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Homosexualität im professionellen Männerfußball

Ein kultureller Wandel?

Bachelorarbeit 2013 50 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Männerdomäne Fußball
2.1. Heteronormativität und Maskulinität
2.2. Körperlichkeit im Männerbund

3. Homophobie und Diskriminierung

4. Der Fall Fashanu

5. Angst und Geheimhaltung

6. Öffnung gegenüber Schwulen?

7. Der schwule Fußballprofi Robbie Rogers
7.1. Zur Person
7.2. Mediendiskursanalyse
7.2.1. Coming-Out und Rücktritt
7.2.2. Comeback

8. Ein Kulturwandel?

1. Einleitung

„Homosexualität ist abnormal, Ich werde niemals Homosexuelle in mein Team berufen“ (vgl. Walther-Ahrens 2011, S. 7). So drastisch äußerte sich Otto Barić, ehemaliger Teamchef der kroatischen Fußballnationalmannschaft, inwieweit homosexuelle Spieler in der Fußballwelt willkommen sind. Auch wenn er als Hardliner diesbezüglich angesehen werden kann, so spricht er einen Sachverhalt an, der dazu führt, dass es derzeit keinen aktiven Fußballer in der Regional- oder Bundesliga gibt, der sich zu seiner Homosexualität bekennt. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es zwischen 5-10% Homosexuelle in der Gesellschaft (vgl. Golz 2010, S. 2). Doch vielleicht gibt es im Fußball gar keine Schwule – man kann ihnen ihre sexuelle Orientierung ja nicht an der Nasenspitze ansehen.

Diese naive Annahme kann schnell widerlegt werden, wenn man vereinzelte Bespiele, wie den ehemaligen deutschen Profispieler Marcus Urban betrachtet, der sich nach seiner aktiven Spielzeit geoutet hat. Beispielsweise hat dieser wiederum bestätigt, dass er mehrere aktive homosexuelle Bundesligaspieler kenne (vgl. Bogena 2007, auf welt.de). Der ehemalige Sportreporter Rolf Töpperwien bestätigte in einer Talkshow, dass er sogar schwule Nationalspieler kenne (vgl. Wöckener 2013, auf welt.de). Es gibt sie also, die schwulen Fußballprofis. Dann liegt allerdings die Grundannahme nahe, dass der Fußball eine Welt ist, die der Homosexualität feindselig gegenüber eingestellt ist, sonst würden schwule Spieler ihre sexuelle Orientierung wahrscheinlich nicht verstecken.

In anderen Teilen der Gesellschaft gibt es bereits viele Berühmtheiten, die sich geoutet haben, ohne dass diese fürchten müssten, ihr Ruf bzw. ihre Karriere könne dadurch zu Schaden kommen. Einschlägige Beispiel dafür sind der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der Komiker Hape Kerkeling oder der Musiker Elton John. Auch in anderen Sportarten ist es kein Tabu mehr seine homosexuelle Identität preiszugeben. Das beste Beispiel hierfür ist der walisische Rugby Nationalspieler Gareth Thomas, der nach seinem Outing 2009 erfolgreich weiterspielen konnte. Doch die weltweit beliebteste Sportart Fußball scheint hier als Gesellschaftsbereich noch weniger offen zu sein, und traditionelle Geschlechterrollen aufrechtzuerhalten. Doch warum hält der Fußball beharrlich an überkommenen Werten und Normen fest und weigert sich gesellschaftliche Wandlungsprozesse anzuerkennen? Möglicherweise ist das Fußballstadion der letzte Ort an dem „echte Männlichkeit“, was auch immer hinter diesem Begriff stecken mag, gelebt wird. (vgl. Schollas 2009, S. 12) Die folgenden Ausführungen sollen darüber Aufschluss geben, weshalb Homosexualität in der Eigenwelt Fußball immer noch so stark tabuisiert wird und warum schwule Spieler sich immer noch verstecken.

