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Bildung als Praxis der Freiheit

Erziehung und Bildung zwischen Freiheit und Zwang- Individualisierungsparadox?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 21 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Paulo Freires Idee der “Bildung als Praxis der Freiheit“
2.1. Geschichtlicher Hintergrund
2.2. Bildungskonzept

3. Erziehung und Bildung
3.1. Erziehung
3.2. Bildung

4. Antinomie zwischen Freiheit und Zwang im pädagogischen Kontext
4.1. Freiheit im pädagogischen Kontext
4.2.1. Unfreiheit der Lehrer und Erzieher
4.2.2. Unfreiheit der Lernenden

5. Fazit

6. Quellen

Hallo Robert1

Wie du weißt, sollte ich eigentlich eine Arbeit über “Theorie der Erziehung und Bildung“ schreiben.

Als Verfechterin von Paolo Freire und der modernen, freiheitlichen Bildung, möchte ich mich allerdings nicht dazu genötigt fühlen, mich Aufgaben stellen zu müssen, die völlig abstrakt sind und mit keiner mir bisher bekannten Situation einhergehen.

Meine Kommilitonen und ich haben uns mit einer Wahl darüber abgestimmt2, was an Stelle dessen ein interessantes, alltagsnahes Thema wäre.

Ich beziehe mich bei meinen Ausführungen auf mich selbst, da mir fremdes Gedankengut, in seiner Auferlegung und historischer Immobilität, Bremse selbstbestimmten Wirkens und autonomer Reflexion ist.

Eidesstattlich erkläre ich an dieser Stelle lieber nichts.

Weiteres zur Arbeit und deren Thema: “Die 10 einfachsten Tricks der Haushaltsführung“, ist ab Seite 2 zu finden.

Erfurt, den 03.08.2012

1.Einführung

“Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?

Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freiheit [als ebendiese zu verstehen, sie selbstbestimmt und] gut zu gebrauchen.“ (Kant: 1803, S.711)

Paulo Freire hat ein Bildungssystem entwickelt, dessen Ziel es ist, sich ebendiesen Zwängen entschieden entgegenzustellen und Bewusstsein, Schöpferkraft, Freiheit und Fähigkeit zur Kritik, ohne Autoritäten, sondern aus dem Dialog erwachsen zu lassen. Seine Idee ist es die Freiheit durch Zwanglosigkeit zu kultivieren.

Diese Arbeit erläutert die Idee Paulo Freires der “Bildung als Praxis der Freiheit“, deren Ursprung, ihre Gültigkeit und ihr Potential. Es gilt eine Antwort auf die Frage zu finden, ob “Bildung als Praxis der Freiheit“, im wörtlichen Sinne und an Paulo Freires Meinung über die Allgemeingültigkeit seiner Theorie angelehnt, ein Paradox der Individualisierung ergeben. Fraglich ist hierbei, ob die Verselbstständigung eines Individuums überhaupt ohne gleichzeitiges Abhängig-werden möglich ist, oder ob sich Selbstständigkeit immer auch mit Zwängen konfrontiert sehen muss. Offen soll hierbei nicht bleiben, wann und wie viel Freiheit gewährt werden soll und muss, um einen Heranwachsenden auf ein freiheitliches, also selbstbestimmtes und selbstständiges Erwachsensein vorzubereiten. In diesem Kontext muss gleichsam betrachtet werden unter welchen Umständen, ob überhaupt und wozu, der Freiheit während der Entwicklung eines Zöglings Einhalt geboten werden muss, weil sie andererseits zu Risiko, Gefahr oder Fortschrittshinderung werden könnte.

