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Familiensinn und Pflichtgefühl. Eine Charakterisierung der Figur Tony Buddenbrook

Anhand der Männer, die ihr Leben bestimmten

Hausarbeit 2013 34 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die bürgerliche Familie im 18. und 19. Jahrhundert
2.1. Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert

3. Die geschichtliche Wahrheit der Familie Buddenbrook

4. Die Figur Tony Buddenbrook
4.1 „Tony, courage!“ Tony und ihr Großvater
4.2 „Meine liebe Tochter“ - Tony und ihr Vater
4.3 Steine und Citronensemmeln: Tonys Beziehung zu den Nebencharakteren Hermann Hagenström und Morten Schwarzkopf
4.4 „Was will dieser Mensch von mir-!“ Tony und Bendix Grünlich
4.5 „Ich geniere mich für ihn“ Tony und Alois Permaneder
4.6 „Du machst mir keinen Skandal!“ Tony und ihr Bruder Thomas

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Antonie Buddenbrook (im folgenden Tony genannt) hat sowohl im Roman „ Buddenbrooks “ als auch in der Literaturwissenschaft einen festen Platz. Gemeinsam mit ihren Brüdern Thomas und Christian sowie der Schwester Clara bildet sie die Generation, welche den Fall der Familie von Anfang bis Ende miterlebt und zum Großteil auch selbst verschuldet. Alle vier Geschwister stellen auf ihre Weise tragische Figuren dar. Die These der vorliegenden Arbeit ist jedoch, dass Tonys Handlungen anders motiviert sind als die ihrer Geschwister. Die jüngste Schwester Clara muss allerdings aus den Untersuchungen ausgeklammert werden, da über ihre Motive im Roman zu wenig bekannt wird. Den Geschwistern Thomas, Tony und Christian ist gemeinsam, dass sie unter dem massiven Druck des Ehr- und Pflichtgefühls ihrer Familie leiden. Für jede Figur hat dies unterschiedliche Folgen: Thomas bricht unter dem Leistungsdruck zusammen und stirbt schließlich, Christian verbringt die letzten Jahre seines Lebens in einer Psychiatrie. Tony hingegen geht - als Einzige - verhältnismäßig unbeschadet aus den Trümmern des Familienimperiums hervor.

Die These der vorliegenden Arbeit ist, dass Tony, zusätzlich zu dem regulären familiären Einfluss, von den Männern, die sie umgeben, fremdbestimmt wird. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass dieser männliche Einfluss keine Erfindung Thomas Manns ist. Vielmehr entspricht er den Traditionen und dem Wertempfinden des frühen 19. Jahrhunderts - also zu der Zeit, in welcher der Roman „ Buddenbrooks “ seinen Anfang nimmt. Um diese zweite These zu stützen, wird zu Beginn der vorliegenden Arbeit in den Kapiteln 2. und 2.1 auf die bürgerliche Familie sowie die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert eingegangen. In Kapitel 3. werden die gewonnenen Erkenntnisse auf die Familie Buddenbrook angewandt, um deren geschichtliche Wahrheit zu belegen.

Die These, dass Tony Buddenbrook von den Männern in ihrem Leben fremdbestimmt wird, soll in den Kapiteln 4. bis 4.6 belegt werden. Untersucht werden die drei Familienoberhäupter, denen Tony zeit ihres Lebens Gehorsam zu leisten hat: Ihr Großvater, ihr Vater und ihr ältester Bruder Thomas. Um eine fundierte Erklärung für Tonys Verhalten und vielleicht auch für ihr Scheitern zu finden, soll ihre Beziehung zu diesen Männern genauer beobachtet werden. Auch die Tatsache, dass Tony als Einzige der vier Geschwister nicht unter dem Druck der Familientradition zerbricht, soll hier erklärt werden. Des Weiteren sollen auch ihre beiden Ehemänner, Bendix Grünlich und Alois Permaneder sowie ihre einzige echte Liebe, Morten Schwarzkopf und nicht zuletzt ihr Erzfeind, Hermann Hagenström, einbezogen werden. In der vorliegenden Arbeit soll Tonys Leben anhand der Männer, die es beeinflussen, dargestellt werden.

