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Mediensysteme im internationalen Vergleich

Vergleichsansätze und das Mediensystem Ungarns

Hausarbeit 2012 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Gegenstand des Vergleichs

3. Ansätze zur Mediensystemklassifikation
3.1. Vergleichsansatz nach Hallin & Mancini
3.2. Erweiterter pragmatischer Differenz-Ansatz

4. Das Mediensystem Ungarns
4.1. Rechtliche Rahmenbedingungen
4.2. Print
4.3. Rundfunk
4.3.1. Hörfunk
4.3.2. Fernsehen
4.4. Online

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll einen Einblick in den Forschungsbereich des Vergleichs internationaler Mediensysteme geben. Sie entstand im Rahmen des Seminars „Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland“ an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, unter Leitung von Diplom-Sozialwissenschaftlerin Marion Rahnke.

Im folgenden Kapitel möchte ich zunächst den Gegenstand des Vergleichs und somit den Begriff des Mediensystems genauer definieren und eingrenzen. Welche Faktoren sind darüber hinaus für ein Mediensystem prägend? Ergibt ein Vergleich von Mediensystemen überhaupt noch Sinn, oder bewegen wir uns durch die homogenisierenden Wirkungen der Globalisier-ung und der Ökonomie nicht vielmehr auf ein „Weltmediensystem“ zu (vgl. Blum 2005: 5)? Worin liegen überhaupt die Motive und Zwecke eines Vergleichs? Und welche Muster vergleichender Herangehensweisen sind von Bedeutung?

Kapitel drei widmet sich anschließend verschiedenen Ansätzen zur Klassifikation weltweiter Mediensysteme. Welche Dimensionen sind bei der Klassifizierung zu berücksichtigen? Wodurch unterscheiden sich Mediensysteme und welche Mediensysteme sind sich ähnlich? Hierbei liegt der Schwerpunkt auf den Vergleichsansätzen Hallin und Mancinis aus ihrem Werk „ Comparing Media Systems “ und dem von Blum weiterentwickelten „ Pragmatischen Differenz-Ansatz “ der Universität Bern. Worin liegen die Stärken und Schwächen der vor-gestellten Vergleichsansätze?

In Kapitel vier werde ich das Mediensystem Ungarns untersuchen. Aus Sicht der komparativen Forschung, bei der mindestens zwei Systeme zueinander ins Verhältnis zu setzen sind, handelt es sich somit um die „Darstellung nur eines Systems aus der impliziten Perspektive eines anderen Systems, wobei Fragestellungen oft aus Erfahrungen des eigenen Systems abgeleitet und Beobachtungen auf das eigene System rückbezogen werden.“ (Kleinsteuber 2003: 386) Wie ist es um das Mediensystem des EU-Mitglieds gut 20 Jahre nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ bestellt? Welche Akteure sind von Bedeutung? Hierbei wird sowohl auf die rechtlichen Rahmenbedingungen unter Berücksichtigung des neuen Mediengesetzes aus dem Jahr 2011 eingegangen als auch auf die Situation und Bedeutung der verschiedenen Medien sowie deren Verbreitung und Nutzung.

Im letzten Kapitel wird die Arbeit durch ein zusammenfassendes Resümee abgeschlossen.

2. Gegenstand des Vergleichs

Ein Vergleich besteht „aus der wissenschaftlich gestützten Suche nach Beständen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den Untersuchungsobjekten.“ (Kleinsteuber 2003: 384) Hierbei können in der Herangehensweise folglich Muster der Konkordanz oder Differenz im Vordergrund stehen. Bei der Konkordanz liegt der Schwerpunkt auf der inhaltlichen Nähe oder den Ähnlichkeiten der Vergleichsobjekte, wohingegen beim Muster der Differenz die Unterschiede im Mittelpunkt stehen. (Kleinsteuber 2003: 387)