Paulo Freire (*1921 in Recife, †1997 in Sao Paulo), ein weltweit bekannter- und rezipierter, brasilianischer Pädagoge, entwickelte nach seinem Studium der Erziehungswissenschaften, unter anderen ausgezeichneten Konzepten, in den 1960-iger Jahren eine Alphabetisierungskampagne in Brasilien. Diese zielte nicht lediglich auf die Aneignung von Lese- und Schreibkompetenzen ab, sondern darüber hinaus auf Bewusstseinsbildung. Zu der Zeit seiner Kampagne waren brasilianische Bürger, welche des Schreibens und des Lesens nicht mächtig waren, nicht befugt an Wahlen teilzunehmen. Insofern hatten Bewusstseinsbildung und Alphabetisierung weiterhin ein nicht geringes politisches Gewicht. Durch die (für das alphabetisierte Volk) neuen Möglichkeiten selbstständiger Einbringung in das politische Geschehen und kritischer Reflexionen, verstand er sein Programm als Schritt in die Demokratisierung Brasiliens. Im Laufe seines Lebens richtete Freire seinen Fokus vordergründig auf die Relation von Unterdrückung und Führung, von Freiheit und Manipulation, von Volk und Politik, Alphabetisierung und damit einhergehend Bewusstseinsbildung, sowie das Schulsystem. Geschichtlicher Hintergrund und Bildungskonzept als eingeschränktes Spektrum seines Fokus, aber für diese Arbeit ausreichend; werden im ersten Teil der Arbeit näher beleuchtet. Der Hintergrund, der Voraussetzung für die Notwendigkeit seines Programmes war, kann hier jedoch nur angerissen werden. Primär sollen die Ideen und der Zusammenhang von Bewusstseinsbildung und Freiheit dargelegt werden. Es soll ein Verständnis darüber entwickelt werden, wie es trotz der kontroversen Absichten von Erziehern, Volk und Politikern, (über Art und Weise und den Nutzen der Intellektualisierung,) final doch dazu kommen konnte, dass Freires Pädagogik in öffentliche Bildungsangebote integriert wurde. Des Weiteren wird die unterrichtliche Praxis seines Programms expliziert, um sie später, im dritten Teil dieser Arbeit, vergleichbar zu machen.

Nachdem im ersten Teil, angelehnt an die Entwicklung der Bildung der Unterdrückten in Brasilien; Bildung, Lehrer, Erzieher, Lernen und Lernender eine zentrale Rolle innehatten, soll der zweite Teil der Definition von Bildung und Erziehung, wie sie aktuell im deutschsprachigen Raum verstanden werden, dienen.

Daran anschließend werden Freiheit und Zwang kontrastiert. Auf dem Weg der Antwort auf die Frage, ob es ein utopisches Paradox ist, über Bildung zur “Freiheit“ zu gelangen, über “Freiheit“ zur Bildung zu gelangen, Bildung unter gewissen Voraussetzungen als “Freiheit“ zu bezeichnen oder Bildung überhaupt mit nicht vorherbestimmter, unstrukturierter, zwangloser Freiheit in Verbindung zu bringen; ist es unabdingbar die Widersprüchlichkeit zwischen Zwängen und Freiheiten im Bildungskontext aufzuzeigen, den Freiheitsbegriff einzugrenzen und im erzieherischen Interesse zu definieren. Dazu dient die Definition von Freiheit im pädagogischen Kontext und demgegenüber Ausschnitte zur Definition der kontrastiven, fehlenden Freiheiten, respektive Zwängen, auf Seiten der Lehrer/ Erzieher und der Lernenden.

Der letzte Teil soll Aufschluss darüber geben, ob es möglich ist, die Idee der “Bildung als Praxis der Freiheit“, in ihrer Theorie und Umsetzung, als allgemeingültig anzuerkennen. Er zeigt auf, ob Verselbstständigung immer mit Zwängen einhergeht und somit ein unüberwindbares Individualisierungsparadox als Resultat der Bildung und Erziehung besteht.

2. Paolo Freires Idee der “Bildung als Praxis der Freiheit“

2.1. Geschichtlicher Hintergrund

“Als Anhänger einer Soziologie des Verstehens sieht Paulo Freire in den letzten Jahrzehnten der brasilianischen Geschichte eine Periode des Übergangs, das heißt der Krise traditioneller Werte und der Herausbildung neuer Leitbilder. Bis dahin galten die Werte einer […] Gesellschaft, in der das Volk, getrennt von den herrschenden Schichten […] war; und [in der dem] Dialog, der freien Kommunikation zwischen Menschen, grundlegende Einschränkungen auferlegt waren. Der Übergang ist die Zeit der Krise dieser “geschlossenen“ Gesellschaft [und der “offenen Gesellschaft“, zwischen der “modernen“ und der “traditionellen“ Gesellschaft], eine Zeit der Entscheidungen und des Kampfes, […] in der sich Tendenzen zur Demokratie ankündigen. […] Demokratie und Freiheit zeigen sich andeutungsweise in der Etappe des Übergangs als geschichtliche Möglichkeiten. Aber sie verwirklichen sich nicht ohne Kampf.“