2. Familie im 18. und 19. Jahrhundert

Um Verständnis für die strenge Hierarchie in der Familie Buddenbrook zu entwickeln, ist es sinnvoll, sich zunächst die geschichtlich belegten Fakten zur bürgerlichen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts anzusehen. Nähere Betrachtung verdient in der vorliegenden Arbeit die Entwicklung der großbürgerlichen Kaufmannsfamilie in norddeutschen Hansestädten. Bevor sich im 18. Jahrhundert der Begriff ‚Familie‘ durchsetzte, war nur vom ‚Haus‘ oder vom ‚ganzen Haus‘ die Rede. In diesem wohnten meist mehrere Generationen einer Familie mitsamt deren Seitenlinien; hinzu kam das Hauspersonal. Das ‚ganze Haus‘ war so gut wie immer Eigentum des Familienoberhauptes und bildete das ‚Kernstück des Familienvermögens‘. Es diente der Familie nicht nur als Wohnsitz, sondern war auch Produktionsgemeinschaft: Das Haus umschloss mannigfaltige Betriebe.1 Für gewöhnlich befanden sich Kontor und Lagerräume im Erdgeschoss, während die verschiedenen Wohnräume in den Obergeschossen untergebracht waren. Ein enges Familienverhältnis war also schon aufgrund des oftmals beengten Zusammenlebens unerlässlich. Im 19. Jahrhundert allerdings ging die Tendenz in Richtung getrennter Wohn- und Arbeitsräume. Diese reinen Wohnhäuser führten dazu, dass die Arbeit des männlichen Familienoberhauptes für Frau und Kinder nicht mehr so einsehbar war. Auch Personal wurde zu dieser Zeit ‚ausgelagert‘; d.h. nach getaner Arbeit kehrten die Dienstboten in ihre eigene Wohnung zurück.2

Innerhalb des Hauses hatte die bürgerliche Familie im 18. und 19. Jahrhundert zwei Funktionen: Sie war sowohl Versorgungsinstitut als auch Schonraum für die einzelnen Familienmitglieder. Um die Funktion des Versorgungsinstitutes aufzubauen und auch aufrecht zu erhalten, bedurfte es einer strengen interfamiliären Hierarchie: So war es stets das männliche Familienoberhaupt, welches die Fäden in der Hand hielt. Es hatte die Macht, nach eigenem Ermessen und auch gegen den Willen einzelner Familienmitglieder, seinen Willen durchzusetzen. Dabei handelte das Familienoberhaupt aber nach strengen Grundsätzen: Das Glück einzelner musste hinter die Interessen des Ganzen, also der Familie, zurücktreten.3 Da zur damaligen Zeit innerhalb des ‚ganzen Hauses‘ die Interessen der Familie eng mit denen des im Haus befindlichen Unternehmens zusammenhingen, wurde meist zugunsten eines finanziellen Vorteils entscheiden.

Wenn persönliche oder menschliche Argumente mit den finanziellen Interessen der Familie im Streit liegen, so wird der Streit regelmäßig zugunsten der Firma entschieden.4

Dies mag zunächst unmenschlich erscheinen; man sollte sich jedoch vergegenwärtigen, dass das männliche Familienoberhaupt die (finanziellen) Interessen aller Familienmitglieder wahrzunehmen hatte. So musste bei Bedarf gegen den einzelnen entscheiden werden. Als Vorstand des Versorgungsinstitutes kamen dem Familienoberhaupt zwar einerseits uneingeschränkte Macht und Autorität, andererseits aber auch alleinige Verantwortung für Familie und Firma zu.5

Für die Funktion der Familie als Schonraum waren die Frauen zuständig.

[D]ie bürgerliche Auffassung von der Familie im 19. Jahrhundert ist emotional gefärbt und will die finanziellen Aspekte mit dem Schein der häuslichen Eintracht und Geborgenheit übertünchen.6

Während der Mann den Part des Versorgers innehatte, waren die Frauen in der Familie für häusliches Wohlbefinden, Erholung und Beisammensein in entspannter Atmosphäre zuständig. Auch das Repräsentieren ihres Standes - beispielsweise bei Einladungen in ihrem Hause - gehörte zu den weiblichen Aufgaben.