Um nun Mediensysteme vergleichen zu können muss dieser Begriff zunächst genauer definiert werden. In der Literatur findet sich eine Vielzahl verschiedener Definitionen. Meckel und Scholl verstehen hierunter beispielsweise die „Gesamtheit der Organisationen technischer Verbreitungsmittel von Kommunikation“ (Meckel & Scholl 2002: 155). Sie zähl-en somit nur Medien, die von sozialen Institutionen produziert werden zum Mediensystem und nicht auch deren technische Verbreitungswege (vgl. Meckel & Scholl 2002: 155). Diese Definition ist aus meiner Sicht zu einseitig. Denn auch die Infrastruktur und andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen die Produktion und Verbreitung von Me-dien und sollten demzufolge bei der Analyse von Mediensystemen berücksichtigt werden.

Deshalb möchte ich mich im Weiteren auf die Definition Thomaß’ berufen. Sie legt ihrer Definition des Forschungsgebiets der Mediensysteme die Mediendefinition nach Saxer zu Grunde. Danach sind Medien technische Transportsysteme für bestimmte Zeichensysteme, Organisationen mit eigenen Zielen und Interessen, komplexe Gefüge von Strukturen, Erbringer von funktionalen und dysfunktionalen Leistungen für die Gesellschaft und soziale Institutionen, eingebunden in die Verhältnisse der Gesellschaft (vgl. Saxer 1998: 58f.). Bei der Untersuchung von Mediensystemen ist es allerdings in vielen Fällen weniger eine Frage von wahr oder falsch, sondern vielmehr eine Frage der Plausibilität und des Forschungs-schwerpunkts, welche Medien zu einem Mediensystem zu zählen sind. So findet sich beispielsweise häufig die Frage, ob Onlinemedien in eine Untersuchung einbezogen werden sollen (vgl. Jarren & Donges 2011: 84f.). Eine vollständige Analyse eines Mediensystems beinhaltet jedoch alle Medien die aktuelle Informationen verbreiten (z.B. Print, Rundfunk und Onlinedienste) sowie jene, die nicht der aktuellen Aussageproduktion dienen (z.B. Bücher, Filme, CDs und Plakate) (vgl. Thomaß 2007a: 19).

Das Forschungsfeld der Mediensysteme umfasst letztendlich „die ökonomischen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die technische Basis, die Organisation des Medien-systems und Strukturen im Mediensystem und seinen Organisationen, die Wirkung dieser Elemente auf Leistungen der Medien und des Mediensystems.“ (Thomaß 2007a: 18)

Das Mediensystem wird dabei durch bestimmte Faktoren geprägt. Im Wesentlichen handelt es sich um „das Recht, die Geografie, die Sprachkulturen, das politische System, die Wirtschaftsverfassung und de(n) gegebene(n) Stand der Medientechnologie und seiner Verbreitung“ (Thomaß 2007a: 23). Das Medienrecht dient als ordnungspolitischer Rahmen mit Auswirkungen auf die Freiheit. Die Größe und die Lage eines Landes sind insofern von Bedeutung, als dass sie sowohl Auswirkungen auf die Beeinflussbarkeit des eigenen Medien-systems von Außen, als auch auf den Einfluss des eigenen Systems auf die Systeme um-liegender Länder haben. Da Kommunikation auf Sprache basiert, beeinflusst diese wiederum das Angebot an Medieninhalten. Die Politik gibt den Rechtsrahmen vor und prägt ihrerseits die politische Kommunikation, wohingegen die Wirtschaftsverfassung die Ökonomie und die Besitzverhältnisse der Medien bestimmt. Die Nutzung, Regulierung und die Struktur des Medienmarktes werden durch die Technologie beeinflusst. (vgl. Thomaß 2007a: 23ff.)

