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Bolzanos Wahrheitsbegriff. Eine Exegese der §§. 24-29 von Bernard Bolzanos "Wissenschaftslehre"

Seminararbeit 2010 14 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

Verzeichnis

1. Einleitung

2. Wahrheitsträger
2.1 Wahrheit als Eigenschaft, die Sätzen an sich zukommt
2.2. ‚Wahrheiten an sich’ als Untergruppe der ‚Sätze an sich’

3. Wahrheitsbedingungen
3.1. Wann ist ein Satz ein wahrer Satz?
3.2. Wie sieht die Struktur eines solchen Satzes aus?
3.2.1. Beispiele, die auf eine prädikative Struktur schliessen lassen
3.2.2. Ein Beispiel, das auf eine propositionale Struktur schliessen lassen könnte
3.3. Satz und Gegenstand – Die Frage nach dem Bezug

4. Wahrheitstheorie
4.1. Bolzanos Ablehnung ‚epistemischer’ Theorien
4.2. Ist Bolzanos Wahrheitsauffassung korrespondenztheoretisch?

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Ich werde in folgender Arbeit anhand der §§.24-29 seiner Wissenschaftslehre die Frage zu erhellen versuchen, welche Art von Wahrheitstheorie Bernard Bolzano vertritt.

Dabei werde ich zuerst untersuchen, welche Bedeutung Bolzano dem Begriff der ‚Wahrheit’ beilegt, und was daher als eigentlicher Wahrheits träger in Frage kommt (2). Danach werde ich durch eine Analyse von Bolzanos Wahrheitsdefinition die Wahrheits bedingungen näher beleuchten (3), um dadurch schliesslich zum Problem der Wahr macher vorzustossen - womit dann die Frage nach einer möglichen Wahrheitstheorie Bolzanos gestellt werden kann (4).

Ich möchte hier bereits vorausschicken, dass der Beantwortung der Frage, welche Art von Wahrheitstheorie Bolzano vertritt, mindestens drei Schwierigkeiten im Wege stehen. Erstens gibt Bolzano selbst dazu keine explizite Antwort. Seine Bemerkungen dazu bleiben bruchstückhaft, und so muss jede Zuordnung seiner Ansichten zu modernen Wahrheitstheorien spekulativ bleiben. Zweitens benutzt er natürlich keine der heute geläufigen Bezeichnungen möglicher wahrheitstheoretischer Kandidaten. Überhaupt könnten seine Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Auffassungen anders verlaufen als wir uns das heute gewohnt sind. Und drittens, um die Verwirrung noch zu verstärken, sind sich auch heutige Autoren, was die Klassifikation existierender Wahrheitstheorien betrifft, alles andere als einig. Dennoch gibt es einen klar erkennbaren Trend – nämlich den, alle Wahrheitstheorien in zwei wichtige Lager einzuteilen – dem Lager der ‚realistischen’ Theorien einerseits (Theorien, die die Frage der Wahrheit als von menschlichem Dafürhalten unabhängig betrachten), und dem Lager der ‚ epistemischen ’ Theorien andererseits (Theorien, die den Begriff der Wahrheit in irgendeiner Form durch Begriffe des menschlichen Erkenntnisvermögens zu definieren versuchen). Dieser Spur werde ich ebenfalls folgen, und hoffe, dass sie mir einen gewissen Aufschluss über Bolzanos Wahrheitsverständnis liefern wird.

2. Wahrheitsträger

2.1. Wahrheit als Eigenschaft, die Sätzen an sich zukommt

In §.24 liefert Bolzano eine Bedeutungserklärung des Begriffs der Wahrheit bzw. des zugehörigen Eigenschaftswortes ‚wahr’. Dabei geht es ihm noch nicht um Bedeutungserklärungen im Sinne einer Definition der Wahrheitsbedingungen, sondern um eine Darlegung verschiedener Gebrauchsweisen des Begriffs, wobei Bolzano klarmacht, welche Anwendung ihm die eigentliche – und das heisst: die logisch erste – ist.