2.1 Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert

Frauen spielten zur damaligen Zeit zumindest offiziell eine sehr untergeordnete Rolle. Gerade für die Damen der höheren Stände kam eine Arbeit, geschweige denn eine Berufsausbildung, nicht infrage. Die bürgerliche Frau des 19. Jahrhunderts wurde ausschließlich durch ihre Eigenschaft als Tochter oder Ehefrau, d.h. durch den sozialen Status des ihr zugehörigen Mannes, definiert.7 Ihre Funktion war eine rein dekorative: Die Frau hatte durch ihr Auftreten die Familie standesgemäß zu repräsentieren. Des Weiteren gehörten die Übersicht über Haushalt, Kinder und Personal zu ihren Aufgaben.8 Wohlgemerkt nur die Übersicht - selbst übermäßig tätig zu werden schickte sich zumindest im Stand der Gutbürgerlichen nicht. Da Teilhabe an jeglichen Geschäften der Familie für die Frau unmöglich war, hatte sie auf andere Art zum Ansehen und Wohlstand der Familie beizutragen: durch eine vorteilhafte Heirat.

Für die Frau aus bürgerlichem Hause war auch noch am Ende des 19. Jahrhunderts die Ehe die einzige akzeptable Lebensperspektive. […] Sozial nicht anerkannt und in der Bewegungsfreiheit allgemein sehr eingeschränkt, lebte die unverheiratete bürgerliche Frau […] eine Art Schattendasein am Rande der bürgerlichen Gesellschaft.9

Wenn für Frauen zur damaligen Zeit schon nicht das Streben nach Ruhm für die Familie ausschlaggebend war, so war es der Wunsch nach sozialer Anerkennung und Bewegungsfreiheit. Des Weiteren war eine Scheidung zu dieser Zeit absolut undenkbar - sie hätte für die betroffene Frau zu einem großen Skandal und nachfolgender gesellschaftlicher Ächtung geführt. Dieser Punkt wird in der vorliegenden Arbeit am Beispiel der Tony Buddenbrook noch intensiver behandelt werden. Interessant ist, dass eine Heirat auch für den sozialen Stand der Männer im 19. Jahrhundert von Vorteil war.

Denn durch Heiraten wurden nicht nur Geschäftsverbindungen geknüpft, Konkurrenten ausgeschaltet und Kapital beschafft, die Ehefrau war darüberhinaus auch eine nahezu unentbehrliche Hilfe bei der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten.10

3. Die geschichtliche Wahrheit der Familie Buddenbrook

Um den Werdegang der Figur Tony Buddenbrook verstehen zu können, muss man sie im Kontext ihrer Familiendarstellung betrachten. In der vorliegenden Arbeit wurden die Normen der bürgerlichen Familien im 18. und 19. Jahrhundert bereits dargestellt. Diese gelten - zumindest am Anfang des Romans - auch für die Familie Buddenbrook. Diese alteingesessene Lübecker Kaufmannsfamilie entspricht geradezu klischeehaft den Regeln ihrer Zeit. Die Firma Johann Buddenbrook wird im Jahre 1768 gegründet, drei Jahre nach der Geburt von Johann Buddenbrook sen. , Tonys Großvater. Durch dessen kaufmännisches Geschick und zwei vorteilhafte Ehen (Johann Buddenbrook sen. und Antoinette Duchamps sowie Johann (Jean) Buddenbrook und Elisabeth (Bethsy) Kröger) hat die Firma zu Beginn des Romans im Jahre 1835 bereits hohes Ansehen in der Stadt sowie ein beachtliches Vermögen. Die Wohnsituation entspricht der des in 2. erwähnten ‚ganzen Hauses‘: Zu Anfang des Romans wohnen dort drei Generationen sowie Klothilde Buddenbrook als Repräsentantin des Nebenzweigs, Ida Jungmann als Kindermädchen und diverse andere Dienstboten. Auch das männliche Familienoberhaupt begegnet dem Leser drei Mal im Laufe des Romans: Johann Buddenbrook sen., Johann (Jean) Buddenbrook und schließlich Thomas Buddenbrook füllen diese Rolle aus. Hier sieht man, dass das Amt des Versorgungsvorstandes und Firmenchefs von Vater zu Sohn weitergegeben wird - nicht etwa von Vater zu Schwiegersohn.