Mediensysteme sind jedoch nicht statisch. Sie können sich durch die Vielzahl der prägenden Faktoren verändern und sich unter Umständen einander angleichen. Bezogen auf dynamische Prozesse bei der Verbreitung von Mediensystemen erweisen sich diesbezüglich nach Klein-steuber vier Grundmuster als sinnvoll. Zum einen die Diffusion: Hierbei entsteht ein Modell in einem Land und wird aufgrund seiner Vorbildlichkeit von anderen Ländern übernommen. Hier wäre das Public Service Modell der britischen BBC ein Beispiel. Zum anderen ist die Dependenz zu nennen: Modelle werden unter hegemonialen Bedingungen weitergegeben, wie beispielsweise in Kolonien oder unter dem Einfluss der ehemaligen Sowjetunion. Drittens das Muster der Temporanz, wobei ähnliche oder gleiche Gesellschaftsprozesse in verschiedenen Systemen zeitverschoben ablaufen. So hat sich der privatkommerzielle Rundfunk zunächst in den USA und später in großen Teilen der Welt etabliert. Als viertes und letztes Grundmuster dynamischer Prozesse benennt Kleinsteuber die Performanz: Hierbei wird zur Lösung von Problemen auf die Erfahrungsbestände anderer zurückgegriffen. Anschließend werden positive Elemente in das eigene System übernommen. (vgl. Kleinsteuber 2003: 387)

Auf Grundlage der oben vorgestellten theoretischen Rahmen und Definitionen kann schließ-lich komparative Forschung von Mediensystemen stattfinden. Die Motive und Zwecke der Forschung sind jedoch vielschichtig. Zum einen kann Wissen durch Beschreibung des Unter-suchungsgegenstandes erlangt werden. Zum anderen kann Komplexität durch Klassifizierung und Typologisierung reduziert werden. Hierauf wird der Schwerpunkt des nächsten Kapitels liegen. Als Vorstufe allgemeiner Theorien können außerdem Hypothesen auf Grundlage des Vergleichs gebildet werden. Zudem können durch gewonnene Theorien Voraussagen für weitere Phänomene getroffen werden. (vgl. Thomaß 2007a: 26)

Aufgrund der Globalisierung und Ökonomisierung sind jedoch Faktoren für die Angleichung der Mediensysteme und ein mögliches Ende der Ausdifferenzierung auszumachen. In Folge dessen stellt sich die Frage, ob wir uns auf dem Weg zu einem „Weltmediensystem“ befin-den, wodurch der Vergleich von Mediensystemen überflüssig werden würde. Für eine der-artige Konkordanz sprechen eine zunehmende Weiterentwicklung der Technik sowie die An-gleichung der technischen Infrastruktur. Darüber hinaus sind die globale Bedeutung des Inter-nets sowie dessen Quasi-Nichtregulierbarkeit auf nationaler Ebene zu beachten. Auch die mit Konzentrationsprozessen einhergehende wachsende Bedeutung weltweit operierender Medienunternehmen und eine drohende kulturelle Vereinheitlichung durch globale, freie Kommunikationsströme sind als konkordante Faktoren zu nennen, zum Beispiel durch die Satellitentechnik und Weltprogrammmärkte. Bereits heute können beispielsweise amerika-nische Spielfilme und Serien an nahezu jedem Ort rund um den gesamten Globus gesehen werden. In Europa kann auch die rechtssetzende Macht der EU Angleichungen nach sich ziehen. (vgl. Blum 2005: 5; Thomaß 2007a: 38f.)

Nichts desto trotz lassen die Betrachtung der zuvor vorgestellten prägenden Faktoren eines Mediensystems innerhalb nationaler Grenzen sowie die historisch und national geprägten Entwicklungen Vergleiche nach wie vor gerechtfertigt erscheinen. Auch weitere Faktoren der Differenz wie der Regionalismus und landesspezifische Eigenproduktionen bestätigen diese Einschätzung. (vgl. Blum 2005: 5; Thomaß 2007a: 38f.)

