die Zielbedeutung zum Hyperonym der Ausgangsbedeutung wird, ist es bei Spezialisierung genau umgekehrt, die Zielbedeutung verwandelt sich in ein Hymonym der Ausgangsbe- deutung.

In der diachronen Perspektive kann man allgemein feststellen, dass es bei Generalisierung zur Übertragung der Bedeutung eines sprachlichen Zeichens, das einen Prototypen einer Kategorie bezeichnet, auf die ganze Kategorie kommt. Und wie schon bei synchroner Betrachtung verhält es sich bei Spezialisierung genau umgekehrt, ein Zeichen, das die gesamte Kategorie bezeichnete, verwendet man unter neuen Bedingungen nur zur Bezeichnung eines Prototypen der jeweiligen Kategorie. (vgl. Blank 2001, S. 87-88).

d) Ellipse

Die Intention hinter der Ellipse ist der Abbau der „lexikalischen Redundanz“.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656559610
ISBN (Buch)
9783656559573
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266065
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Romanistik
Note
2,3
Schlagworte
Political Correctness Bedeutungswandel Psychologisch-assoziative Sprachwissenschaft Linguistik Lexikologie Lexikographie

Autor

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    Thomas Fischer (Autor)

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