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Film als sozialwissenschaftliches Erfahrungsmaterial

Die filmische Darstellung von Führerschaft in sozialen Gruppen in der US-Fernsehserie "Lost"

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung von Führerschaft in sozialen Gruppen

3. Die filmische Darstellung von Führerschaft in Lost
3.1. Exemplarisches Filmprotokoll
3.2. Analyse des Filmprotokolls
3.3. Führerschaft in der Gruppe der Überlebenden des Absturzes

4. Fazit

Filmografie

Bibliografie

1. Einleitung

In der nachfolgenden Arbeit soll das Medium Film als sozialwissenschaftliches Erfahrungsmaterial behandelt werden. Hierzu wird auf die filmische Darstellung von Führerschaft in sozialen Gruppen am Beispiel der US-Fernsehserie Lost eingegangen. Diese in sechs Staffeln aufgeteilte Fernsehserie über Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer scheinbar einsamen, von Geheimnissen und mysteriösen Ereignissen geprägten Insel wurde erstmals in den Jahren 2004 bis 2010 ausgestrahlt. Dem Zuschauer werden in dem genreübergreifenden Mix der „Drama-Mystery-Abenteur-Thriller-Action Serie mit Science Fiction Elementen“ (Kühner & Schmöller 2011: 8) durch das bewusste Vorenthalten von Informationen sowie der hohen Komplexität, welche die Dramaturgie und Faszination fördert, zahlreiche Interpretationen angeboten (vgl. Kühner & Schmöller 2011: 13f.).

Um im weiteren Verlauf auf die filmische Darstellung von Führerschaft in sozialen Gruppen eingehen zu können wird in Kapitel zwei zunächst die soziologische Bedeutung von Führerschaft dargestellt. Hierbei wird beispielsweise der Frage nachgegangen, ob und wozu soziale Gruppen Anführer benötigen. Zudem soll veranschaulicht werden, welche Anforderungen an Anführer gestellt werden und worin sich verschiedene Führungspersönlichkeiten unterscheiden.

Das sich daran anschließende Kapitel ist in drei Abschnitte unterteilt. Zunächst steht die empirische Analyse einer Szene der Episode „Das weiße Kaninchen“ der ersten Staffel von Lost im Vordergrund. Für die weitere Interpretation wurde hierfür ein möglichst objektives und den Kriterien der sozialwissenschaftlichen Filmanalyse entsprechendes Filmprotokoll erstellt. Im Anschluss daran werden möglichst intersubjektiv nachvollziehbar die Bauformen des filmischen Erzählens und deren Bedeutung analysiert. Schließlich wird über die transkribierte Szene hinaus auf die Darstellung von Führerschaft bezüglich der Gruppe der Überlebenden des Absturzes in den ersten drei Staffeln der Serienwelt von Lost näher eingegangen.

Abschließend wird die Arbeit in einem Resümee nochmals zusammengefasst. Zudem werden verschiedene Ausblicke auf weitere lohnenswert erscheinende Untersuchungsobjekte der Serie Lost gegeben.

2. Die Bedeutung von Führerschaft in sozialen Gruppen

Der Mensch hat die längste Zeit seiner Geschichte in Familien- und Stammesverbänden verbracht und kann aus anthropologischer Sicht somit als Gruppenwesen angesehen werden. Die Gruppe bot dem Menschen dabei Nahrung, Schutz vor Gefahren sowie die Sicherung und Erweiterung seiner wirtschaftlichen Existenz. Doch auch noch heute verfolgen die Mitglieder sozialer Gruppen gemeinsame Ziele und Interessen und bilden dabei vielfältige Beziehungen aus. (vgl. Prott 2001: 79f.)

Um die gemeinsamen Interessen erfolgreich verfolgen zu können ist gemeinsames Handeln sowie eine systematische Interaktion der Gruppenmitglieder notwendig, wodurch ein Mindestmaß sozialer Strukturierung vorausgesetzt wird (vgl. Prott 2001: 80). Folglich ist „zur Erreichung des Gruppenziels und zur Stabilisierung der Gruppenidentität [...] ein System gemeinsamer Normen und eine Verteilung der Aufgaben über ein gruppenspezifisches Rollendifferenzial erforderlich“ (Schäfers 2010: 133). Das Geflecht aufeinander bezogener handlungsverbindlicher Rollen umfasst dabei in der Vielzahl sozialer Gruppen neben der horizontalen Aufgabenverteilung eine vertikale Rangordnung (vgl. Prott 2001: 82; Schäfers 2010: 133).