3. Ansätze zur Mediensystemklassifikation

Vergleiche internationaler Mediensysteme haben wie zuvor gezeigt nach wie vor ihre Berech-tigung. Möchte man im Rahmen dieser komparativen Forschung auf der Makroebene zur Komplexitätsreduktion Typen verschiedener Mediensysteme bilden, so sind diese auf ihre Konkordanz hin zu befragen. Man stellt demzufolge die Gemeinsamkeiten der Vergleichs-objekte heraus. Anschließend lassen sich Theorien auf Grundlage verallgemeinernder Aus-sagen bilden. Meist wird aufgrund des Umfangs der Vergleichsobjekte auf eine eigene Daten-erhebung verzichtet und stattdessen auf bereits vorhandene Datenbestände zurückgegriffen. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass Statistiken häufig nach unterschiedlichen Kriterien und Verfahren erstellt werden. (vgl. Kleinsteuber 2003: 387f.)

In diesem Kapitel sollen nun verschiedene Ansätze zur Mediensystemklassifikation vorge-stellt werden. Dabei liegt der Schwerpunkt, nach einer knappen Darstellung der historischen Anfänge, auf zwei modernen Ansätzen. Zum einen der aus dem Jahr 2004 stammende Ver-gleichsansatz Hallin und Mancinis aus deren Werk „ Comparing Media Systems “, welcher darüber hinaus von Tenscher um ein zusätzliches Modell erweitert wurde. Zum anderen ein 2005 von Blum erweitertes Modell des ursprünglich aus dem Jahr 2001 stammenden pragma-tischen Differenz-Ansatzes des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern (ikmb).

Ein erster Ansatz stammt aus dem Jahr 1956. In „ The Four Theories of the Press“ identifi-zierten Siebert, Peterson und Schramm vier Mediensystemmodelle: Das des Autoritatismus, des Liberalismus, der Sozialverantwortlichkeit und des Kommunismus. Als bestimmende Faktoren zur Kategorisierung sahen sie vor allem das politische System, die Kontrolle über die Medien sowie die Besitzverhältnisse an. Das liberale Modell zeichnet sich durch Privatbe-sitz, einem transparenten Rechtssystem sowie dem Ziel der Unterhaltung, Information und des Verkaufs aus. Kontrolle wird durch die Konkurrenz der Ideen gewährleistet. Im autorita-tiven Modell herrscht absolutistisches Denken und die Medien stehen im Dienst der Herrschenden, wohingegen das sozialverantwortliche Modell ähnlich dem des Liberalismus ist, die Medien jedoch zusätzlich die Funktion eines Forums zur Debatte sozialer Konflikte erfüllen. Im Modell des Kommunismus stehen die Medien unter Kontrolle und dienen neben der Partei dem System des Kommunismus. (vgl. Blum 2005: 5; Thomaß 2007a: 33f.)

Insgesamt lässt sich sagen, dass dieser frühe Vergleichsansatz äußerst normativ geprägt ist. Er entstand zu Zeiten des kalten Kriegs aus der Perspektive des Liberalismus und lässt folglich alle anderen Systeme als defizitär erscheinen. Zudem musste er sich der Kritik aussetzen, da real existierende Systeme nicht in jedem Fall zuzuordnen waren.

3.1. Vergleichsansatz nach Hallin & Mancini

Da die Ansätze des Vergleichs bis dato zu schematisch erschienen entwickelten Hallin und Mancini in ihrem Werk „ Comparing Media Systems “ 2004 ein erstmalig auf empirischen Analysen und somit nicht auf Ideologien beruhendes Konzept zur Klassifizierung internatio-naler Mediensysteme. Dieser Ansatz fand weltweit Beachtung und gilt als wichtige Etappe der komparativen Mediensystemforschung.

Grundlage des „ Explorativen Vergleichs-Ansatzes “, wie ihn Blum betitelte, sind die Daten 18 westeuropäischer und nordamerikanischer Länder. Hierbei wurden jeweils vier mediale und politische Dimensionen berücksichtigt. Der Grundgedanke dieser Klassifizierung ist, dass geografische Regionen durch verwandte Mentalitäten und Kulturen sowie die gegenseitige Beeinflussung die Mediensysteme prägen. (vgl. Blum 2005: 6f.; Thomaß 2007a: 34f.)