Ihrer Zeit gemäß stellen im Roman alle drei Familienoberhäupter die finanziellen Interessen von Familie und Firma über die einzelner Familienmitglieder, teilweise sogar über ihre eigenen. So verweigert Johann Buddenbrook sen. seinem erstgeborenen und ungeliebten Sohn Gotthold die gewünschten finanziellen Mittel. Obwohl sein Sohn Jean Skrupel hat und eigentlich dem familiären Frieden zuliebe nachgeben möchte, setzt sein Vater seinen Willen durch: „Na also! Punktum! N’en parlons plus! En avant! Ins Bett!“11. Diese Folge an Kommandos demonstriert deutlich die Überlegenheit des Familienoberhauptes. Auch nach dem Tod seines Vaters hält Jean dessen Entscheidung die Treue. Als Gotthold nun ihn anspricht, zeigt er sich zwar weniger feindselig als sein Vater, jedoch genauso unnachgiebig:

„Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand als Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, dessen alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir diese Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen“.12

An diesem Beispiel ist deutlich zu erkennen, dass Jean Buddenbrook die Interessen der Firma - nämlich das Verhindern eines Geldverlustes an Gotthold - über seine privaten Gefühle, die Versöhnung mit dem Halbbruder, stellt. Thomas schließlich versucht es seinem Vater und Großvater gleichzutun, scheitert aber des Öfteren. Dies sieht man gut an einer Szene, in der seine Mutter Bethsy Geld an ihren Schwiegersohn Tiburtius verschenkt: „Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach seinem Willen! War es soweit gekommen, daß man im Hause seiner Väter in den wichtigsten Angelegenheiten über ihn hinwegging …?13 […] „Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen“?14 Nicht nur für Thomas, für jedes Familienoberhaupt seiner Zeit wäre diese Situation ein Skandal. Niemand, auch nicht die eigene Mutter, hatte seine Entscheidung anzuzweifeln oder gar zu umgehen. Dem Familien- und Firmenchef gegenüber galt absoluter Gehorsam - alles zum Wohle von Familie und Firma. Wer sich daran nicht hielt, war nicht länger der Familie zugehörig. Dies erkennt man an den Beispielen Gotthold und Christian Buddenbrook: Ersterer wurde finanziell ausgebootet, weil er unter Stand geheiratet hatte. Christian wurde nach Valparaiso, London und Hamburg geschickt, damit er im direkten Umfeld der angesehenen Familie Buddenbrook keinen Schaden anrichten konnte.

4. Die Figur Tony Buddenbrook

Tony Buddenbrook ist zweifelsohne eine, wenn nicht die Hauptfigur des Romans ‚Buddenbrooks‘. Sie ist die einzige Figur der ‚Anfangsbesetzung‘ des Buches, die bis zum Schluss überlebt, bzw. aktiv an der Handlung teilhat; ihr Auftritt beginnt auf der ersten und endet auf der letzten Seite. So ist Tonys Entwicklung vom achtjährigen Mädchen hin zur fünfzigjährigen Frau zu beobachten. Im Gegensatz zu ihren Brüdern bleibt sie dem Leser von Anfang an unvergesslich, da ihre Stärken und Schwächen, vor allem aber ihre Eigenheiten detailgetreu und humoristisch dargestellt werden.15 Sie wird als naiver Charakter mit unerschütterlichem Optimismus dargestellt und hat zusätzlich das Zeug zur Überlebenskünstlerin. Des Weiteren zeichnet sie ihr extremer Familiensinn, aber auch ihr Geltungsbedarf aus. Dieser Familiensinn, welcher der für die Handlung des Romans bedeutsamste Wesenszug der Tony Buddenbrook ist16, wird von Thomas Mann oftmals karikiert. Tony ist, manchmal auf komisch-tragische Weise, die Personifikation der gutbürgerlichen Frau des 19. Jahrhunderts. In eine von Lübecks angesehensten Patrizierfamilien hineingeboren, erfüllt sie jedes Klischee ihres Standes. Sie wächst behütet auf und besucht ein Pensionat für Mädchen ihres Standes. Ihre Erziehung bereitet sie auf ihr Lebensziel vor: eine gute Partie zu machen und so zu Ansehen und Wohlstand ihrer Familie beizutragen. Im Verlauf des Romans kann man beobachten, wie Tony immer wieder an dem hoch gesteckten Ziel, etwas zur Familienehre beizutragen, scheitert. Stets will sie etwas erreichen, will gefallen - und verschlimmert ihre Situation von Mal zu Mal. In der Sekundärliteratur wird Tony oft als Opfer ihrer selbst oder ihrer Erziehung beschrieben. In der vorliegenden Hausarbeit wird versucht, die Hintergründe dieser Erziehung aufzuzeigen.