(Freire: 1974, S.122-123)

Urbanisierung, Landflucht, Industrialisierung, Mechanisierung, Verfall der Agrarwirtschaft, Depression und Börsenkrach führten zu einer problematischen Lage der Führungsschicht. Unruhen machten sich bemerkbar. Um ihren Status zu halten, entschloss die oligarchische Regierung eine Revolution auszurufen, bevor es ihr Volk tat, was wechselwirkend einen etwaigen Verlust ihrer Macht bedeutet hätte. Es kam zu einer Umstrukturierung der Regierung, nichtsdestotrotz behielt die Elite (die Großgrundbesitzer), ihre lokale, regionale und eine entscheidende Staats- Gewalt bei. Für ebenjene Elite war ersichtlich, dass die Massen eine nicht zu ignorierende Macht waren, auf welche man eingehen sollte. Jedoch wollte sich die Herrschaftsstruktur nicht an die Massen anpassen, vielmehr wollte die Elite ihren Stand wahren und war aus diesem Grund daran interessiert, die Masse dem Herrschaftssystem anzupassen. Volksinteressen zu verteidigen ohne den eigenen Herrschaftsstand zu verlieren funktioniert letztlich über den Weg der Manipulation. Das nicht vorhandene politische, explizit demokratische Bewusstsein und das Fehlen eigener, klarer Ziele der Bevölkerung waren hier Grundstein für die Fruchtbarkeit dieser elitären Idee. Nach der strukturellen Krise führte die neue Regierung jedoch (vorerst) das Verharren auf der Stufe der Untätigkeit, in Bezug auf Alphabetisierung und Wahlberechtigung, fort. Es ist zu unterstellen, dass die Angst vor Angreifbarkeit und Umsturz die Bremsung der Intellektualisierung bedingte, die eigentlich schon seit den 1920-iger Jahren politisch unterstützt und, über die Eliten hinaus, ausgedehnt werden sollte. Der Druck der Massen auf

die Staatsstruktur in Brasilien war vor allem entstanden durch das fehlende Mitbestimmungsrecht für Analphabeten und deren Wunsch nach gerechterer Verteilung von Macht und Besitz. Die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung war arm und in ländlichen Gegenden angesiedelt, in denen Bildungseinrichtungen rar, respektive gar nicht, vorhanden waren. Das führte mit sich, dass nur die Wenigsten des Lesens und Schreibens mächtig waren und somit politisch, durch Wahlen, ihre Führer und damit ihre Zukunft mitbestimmen konnten. Die Herrschaftsklasse, die schon mit dem Wahlrecht der alphabetisierten Massen eine immer instabilere Führung zu werden drohte, stemmte sich entschieden dagegen, nun auch noch die restlichen Schichten als Wähler zu wissen, oder sie gar bei den Entwicklungen der Voraussetzungen zu unterstützen (vgl. ebd.).