Zu den politischen Dimensionen gehört zum einen das Konfliktmuster. Hierunter ist der Charakter des Pluralismus zu verstehen. Dabei stellt sich die Frage, ob politische Systeme stark polarisiert sind oder moderater Pluralismus vorherrscht. Zum anderen das Regierungs-muster, wobei entscheidend ist, ob die Macht konzentriert oder geteilt wird. Drittens der Organisationsgrad. Diese Dimension richtet sich nach der Rolle der Interessensgruppen und den Mitwirkungsformen an der Politik. Als letzte politische Dimensionen wird die Staatsrolle benannt. Handelt der Staat dirigistisch, wohlfahrtstaatlich oder liberal? (vgl. Blum 2005: 6)

Zu den medialen Dimensionen ist zunächst die Position der Presse zu zählen. Wie steht es um die Alphabetisierung der Gesellschaft, die Auflage und die Rolle der Presse? Ist diese eher eliten- oder massenorientiert? Die zweite mediale Dimension ist die des politischen Paralle-lismus. Hier ist die Frage zu beantworten, in welchem Maße sich die Massenmedien am parteipolitischen Spektrum orientieren und die gesellschaftlichen Konfliktlinien widerspie-geln. Herrscht eine Polarisierung der Medien? Eine weiter mediale Dimension ist der Profes-sionalisierungsgrad. Dieser bemisst sich nach der Ausbildung der Journalisten, der Veran-kerung berufsspezifischer Normen sowie der Autonomie der Medien und Journalisten. Die letzte Dimension befasst sich mit der Staatskontrolle. Interveniert der Staat in den Medien-markt oder herrscht Liberalismus? Welche Rolle spielt der öffentliche Rundfunk, wie werden Frequenzen vergeben und gibt es Regulierungen? (vgl. Blum 2005: 7; Tenscher 2008: 418)

Unter Berücksichtigung der eben vorgestellten Dimensionen ergeben sich aus den 18 untersuchten Ländern drei Modelle unterschiedlicher Mediensysteme. Das „Nordatlantische oder liberale Modell“, das „Nord- und Zentraleuropäische bzw. demokratisch-korporatis-tische Modell“ sowie das „Mediterrane oder polarisiert-pluralistische Modell“.

Das liberale Modell findet sich vor allem in den angelsächsischen Ländern wie den USA oder Großbritannien. Es zeichnet sich durch seinen geringen politischen Parallelismus, eine starke Professionalisierung der Journalisten sowie seine kommerzielle Ausrichtung aus. Die politi-schen Systeme wurden in der Regel früh demokratisiert und werden meist nach dem Mehr-heitsprinzip regiert. Die Presse verschreibt sich dem Binnenpluralismus, ist massenorientiert und erreicht mittlere Auflagen. Die Autonomie der Medien ist gewährleistet.

Das demokratisch-korporatistische Modell wird durch die Koexistenz kommerzieller und öffentlicher Medien sowie hoher Auflagen der massenorientierten Presse gekennzeichnet. Es herrscht in nord- und mitteleuropäischen Ländern vor. Weitere Merkmale sind ein starker Wohlfahrtsstaat, Konsensregierungen, Regulierungen des freien Markts, eine starke Profes-sionalisierung der Journalisten sowie gemäßigter Staatsinterventionismus, wobei die Presse-freiheit geschützt wird.