Einen neuen Diskurs eröffnete 2013 das Outing des amerikanischen Fußballprofis Robbie Rogers, der somit derzeit der einzige aktive Spieler ist, der sich in einer westlichen Majorleague zu seiner Homosexualität bekennt. Im Vergleich zu dem Outing des englischen Spielers Justin Fashanu, der sich 1990 zu seinem Schwulsein bekannte rückt Rogers das Thema in ein anderes Licht: Fashanu brachte sich infolge der öffentlichen Bekanntgabe seiner Homosexualität 1998 um.

Diese Arbeit soll weniger zu einer Genderdebatte beitragen oder eine Ideologie zu dieser Thematik vertreten. Vielmehr soll der Fußball als „Arena der heteronormativen Männlichkeit“ mit aktuellen gesellschaftlichen Analysen um das Feld Fußball verglichen werden, die darüber Aufschluss geben sollen, ob sich hier, besonders durch das Outing des Fußballspielers Rogers, ein Kulturwandel vollziehen könnte.

2. Männerdomäne Fußball

2.1. Heteronormativität und Maskulinität

Fußball ist ein Sport, der in seinen Anfängen im 19. Jahrhundert gerade in England eine Art Sammelbecken für Männer war, denen ihre Verantwortung als vorindustrielle Handwerker, durch die aufkommenden Fabrikmaschinen genommen wurde. Der sinkende Bedarf männlicher Körperlichkeit in der Arbeitswelt suchte in der symbolischen Relevanz von Kraft und Stärke in den Arenen des Fußball seine Kompensation. Die körperliche Beanspruchung im Fußball war eine geeignete Möglichkeit, den exklusiven Männlichkeitstypus zu erhalten. Im Fußball spielte es immer eine wichtige Rolle Härte, Geschwindigkeit, Tapferkeit, Schmerztoleranz und schnelles zielorientiertes Handeln gepaart mit Bewegungsperfektion unter Beweis zustellen. Statt der, durch die industrielle Revolution, stark abnehmenden Nachfrage nach handwerklichen Fertigkeiten der Männer wurde die Ausübung, Demonstration und Anerkennung sportlicher Fähigkeiten besonders im Fußball immer wichtiger (vgl. Cashmore 2011, S. 4).

Dies kann als ein relevanter Grund verstanden werden, warum ein Archetyp der Männlichkeit von Beginn der Fußballtradition an so stark aufgegriffen wird. Aggressivität kann hier nicht nur ausgelebt werden, sondern bekommt zudem eine positive Konnotation. Der Kampf im Sport weckt Assoziationen zum Männer dominierten Feld des Krieges. Heroisierung durch Überlegenheit, welche durch den kraftvollen Körper als Medium erreicht wird, schafft ein traditionelles Männerbild, dass sich kaum stärker von einem traditionellen Frauenbild unterscheiden könnte. Der Fußball bietet hier eine unvergleichliche Möglichkeit, stereotype männliche Geschlechtsidentität als eindimensionale Sozialstruktur zu reproduzieren. Denn jene Geschlechtsidentität wird einerseits von den Spielern demonstriert und andererseits massenhaft von den Zuschauern als gefeierter Idealtypus rezipiert. Mit der Verkörperung eines traditionellen Männlichkeitsbildes geht die Abgrenzung zum Weiblichen einher. Der Fußball ist somit einer der ersten Wege, durch den sich Jungen von Mädchen unterscheiden und eine maskuline Identität entwickeln können. Hierbei werden vermeintlich feminine Qualitäten und Eigenschaften nicht nur abgelehnt, sondern auch gerne verachtet. Weich, behutsam, durchsetzungsschwach, sensibel oder verletzlich sind Attribute, die ein Fußballer eher weniger aufweisen sollte, wenn er erfolgreich spielen und als respektiertes Mannschaftsmitglied angesehen werden möchte (vgl. Griffin 1993, S. 81). Als vermeintlich wichtiger Faktor bei der Verkörperung eines traditionellen Männlichkeitsbildes gilt die Heteronormativität.