Durch den immer drastischer gewordenen Ruf des Volkes nach Bildung, sah sich die Regierung schlussendlich unausweichlich gezwungen, diesem nachzukommen. Die entgegenkommende Haltung der Regierung gegenüber einer Volksbildung und deren Mittler, hatte ihre Wurzeln in der Hoffnung auf die Manövrier- und Manipulationsmöglichkeiten der Massen. Weiterhin war dem Regime ebenfalls am wirtschaftlichen Aufschwung gelegen, wofür es nach alphabetisierten, ausbildungsfähigen Arbeitern verlangte. Nichtsdestoweniger rechnete man mit den Wahlstimmen der manipulierten Personen. Paulo Freire begann seine Arbeit am Programm 1947, und seine Arbeit mit dem Volk 1962, in der ärmsten Region, gelegen im Nordosten Brasiliens, einem Gebiet mit 15 Millionen Analphabeten bei einer Einwohnerzahl von 25 Millionen. Freire begann ein Experiment zur Alphabetisierung von 300 Arbeitern, mit dem Ergebnis, dass jene nach nur 45 Tagen des Lesens und Schreibens mächtig waren. Das versetzte auch die Regierung in tiefes Staunen, suchte man immerhin seit Jahrzehnten ergebnislos nach Methoden flächendeckender Alphabetisierung (so verkaufte man das erlahmte Vorhaben, man gab sich zwar keine Mühe- doch wenn auf solch einfache Art und Weise ein potentielles Mittel der Manipulation gefunden wurde, konnte man auch regsam werden). Nur ein Jahr nach dem Beginn seiner Arbeit, wurden bereits in fast allen Bundesstaaten Lehrerausbildungskurse auf Grundlage seines Bildungskonzeptes angeboten. Ein weiteres Jahr später beinhaltete der Plan der Regierung die Einrichtung von über 20000 Kulturzirkeln, den Schulen dieser Kampagne, in denen im gleichen Jahr über zwei Millionen Menschen alphabetisiert werden sollten. Dreißig Personen waren für einen Zirkel vorgesehen, ein Kurs sollte sich über drei Monate erstrecken (vgl. ebd., S.116). Was die Regierung, welche Freire bei seinem Tun unterstützte, verblendet von der Aussicht auf Wählerstimmen und in der Ansicht nur der einfachen Forderung nach Alphabetisierung nachzukommen, verkannte; war die mit der Bildung einhergehende Bewusstseinsveränderung der Massen. Inwiefern das Erziehungskonzept darauf Einfluss hatte, wird unter dem Punkt “2.2. Bildungskonzept“ näher beschrieben. Das Konzept per se hatte Einfluss auf die Aktivität der Bürger in der Politik, und darauf “[…] anspruchsvoller gegenüber der populistischen Führung [zu werden], und den Unterschied zwischen ihren Versprechungen an die Massen und dem tatsächlich Erreichten [auszumachen]“ (ebd., S.132). Ob fehlenden Blickes für diese Entwicklung sahen sie auch “[…] nicht, dass ihre unbestimmten, abstrakten Worte für die Massen [dann] einen lebendigen Inhalt besaßen und sie antrieben, mehr zu erwarten, als die Politiker ihnen zu geben vermochten. Das war wohl der größte Irrtum und gleichzeitig der größte Verdienst der Populisten“ (ebd., S.133). Druck und Mobilisierung des Volkes wurden immer größer. “‘Gebt uns Reformen, oder die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten‘, war die Mahnung“ (ebd., S.133). Auf nationaler Ebene war der Weg in die Demokratie geebnet. Der Kommunismus des restlichen Lateinamerikas ließ allerdings keine demokratische Regierung, ebenso wenig wie jene die sich zu einer solchen entwickeln zu, und es kam zu einem Staatsstreich. Das Militär übernahm die Kontrolle. Freire, Sprecher der Unterdrückten, wurde für seine Ideen, die als gefährliche Kennzeichen des Umsturzes, Hetzerei und Verrat verstanden wurden, angeklagt. Dabei waren alle der derzeitigen Politik schädlichen Resultate der Bildung nicht seine Absicht, sondern vielmehr automatische Folge von, mit Bildung einhergehender, Bewusstseinsreifung und Kritisierfähigkeit. Zu wertende Vorwürfe hätten lediglich sein können, dass Freire mit seiner Pädagogik eine wahre Einheit aus Theorie und Praxis geschaffen hat, wohingegen der Politik ebenjene fehlte. Und dafür, dass im Gegensatz zur Politik, deren Theorie die alphabetisierungsmaskierte Manipulationskampagne war, durch welche nur unter Umständen mit freiem, kritischem und entwickeltem Intellekt des Menschen zu rechnen war; Freies “Erziehung und Bildung als Praxis der Freiheit“ von Beginn an darauf fixiert war, das Ziel jenes freien, kritischen und entwickelten Intellekts in jedem Fall zu erreichen.

Mit dem Gang ins Exil stand er bitter für die Konsequenz seiner Pädagogik ein.

[...]


1 Robert: Name des Koordinators

2 Kommilitonen und Koordinator: Kulturzirkel

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656557852
ISBN (Buch)
9783656557821
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265999
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Bildung als Praxis der Freiheit Antinomie von Freiheit und Zwang Paolo Freire Kultivierung der Freiheit bei Zwang wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange Kant Alphabetisierung Brasilien Individualisierungsparadox Literarisierung Koordinator statt Lehrer Kulturzirkel statt Klasse Demokratie statt fixer Lehrplan Duzen statt Siezen freiheitliche Saat mit potentiell chaotischen oder anarchistischen Früchten

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