Den Ergebnissen der Kleingruppenforschung von Homans zufolge müssen alle Gruppen Probleme der Orientierung, Bewertung, Kontrolle, Entscheidung und Integration lösen (vgl. Schäfers 2010: 141). Hinsichtlich der erfolgreichen Verwirklichung der Gruppenziele ist dabei zwischen Kohäsion und Lokomotion zu unterscheiden. Während Kohäsion den Zusammenhalt der Gruppe, das „Wir-Gefühl“ und die gemeinsamen Normen beschreibt um Ziele anstreben zu können, ist Lokomotion als Orientierung auf ein Ziel hin zu verstehen (vgl. Vester 2009: 82). Führerschaft kann diesbezüglich als Gruppenbemühung zur Lösung derartiger Probleme sowie der Organisation und Koordinierung angesehen werden (vgl. Olmsted 1974: 143). Insbesondere die Lokomotion und somit die Zielerreichung der Gruppe erfordert dabei Kommunikation, Koordination und Aufgabenverteilung. Je größer jedoch eine Gruppe wird, desto komplexer und schwieriger gestaltet sich die Organisation, weshalb ein bindendes Glied und somit eine Führung nötig wird. (vgl. Olmsted 1974: 120f.; Vester 2009: 82).

Während formale Gruppen ihren Anführer häufig wählen oder er von außen eingesetzt wird, schaffen sich informelle Gruppen meist ihren eigenen Anführer, indem sie die Führerschaft an ihn heranträgt, womit dieser höhere Akzeptanz durch die Gruppenmitglieder genießt (vgl. Homans 1968: 157f.; Vester 2009: 82). Den Anführer macht nach Homans in erster Linie aus, dass er sich die gruppenspezifischen Normen und Ziele zu eigen macht und diese verkörpert (vgl. Homans 1968:156f.; Schäfers 2010: 140). Darüber hinaus bestimmen das Prestige sowie insbesondere die Position einer Person im Kommunikationsgeflecht ihre Position. Die Vielzahl der Interaktionen und Kommunikationen werden an Personen höheren Rangs herangetragen bzw. gehen von diesen aus. (vgl. Homans 1968: 157 & 186; Olmsted 1974: 122f.). Vor allem mit zunehmender Gruppengröße setzt eine Zentralisierung ein, in der der Anführer den Mittelpunkt des Kommunikationsnetzes darstellt und seine Kommunikation wiederum zunehmend an die Gesamtheit der Gruppe gerichtet ist (vgl. Olmsted 1974: 134). Des Weiteren treten Personen hohen sozialen Rangs häufiger miteinander in Interaktion (vgl. Homans 1968: 188).

Nach Bales können in der Regel zudem zwei Führungstypen unterschieden werden: Zum einen der instrumentelle, aufgabenorientierte Anführer , der Entscheidungen herbeiführt, organisiert und Orientierungshilfen gibt. Zum anderen der expressive, soziale Anführer , der interne Konflikte regelt, die Gruppe zusammenhält und das emotionale Klima günstig beeinflusst. (vgl. Vester 2009: 82). Mit der Zielerreichung bzw. dem Erhalt der Gruppe bilden diese Führungstypen, auch Führungsdual genannt, zwei grundlegende Gruppenfunktionen ab, die idealerweise von einem Anführer vereint werden (vgl. Olmsted 1974: 144; Vester 2009: 82). Da sich das Anforderungsprofil der beiden Rollen jedoch sehr unterschiedlich gestaltet, ist der beide Rollen vereinende Idealtyp in der Realität kaum anzutreffen. Vielmehr werden die Führungsfunktionen in der Regel auf verschiedene Persönlichkeiten verteilt. (vgl. Vester 2009: 82). Die Trennung der Rollen findet hierbei meist nicht bei der Gruppenbildung statt, sondern „entsteht gewöhnlich, wenn der Gruppenprozess fortschreitet und die Gruppe [...] sich entwickelt“ (Olmsted 1974: 138).

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Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656557227
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265911
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Filmanalyse LOST Führerschaft Soziologie Erfahrungsmaterial Sozialwissenschaften Soziale Gruppen Film

Autor

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Titel: Film als sozialwissenschaftliches Erfahrungsmaterial