Wahrheit in der eigentlichen Bedeutung des Begriffs ist für Bolzano eine „Beschaffenheit“, und zwar eine Beschaffenheit, „die Sätzen zukommen kann[1].

Diese Bedeutung des Begriffs der Wahrheit nennt Bolzano die „abstrakt-objektive[2]. Abstrakt deshalb, weil ‚Wahrheit’ hier als Eigenschaft auftritt, die etwas (nämlich Sätzen) zukommt, (und deshalb nichts Konkretes sein kann)[3] ; objektiv darum, weil die Sätze, denen diese Eigenschaft zukommen kann, Sätze an sich und damit objektiv sind, insofern sie keines anderen Gegenstandes bedürfen, „an dem sie sich befinden [4]“, keines Subjektes also (zum Beispiel einer Person, die den Satz spricht, denkt, schreibt). Oder wie Bolzano sagt: „Das Gedachtwerden liegt nicht im Begriff solcher Wahrheiten.“[5]

2.2. ‚Wahrheiten an sich’ als Untergruppe der ‚Sätze an sich’

Wenn Bolzano zum Thema der Wahrheitsträger übergeht, und nun von ‚ Wahrheiten an sich ’ spricht, wechselt er von der ersten (eigentlichen) Bedeutung des Begriffes ‚wahr’ zur zweiten, der ‚ konkret-objektiven’. Hier sind also wahre Sätze an sich, denen, strikt gesprochen, Wahrheit nur zukommen kann, selbst als „Wahrheiten“ bezeichnet[6]. ‚Konkret’ heisst diese Wahrheitsbedeutung deswegen, da Wahrheit nun nicht mehr als Eigenschaft (eines Objekts) erscheint, sondern als Bezeichnung des Objektes selbst, dem Wahrheit zukommt (wohl ungefähr so, wie wenn man einen roten Tisch als ‚etwas Rotes’ oder ‚ein Rotes’ bezeichnen würde). Dennoch sollte im Auge behalten werden, dass ‚Wahrheiten an sich’ – korrekt ausformuliert – eigentlich immer ‚wahre Sätze an sich’ sind!

3. Wahrheitsbedingungen

3.1. Wann ist ein Satz ein wahrer Satz?

Welche Bedingungen muss nun ein Satz (an sich) erfüllen, damit ihm die Eigenschaft der Wahrheit zukommt, und er also als wahrer Satz (an sich) bzw. als Wahrheit (an sich) bezeichnet werden kann?

Dazu gibt Bolzano verschieden formulierte Antworten. Ich werde zuerst den Paragraphen analysieren, den Bolzano explizit dem Thema der Wahrheitsdefinition gewidmet hat - §28.

Wir wissen bereits, dass jede Wahrheit an sich ein Satz an sich ist. Der Begriff der Wahrheit an sich ist demnach dem Begriff des Satzes an sich 1. untergeordnet und 2. enthält (als ‚Unterart’ des Satzes an sich) den Begriff des Satzes an sich. (2. muss nicht zwingend so sein, erweist sich nach Bolzano aber als richtig.[7]) Was nun zur Definition der ‚Wahrheit an sich’ noch hinzukommen muss, sind weitere Bestimmungen, die den Begriff des ‚Satzes an sich’ genügend spezifizieren, um aus ihm eine Wahrheit an sich zu machen (die differentia specifica).

[...]


[1] Bolzano: Wissenschaftslehre (WL), S.133.

[2] WL, S.135.

[3] WL, S.135.

[4] WL; S.135f.

[5] WL, S.138.

[6] WL, S.137.

[7] WL, S.146.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656556299
ISBN (Buch)
9783656556350
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265906
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Philosophisches Seminar
Note
Schlagworte
bolzanos wahrheitsbegriff eine exegese bernard wissenschaftslehre

Autor

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