In der Theorie der Heteronormativität stecken zwei Grundannahmen: Die Erste besagt, dass es zwei distinkte Geschlechter, das männliche und das weibliche gibt. Diese basale Annahme geht davon aus, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer Physis, ihren seelischen Eigenschaften, ihrer kulturellen Wesensart leicht zu identifizieren und eindeutig voneinander abzugrenzen sind (vgl. Eggeling 2010, S. 23f). Die essentialistische Annahme der Zweigeschlechtlichkeit in der heteronormativen Theorie soll Lebenspraxis, eine symbolische Ordnung, sowie eine Organisation des Gesellschaftsgefüges strukturieren. In dieser Logik ist die Vielfalt möglicher Identitäten hierarchisch geordnet, wobei die kohärenten Geschlechter Mann und Frau im Zentrum dieser Norm stehen (vgl. Wagenknecht 2007, S. 17). Sofern also Abweichungen von dieser Norm auftreten, muss die betreffende Person sich erklären oder rechtfertigen, da die Essentialismen dadurch hinterfragt werden.

Auch der organisierte Sport ist ein Abbild der Geschlechterordnung, da es kaum Wettkämpfe einer Sportart gibt, in der Männer und Frauen gemeinsam aktiv werden und somit eine klare Zuteilung erforderlich ist. Graduelle Abstufungen oder verschieden gewichtete Mischungen in einem Spektrum zwischen den Polen Mann und Frau stoßen gerade im Sport auf große Schwierigkeiten. Dies wird an dem Fall der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya deutlich, die sich einigen Geschlechtstests unterziehen musste, da ihre Identität als Frau angezweifelt wurde. Das „biologische“ Geschlecht (sex) ist zwar im Sport offiziell Maß der Dinge für die Herstellung der Chancengleichheit, ein eindeutig kulturelles Geschlecht (gender) wird allerdings gerade im Fußball stark am stereotypischen Ideal festgemacht. Wer im Männerfußball ein eher stereotypisch weibliches Auftreten und Verhaltensweisen an den Tag legt, stellt die Hetero-Maskulinität, die in dieser Sportart besonderen Respekt erfährt, in Frage. In der Heteronormativität wird also das uneindeutige Geschlecht als nicht normal registriert und gerade im Fußball bzw. im Sport allgemein durch organisatorische und kulturelle Mechanismen zu einer klaren Zuteilung bewegt.

Die zweite Annahme der Heteronormativität geht von einem grundsätzlich heterosexuellen Begehren aus. Das heißt, dass nicht nur eine klare Unterscheidung zwischen Mann und Frau vorausgesetzt wird, sondern dass deren gegenseitige Anziehung die Basis der sozialen Bindung darstellt. In der westlichen Kultur wurzelt diese Annahme in der christlichen Morallehre, in der eine „natürliche Ordnung“, die lebenslange treue Ehe von Mann und Frau, zum verbindlichen Modell des Zusammenlebens und der Geschlechtsverkehr allein zum Zweck der Nachwuchserzeugung dient (vgl. Wagenknecht 2007, S. 19).

Da Schwule diese heteronormative Ordnung nicht erfüllen, verstoßen sie hier automatisch gegen die Normen der Männlichkeit, die fraglos als heterosexuell angenommen werden. Als unmännlich wird ihnen häufig das Weibliche zugeordnet und deren Eigenschaften attributiert (vgl. Eggeling 2006, S. 3). Schlicht durch ihr Homosexuellsein sieht sich das heteronormative Lebenskonzept in Frage gestellt. Dieses versucht sich daraufhin zu verteidigen, indem Homosexualität tabuisiert, diskriminiert oder gar verfolgt wird. Wer in der Öffentlichkeit seine Homosexualität preisgibt, wird wahrscheinlich mit einem Reaktionsspektrum von Ablehnung über Abneigung bis zur Anfeindung rechnen müssen (vgl. ebd. 2006, S. 2).