Das vor allem in südeuropäischen Ländern zu findende polarisiert-pluralistische Modell zeichnet sich durch einen starken Einfluss des Staates auf die Medien und die Wirtschaft, hohen politischen Parallelismus sowie einer geringen Auflage der elitenorientierten Presse aus. Des Weiteren sind der politische Pluralismus, eine starke Rolle der Interessensverbände, die schwache Professionalisierung und der meinungsbetonte Journalismus kennzeichnend für dieses Modell. (vgl. Blum 2005: 7; Jarren & Donges 2011: 85f.; Tenscher 2008: 419ff.; Thomaß 2010: 76)

Da Hallin und Mancini osteuropäische Länder in ihren Vergleich nicht mit einbezogen haben, hat Tenscher den Ansatz um ein „ Osteuropäisches bzw. transformatorisches Modell“ erwei-tert. Dieses umfasst die noch nicht lange etablierten Mediensysteme Osteuropas, deren Medienstrukturen in kürzester Zeit aufgebaut und modernisiert wurden. Es ist gekennzeichnet durch hohen staatlichen Interventionismus, politischen Parallelismus und eingeschränkte Professionalisierung der Journalisten. Außerdem stehen die Mediensysteme dieser Länder unter einem hohen Globalisierungs- und Europäisierungsdruck. (vgl. Tenscher 2008: 425ff.)

Trotz der weltweiten Beachtung und Anerkennung die der explorative Vergleichs-Ansatz gefunden hat, ist er nicht frei von Kritik. So wird unter anderem bemängelt, dass die Größe der Länder genau wie deren Sprache nicht berücksichtigt wurde und die Einteilung einiger Länder nicht nachvollziehbar sei. Des Weiteren blieben große Teile der Welt bei der Unter-suchung außen vor. (vgl. Blum 2005: 7f.; Jarren & Donges 2011: 86)

Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden einen weiteren modernen Ansatz vorstellen.

3.2. Erweiterter pragmatischer Differenz-Ansatz

Am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bern (ikmb) ent-stand bereits 2001 ein ebenfalls auf empirisch nachweisbaren Kriterien beruhendes Konzept zur Klassifizierung internationaler Mediensysteme. Dieser „ pragmatische Differenz-Ansatz“ umfasst jedoch im Gegensatz zum Ansatz von Hallin und Mancini alle Regionen der Welt. Blum erweiterte diesen Ansatz 2005 mit drei an den Ansatz Hallin und Mancinis angelehnten Kriterien, sodass sich insgesamt neun Dimensionen ergeben. Hierbei handelt es sich um sie-ben mediale und zwei politische Dimensionen. (vgl. Blum 2005: 8ff.; Thomaß 2007a: 35)

Zu den Dimensionen gehören (1) das Regierungssystem [demokratisch, autoritär oder totali-tär], (2) die politische Kultur [polarisiert, ambivalent oder konkordant] , (3) die Medienfreiheit [keine Zensur, fallweise oder immer] , (4) der Medienbesitz [privat, öffentlich oder gemischt] , (5) die Medienfinanzierung [Markt, Staat oder beide] , (6) der politische Parallelismus [schwach, mittel oder stark] , (7) die Staatskontrolle über die Medien [schwach, mittel oder stark] , (8) die Medienkultur [investigativ, konkordant oder ambivalent] und (9) die Medien-orientierung [Kommerz, Public Service oder keine dominante Orientierung] .

Diese Dimensionen können für jedes Untersuchungsobjekt nach drei Ausprägungen katego-risiert werden: Der liberalen Linie (A), der mittleren Linie (B) und der regulierten Linie (C). Bei der Untersuchung der verschiedenen Mediensysteme können die Ausprägungen jedoch für jede Dimensionen zwischen den Linien springen, womit sich eine Vielzahl an theoretisch möglichen Modellen ergibt. Blum hat hieraus sechs zentrale Modelle entwickelt, denen er verschiedene Weltregionen zuordnet. (vgl. Blum 2005: 8ff.; Thomaß 2007a: 35)

Im Folgenden eine Übersicht der Modelle sowie der dazugehörigen Ausprägungen der politischen und medialen Dimensionen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Erweiterter pragmatischer Differenz-Ansatz (eigene Darstellung, vgl. Blum 2005: 9f.; Thomaß 2007a: 36)

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Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656556404
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265916
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Mediensystem Ungarn Deutschland Vergleichsansätze Medienrecht Pressefreiheit

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Titel: Mediensysteme im internationalen Vergleich