4.1 „Tony, courage!“ Tony und ihr Großvater

Im Roman ist der Großvater, Johann Buddenbrook sen., Tonys erste männliche Kontaktperson. Schauplatz dieser Begegnung ist das ‚Landschaftszimmer‘ im BuddenbrookHaus in der Mengstraße, in dem sich drei Generationen zum familiären Miteinander eingefunden haben.17

Bevor auf das Verhältnis zwischen Tony und ihrem Großvater näher eingegangen wird, ist es sinnvoll, Johann Buddenbrook sen. kurz zu charakterisieren. Seine Ansichten und insbesondere sein geschäftlicher Erfolg werden einen Eindruck auf Tony machen, der sie für ihr ganzes Leben prägt: „[…] Frau Antonie war gewillt, den Kopf hoch zu tragen, solange sie über der Erde weilte und Menschen auf sie blickten. Ihr Großvater war vierspännig über Land gefahren…“18.

Johann Buddenbrook sen. ist zu Beginn des Romans im Jahr 1835 bereits 70 Jahre alt. Trotz seines Alters ist er nach wie vor Familienoberhaupt und Chef der Firma. Er wird als unbekümmert und vital dargestellt, mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein. Das Selbstverständnis seines Handelns macht seinen Erfolg aus: „Es ist das immanente System dieser heilen Welt, daß sie sich gar nicht abzuschirmen braucht, ihr Selbstverständnis ist zu intakt“.19 Ein Gefühl des Selbstzweifels, wie es später bei Jean oder Thomas Buddenbrook vorkommt, ist Tonys Großvater demnach absolut fremd. Aufgrund dieser Eigenschaft wird er von den nachfolgenden Generationen als Prototyp des erfolgreichen hanseatischen Geschäftsmannes angesehen; die Episode, in der Johann sen. vierspännig über Land fährt, wird immer wieder aufgegriffen.20 Auch im Aussehen ist er der alten Schule treu:

Sein […] Gesicht […] wurde von schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein ganz leise angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines mausgrauen Rockes hinab. […] [N]iemals im Leben hatte er lange Beinkleider getragen.21

In diese heile Welt wird nun Tony hineingeboren. Zu Beginn des Romans ist sie acht Jahre alt und betet ihrem Großvater einen Vers aus dem Katechismus vor. Dies ist offensichtlich ein seltener, strebsamer Moment Tonys, denn sie wird gleich darauf von ihrem Vater wegen ihres Müßigganges und Übermutes gerügt. Ihr Großvater jedoch nimmt sie in Schutz:

„Nein, nein“, sagte er, „Kopf hoch, Tony, courage! Eines schickt sich nicht für alle. Jeder nach seiner Art“.22

Tony wird hier nicht nur von ihrem Großvater verteidigt, sondern vom Familienoberhaupt und Firmenchef. Demzufolge wiegt auch das Wort von Johann Buddenbrook sen. schwerer als das seines Sohnes. Für Tony kommt dies einem Freifahrtschein gleich. Zweifelsohne bildet das Verhältnis zwischen Tony und ihrem Großvater das Fundament für ihren späteren, an Fanatismus grenzenden Familiensinn.

[...]


1 vgl. Vogtmeier 1987:33

2 vgl. Vogtmeier 1987:34

3 vgl. Moulden, v.Wilpert 1988:214f.

4 Moulden, v.Wilpert 1988:214

5 vgl. Moulden, v.Wilpert 1988: 215

6 Moulden, v.Wilpert 1988:216

7 vgl. Mazohl-Wallnig 1995:17

8 vgl. Moulden, v.Wilpert 1988: 218

9 Vogtmeier 1987:37

10 Vogtmeier 1987: 38

11 Mann 1969/1974:48

12 Mann 1969/1974:72 13 Mann 1969/1974: 434

14 Mann 1969/1974: 435

15 vgl. Tillmann 1991: 37

16 vgl. Tillmann 1991: 40 17 Mann 1969/1974: 7ff.

18 Mann 1969/1974: 756

19 Grau 1971: 176

20 vgl. Grau 1971: 177

21 Mann 1969/1974: 8

22 Mann 1969/1974: 13

Details

Seiten
34
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656557463
ISBN (Buch)
9783656557715
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265944
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
Schlagworte
familiensinn pflichtgefühl eine charakterisierung figur tony buddenbrook anhand männer leben

Autor

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Titel: Familiensinn und Pflichtgefühl. Eine Charakterisierung der Figur Tony Buddenbrook