Gerade im Fußball, als heteronormatives Feld, lernen die Spieler in den Jungendmannschaften früh, dass erstens schwul zu sein, zweitens als schwul verdächtigt zu werden, oder drittens nur die Heterosexualität nicht beweisen zu können, nicht akzeptiert wird. Deswegen demonstrieren sie oft, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, übertrieben maskuline Eigenschaften. Der amerikanische Soziologie Eric Anderson zieht es sogar in Betracht, dass sehr verschlossene junge Schwule harte Kontaktsportarten betreiben, damit sie eine Fassade aufbauen können, die vor gesellschaftlichem Verdacht schützt (vgl. Anderson 2011a, S. 570).

Auch wenn sich unsere Gesellschaft in einem Liberalisierungsprozess befindet, so reguliert auch noch die Theorie der Heteronormativität in der Praxis die Wissensproduktion, strukturiert Diskurse, leitet politisches Handeln, bestimmt über Verteilung der Ressourcen, fungiert als Zuweisungsmodus der Arbeitsleistung – ist also eines der wichtigsten Prinzipien zur Wahrnehmung und Organisation des sozialen Lebens (vgl. Wagenknecht 2007, S. 17f)

Da kulturhistorisch gesehen der Fußball als Eigenwelt in der Gesellschaft konservativ angesehen wird, beharrt dieser Sport stärker auf heteronormativen Werten und wirkt durch seine enorme globale Aufmerksamkeit in den Alltag des gesellschaftlichen Lebens hinein. Es kann angenommen werden, dass eine Liberalisierung hinsichtlich der Lockerung der Geschlechterordnung und sexuellen Selbstbestimmung auch gerade durch die heteronormative Darstellung der Fußballwelt ein Stück weit gehemmt wird.

2.2. Körperlichkeit im Männerbund

Doch nicht nur die heteronormative Einstellung im Fußball macht es Homosexuellen schwer, ihre Identität preiszugeben bzw. sich dem hetero-maskulinen Postulat anzupassen. Es greift ein weiterer entscheidender Mechanismus, der dazu führt, dass Schwule ihre sexuelle Orientierung verstecken müssen:

Im Fußball wird das Team, die „Mann-schaft“ großgeschrieben. Auch wenn es einzelne herausragende, besonders wertvolle und effektive Spieler gibt, so ist Fußball doch ein Spiel, dass nur erfolgreich bestritten werden kann, wenn die Mannschaft als komplexes Gefüge funktioniert. Dafür müssen Spieler sich blind verstehen, um Spielkombinationen durchzuführen, die schließlich den Gegner überwinden können - kein Spieler kann im völligen Alleingang im Fußball erfolgreich sein. Ein starker Zusammenhalt und eine professionell-harmonisches Verhältnis untereinander ist für eine erfolgreiche Fußballmannschaft unabdingbar, weshalb eine der bekanntesten Fußballweisheiten lautet: „11 Freunde müsst ihr sein...“

Neben dem Mannschaftsaspekt ist Fußball ein sehr körperbetonter Sport. Nicht nur zehrende körperliche Höchstleitungen werden den Spielern abverlangt, sondern auch der nahe und oft raue Kontakt zum Gegner ist nötig, um den Ball zu erobern. Voller körperlicher Einsatz mit Aggression und Kraft als Spieler gegenüber sich selbst, gegenüber den Gegenspielern und gegenüber dem Ball ist ein gängiges Bild, das jedem Zuschauer nicht nur bekannt, sondern ein wirkungsvolles und gefragtes Unterhaltungsmerkmal ist.

Der Körper als zentrales Medium und der Mannschaftsgeist sind die beiden Voraussetzungen für die männerbündischen Dynamiken im Fußball. Vor allem im Profibereich verbringen die Teammitglieder sehr viel Zeit miteinander: Spiele bestreiten, zu den Spielaustragungsorten reisen, trainieren und gemeinsam sozial aktiv sein. Die Intensität der gemeinsamen Zeit als (Profi-)Fußballer in der Mannschaft ist gleichsam immens hoch. Es werden persönliche körperliche Grenzen ausgetestet, gemeinsam Ziele erkämpft bzw. Höhen und Tiefen im Wettkampf erlebt. Zudem befinden sich die Spieler durch die fußballimmanenten Umstände in hohem Maße in körperlicher Nähe untereinander - sei es in der Umkleidekabine oder beim Duschen. Dies entwickelt eine starke körperliche und emotionale Bindung unter den Fußballern (vgl. Griffin 1993, S.81f).

Ohnehin besteht zwischen den Spielern oft eine hohe Vertrautheit - zusätzlich sind aber Praktiken körperlicher Nähe und Intimität im Stadion im Fußball nicht nur öffentlich erlaubt, sondern stark umjubelte Gesten, die von Medien wie Fans gleichermaßen begeistert aufgegriffen werden. Nach einem Tor oder einem Sieg herzen, umarmen, bespringen, küssen, tätscheln, wuscheln sich die „11 Freunde“, während nach einem Gegentor oder einer Niederlage getröstet, geweint, gestreichelt wird. All dies wird nicht nur untereinander völlig akzeptiert, sondern ist auch vor aller Öffentlichkeit völlig legitim. Auch für den Zuschauersport gelten hier ähnliche Regeln innerhalb der Eigenwelt Fußball. Fans lassen sich von diesen Emotionen gerne anstecken und so finden sich die Gesten auf dem Platz häufig in den Rängen wieder.

Kaum in einem anderen Bereich des öffentlichen Lebens ist es Berühmtheiten erlaubt, derart intensive intime Verhaltensweisen zu zeigen, ohne dass dies von der Gesellschaft argwöhnisch betrachtet wird. Wenn sich ein Spieler nach einem Tor jubelnd das Trikot vom Körper reißt, sich daraufhin mit einen Mitspieler umarmend auf dem rasen kugelt und ihn sogar noch küsst, müsste man eigentlich in jedweder Hinsicht vermuten, dass es sich hier um homoerotische Gesten handelt. Somit erscheint es zunächst paradox, dass gerade im heteronormativen Fußball intime Gesten zulässig oder gar gewünscht sind, die anderenorts als liebevoll, erotisch oder sexuell angesehen würden (vgl. Heidel 2005, S. 2). Aber genau darin liegt die Finesse des Männerbundes. Durch die rigide Grundannahme, dass die Spieler heterosexuell sind und Frauen ohnehin nicht auf dem Spielfeld sind, werden eigentlich erotische Handlungen desexualisiert.

„...im Funktionsgefüge des Männerbundes können die Jungs sich eben so lange unschuldig zusammen über den Rasen wälzen, wie der Heterosexualitätsverdacht unangefochten bleibt.“ (Heidel 2005, S. 2)

Zusätzlich ist dieser männerbündische Gefühlskitt für den Zusammenhalt der Mannschaft und für medienwirksamen Szenen dienlich. Zulässig ist diese intime Körperlichkeit im Männerbund aber nur solange klar ist, dass niemand sexuell am anderen interessiert ist. Würde sich ein Spielern nun als schwul outen, so könnte diesem sofort unterstellt werden, dass nicht der gemeinsame Jubel Grund für den körperlichen Kontakt ist, sondern sexuelles Begehren (vgl. Heidel 2005, S. 2). Das heterosexuelle Selbstverständnis in der männernbündischen Zuneigung würde somit durch die bloße Existenz eines schwulen Teammitglieds in Frage gestellt werden. Der Männerbund stellt schließlich einen besonders wirksamen gesellschaftlichen Ausschlussmechanismus dar, Schwule im Fußball geheim zuhalten oder ganz zu verbannen. In seiner Logik kann der Männerbund nur mit dem Mythos aufrechterhalten werden, sofern alle männlichen Sportler heterosexuell sind.

3. Homophobie und Diskriminierung

Nicht nur die Verteidigung einer konservativen gesellschaftlichen Ordnung und die desexualisierte Zone im Stadion führen zur Homophobie. Besonders die Aidskrise Ende der 1980er Jahre ließ das Level der Homophobie (vor allem in den USA), welche noch stark in die 90er Jahre hineinwirkte, Höchststände erreichen. Mit dem Aufkommen von Aids wurde der Virus gleichzeitig ein politisches Thema und als Problem vor allem der schwulen Randgruppe zugeschrieben. Dadurch, dass HIV bald in „normalen“, heterosexuellen Milieus auftrat, wurde schnell angenommen, dass jeder Mann schwul sein könnte. Eric Anderson bezeichnet diese Phänomen als Homohysterie, welches drei Merkmale aufweist: Erstens besteht ein kulturelles Bewusstsein darüber, dass Homosexualität als sexuelle Orientierung existiert. Zweitens zeichnet sich Homohysterie durch einen hohen Grad an Homophobie innerhalb einer Kultur aus und schließlich werden Schwulen tradiert-feminine Verhaltensweisen zugeschrieben (vgl. Anderson 2011a, S. 568).

Homophobie im Allgemeinen bezeichnet nach der norwegischen Pädagogin Kari Fasting die „irrationale Angst und Intoleranz gegenüber Homosexualität, Schwulen und Lesben – und sogar gegenüber Verhaltensweisen, welche außerhalb der erwarteten Geschlechterrollen liegen“ (Fasting in Walther-Ahrens 2006, S. 7).

So wird deutlich, dass es sich nicht um eine Phobie im eigentlichen Sinne handelt. Vielmehr stellt Homophobie ein Spektrum dar, welches bei Negierung anfängt und über Abneigung bis hin zu Feindseligkeit und Hass reicht (vgl. Brügel 2012, S.15). Diskriminierungsformen und die Demonstration der Homophobie können in diesem Kontext auch die verschiedensten Ausprägungsformen annehmen. Häufige Formen sind das Vermeiden, das Ignorieren, das Verschweigen und die Amnesie. Das Schweigen der Fans, Verbände, Spieler, Trainer und Vereine bedeutet die Unsichtbarkeit von Homosexualität. Auch dies sind gravierende Formen der Homophobie. Dadurch, dass Schwule im Fußball zwar negiert werden, bewahrt es sie vor individuellen Diskriminierungen, aber eben nur solange, wie sie ihre Identität unter Verschluss halten bzw. verleugnen (vgl. Walter-Ahrens 2006, S. 8).

Sofern sich Homosexuelle bereits zu erkennen gegeben haben, ist die Exklusion eine typische Form der Homophobie. Auch wenn keine bösartigen Sprüche oder Anfeindungen geäußert werden, so kann doch eine Antihaltung durch eine ausbleibende Inklusion Homosexueller in ein bestehendes Gesellschaftssystem entscheidend zu einer Störung der Identifikation von Schwulen beitragen. Auch wenn bislang kein Ausschluss von Fußballspielern zu vermelden ist, da es quasi keine Profis gibt, die sich bereits geoutet haben, so gibt es doch Beispiele aus der Fußballwelt: Der türkische Schiedsrichter Halil Ibrahim Dincdag wurde nach seinem Coming-Out 2009 von seinem Verband in der Türkei suspendiert. Der Verband gab als offiziellen Grund mangelnde Fitness an (vgl. Walter-Ahrens 2011, S. 70). Auch der niederländische FIFA-Schiedsrichter John Blankenstein wurde nach seinem Outing in den 80er Jahren die Teilnahme an der WM verweigert. Blankenstein erhielt zudem nach seinem Outing Morddrohungen (vgl. Blaschke 2008, S. 31f).

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Details

Seiten
50
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656568520
ISBN (Buch)
9783656568476
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v266035
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
homosexualität männerfußball wandel

Autor

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